Montag, 2. November 2026

Saras Sicht: Biblisches

Saras Sicht: Biblisches
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

*

Heute bin ich es, der ein wenig zu spät im Cafe auftaucht. Es war voll in der Stadt und ich musste durch den Bahnhof, wo sich ein paar Zeugen Jehovas mit ihren Schriften aufgestellt hatten. "Ich bin ja hin- und hergerissen, einerseits finde ich es bewundernswert, dass sie sich dort hinstellen, geduldig ihren 'Wachturm' hochhalten und vielleicht sogar irgendwelche blöden Kommentare über sich ergehen lassen. Und andererseits frage ich mich, was in einem Kopf vorgeht, der mir die Bibel erklären will."

Sara ist guter Dinge, hat ja auch schon einen gehörigen Schluck aus ihrer Cappuccinotasse genommen. "Da habe ich so eine Vermutung", flötet sie, "sie haben so etwas wie eine masochistische Ader, lieben den Schmerz und fühlen sich als kleine Märtyrer, die trotz widriger Umstände für eine wie sie vermittelt bekommen haben gute Sache einstehen. Kurzum, sie haben einen Charakter, der weich genug ist, damit jemand ihnen einen Floh ins Ohr setzen kann und dann muss man nur die richtigen Knöpfe drücken, um sie für so undankbare Aufgaben zu gewinnen."

"Naja", sage ich, "ich bin jetzt nicht unbedingt der Meinung, dass alle Zeugen Jehovas weich sind und auch der Floh im Ohr ist doch übertrieben. In klassischen Unternehmen würde man das ganze wesentlich wohlwollender formulieren und es als 'Organisational Commitment Index' bezeichnen und versuchen, ihn möglichst hoch zu bekommen. Stehen die Mitarbeiter hinter ihrem Unternehmen oder sind sie so schnell weg, wie sie gekommen sind?"

"Klar, den OCI kenne ich. Aber es ist schon die Frage, wie man zu guten Werten kommt. Ich finde es recht dubios, wenn auf den Platz im Himmel oder andere immaterielle Goodies verwiesen wird." Sara strahlt mich an. "Aber du hattest dich ja auch gefragt, was sie dir über die Bibel erklären wollen. Da wäre ich auch gespannt, ich kenne da ein paar eher weniger verbreitete Geschichten. Kennst du die, wie Jesus seinen Eltern davongelaufen ist?"

"Nö", sage ich, "das ist ja ein Ding. War der Rotzlöffel etwa nicht brav?" - "Genau, das ist der Teil direkt nach der Weihnachtsgeschichte. Ich habe sie zufällig gelesen, weil ich wissen wollte, wie es weitergeht. Staffel eins, Episode zwei sozusagen. Und da gibt es zwar einen Zeitsprung und der Bub muss schon etwas älter gewesen sein, aber er ist auf der Reise entwischt, hat sich zu den Predigern gesellt und das Beste: seine Eltern haben das erst nach ein paar Tagen gemerkt. Lustig, oder?"

"Vor allen Dingen würde ich sagen, das klingt so herrlich menschlich. Oder wie die Kirche sagen würde, es sind gar keine göttlichen Geschichten, sondern sehr irdische Anekdoten. Wie Kinder halt so sind, und naja, wenn man den Hype um seine Mutter und den berühmten Elternstolz einschließlich Lobpreisung der Engel kennt, dann relativiert das Ausbüchsen und das tagelange unbemerkte Herumhängen bei den Priestern schon ein wenig."

Sara: "Also, ich mag das. Wir freuen uns ja auch bei den heutigen Prominenten immer, wenn sie eine gewisse Menschlichkeit haben, anfassbar bleiben, keine unerreichbare Lichtgestalt sind, sondern hier und da ein kleines bisschen wie wir. Vor allen Dingen finde ich aber auch, dass es eine ziemlich wichtige Geschichte ist. Zumindest ich lese dann die anderen Berichte mit der Grundeinstellung, dass zumindest die Wunder nicht wörtlich, sondern bildlich zu verstehen sind. Es ist unsinnig, dass Jesus über einen See gegangen ist oder Fische in Unmengen verteilt hat. Das sind Bilder, das macht es nicht schlechter, aber sinnvoller."

Ich bestelle noch einen Cappuccino nach, ergänze Rilke mit "Und Bilder stehen vor dir wie Wände" und diskutiere mit Sara, ob die Bildersprache der Bibel sich durch alle Kapitel hindurchzieht. "Unbedingt", schmunzelt Sara. "Der Bilderreichtum ist für uns heutige Leser Fluch und Segen. Einerseits kommen dann so absurde Vorstellungen heraus, dass Gott ein Mann ist, der auf einer Wolke herumschwebt, andererseits sind die Leser nicht bereit, selbst die naheliegendsten Übertragungen vorzunehmen, weil sie sich nicht trauen oder die Übersetzung nicht wahrhaben wollen."

