Montag, 31. August 2026

Mensch, es wird Zeit!

Die Beschäftigung mit dem zeitlichen Umfeld beschäftigt uns Menschen grundsätzlich. Ständig haben wir den Impuls, den Augenblick und die Gegenwart mit einem Rückblick oder Ausblick zu kombinieren. Sehnsüchtig schauen wir zurück auf eine gute alte Zeit, sorgenvoll oder hoffnungsfroh schauen wir auf die vor uns liegende Epoche. Dabei lassen sich diese Gedanken durchaus steuern, im modernen Jargon würde man von Gedankenmanagement sprechen.

Da betrachtet man die bisherige Entwicklung, nimmt zu den vergoldeten Erinnerungen auch die weniger guten Erfahrungen hinzu, um das Bild abzurunden. Oder umgekehrt setzt man die schlechten Ereignisse zu den positiven Aspekten ins Verhältnis. Wie im Zusammenhang mit anderen Steuerungen gibt es auch hier Grundhaltungen, bei grundsätzlich positiver Einstellung für die Erwartung der Entwicklung spricht man zum Beispiel von Optimisten, andernfalls von Pessimisten.

Mensch es wird Zeit

Und als Hilfe gibt es dann Weise, Philosophen und Glaubensführer. Die Belastung durch zu intensive Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit erhöht die Last von Erfahrungen, macht Vertrauen schwieriger und steht einem unvoreingenommenen Start in neue Beziehungen im Weg. Und die tiefe Berücksichtigung vermuteter Zukunftsaspekte macht auf Grund der Komplexität irgendwann handlungsunfähig.

Weise gleich welcher Nationalität und Kultur empfehlen deshalb die Fokussierung auf den Augenblick, lenken das Augenmerk auf das Hier-und-jetzt. Mit dem Verständnis, dass man aus der Vergangenheit zwar lernen kann und soll, darauf aber keinen Einfluss mehr hat, weil unveränderbar zurückliegend. Und der weiteren Erkenntnis, dass der einzige wirklich zu beeinflussende Parameter die eigene Persönlichkeit ist und selbst diese Seite nur eingeschränkt und zögerlich auf Veränderungen reagiert.

Die Philosophen gehen da viel allgemeiner vor. Ihr Ansatz ist es, ein Lebenskonzept zu entwickeln, das zeitlos daherkommt. Ihre Theorien und Modelle setzen nicht auf Kulturkreisen auf, sondern fußen vielmehr auf der Grundstruktur von Menschen, psychologischen statt soziologischen Aspekten. Die in Menschen von Natur aus angelegten Eigenschaften werden analysiert, die positiven zu Tugenden erklärt. Grundsätzlich ein nachvollziehbarer Ansatz, doch Tugenden sind nicht von Dauer und haben stets ein kulturelles Umfeld. Vielleicht sind Tapferkeit und Mut weit verbreitet, aber Tugenden wie Rücksicht oder Verbindlichkeit können sehr selektiv bewertet werden.

Glaubensführer haben es einfacher. Sie propagieren irgendwelche Thesen, geben Behauptungen von sich, die sie auch gar nicht belegen müssen. Ganz im Gegenteil lassen sie sich nicht festlegen, in schwammiger Darstellung wird anstelle von Fakten, nachvollziehbaren Wegen oder reproduzierbaren Abläufen auf Glaube und Gefühle verwiesen. Wer ein Statement nicht akzeptiert oder eine Behauptung in Frage stellt, dem wird fehlender Glaube vorgeworfen, was in diesem Kontext als Mangel und Fehler gesehen wird.

Kein erfolgreicher Manager steuert ein Unternehmen nach seinem Gefühl und einem Glauben, den ihm eine andere Person ins Ohr flüstert. Selbstmanagement sollte genauso wenig von Gefühlen geleitet werden, allgemein gültige Gesetze sind eine wichtige Basis und natürlich spielt der eigene Charakter eine zentrale Rolle.

