"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.
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Die Tür fliegt auf, Sara kommt hereingerauscht. Ein wenig verspätet, und das kann sie nicht so recht leiden. Ich strahle sie an, versuche ihr Ruhe zu vermitteln und zu signalisieren, dass ich mich über sie freue, und dass eine kleine Verspätung überhaupt keine Rolle spielt. "Setz dich erst mal, mach es dir bequem, hattest du einen angenehmen Tag? Soll ich dir vielleicht heute mal eine Cola bestellen?"
Sie schnauft, ich sehe, wie die Hektik schon ein wenig abnimmt, dann: "Ja, das ist eine gute Idee, ich nehme eine Cola", und weiter: "Eigentlich hat alles geklappt, nur ein wenig viel Programm heute, viel Lauferei. Erinnerst du dich an 'Wer hat Angst vorm schwarzen Mann'?" - Ich denke kurz nach, "Ja, das haben wir als Kinder gespielt. In der Grundschule auf dem Pausenhof." - "Und? Was hast du dabei gedacht?"
"Ich hatte einen ziemlich dicken Mitschüler, den Udo, und ich hatte immer Angst, mit ihm zusammenzustoßen. Für mich war er der schwarze Mann, weil ich sicher war, dass ich bei einer Rempelei alle Knochen brechen würde." - "Aber Udo war nicht schwarz?" - "Nein, natürlich nicht, der wohnte in der Siedlung, sprach breites Kölsch und hatte immer fett belegte Pausenbrote dabei."
"Also kein Ausländer, Afrikaner, Zugezogener mit dunkelhäutigen Wurzeln?" Ich stutzte, was war das für eine komische Frage? Dann fiel der Groschen. "Ach so, du fragst wegen 'schwarzer Mann' und das wäre dann ein Afrikaner oder so. Nein, Udo war Ur-Kölner. Und vor allen Dingen habe ich gar nicht daran gedacht, dass der 'schwarze Mann' aus dem Spiel irgendwas mit Hautfarbe zu tun haben könnte. Es war einfach irgendeine Spielfigur, vor der man weglaufen musste, es hätte genausogut ein grüner Mann oder sonstwas sein können. Oder der Typ mit der roten Mütze."
"Das wird ja heute gerne kritisiert. Das man nicht nachdenkt. Sich nicht fragt, wer oder was der 'schwarze Mann' im Spiel ist. Und damit mehr oder weniger unwillkürlich negative Assoziationen weckt. Schwarz gleich gefährlich gleich Weglaufen, auch wenn wir das als Erwachsene dann etwas gedämpft erleben und manche Menschen nur eine unklare Angst vor andersfarbigen Personen entwickeln."
"Finde ich schon ziemlich weit hergeholt. Grundsätzlich ja, aber wenn du mir das als Kind erzählt hättest, hätte ich dich mit großen Augen angeschaut und gefragt, warum ich dieses lustige Spiel nicht mehr spielen darf. Warum Erwachsene so kompliziert sind und man nicht einfach auf irgendeinen Ruf hin über den Schulhof läuft und versucht, irgendwelchen Mitschülern auszuweichen. Und heute: Warum muss man über alles nachdenken, was dann früher oder später in Wortklauberei oder absurden Wortkreationen endet?"
Die Cola kommt. Wir unterhalten uns über Getränke, ob nun Coca-Cola oder Pepsi-Cola die bessere Wahl sind und ob überhaupt Cola eine Alternative zum gewohnten Cappuccino ist. Dann kommen wir noch mal auf unseren schwarzen Mann zurück.
"Gerade von den Kritikern und selbsternannten Hütern der nichtverletzenden Formulierungen, von denen, die ihre sprachliche Sensibilität vor sich hertragen wie andere ein Werbeplakat, gerade die verlangen, dass man gar nicht vorsichtig genug sein kann." Saras Rückkehr zu unserem heutigen Thema zeigt, dass es sie immer noch beschäftigt. Ich lasse es noch mal an mir vorbeiziehen, dann: "Einerseits kann ich diesen Standpunkt verstehen, auch durch harmlos gemeinte Wortwahl kann man unerwünschte Stimmung machen, in den Ohren eine ganz andere Botschaft erzeugen. Da ist dann der schwarze Mann der unerwünschte Fremdling, der aus dem Land geworfen gehört. Wasser auf die Mühlen von politisch Rechten."
"Ja, und andererseits?" - "Andererseits empfinde ich es als Eingriff in die freie Wortwahl, vielleicht sogar die Meinungsfreiheit. Ist es nicht auch eine Art von Zensur, wenn ich das Wort 'Negerkuss' nicht mehr verwenden darf? Ganz unabhängig von der Begründung?" - "Genau darauf wollte ich hinaus. Du hast mir von der Schule erzählt, vom schwarzen Mann, der weiß ist und Udo heißt, eine Figur in einem Kinderspiel, das offensichtlich erst nach Jahrzehnten, nämlich heute, bei dir die Verbindung mit Dunkelhäutigen und so weiter schafft."
"Manchmal denke ich, wir arbeiten uns viel zu sehr an Symptomen ab. Da erlebe ich den Mut, harmlos gemeinte Wörter scharf zu kritisieren, bei echter Diskriminierung aber wegzuschauen oder nur sehr zögerlich zu reagieren. Da kommt dann plötzlich ins Spiel, dass manche Kritik gerade in Mode ist und man sich der Zustimmung der Mitmenschen sicher sein kann, andere Kritik ist eine Einzelmeinung und erfordert Rückgrat."
"Denkst du auch an dieser Stelle an Ausländer, oder korrekt formuliert ‚Menschen mit Migrationshintergrund?‘" - "Ich denke vor allem, dass du bestimmt auch schmunzeln musst, wenn du dieses Wortungetüm verwendest. Bietet es sich nicht an, jemand, der aus dem Ausland kommt als Ausländer zu bezeichnen? Ist es nicht sogar im Gegenteil abwertend, ihm einen Migrationshintergrund zu unterstellen, also anzunehmen, dass er migriert und dass dies sein Hintergrund ist?"
Wir müssen beide lachen, die Diskussion verläuft sich ein wenig ins Absurde.
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