Nun bin ich doch ein wenig irritiert. Sara spricht heute in Rätseln, normalerweise kommt sie auf den Punkt und eiert nicht so herum. "Worauf willst du hinaus oder anders gefragt, an was denkst du?" - "Eine meiner Lieblingsstellen ist ganz vorne im Alten Testament. Da, wo Adam und Eva im Paradies sind, sich danebenbenehmen und dann rausgeschmissen werden. Weißt du eigentlich, was da passiert ist? Also mal ganz ungeschminkt?"

Ich denke nach. Vor meinen Augen erscheint der Garten Eden, in der Mitte der Baum der Erkenntnis, dann natürlich Adam und Eva, von einem Apfel und einer Schlange war die Rede. Und nachher gab es Maulerei im Zusammenhang mit einem Feigenblatt beim Kontrollbesuch. "Die Geschichte habe ich so halbwegs in Erinnerung, aber was ist jetzt der Gag daran? Zwei Menschen in besonders komfortabler Umgebung, sie missachten die einzige Regel, dass sie nicht vom Baum der Erkenntnis naschen sollen und irgendwie erkennt Gott dann, dass sie diese Regel gebrochen haben. Es folgt ein Donnerwetter und der Platzverweis, unter dem wir noch heute leiden."

"Gar nicht schlecht, aber hast du dich mal gefragt, was dieser Baum der Erkenntnis ist, was es mit Apfel und der Schlange auf sich hat?" - "Keine Ahnung, vielleicht steht der Apfel symbolisch für irgendeine verführerische Gabe, die Schlange für ein kriechendes Wesen, der Baum hat irgendwelche Früchte, die besonders toll sind, aber nicht von den beiden geerntet werden dürfen."

Das Grinsen in Saras Gesicht wird immer breiter, offensichtlich hat sie eine andere Lösung oder irgendeine interessante Dechiffrierung auf Lager. "Die total simple Lösung ergibt sich, indem man ein paar Seiten weiterliest. Da findest du Abhandlungen über den Stammbaum der Familie, und immer wieder ist davon die Rede, dass ein Mann seine Frau 'erkennt'. Erkennen steht für Kopulation, die beiden schlafen miteinander, haben Sex, kriegen Kinder. Der Baum der Erkenntnis ist also das männliche Glied, der Apfel steht für die weibliche Brust. Also ein wenig locker erzählt spazieren Adam und Eva durch das Paradies, Eva macht Adam an, der bekommt eine Erektion und um das zu verdecken muss er ganz schnell ein großes Blatt davorhalten. Nutzt aber nichts, erwischt ist erwischt und Sex war als einziges verboten.

Zur Strafe wird das Kinderkriegen ein schmerzhaftes Unterfangen, müssen die beiden das unbeschwerte Paradies verlassen und sich mühsam durch das Leben arbeiten. Eine Rückkehr ist verboten, als Türsteher wurde ein Engel installiert. In heutiger Sprache würde man sagen, um ein Leben im Sinne der höheren Aufsicht zu führen musst du was schaffen, dauerhaftes Herumlungern und Chillen sind verboten."

Ich staune. So habe ich das bislang nicht gelesen. Ziemlich abgefahrene Interpretation, ist das die erotische Phantasie einer Frau, die eine Weile keinen Sex hatte? Oder will sie mich hochnehmen oder anmachen? Andererseits: Es klingt logisch, die Auflösung des Bildes ist in sich konsistent und vor allen Dingen auch in Deckung mit dem Kontext der anderen Bibelstellen. Ich gehe im Kopf noch mal ihre Darstellung durch, sie bleibt plausibel. Noch mal ein Schluck Cappuccino, bei anderer Gelegenheit würde ich mich fragen, ob ich zu viel getrunken habe, vor allen Dingen aber stelle ich mir die Gesichter der Zeugen Jehovas vor, wie sie da brav mit ihrem 'Wachturm' stehen und auf einmal mit unverblümter Erotik konfrontiert werden.

"Einzige Frage für mich", kann ich nach einiger Zeit sagen, "die einzige Frage für mich ist, warum nur du das so siehst, es gibt doch Millionen und Milliarden von Menschen, die diese Texte kennen, sich mit ihnen zum Teil sehr intensiv beschäftigen. Warum habe ich noch nie etwas vom Baum der Erkenntnis in deinem Sinne gehört?" - "Die Frage ist gut, die stelle ich mir auch. Vermutlich ist es ja gerade ein Tabuthema, es so deutlich auszudrücken, und das war auch der Grund, warum es so verklausuliert und in Bilder verpackt aufgeschrieben wurde. Nur, dass die Autoren und vermutlich auch die damaligen Leser oder Zuhörer es ohne weiteres verstanden haben. Wir nehmen es heute wörtlich, und dann kann man Metaphern, Symbolen und Sprachbildern natürlich nicht folgen."

Wie gewohnt verläuft unser Gesprächsthema langsam in Alltagserkenntnisse, wie bei einem Spannungsbogen ist die Haupterkenntnis hinter uns, wir steigen aus dem Olymp langsam herab in die Niederungen des Alltags, das Rauschen der Gespräche an den Nebentischen und der Verabschiedung für unser heutiges Treffen.

