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„Stell dir vor“, lädt mich Sara zu ihren Eindrücken der letzten Tage ein, „da war doch neulich Weltfrauentag. Viele Diskussionen zu Frauen, Gleichberechtigung, Gleichbehandlung, möglichen Lebensentwürfen, aber auch Unterdrückung, Bildungsausschluss und sexueller Ausbeutung.“
„Ich glaube, es gibt verschiedene Ursachen, warum das Thema so unterschiedlich, zum Teil sogar ausweichend behandelt wird. Entscheider, traditionell Männer, die mit dem Status Quo sehr zufrieden sind, weil sie davon Vorteile haben.“
„Sind es denn wirklich Vorteile? Ist Unterdrückung ein Vorteil? Was habe ich davon, wenn ich einen anderen Menschen in seiner Entwicklung behindere? Das macht doch nur Sinn, wenn ich dadurch meine Macht ausbauen oder zumindest erhalten kann. Ist diese ganze Frauendiskussion am Ende eine Diskussion um Macht?“
Ich lasse Saras Gedanken auf mich wirken, geht es wirklich nur um Macht, ist das eine Triebfeder, die alle Menschen oder zumindest alle Männer antreibt: Streben nach Macht. Oder ist bei den Personen, bei denen dieses Ziel fehlt auch das Problem von Ignoranz und Ungleichbehandlung von Frauen automatisch mit erledigt?
„Deine Überlegungen sind plausibel, aber ich glaube, sie erfassen nur einen Teil der aktuellen Debatte. Wir haben abhängig von Kulturen und Herkünften sehr unterschiedliche Ansätze zum Zusammenspiel von Mann und Frau. Dabei ist aber eine Differenzierung nicht unbedingt eine Herabstufung. Stärken und Schwächen zu erkennen, auszugleichen und im Idealfall eine leistungsfähige Kombination hinzubekommen ist doch optimal.“
So einfach lässt Sara das nicht stehen: „Dein Idealbild in Ehren, aber sobald man verallgemeinert wird es problematisch. Wenn man aus Stärken in Empathie eine bessere Erzieherrolle ableitet und daraus folgert, dass ausschließlich Frauen für Kinder da zu sein haben, ist das im Einzelfall kompletter Blödsinn. Und wenn man diesen Blödsinn durch Gesetze stabilisiert und die Rolle damit verbindlich festlegt, kommen starre Gebilde heraus, die eben nicht optimal sind.“
„Klares ‚Ja‘ von meiner Seite. Nebenbei bemerkt werden Männer zum Teil auch ein wenig missbraucht, weil sie im klassischen Bild die geborenen Handwerker sind, auch wenn sie noch so ungeschickt sind und zwei linke Hände haben… Aber noch mal zurück: Abgesehen von der Arbeitsteilung oder einer wie auch immer gearteten starren Vorgabe haben wir es auch mit Dingen zu tun, die für mich nicht zur Diskussion stehen. Verweigerung von Bildung oder Reduzierung auf Reproduktionsobjekte gehen nicht – egal in welcher Kultur.“
„Stimmt, das müssen wir wieder unter das Stichwort des Machterhaltes fassen. Durch Gesetze, die Männer erlassen, wird ihre Machtposition erhalten oder sogar ausgebaut. Relativ leicht und gegenüber rund der Hälfte der Gesellschaft. Wenn das mein Ziel ist, dann liegen deine Ansätze der Diskriminierung nahe.
Aber nicht jede Differenzierung ist auch gleich eine Diskriminierung. Warum sollten Frauen nicht für gewissen Versicherungen mehr bezahlen als Männer, bei anderen weniger. Wenn die Statistik zeigt, dass die Schadensbilanz geschlechtsspezifisch ist, dann muss man das doch einpreisen dürfen. Hier endet für mich die Gleichmacherei.“
„Möglicherweise muss man das wie andere Gleichberechtigungsthemen sehen. Vielleicht etwas über das Ziel hinausgeschossen, aber notwendig, um das Gesamte voranzubringen.“
Sara beugt sich vor, ein Zeichen dafür, dass sie in Kampflaune gerät. „Meinst du wirklich, dass man Gleichberechtigung dadurch erreicht, dass man auf jegliche sinnvolle, in vielen Fällen sogar mit Zahlen belegbare Differenzierung verzichtet? Frauen sind nun mal anders als Männer, das können selbst eingefleischte Feministinnen nicht bezweifeln. Ich sperre mich gegen jede generelle Bewertung, aber ich sperre mich auch gegen generelles Ignorieren von Unterschieden.“
„Frauen sollten für die gleiche Arbeit das gleiche Geld bekommen, so wie auch Männer ohne Unterscheidung gleich bezahlt werden.“ – Sara stöhnt. „Jetzt kommt wieder diese vermeintlich logische Diskussion zur Bezahlung. Nein, nein, da bin ich anderer Meinung. Auch wenn es nicht populär ist, eigentlich muss jeder einzelne Mitarbeiter unterschiedlich bezahlt werden. Natürlich nicht primär orientiert am Geschlecht, aber es kann in die Entscheidung einfließen.“
„Wie meinst du das, soll jetzt jeder Arbeitnehmer sein Einkommen individuell verhandeln? Ist es nicht ein wünschenswerter Antritt, wenn es keinen ‚Nasenfaktor‘ gibt, sondern nach tatsächlicher Leistung bezahlt wird? Und warum sollte dabei das Geschlecht eine Rolle spielen?“
Sara ist in Fahrt geraten: „Das will ich dir sagen. Weil bei den wenigsten Tätigkeiten nur die Leistung eine Rolle spielt. Daneben ist auch das Potential von Interesse. Selbst wenn ich am Fließband arbeite ist die Frage, ob ich mal eben an einer anderen Position eingesetzt werden kann oder nur genau meinen definierten Handgriff ausführen kann. Ob ich zu den Abläufen Verbesserungen vorschlage oder auch nach jahrelanger Ausführung nicht über die reine Umsetzung herausgekommen bin.“
„Ich verstehe. Und das siehst du auch bei Frauen versus Männern, richtig?“ – „Ja, klar. Noch mal ein unpopuläres Statement: Eine gut aussehende Frau geschickt eingesetzt kann Verhandlungen beeinflussen, durch ihr Aussehen Argumente relativieren. Mangelnde Fachkompetenz wird ihr viel eher verziehen als dem protzenden Fachmann neben ihr.“
„Das klingt nach einem Vorteil, der durchaus in den meisten Fällen geschlechtsspezifisch ist. Obwohl es sicher auch attraktive Männer gibt, die vielleicht bei Auftritten vor Frauenteams gewissen Vorteile ausspielen können.“
Sara kommt wieder zur Ruhe. „Ja, schon. Aber wir kommen zu einem Kritikpunkt, oder sagen wir meinem Kritikpunkt, wenn ich Weltfrauentag höre. Da treten Frauen auf die Bühne und berichten von den Nachteilen, die sie wahrnehmen. Beschweren sich über die Ungleichbehandlung und fordern eine Angleichung an ihre männlichen Kollegen. Was sie übersehen oder vielleicht sogar bewusst auslassen sind die Vorteile, die sie haben. Denn so schwach ist mein Geschlecht gar nicht, es hat seine Muskeln nur an anderen Stellen.“
Ich muss grinsen, proste ihr mit der inzwischen leeren Cappuccino-Tasse zu und lasse sie augenzwinkernd wissen, dass ich ihr demnächst einen Rasierapparat für die Haare auf den Zähnen und eine kugelsichere Weste für kämpferisches Zusammentreffen mit Geschlechtsgenossinnen bestelle.
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