An dieser Stelle befindet sich der Kreuzungspunkt von Individualität und Allgemeingültigkeit. Ein Blick nach vorne auf dem Zahlenstrahl offenbart bestimmte Faktoren, die sehr wahrscheinlich sind und nicht nur mich betreffen. Der Klimawandel ist ein Beispiel hierfür. Dann gibt es andere Dinge, die man zumindest allgemein betrachtet mit hoher Wahrscheinlichkeit aus der Vergangenheit ableiten kann. Während der Ära Donald Trump muss man mit kurzfristigen Überraschungen rechnen.

Daneben gibt es meine Erfahrung mit mir. Mit der gewohnten Wirkung auf Techniker kann ich mir schnell Gehör verschaffen und in Teams zum Sprecher oder sogar zur Führungskraft werden. Die Fähigkeit zur Einarbeitung in neue Technologien nimmt mir die Zukunftsangst vor Positionswechseln.

Und der Rückblick? Auch der hat globale und individuelle Komponenten. „Sieg-Heil!“ hängt uns bis heute nach, aber auch das Wirtschaftswunder, die Erfahrung der Welt mit unserer Ingenieurskunst und das Vertrauen in "Made-in-Germany". Als Einzelperson sieht man bei mir die Stationen im Lebenslauf, unsichtbar hingegen die persönlichen Beziehungen mit ihren Erlebnissen und Enttäuschungen.

Und diese vier Seiten, also Vergangenheit und Zukunft sowie Individuum und Gesellschaft, haben einen spezifischen und so eben nur in mir vorhandenen Kreuzungspunkt. Den ich mir im ersten Schritt bewusst machen muss, um ihn dann im zweiten Schritt gezielt auszuwerten. Zwar kann ich die Inhalte nicht verändern, aber ich kann beeinflussen, welche Schlüsse ich daraus ziehe und welche Entscheidungen ich daraus ableite.

„Mensch, es wird Zeit!“ ist also nicht der Aufruf, sich in Bewegung zu setzen, sondern im Sinne von bewusstem Voranschreiten die verschiedenen Seiten zu verstehen.

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Montag, 24. August 2026

Das passt nicht zusammen

Ob wir es wollen oder nicht, laufen in unserer Wahrnehmung immer Einstufungen in Kategorien ab. In unserem Kopf werden Eindrücke zu einer Rubrik zusammengefasst, so eine Art Assoziation entwickelt. Manche Zusammenstellungen sind sinnvoll, nachvollziehbar, logisch und mehr oder weniger bewusst. Sehe ich eine gut gekleidete Person, erwarte ich auch eine strukturierte und sorgfältig ausgeführte Arbeit. Das ist dann eine Projektion von einer Beobachtung auf eine charakterliche Eigenschaft und weiter auf ein berufliches Verhalten.

Das passt nicht zusammen

Recht tief in uns verwurzelt ist der Rückschluss von Größe auf Wichtigkeit. Nicht alleine, dass wir große Menschen eher als Führungspersonen akzeptieren, wir halten breiter gebaute Personen auch potentiell für gefährlicher. Auch im Straßenverkehr kann man dieses Phänomen beobachten, ist doch ein LKW spontan furchteinflößender als ein Motorrad. Selbst die Schätzung der Geschwindigkeit wird von dieser Zuordnung beeinflusst, Zweiräder scheinen langsamer zu sein als PKW.

Etwas abenteuerlicher ist die weit verbreitete Verknüpfung von Aussehen und Intelligenz. Attraktive Menschen werden a priori für klüger eingeschätzt, wer hässlich ist, dem wird auch die fachliche Kompetenz abgesprochen. Bei diesem Beispiel geht die Verknüpfung nicht auf entsprechende Erfahrung zurück, selbst bei genauerer Betrachtung ist kein logischer Zusammenhang zwischen den beiden Aspekten zu finden.

Dann gibt es Vorurteile, die sich aus einer bunten Mischung von Impulsen ergeben, welche sich im Einzelnen nicht mehr rekonstruieren lassen. Ob die beobachtete Ablehnung von Ausländern an persönlichen Erfahrungen, an Berichten von Freunden, einer allgemeinen gesellschaftlichen Strömung oder tief verborgenen Ängsten liegt, ist weitgehend unklar.