*

Abonniere den Kanal "Eckhards Blog By Dr.-G." auf WhatsApp

Montag, 26. Oktober 2026

Saras Sicht: Some fun now


Saras Sicht: Some fun now
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

*

Heute wird es lustig, das sehe ich Sara an. Entgegen ihrem sonst oft eher kritischen Gesichtsausdruck trägt sie die gute Laune sozusagen vor sich her.

„Hallo, meine Liebe“, begrüße ich sie, „du strahlst so, was gibt es Neues?“ – „Och, nichts Neues, aber ich amüsiere mich gerade über einen wundervoll sperrigen Ausdruck aus dem Beamtendeutsch, den ich gerade gelesen habe. Weißt du, was ‚Spontanvegetation‘ ist?“

Ich denke kurz nach, Vegetation ist klar, da geht es irgendwie um Pflanzen, aber was kann daran spontan sein? „Nein, weiß ich nicht. Hat es was mit Pilzen zu tun, die kurzfristig aus dem Boden kommen?“ – „Nicht schlecht, immerhin nah dran. Aber tatsächlich verbirgt sich dahinter das Zeug, was du nicht haben willst und deshalb als Unkraut bezeichnest. Es ist Vegetation, die spontan kommt.“

„Okay, was gelernt. Weißt du, was eine ‚Personenvereinzelungsanlage‘ ist?“ – „Hört sich nicht gerade nett an, vielleicht irgendwas Gefährliches oder der Zugang zu einem Gefängnis?“ – „Zugang ist die richtige Richtung, tatsächlich ist damit ein Drehkreuz gemeint. Es sorgt dafür, dass immer einer nach dem anderen – also vereinzelt – irgendwohin kommt.“

„Mir fällt noch einer ein: Was ist eine Querungshilfe?“ – „Den Begriff kenne ich sogar. Er ist so herrlich umständlich, dass ich ihn mir gemerkt habe: Das ist das, was wir normalerweise Verkehrsinsel nennen. Und man kann sagen, dass ‚Verkehrsinsel‘ wörtlich genommen ein recht hübsches Bild abgibt. Aber Querungshilfe ist wohl in gewisser Weise zutreffender. Das gilt übrigens auch für den ‚Holzgliedermaßstab‘, besser bekannt als Zollstock. Weder Zoll noch Stock. Aber ob dieses Teil immer aus Holz ist…“

„Auch so ein Beispiel, das tatsächlich besser, aber noch recht ungebräuchlich ist, ist das ‚Leuchtmittel‘, früher standardmäßig als Glühbirne bezeichnet. In Zeiten mit LED glüht da nichts, Birnenform ist auch eher historisch. Ähnlich bei der ‚Abgasanlage‘, die früher schlicht ‚Auspuff‘ hieß.“

„Mir gefallen vor allem die euphemistischen Bezeichnungen. Das fängt ja schon mit der ‚Kurzzeitigen Arbeitsunterbrechung zur Regeneration‘ statt Kaffeepause an, geht weiter mit ‚Seniorenresidenz‘ und endet dann schließlich mit ‚Lebensendzeitnahe Betreuung‘ statt Sterbehilfe.“ Und ich lege nach: „Oder das hier: ‚Schriftgutbehälter mit mechanischer Heftvorrichtung‘ – was mag das sein?“

Sara grübelt, dann strahlt sie: „Die Heftvorrichtung hat es verraten. Es ist ein Aktenordner, stimmt's?“ – „Super“, sage ich, „absolut richtig. Mit solcher Logik kommst du dann auch darauf, dass ein ‚Schienengebundenes Personennahverkehrsmittel‘ eine Straßenbahn ist. Übrigens würden wir unseren Cappuccino außerhalb des Cafes in einem ‚einwegigen Trinkgefäß aus zellulosebasiertem Verbundmaterial‘ oder kurz Pappbecher zu uns nehmen.“

„Das ist aber mal wirklich übergenau, vergleichbar mit dem ‚thermisch behandelten Obsterzeugnis‘, das du besser als Marmelade oder Kompott kennst. Und ganz sauber darf man einen ehemaligen Negerkuss auch gar nicht mehr als ‚Schaumkuss‘ bezeichnen, sondern muss ‚Zuckerware mit Schaumzuckerstruktur‘ dazu sagen. Ich bin gespannt, wer dich versteht, wenn du auf dem Jahrmarkt danach fragst.“

Wir müssen beide lachen. „Einen noch“, sage ich, „Mir gefällt noch das ‚raumbegrenzende Element‘ oder wie manche Leute sagen: Wand.“ – „Oh, cool, den kannte ich noch nicht. Mein letzter Sperrbegriff ist ‚Fahrtrichtungsanzeiger‘ statt Blinker – wie findest du den?“

Tief durchatmen, die korrekte Sprache genießen und den Cappuccino austrinken.

