Ich bin unter Deck gegangen, stehe jetzt im Frachtraum und schaue mich um. Wie gewohnt ist die Ladung gut verstaut, einige Stücke stehen auf Paletten, andere sind in Transportcontainern untergebracht, an einer Wand Fässer in Regalen festgezurrt.
Alles wirkt gewohnt, je nach Zielhafen, Route und Zwischenstationen variiert das Bild. Mal sind es mehr Paletten, mal anderes Stückgut. Auch das Volumen der Ladung ist immer ein bisschen unterschiedlich, das hängt oft auch noch mit den Jahreszeiten zusammen oder ob wir aus irgendeinem Grund zusätzlich bunkern mussten.
Und doch ist heute irgendetwas anders. Ich schaue mich um, gehe in Gedanken die einzelnen Beobachtungen durch. Die Ladungssicherung stimmt, auch die Beleuchtung ist nicht anders als sonst. Von Ferne höre ich den Schiffsdiesel dröhnen, über mir immer mal wieder Schritte, kaum wahrnehmbar auch Gespräche oder Gewerkel von irgendwelchen anderen Passagieren.
Die See ist ruhig heute, nur ein ganz leichtes Stampfen lässt vermuten, dass wir den Hafen schon vor geraumer Zeit verlassen haben. Ich gehe im Frachtraum herum, ziehe mal an diesem, mal an jenem Tampen, prüfe die Halterung der Fässer und schaue im Vorbeigehen nach den Notkästen mit Schwimmwesten und zusätzlichen Rettungsbooten.
Jetzt fällt mir auf, was heute so ungewöhnlich ist. Es sind nicht die Gegenstände um mich herum, auch nicht das Ostinato der schiffstypischen Geräusche, das gelegentliche Knarren von Verbindungen oder aneinander reibenden Teilen. Vielmehr fehlt das gelegentliche feine Quietschen der ungebetenen kleinen Nagetiere, die man unfreiwillig immer an Bord hat.
Normalerweise hört man die Ratten trippeln, gelegentlich nagen sie am Holz der Paletten herum oder fauchen sich gegenseitig an. Aber heute sind sie nicht zu hören. Sollten die Fallen alle Tiere erwischt haben, die Köder so wirksam gewesen sein oder ist es einfach noch zu früh für diese nachtaktiven Genossen?
Ich bleibe stehen, lausche und bewege mich ganz langsam zurück zum Lichtschalter, dunkel jetzt und ich lausche geduldig, ob nicht doch irgendein Lebenzeichen zu hören ist. Aber bis auf die anderen Geräusche bleibt alles still. Sie sind nicht da, da bin ich mir jetzt langsam sicher. Können sie denn alle verschwunden sein, kollektiv ihre Nester und Verstecke verlassen haben?
Auf einmal fällt mir das Sprichwort ein: „Ratten verlassen das sinkende Schiff.“ In früheren Zeiten war für Seeleute das plötzliche Verschwinden von Ratten ein Warnzeichen dafür, dass mit dem Schiff etwas nicht stimmt. Aber warum für Seeleute in früheren Zeiten, sollte nicht auch ich mich von den Nagetieren warnen lassen, ihr Verhalten zum Anlass nehmen, selbst besonders aufmerksam zu werden, mir eine Schwimmweste zu holen und mit unerwarteten Problemen rechnen? Notfalls auch mit anderen zusammen die Beiboote klarmachen und die Evakuierung vorbereiten?
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Ich öffne wieder die Augen, die Büroleuchte ist ausgeschaltet und das übliche ferne Gebrabbel menschlicher Kommunikation dringt an mein Ohr. Das ausbleibende Quietschen mag an der pausierenden Klimaanlage liegen, echte Ratten habe ich hier natürlich noch nie gesehen.
Aber vielleicht gibt es sie eben doch. Die Büro-Ratten. Diese unscheinbaren KollegInnen, die ein feines Gespür dafür haben, wenn es mit dem Unternehmen bergab geht. Die nach vielen Jahren der Treue plötzlich leise, still und heimlich die Stelle wechseln. Kaum Worte verlieren und darauf angesprochen ausweichend von neuen Herausforderungen sprechen.
Das hat nichts zu heißen, aber es könnte eben doch ein Signal sein. Es muss kein siebter Sinn sein, der hier eine Rolle spielt, vielmehr reagieren auch Ratten gar nicht durch übernatürliche Fähigkeiten, sondern weil sie extrem wachsam und aufmerksam sind. Damit sind sie sozusagen Boten mit für mich unbekannte Information, dass der Wasserstand steigt, Luken undicht sind oder in irgendeinem entfernten Bereich ein Feuer ausgebrochen ist.
Solche Antennen gilt es zu nutzen. Und hierbei unbedingt im Auge behalten, dass auch unscheinbare Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zwar fachlich unauffällig, dabei aber zu solchen Themen herausstechend gut informiert sein können. Wenn sie sich andere Aufgaben suchen, das Team wechseln, vielleicht sogar kündigen, ist also zumindest Vorsicht und erhöhte Aufmerksamkeit geboten.
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