Doch ob auf diesem Weg oder einem anderen: Ersteinschätzungen sind anthropologisch überlebenswichtig und schießen uns unwillkürlich in den Kopf. Wird einem diese erste Bewertung als revidierbarer Vorschlag bewusst, dann kann man ihn in Frage stellen, gegen den aktuellen Eindruck halten und anpassen. Im optimalen Fall kann man dann seine Meinung ändern, zum Beispiel auch einem weniger hübschen Menschen Expertenwissen zubilligen.

In seltenen Fällen erlebt man auch eine unbewusste Anpassung. Gerade betrete ich einen Raum, in dem eine junge Frau mit Hoodie sitzt. Spontan schätze ich sie als Öko ein, sortiere ihre selten gewaschenen Haare und ihr Makeup-freies Gesicht dieser Einordnung zu. Und schrecke auf, als mir der Duft eines hochwertigen Parfums entgegenweht. Das passt jetzt nicht. Bis zu diesem Geruch war meine Welt in Ordnung, die passende Schublade gefunden.

Jetzt bin ich irritiert. Wieso macht sie so etwas? Entweder ist man auf dem Öko-Trip und verweigert jegliche Form von Deo und Kosmetik, oder man ist Kunde in einer Parfümerie. Meine Gedanken kommen in Schwung. Dieser olfaktorische Widerspruch muss aufgelöst werden, vielleicht geht der Geruch gar nicht von der jungen Frau aus? Soll ich sie fragen, ob sie irgendwas vorhat und deshalb eingenebelt ist? Oder eine Duftprobe von einer Freundin geklaut hat?

Fast ist es wie beim Autofahren, wenn man gedankenverloren der Landstraße folgt und erst aufschreckt, wenn man eine Bewegung am Straßenrand wahrnimmt. Und dann blitzschnell überlegt, ob da wirklich etwas ist, ob es gefährlich ist und ob man etwas machen muss. So auch hier: In andere Überlegungen vertieft und nur nebenbei die andere Person registriert, dann aber plötzlich mit aller Aufmerksamkeit dabei.

Nach einigen wenigen Sekunden entscheide ich mich dann, meine Schublade für Ökos beizubehalten und den Widerspruch zu akzeptieren. Obendrein sinkt auch der Alarmpegel, eigentlich ist es mir egal, ob und wie die Frau riecht. Und gefährlich ist die Szene für mich ja auch nicht.

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Montag, 17. August 2026

Umzugskartons


An Sommertagen bietet es sich an, die Arbeit in den Keller zu verlagern, wenn man kann. Als Fluchtort vor der Hitze draußen und in den oberen Etagen des Hauses kann man sich ein wenig abkühlen und dabei je nach Möglichkeit etwas Sinnvolles machen. Aufräumen zum Beispiel. Was sich so über die letzten Monate angestapelt hat und wieder in die Regale der Vorratsräume soll. Oder was eigentlich weggeschmissen werden kann, weil es seit längerer Zeit nicht gebraucht wurde und ehrlicherweise auch in absehbarer Zukunft hier keine Verwendung mehr hat.

Bei der Gelegenheit räume ich auch die sperrigen Pappkartons von rechts nach links, die ich beim Umzug verwende. Verwendet habe. Denn ich bin ja schon viele Jahre nicht mehr umgezogen und so Gott will werde ich auch nicht mehr umziehen. Es könnte schon sinnvoll sein, noch einige wenige Kartons aufzubewahren, vielleicht will ich mal sperrigen Kram ausmisten oder die Umzugskartons jemandem aus der Nachbarschaft ausleihen. Aber der Rest kann weg, verkaufen, verschenken, Altpapier - egal.

Umzugskartons

Umzugskartons sind ja irgendwie ein Sonderfall. Selbst Menschen mit Freude an Erinnerungen heben diese Faltboxen nicht auf, weil sie darin die Socken ihrer Tochter transportiert haben. Oder die T-Shirts ihres ersten Ehemanns. Nein, diese Pappkameraden sind nützlich, aber kein bisschen emotional oder erinnerungsbeladen.

Und doch kommen mir im kühlen Keller ein paar Gedanken zu Umzug, Verlassen von gewohnten Orten und Anfang an neuen Orten. Wörtlich oder im übertragenen Sinne. Wechsel der Arbeitsstelle, des Sportvereins, der Clique. Und irgendwann ist man dann angekommen, wechselt nicht mehr, vielleicht, weil man zu alt wird, weil man den Aufwand oder die Unsicherheit scheut oder weil man einfach nur zufrieden mit dem Status quo ist.