*

Abonniere den Kanal "Eckhards Blog By Dr.-G." auf WhatsApp

Montag, 19. Oktober 2026

Saras Sicht: Monday for Future

Saras Sicht: Monday for Future
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

*

Der Cappuccino ist kalt. Wir hatten schon eine Weile hier gesessen und auf das gewohnte Kaffeegetränk gewartet. Aus irgendeinem Grund hat die Bedienung zu lange gebraucht, um ihn von der Maschine bis zu unserem Tisch zu bringen und jetzt steht er vor uns, gibt mit seinem zusammengefallenen Milchschaum ein trauriges Bild ab und ist obendrein auch noch kalt.

"Hast du den Bericht von LBBW-Chef Rainer Neske gelesen?", will Sara wissen. "In einem Beitrag beim sozialen Netzwerk LinkedIn hat er die Frage gestellt, wie wir als Gesellschaft wieder mehr Leistungsbereitschaft mobilisieren. Das ist ja im Grunde nichts Neues und wird von hohen Führungskräften und Vorständen immer mal wieder angesprochen. Aber er steht mit der LBBW immerhin der sechstgrößten Bank Deutschlands vor. Und spricht an anderer Stelle von der Streichung eines Feiertages. Es scheint ihm schon Ernst zu sein."

"Ja", sage ich, "er meint es ernst. Und er ist nicht allein. Ich finde es in mancher Hinsicht ganz bemerkenswert, denn er begründet seinen Apell zunächst mit der Zukunftssicherung seines Hauses, also der Landesbank. Und dann behauptet er, dass er es auch in größerem Zusammenhang und mit der Gesellschaft sieht. Zumindest als Ausgangspunkt der eigenen Zahlen fordert er auf, die Leistungsbereitschaft zu steigern. Was auch immer er darunter versteht."

Sara überlegt nicht lange. "Das kann ich dir sagen: Wenn du mal in die Runde schaust, dann bist du an vielen Stellen umgeben von Menschen, die es sich selbst gut gehen lassen. Das ist im ersten Moment nichts Verkehrtes, aber die Priorisierung hierauf, die hat in den letzten Jahren schon zugenommen. Begriffe wie Work-Life-Balance stehen plötzlich im Zentrum, Forderung von immer kürzeren Arbeitszeiten, Ausbreitung von Teilzeit, Vorruhestand, dauernde Urlaube verschieben sich von Nebenbedingungen in den Mittelpunkt."

"Ehrlich gesagt glaube ich, dass du von einer eher kleinen Fraktion der Gesellschaft sprichst. Das geht einher mit den DINKS [Double Income No Kids], also Paaren, die jede Menge Geld nach Hause kriegen und es sich einfach schön machen wollen. Es ist doch klar, dass die verstärkt in Urlaub fahren, einen Wochentag weniger zur Arbeit gehen, weil sie es einfach nicht nötig haben oder ein Sabbatjahr einlegen."

"Ja und nein. Diese Konstellation gibt es. Und sicher angesichts der heutigen Partnerschaften mehr als früher. Also Punkt für dich. Aber ob ich mich deswegen weniger ins Zeug lege, meine Arbeitsleistung vermutlich als Angestellter verringere, ist eine andere Sache. Sie könnten unverändert weitermachen, das sozusagen überschüssige Geld aber für einen anderen Zweck verwenden, sei es damit ein eigenes Projekt zu verwirklichen, sozial tätig zu werden, eine Stiftung zu gründen oder was es sonst an Zielen außerhalb der aktuellen Tätigkeit gibt."

Sara ist noch nicht fertig. "Und zweitens bin ich der Meinung, dass es eben nicht nur einen recht kleinen Teil unserer Mitmenschen betrifft. Gerade in Behörden habe ich oft den Eindruck, dass die Sachbearbeiter nicht gerade voller Elan an die Arbeit gehen. Da mag es ja auch Leistungsbereitschaft geben, aber so richtig sichtbar ist sie in den seltensten Fällen. Eher ein lustloses Abarbeiten, von persönlichem Engagement ganz zu schweigen.“

„Ich fürchte, das sehen die Angestellten im öffentlichen Dienst anders. Wenn ich sie im Fernsehen oder auf Demos erlebe, verbreiten sie den Eindruck gute Arbeit zu leisten, aber unangemessen bezahlt zu werden. Und Leistungsbereitschaft: Wie willst du die feststellen oder gar messen? Sind das die Personen, die Tag und Nacht arbeiten, von sich aus weitere Arbeit annehmen und erst nach Hause gehen, wenn der Postkorb leer ist?“

„Um hier nicht nur rumzunörgeln müssen wir ein paar Begriffe definieren oder zumindest mal genauer betrachten.“ überlegt Sara, „Wir haben die Forderung nach Leistungsbereitschaft, haben andererseits die Gefahr der Ausbeutung und sozusagen über allem auch die Bequemlichkeit. Es ist naheliegend, dass ein Arbeitgeber möglichst viel Leistung fordert, also tendenziell seine Arbeitskräfte ausbeuten will. Und genauso liegt es auf der Hand, dass diese sich nicht ausbeuten lassen wollen und von Grund auf eine gewisse Bequemlichkeit an den Tag legen.“