Die Umzugskartons im Kopf können weggeräumt, entsorgt werden. Nein, mein Haus verlasse ich nicht mehr, meiner Arbeitsstelle gedenke ich treu zu bleiben, meiner Frau erst recht, auch in meinem Freundeskreis steht kein Wechsel an. Umzug ist nicht mehr geplant, höchstens ein wenig hin- und herräumen. Es ist weniger die Bequemlichkeit als vielmehr die Erkenntnis, was ich an meiner aktuellen Situation habe. Garniert mit allerlei Erfahrungen und Berichten von Mitmenschen, wie es schlechter sein könnte.

Die Phase des Suchens ist vorbei. Weder schaue ich in Immoscout nach einer anderen Immobilie, noch suche ich hektisch nach einem neuen Auto. Selbst Stellenangebote nehme ich gerne zur Kenntnis, aber wie für die vorgenannten Punkte achte ich sorgfältig darauf, dass ich mich nicht verschlechtere. Nein, aus der jugendlichen Phase, offen oder heimlich nach einem neuen Umfeld zu suchen bin ich heraus.

Das Schöne daran: Ich kann meine Energie nun in den Ausbau und die Pflege stecken. Eine zusätzliche Ablage im Badezimmer, ein Formschnitt bei den Gehölzen im Garten. Ich kann Geld für einen Teich sparen, ich habe Zeit, den Kontakt mit den Freunden zu intensivieren. Dafür brauche ich auch im Kopf keinen Umzugskarton, im Gegenteil stört er nur, wenn ich bei Gesprächen in persönliche Tiefen hinabsteigen möchte. Vielleicht ist das die Verbindung zur heutzutage so oft zitierten Nachhaltigkeit, wenn man bei seinen Handlungen nicht schon in Gedanken beim Aus- oder Umzug ist, sondern auch langfristig am Leben seines Umfeldes teilnimmt.

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Montag, 10. August 2026

Ist das ein nützliches Tierchen?

Als meine Tochter noch ein kleines Kind war, waren wir oft gemeinsam im Garten. Ein Pflänzchen hier, ein Blümchen da und abgesehen von Pflege und Schneiden auch ein wenig Freude an der Natur. Und was man da so alles zu sehen bekommt. Mal ist es eine Schnecke, die sich über die Geranien hermacht, mal ist es ein Regenwurm, der aus dem Pflanzloch herauskrabbelt.

Ist das ein nützliches Tierchen?

Zusätzlich kamen dann noch allerlei Insekten geflogen, Fliegen und Bienen, Mücken und Wespen. Und dann haben wir uns über die Tiere unterhalten, ich habe von ihren Eigenschaften erzählt so gut ich konnte und erläutert, welchen Platz sie in unserem Ökosystem einnehmen. Zentrale Botschaft war immer, dass auch diese kleinen Lebewesen eine wichtige Funktion haben und insgesamt unentbehrlich sind.

Auch die schleimigen Schnecken, die picksenden Mücken und die lästig um den Kopf herumschwirrenden Fliegen brauchen wir und sie sind nützliche Tierchen. Was meine Tochter im Laufe der Zeit dann so verinnerlicht hatte, dass sie bei neuen Entdeckungen fast automatisch von mir wissen wollte „Sind das nützliche Tierchen?“ und ich meistens eine positive Antwort geben konnte.

Dieses Grundverständnis konnte sie ihren jungen Freundinnen und Freunden überhaupt nicht vermitteln. Jede Spinne musste impulsartig totgeschlagen, jeder Regenwurm von den Eltern entsorgt und jede Wespe voller Entsetzen getötet werden. Einfach nur, weil diese Tiere im falschen Moment am falschen Platz waren. Dass man damit deutlich entspannter umgehen könnte, einen Regenwurm tatsächlich auch mit der Hand anfassen und ihn rettend an eine andere Stelle im Garten transportieren könnte, das schien undenkbar.

Ob man jetzt jedes Tier und jeden Mitmenschen auf seine Nützlichkeit hin untersucht und einordnet oder es bei einem gewissen Respekt und angemessener Selbststeuerung bewenden lässt, sei mal dahingestellt. Aber die Erkenntnis, dass man sich auch Apathie einreden lassen kann und manche Reaktionen jeglicher Grundlage entbehren, das ist ein Verständnis, das nicht nur für die kleinen Tiere in der Gartenerde, sondern auch für die Menschen um uns herum gelten sollte.

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Montag, 3. August 2026

Saras Sicht: Krieg, Frieden, Militär

Saras Sicht: Krieg, Frieden, Militär
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Normalerweise ist unser Cafe ruhig, der Fernseher an der Wand ist ausgeschaltet, vermutlich wurde er mal für eine Fußball-Meisterschaft aufgehängt. Aber heute ist er eingeschaltet, es läuft irgendein Nachrichtensender, der Bilder aus einem Krisengebiet zeigt. Staub überall, Autowracks, Ruinen oder zerschossene Fassaden.

Wie gebannt schauen wir auf die Bilder. Zwischen den kaputten Häusern und löchrigen Straßen stehen und patrouillieren vermummte Männer mit Waffen im Anschlag. Sie haben grimmige Gesichter, besonders intellektuell wirken sie nicht gerade. Man möchte nicht mit ihnen in Diskussion geraten, vermutlich ist man schneller tot als man denken kann.

„Schrecklich“ stößt Sara hervor, „einfach schrecklich, schrecklich, schrecklich.“ Die Kamera schwenkt weiter, wie gut, dass tausende Kilometer zwischen uns liegen, keine noch so fehlgeleitete Kugel kann uns in unserem Cafe erwischen. „Menschen, deren einziger Lebensinhalt durch Parolen bestimmt wird, deren Macht sie aus der Waffe in ihrer Hand ableiten, deren Rechtfertigung im Befolgen von Befehlen besteht.“

„Sie haben eine andere Grundeinstellung, ein Weltbild voller Feinde, die sie bekämpfen müssen.“ – „Woher“, will Sara wissen, „woher kommen denn die Feinde? Was macht einen Menschen zu einem Feind? Weil er mir Essen klaut, mir nach dem Leben trachtet, mich zumindest verletzen will oder mich vergewaltigt. Aber weil er etwas anderes glaubt, weil er an einem anderen Ort geboren wurde, weil er andere Befehle bekommen hat?“

„Für Menschen ohne Verständnis für Kriege ist das vielleicht schwierig zu verstehen. Im Kern geht es um Macht, um Übernahme von Führung von möglichst vielen Untertanen und über möglichst große Gebiete. Dafür wird eine Hierarchie aufgebaut und durch allerlei Maßnahmen stabilisiert.“

Sara grätscht in die Diskussion: „Was du Hierarchie nennst, ist für mich eine tierische Form der Rangreihenfolge, eine Hackordnung wie auf dem Hühnerhof. Ein Konzept was dort funktioniert, kann man auch auf Menschen anwenden, wie man immer wieder sehen kann. Da muss man gar nicht an den ausgefuchsten Apparat im Hitlerregime denken, selbst in gemäßigten Militärs ist das zu finden.

Und weißt du, was man auch noch häufig erkennen kann? Es scheint zutiefst menschlich zu sein, deshalb bilden sich oft auch radikale Splittergruppen. Milizen und ideologische Fanatiker, die ihrer Überzeugung folgend terrorisieren, foltern, töten.“

„Sara,“ sage ich beschwichtigend, „ist denn eine Welt voller Frieden überhaupt möglich oder auch nur denkbar? Wenn es wie du sagst in der menschlichen Natur liegt, wird dann in Friedenszeit dieser Trieb nur unterdrückt oder umgeleitet, bricht sich dann mit Kriegsbeginn seinen Weg?“

„Komme ich gleich drauf zurück. Zu Kriegen fällt mir nämlich ein, wie groß das Spannungsfeld zwischen Kampf und Frieden ist, wie geradezu schizophren argumentiert wird. Da wird ein Krieg geführt, um Frieden zu erhalten oder herbeizuführen. Oder die göttliche Liebe mit Gewalt missionarisch zu verbreiten. Wie war das noch bei den Kreuzzügen?“