Sie denkt kurz nach, genießt, dass zwischenzeitlich ein zweiter, diesmal heißer Cappuccino gekommen ist und setzt dann fort: „Diese Bequemlichkeit ist wohl der Schlüssel. Wer etwas leistet, macht es sich unbequem, muss vom Sofa aufstehen, irgendetwas aktiv anpacken. Ob das für die Firma ist, für einen Verein, für einen Mitmenschen oder die Gesellschaft spielt keine Rolle. Es macht Arbeit, ist vielleicht sogar mühsam und kostet Geld und Zeit.“

„…was aber erst mal niemand machen möchte, weil er sich fragt, warum. Was ihn motivieren sollte.“

„Monday for Future.“ sagt Sara, „verstehst du? So wie die jungen Leute die Initiative ‚Friday for Future‘ gegründet haben und die älteren Menschen jeden Freitag auffordern aktiv zu werden, damit wir als Planet eine Chance haben. So müssen die Berufstätigen am Montag aufstehen und etwas tun, damit wir als Gesellschaft eine Chance haben.“

„Krass!“, sage ich. „Ziemlich schräg und in der Praxis nicht umsetzbar. Aber der Gedanke gefällt mir. Er ist so ein tapferer Versuch, ein Gegengewicht zum Egoismus und dem Wegdämmern zu bilden. Das Mindset wieder vom Individuum auf die Gemeinschaft zu lenken.“

„Ja“, sagt Sara, nun ein wenig bedächtig, „Das ist aus meiner Sicht das eigentliche Ziel, nur der Weg dahin ist schwierig und wird auf großen Widerstand stoßen. Vielleicht geht es nicht mit dem Slogan ‚Monday for Future‘, aber ich glaube, dass wir wieder eine Bewegung aus der Mitte der Gesellschaft brauchen und nicht nur den Vorstand einer Bank, um möglichst viele zu bewegen. Eine Art Greta Thunberg für Engagement eben.“

*

Abonniere den Kanal "Eckhards Blog By Dr.-G." auf WhatsApp

Montag, 12. Oktober 2026

Was ist los mit den Benzinpreisen?

Bringen wir doch mal ein wenig Licht in die hitzig geführte Debatte um Benzinpreise. Stopft sich da jemand die Taschen voll? Wer zeigt da mit dem Finger auf wen und ist das eigentlich rechtens? Schauen wir auf einen fiktiven Benzinpreis von 2,30 Euro pro Liter und teilen ihn (beispielhaft) in seine Positionen auf.

Was ist los mit den Benzinpreisen
Staatlicher Anteil
Energiesteuer: 65,45 ct/Liter, preisunabhängige Abgabe.
CO2-Abgabe: 15 ct/Liter
Mehrwertsteuer: 37 ct/Liter

Kosten und Gewinn
Einkaufspreis für Rohöl: 65 ct/Liter
Raffineriebetrieb: 10 ct/Liter
Raffineriemarge: 25 ct/Liter
Transport, Lagerung, Bevorratung, Vertrieb: 10 ct/Liter
Betrieb der Tankstellen: 2 ct/Liter

Wo stecken die Kostentreiber, wo sind unvermeidbare versus vermeidbare Preisbestandteile? Erst mal fällt auf, dass der Staat einen Anteil von über 50 % an den Gesamtkosten einzieht. Wenn also Politiker öffentlich nach Preisbremsen verlangen oder die geldgierigen Lieferanten anprangern, zeigen sie zumindest nicht auf den größten Posten. Ohne staatliche Abgaben würde der Liter E10 etwa 1,12 Euro kosten.

Auch die Tankstellen verdienen sich nicht die goldene Nase. Sie sind nur für die Endkunden der sichtbarste Teil der Lieferkette, obwohl sie sich mit maximal 2 ct/Liter eher mit hohem Durchlauf oder ihrem Snack-Shop über Wasser halten müssen.

Zoomen wir jetzt in die Position „Kosten und Gewinn“ hinein. Der Rohölpreis hängt von der Marktlage ab und unterliegt einer gewissen Schwankung. Er ist aber bei weitem nicht so volatil wie der Preis an der Tankstelle. Relevanter sind hier Raffineriebetrieb und Raffineriemarge.

Die Differenz zwischen dem Wert der raffinierten Produkte und den Rohölkosten nennt man vereinfacht Raffineriemarge bzw. Crack Spread. Dieser Crack-Spread ist in letzter Zeit deutlich angestiegen und belastet den Benzinpreis erheblich. Allerdings spielen hier auch Kosten wie Energie, Personal, Instandhaltung, Kapitalbindung, Abschreibungen und Umweltauflagen eine Rolle. Es handelt sich also nur zum Teil um einen Gewinn, der einem Unternehmen zu Gute kommt.

Ebenfalls relevant ist der Großhandel. An dieser Stelle haben wir es mit klassischer Marktwirtschaft, also der Aushandlung eines Preises auf der Basis von Angebot und Nachfrage, zu tun. Hier bildet sich auf der Basis zum Beispiel geopolitischer Randbedingungen ein Preis, der weder mit Rohöl- noch mit Raffineriekosten zu tun hat.

Betrachten wir den Endkunden-Preis, dann liegt der wirklich interessante und derzeit stark schwankende Teil also nicht an der Tankstelle, sondern in der Strecke zwischen Rohöl und dem Rohöl-Großhandelspreis. Konkret kann man einen deutlichen Anstieg des Marktpreises für ein Barrel Rohöl beobachten, wenn der Markt angespannt ist, weil Benzin knapp wird.

Und genau das passiert derzeit in Europa: Der Markt für raffinierte Produkte ist angespannt. Das Bundeskartellamt stellt fest, dass sich die Differenz zwischen Rohöl- und Großhandelspreisen seit Ende Juni 2026 wieder deutlich ausgeweitet hat. Ursache dürften die eingeschränkten globalen Raffineriekapazitäten und die angespannte Versorgungslage sein.

Interessante Reaktion des komplexen Gefüges der Preisbildung: Der ADAC beobachtet, dass seit Einführung der 12-Uhr-Regel nicht nur die Tageskurve stärker geworden ist, sondern auch das allgemeine Preisniveau gestiegen ist. Der ADAC vermutet, dass die Mineralölunternehmen wegen der eingeschränkten Möglichkeit, Preise nach oben anzupassen, einen Risikoaufschlag einkalkulieren.

Fazit: Der Preis für den Tankstellenkunden wird zum einen von staatlichen Abgaben bestimmt, daneben aber ganz wesentlich auch von Marktmechanik, Wettbewerb und der Preissetzungsstrategie der Tankstellen bzw. Mineralölunternehmen. Hier nur einen vermeintlichen Übeltäter zu nennen, wird der beobachteten Komplexität nicht gerecht und ist eher ein Mittel der Politik, um publikumswirksam vermeintlich Schuldige vorzuführen.

*

Abonniere den Kanal "Eckhards Blog By Dr.-G." auf WhatsApp

Montag, 5. Oktober 2026

Das Browser-Schlüsselloch

Kaum zu fassen, wie klein der relevante Teil für den Leser ist. Da steht ein riesiger Monitor vor mir, beachtliche Auflösung mit Millionen von Bildpunkten, und er wird dazu verwendet um Verweise, diverse Werbung, bunte Bildchen anzuzeigen, zusätzlich oft auch viel Freifläche. Lächerliche 4,9 Prozent der gesamten Fläche sind am Ende nur noch für mich als Leser verfügbar, der Rest ist entbehrliche und lästige Beigabe.

Browser-Schlüsselloch

Doch nein, die 95 Prozent sind ja nicht nur bunt lackiert, sie werden für die Generierung von Werbeeinnahmen genutzt, damit man den Artikel kostenfrei lesen kann. Und auf die heutigen Add-Blocker und Werbungsunterdrücker reagieren diese Seiten ziemlich verschnupft. Da wird das bisschen Inhalt auch noch ausgeblendet mit dem Hinweis, dass man doch bitte erst mal den Blocker ausschalten möge.

Natürlich, das wäre ja auch zu einfach gewesen. Und grundsätzlich klingt die Argumentation durchaus vernünftig. Da hat jemand etwas recherchiert, zusammengeschrieben, bebildert und einen messbaren Aufwand hineingesteckt und erwartet zu Recht eine Gegenleistung in Form einer adäquaten Bezahlung. Die in solchen Fällen gerne aus Werbeeinnahmen kommen kann. Doch das Verhältnis zwischen Nutzfläche und Zwangsrahmen ist dann doch erschreckend.

Ich stelle mir vor, das wäre auch im Fernsehen bei einem Spielfilm so. Dann würden pro Zeitstunde nur knapp 3 Minuten Film gezeigt, der Rest wäre irgendwelches Beiwerk in Form von Werbung, fremden Informationen oder sogar vorübergehendem Testbild. "Ja", wäre die Erklärung, "Sie können noch froh sein, dass wir das alles für Sie so fein organisieren. Ohne diese anderen Beiträge könnten Sie sich das Fernsehen gar nicht leisten, wären die Rundfunkbeiträge unbezahlbar und haben Sie mal darüber nachgedacht, was die Produktion von so einem Spielfilm kostet?"

Erschüttert stelle ich fest, dass ich ein Schnäppchen gemacht habe. Wohlmeinende Mitmenschen bieten mir hier zum Dumpingpreis eine ansonsten für mich unerschwingliche Leistung an und es ist ja wahr: Ich muss wachgerüttelt werden, weg von dieser Internet-ist-kostenlos-Mentalität. Und einer der Wege ist sicher das Erzwingen von Abos als Alternative zum 4,9-Prozent-Angebot.

Doch hupps, es gibt ja zu jeder technischen "Motivation" ein Gegenmittel. Ad-Blocker zum Beispiel. Viele von denen sind kostenlos und werden von den aufgerufenen Seiten erkannt. Einige kostenpflichtige sind wesentlich pfiffiger und machen ihren Job, ohne dass der Absender das merkt. Und wer geschickt ist, kann sich oft den gewünschten Inhalt auf eine separate Seite extrahieren lassen.