„Zugegeben, kein Ruhmesblatt, und es zeigt, dass wir nicht nur zu anderen Kulturen und Religionen schauen müssen. Auch wir abendländischen Christen haben genug Dreck am Stecken.“ – „Was kein Wunder ist, denn es steckt wie gesagt mehr oder weniger in jedem von uns. Manifestiert sich aber von der Logik erst dann, wenn wir mindestens zu zweit sind. Allein auf einer einsamen Insel führen wir keinen Krieg, selbst in sehr kleinen Gruppen ist ein Krieg höchst unwahrscheinlich.“

„Woran liegt das deiner Meinung nach?“ – „Kleine Gruppen sind aufeinander angewiesen, Konflikte führen zu Schwächung, die man sich nicht leisten kann. Und es gibt genug Ausweichmöglichkeit, eventuell spaltet sich eine neue Gruppe ab. Gegen die man dann Krieg führen kann.“

„Und in Friedenszeiten? Wie können wir das, was wir Frieden nennen denn konservieren?“ – „Gute Frage, denn wir sehen ja gerade am Beispiel der USA, dass militärische Aktivitäten als Teil einer Friedenszeit verstanden werden. Koreakrieg, Vietnamkrieg, Golfkrieg, Afghanistan und so weiter.“

„Eben. Die Initiative zu Kampf und kriegerischen Handlungen wird immer wieder gestartet. Haben wir vor unserem geschichtlichen Hintergrund in Deutschland also einfach nur Glück, dass jeder Antritt im Keim erstickt wird?“

„Das mag eine Rolle spielen“ überlegt Sara, „ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Vielleicht ist es aber auch wichtig, dass die Menschen hier ein Ventil haben. Egal wie, sei es in teilweise ausartenden Demonstrationen, sei es bei Krawallen zu irgendwelchen plötzlich in den Mittelpunkt tretenden Themen oder auch Hooligans bei Fußballspielen. Abreagieren, weil ein Mensch mir gegenüber die falsche Fahne in der Hand hat.“

„Upps“, schlüpft mir heraus, „Hooligans als Ventil, als Militärersatz, als heimlich den Frieden stabilisierendes Element? Ziemlich steile These, aber vielleicht ist etwas dran. Grundsätzlich legal kann ich da sozusagen die Grundidee eines Krieges ausleben, was hier Fanclub heißt, ist dort das Vaterland, das es zu verteidigen gilt.“

Sara seufzt. „Manchmal würde ich mich freuen, wenn die Bilder sich nicht so ähnelten.“

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Montag, 27. Juli 2026

Saras Sicht: Kleidung


Saras Sicht: Kleidung
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Heute hat Sara einen Hut auf, daran wie Robin Hood eine Feder, die im Wind ihrer schnellen Bewegung weht. Der Rest sieht auch aus, als ob sie auf Jagd gehen wollte, mitten in der Stadt scheint sie ihre Leidenschaft für Natur entdeckt zu haben. Grüner Mantel und rotbraune Stiefel unterstreichen ihr Outfit passend zu einem Jagdausflug.

„Was hast du vor?“ will ich von ihr wissen, „hast du noch eine Verabredung mit der Jagdgenossenschaft?“ Sie schaut mich etwas verärgert an, runzelt die Stirn und „Nein, keine Jagdgenossenschaft. Ich stehe nicht so sehr auf die Altherrengesellschaften oder deren zivilisierte Drogenexzesse mit Zigarre und sündhaft teuren Alkoholika.“

„Okay, aber du bist schon recht extravagant angezogen. Oder ist das dein neuer Business-Look?“- „Du hast Recht, ich gehe nicht ins Büro. Aber ich will einen Gegenpol darstellen.“ Sie macht bewusst eine Pause, damit ich die erwartete Frage stellen kann, ich tue ihr den Gefallen: „Gegenpol wozu?“

„Zu Jogginghosen, Hoodies, Schlappen. Schlabberlook halt. Dieser ganze weitgehend unförmige Stoffkram, der auch gar nicht zum eigenen Körper mit seinen Formen oder zu den Gelegenheiten passen muss.“