So oder so: Selbst seriöse Seiten ohne hinterliegende Abos oder andere absichtliche Lenkungsabsichten verschwenden den Bildschirmplatz. Immer größere Bildschirme, immer weniger real genutzte Fläche. Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie die Seite auf einem alten 14-Zoll-Röhrenmonitor aussähe. Warum wird so verschwenderisch Platz verpulvert, werden Leerflächen spendiert, alles mit Menüs vollgestopft oder entbehrliche Bildchen präsentiert.

Jedenfalls freue ich mich, wenn dieses Schlüsselloch-Design in Richtung Scheunentor (zurück-) entwickelt wird und damit wieder das im Mittelpunkt steht, wofür eine Webseite doch da sein sollte: Präsentation von Inhalt.

*

Abonniere den Kanal "Eckhards Blog By Dr.-G." auf WhatsApp

Montag, 28. September 2026

Sommerfest

Wir unterhalten uns über das Sommerfest. "Ganz gut", sage ich, "hier und da war noch merklich Verbesserungspotential, ich würde sagen Schulnote 'befriedigend'" - "Nö", sagt mein Kollege, "das sehe ich anders. Es war doch alles ausreichend." Ich muss grinsen, natürlich will er meine Note nicht von drei auf vier korrigieren, sondern vielmehr in die andere Richtung, sieht also als Gesamtbild eher eine zwei oder noch besser. Nur war die Formulierung ziemlich missverständlich.

Sommerfest

Die Unterhaltung geht noch eine Weile weiter, selbst bei Vergleich der einzelnen Programmpunkte oder der Organisation kommen wir nicht zum selben Ergebnis. Während ich zwar eine gewisse Grundzufriedenheit einräume, ist er der Meinung, dass alles wohlgelungen und dem Anlass angemessen ausstaffiert wurde. So unterschiedlich, stellen wir fest, kann das Urteil zu derselben Sache sein. Entscheidend sind ganz offensichtlich der individuelle Anspruch, aber auch die Erwartung.

Ein Sommerfest ist für mich ein herausgehobenes Event, da wird man angemessen erwarten können, dass auch herausgehoben organisiert und bewirtet wird. Ein besonderes und einfallsreiches Rahmenprogramm gehört für mich ebenso dazu wie eine sorgfältig vorbereitete und mit aktuellen Inhalten gespickte Begrüßung. Auch der weitgehend gelungene Versuch, verschiedene Bedarfe wie Ruhebedürfnis und Partystimmung zu befriedigen gehören mit dazu.

Währenddessen kommt mein Kollege von einem ganz anderen Startpunkt. Dass es überhaupt ein Fest gibt, ausreichend Nahrung zur Verfügung steht, ist total passend. Und wenn das eine oder andere Essensangebot schnell vergriffen ist: Dann wird schon nichts weggeworfen; satt wurde ja jeder. Okay, die Begrüßung wirkte ein wenig improvisiert, aber eigentlich auch ganz sympathisch, weil nicht durchgestylt. Einfach mal locker sehen, es ist ja schließlich Sommer. Und genug Alkohol gab es - wenn auch die Cocktailbar um zehn Uhr geschlossen wurde.

Wo stehen wir bei der Beurteilung? Positive Grundhaltung, Skeptiker, nüchterner Richter? Egal, denn entscheidend ist ja nicht nur diese Grundhaltung, sondern der Maßstab, den wir anlegen. Und der ist nun mal individuell sehr verschieden.

*

Abonniere den Kanal "Eckhards Blog By Dr.-G." auf WhatsApp

Montag, 21. September 2026

Saras Sicht: Wer hat Angst...

Saras Sicht: Wer hat Angst...
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

*
Die Tür fliegt auf, Sara kommt hereingerauscht. Ein wenig verspätet, und das kann sie nicht so recht leiden. Ich strahle sie an, versuche ihr Ruhe zu vermitteln und zu signalisieren, dass ich mich über sie freue, und dass eine kleine Verspätung überhaupt keine Rolle spielt. "Setz dich erst mal, mach es dir bequem, hattest du einen angenehmen Tag? Soll ich dir vielleicht heute mal eine Cola bestellen?"

Sie schnauft, ich sehe, wie die Hektik schon ein wenig abnimmt, dann: "Ja, das ist eine gute Idee, ich nehme eine Cola", und weiter: "Eigentlich hat alles geklappt, nur ein wenig viel Programm heute, viel Lauferei. Erinnerst du dich an 'Wer hat Angst vorm schwarzen Mann'?" - Ich denke kurz nach, "Ja, das haben wir als Kinder gespielt. In der Grundschule auf dem Pausenhof." - "Und? Was hast du dabei gedacht?"