„Du meinst Kleidung als Ausdruck, als Gestaltungselement?“ Ganz offensichtlich habe ich den Kern getroffen, Sara strahlt mich an: „Ja, genau. Vor dem Kleiderschrank stehen, über die Situation nachdenken, für die ich mich anziehe und dann dazu passend und in sich stimmig Oberteile und Hose, Schuhe und sogar die Unterwäsche auswähle.“

„Ziemlich mühsam, viele Menschen, vor allem Männer, haben ihre Lieblingsklamotten, in denen sie sich wohlfühlen. Ein weiches Sweatshirt, dazu eine bequeme Jeans und weiße Sneakers. Fertig. Warum Kleiderschrank, anstrengende Entscheidungsprozesse und am Ende kneift dann auch noch die Unterhose?“

„Ich gebe zu, dass ich manchmal abends auch froh bin, wenn ich die Schuhe ausziehe. Aber das ist dann eben zu Hause, vor der Tür hat gutes Aussehen Vorrang. Das ist für mich ein Teil von Kultur, gelegentliche Opfer gehörten leider mit dazu. Ich sehe mich selbst lieber in gepflegter Kleidung und ich stelle mir vor, dass zumindest ein Teil meiner Mitmenschen es auch registriert. Und sei es nur als unbewusste Wertschätzung meiner Beschäftigung mit meinem Außenbild. Ich demonstriere ja offensichtlich, dass es mir nicht egal ist.“

„So habe ich das bisher noch nicht gesehen. Klar, der eine hat Geschmack und sieht in seiner Kleidung gut aus, ein anderer ist modischer Legastheniker. Es gibt Menschen, denen kannst du so ziemlich alles umhängen und sie sind ein Blickfang, aber es gibt eben auch die Typen, bei denen der Anzug schon auf Maß gefertigt sein muss.“

„Yes, Kollege“, Sara beugt sich über den Tisch zu mir und ihre Stimme wird leiser, „das Elend und der Niedergang hat schon von Jahren begonnen, als Schlipse gelockert und Hemden aufgeknüpft wurden. Dann verschwand der Schlips und untenrum wurde die Jeans gesellschaftsfähig. Denim nicht nur als robuste Alltagskleidung, sondern rein in den Büroalltag, in die Etagen der Menschen, die bis dahin durch hochwertige Kleidung gepunktet hatten.

Und so ging es weiter, Anzug ganz weg, immerhin noch ein Hemd und jetzt: Hoodie. Auf einmal sehen IT-Vorstände so aus wie vor ein paar Jahre irgendwelche zwielichtigen Hacker.“ Kurze Pause, sie grinst mich an: „Vielleicht ist der Unterschied ja auch gar nicht so groß.“

Wir müssen beide lachen, weiter geht die Diskussion, was die Veränderung eingeleitet und im weiteren Verlauf befeuert hat, Corona als Katalysator, auch Homeoffice spielt aus unserer Sicht eine Rolle. Und die Erkenntnis, dass es auch bei Kleidung Gegenbewegungen gibt. Und seien es trotzige Erwachsene, die sich ohne konkreten Anlass in Jagdkleidung werfen.

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Montag, 20. Juli 2026

Saras Sicht: Political correctness

Saras Sicht: Political corretness
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Mitten im Jahr ist mal wieder ein Tag mit Aprilwetter. Man kann den Regenschirm auch mal als Sonnenschirm verwenden, Kleidung im Idealfall nach dem Zwiebelprinzip auswählen und überhaupt alles genießen, was die Natur gerade anbietet.

Mutig haben wir uns vor das Cafe unter eine Markise gesetzt, gerade kam ein kurzer Regenschauer, aber bis auf ein paar Spritzer sind wir trocken geblieben. Wie als Entschuldigung des Himmels kommt jetzt wieder die Sonne heraus.