"Ich hatte einen ziemlich dicken Mitschüler, den Udo, und ich hatte immer Angst, mit ihm zusammenzustoßen. Für mich war er der schwarze Mann, weil ich sicher war, dass ich bei einer Rempelei alle Knochen brechen würde." - "Aber Udo war nicht schwarz?" - "Nein, natürlich nicht, der wohnte in der Siedlung, sprach breites Kölsch und hatte immer fett belegte Pausenbrote dabei."

"Also kein Ausländer, Afrikaner, Zugezogener mit dunkelhäutigen Wurzeln?" Ich stutzte, was war das für eine komische Frage? Dann fiel der Groschen. "Ach so, du fragst wegen 'schwarzer Mann' und das wäre dann ein Afrikaner oder so. Nein, Udo war Ur-Kölner. Und vor allen Dingen habe ich gar nicht daran gedacht, dass der 'schwarze Mann' aus dem Spiel irgendwas mit Hautfarbe zu tun haben könnte. Es war einfach irgendeine Spielfigur, vor der man weglaufen musste, es hätte genausogut ein grüner Mann oder sonstwas sein können. Oder der Typ mit der roten Mütze."

"Das wird ja heute gerne kritisiert. Das man nicht nachdenkt. Sich nicht fragt, wer oder was der 'schwarze Mann' im Spiel ist. Und damit mehr oder weniger unwillkürlich negative Assoziationen weckt. Schwarz gleich gefährlich gleich Weglaufen, auch wenn wir das als Erwachsene dann etwas gedämpft erleben und manche Menschen nur eine unklare Angst vor andersfarbigen Personen entwickeln."

"Finde ich schon ziemlich weit hergeholt. Grundsätzlich ja, aber wenn du mir das als Kind erzählt hättest, hätte ich dich mit großen Augen angeschaut und gefragt, warum ich dieses lustige Spiel nicht mehr spielen darf. Warum Erwachsene so kompliziert sind und man nicht einfach auf irgendeinen Ruf hin über den Schulhof läuft und versucht, irgendwelchen Mitschülern auszuweichen. Und heute: Warum muss man über alles nachdenken, was dann früher oder später in Wortklauberei oder absurden Wortkreationen endet?"

Die Cola kommt. Wir unterhalten uns über Getränke, ob nun Coca-Cola oder Pepsi-Cola die bessere Wahl sind und ob überhaupt Cola eine Alternative zum gewohnten Cappuccino ist. Dann kommen wir noch mal auf unseren schwarzen Mann zurück.

"Gerade von den Kritikern und selbsternannten Hütern der nichtverletzenden Formulierungen, von denen, die ihre sprachliche Sensibilität vor sich hertragen wie andere ein Werbeplakat, gerade die verlangen, dass man gar nicht vorsichtig genug sein kann." Saras Rückkehr zu unserem heutigen Thema zeigt, dass es sie immer noch beschäftigt. Ich lasse es noch mal an mir vorbeiziehen, dann: "Einerseits kann ich diesen Standpunkt verstehen, auch durch harmlos gemeinte Wortwahl kann man unerwünschte Stimmung machen, in den Ohren eine ganz andere Botschaft erzeugen. Da ist dann der schwarze Mann der unerwünschte Fremdling, der aus dem Land geworfen gehört. Wasser auf die Mühlen von politisch Rechten."

"Ja, und andererseits?" - "Andererseits empfinde ich es als Eingriff in die freie Wortwahl, vielleicht sogar die Meinungsfreiheit. Ist es nicht auch eine Art von Zensur, wenn ich das Wort 'Negerkuss' nicht mehr verwenden darf? Ganz unabhängig von der Begründung?" - "Genau darauf wollte ich hinaus. Du hast mir von der Schule erzählt, vom schwarzen Mann, der weiß ist und Udo heißt, eine Figur in einem Kinderspiel, das offensichtlich erst nach Jahrzehnten, nämlich heute, bei dir die Verbindung mit Dunkelhäutigen und so weiter schafft."

"Manchmal denke ich, wir arbeiten uns viel zu sehr an Symptomen ab. Da erlebe ich den Mut, harmlos gemeinte Wörter scharf zu kritisieren, bei echter Diskriminierung aber wegzuschauen oder nur sehr zögerlich zu reagieren. Da kommt dann plötzlich ins Spiel, dass manche Kritik gerade in Mode ist und man sich der Zustimmung der Mitmenschen sicher sein kann, andere Kritik ist eine Einzelmeinung und erfordert Rückgrat."

"Denkst du auch an dieser Stelle an Ausländer, oder korrekt formuliert ‚Menschen mit Migrationshintergrund?‘" - "Ich denke vor allem, dass du bestimmt auch schmunzeln musst, wenn du dieses Wortungetüm verwendest. Bietet es sich nicht an, jemand, der aus dem Ausland kommt als Ausländer zu bezeichnen? Ist es nicht sogar im Gegenteil abwertend, ihm einen Migrationshintergrund zu unterstellen, also anzunehmen, dass er migriert und dass dies sein Hintergrund ist?"

Wir müssen beide lachen, die Diskussion verläuft sich ein wenig ins Absurde.

*

Abonniere den Kanal "Eckhards Blog By Dr.-G." auf WhatsApp