„Sonne, mach mich Neger!“ flüstert Sara vor sich hin. – „Was hast du gerade gesagt? Du hast doch nicht etwa das N-Wort verwendet?“

Sara blinzelt mich an. „Ähm, was?“, und nach ein paar Sekunden: „Das mit der Sonne haben wir als Jugendliche gesagt, im Freibad auf der Liegewiese, wenn wir im Frühsommer als Bleichlinge auf den Handtüchern gelegen haben und eine möglichst schöne Bräune bekommen wollten. Hautfarbe wie die Neger halt.“

„Aber Neger darf man nicht mehr sagen. Das ist politisch nicht korrekt. Du müsstest den Spruch von damals ändern in ‚Sonne, bräun mich!‘ oder so. Jedenfalls ohne Verweis auf Menschen anderer Hautfarbe.“

„Ich weiß, dass du nur das zitierst, was in der Gesellschaft die Runde macht. Wir wissen beide, dass das Wort ursprünglich neutral war, von ‚negro‘ oder ‚niger‘ abgeleitet ist und damit eine reine Tatsachenbeschreibung darstellt. Dann wurde es aber belastet, weil es im Rahmen von Rassentheorien verwendet wurde. Was vielleicht auch noch nicht problematisch wäre, wenn hieraus keine Wertung abgeleitet worden wäre.“

„Eine komische, verquere, verformende Logikkette, die wir an diesem Beispiel sehen. Erst neutral, dann wissenschaftlich untersucht, dann mit einer Werteskala versehen, dann missbraucht und schließlich de facto verboten.“

Sara sieht mich entsetzt an. „Ein erschreckender Werdegang. Und dazu kann es nur kommen, weil an mehreren Stellen etwas schiefläuft. Der erste Fehler besteht darin, dass aus einer hoffentlich nüchternen wissenschaftlichen Darstellung eine Bewertung abgeleitet wird. Die ‚negride Rasse‘ ist minderwertig und darf auch so behandelt werden.

Und im weiteren Verlauf besteht der zweite Fehler darin, dass nicht nur diese Bewertung wieder in die Wissenschaft zurückgeführt und von Abwertung befreit wird. Sondern der Begriff nun samt seinem Umfeld komplett verboten und tabuisiert wird.“

„Sagen wir mal so“, ergänze ich, „eine unverkrampfte und die Vergangenheit konstruktiv aufarbeitende Debatte ist aus dieser Lage heraus ziemlich schwierig…“ - „… und wird statt dessen durch eine inoffizielle Hetzjagd ersetzt, in der jeder scharf angegangen wird, der ohne böse Absicht das ursprünglich neutrale Wort verwendet.“

Und wo Sara schon mal in Schwung ist geht es sofort weiter: „Da darf ich im Internet wahrscheinlich intimste Details meines Liebeslebens mit Sadomaso-Vorlieben ausrollen und jeder wird das als mehr oder weniger peinliche, aber zulässige Darstellung akzeptieren. Wenn ich aber zum Abschluss der Peitschenspiele einen Mohrenkopf in das Gesicht meines Partners drücke, dann ist der Teufel los. Schließlich ist es ja kein Mohrenkopf, sondern ein Schokoschaumgebäck.“

„Nun reg dich nicht auf, wenn man die Förderer der Kampagnen für politische Korrektheit anhört, dann geht es ihnen im ersten Schritt um eine Sensibilisierung…“ – „… die dann bis zu einer Zensur, vorauseilender Selbstzensur, fragwürdigen Anklagen und belastenden Abmahnungen führen kann.

Wusstest du, dass das Thema öffentlich so viel Fahrt aufgenommen hat, dass natürlich auch dafür schon wieder ein Markt im Internet entstanden ist? Da gibt es ein Glossar für diskriminierungssensible Sprache, ein Sprache-politisch-korrekt-Lexikon und diverse Institutionen von Behörden bis zu Übersetzungsbüros stellen ihre Sichtweise als Stein der Weisen dar.“

„Sieht man das Internet als Spiegel der Zeit, dann wundert mich das überhaupt nicht. Aber wir sollten uns nicht verschrecken lassen. Auch wenn nicht immer erwünscht, heißt es auch hier Augenmaß zu bewahren. Herabwürdigung und Beleidigung sind nicht ok, aber ich bezweifle, dass jeder Dunkelhäutige den Begriff Neger beim Feierabendbier mit dem befreundeten hellhäutigen Arbeitskollegen als Problem empfindet. Entkrampfung also an Stelle von Verboten.“

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