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Normalerweise ist unser Cafe ruhig, der Fernseher an der Wand ist ausgeschaltet, vermutlich wurde er mal für eine Fußball-Meisterschaft aufgehängt. Aber heute ist er eingeschaltet, es läuft irgendein Nachrichtensender, der Bilder aus einem Krisengebiet zeigt. Staub überall, Autowracks, Ruinen oder zerschossene Fassaden.
Wie gebannt schauen wir auf die Bilder. Zwischen den kaputten Häusern und löchrigen Straßen stehen und patrouillieren vermummte Männer mit Waffen im Anschlag. Sie haben grimmige Gesichter, besonders intellektuell wirken sie nicht gerade. Man möchte nicht mit ihnen in Diskussion geraten, vermutlich ist man schneller tot als man denken kann.
„Schrecklich“ stößt Sara hervor, „einfach schrecklich, schrecklich, schrecklich.“ Die Kamera schwenkt weiter, wie gut, dass tausende Kilometer zwischen uns liegen, keine noch so fehlgeleitete Kugel kann uns in unserem Cafe erwischen. „Menschen, deren einziger Lebensinhalt durch Parolen bestimmt wird, deren Macht sie aus der Waffe in ihrer Hand ableiten, deren Rechtfertigung im Befolgen von Befehlen besteht.“
„Sie haben eine andere Grundeinstellung, ein Weltbild voller Feinde, die sie bekämpfen müssen.“ – „Woher“, will Sara wissen, „woher kommen denn die Feinde? Was macht einen Menschen zu einem Feind? Weil er mir Essen klaut, mir nach dem Leben trachtet, mich zumindest verletzen will oder mich vergewaltigt. Aber weil er etwas anderes glaubt, weil er an einem anderen Ort geboren wurde, weil er andere Befehle bekommen hat?“
„Für Menschen ohne Verständnis für Kriege ist das vielleicht schwierig zu verstehen. Im Kern geht es um Macht, um Übernahme von Führung von möglichst vielen Untertanen und über möglichst große Gebiete. Dafür wird eine Hierarchie aufgebaut und durch allerlei Maßnahmen stabilisiert.“
Sara grätscht in die Diskussion: „Was du Hierarchie nennst, ist für mich eine tierische Form der Rangreihenfolge, eine Hackordnung wie auf dem Hühnerhof. Ein Konzept was dort funktioniert, kann man auch auf Menschen anwenden, wie man immer wieder sehen kann. Da muss man gar nicht an den ausgefuchsten Apparat im Hitlerregime denken, selbst in gemäßigten Militärs ist das zu finden.
Und weißt du, was man auch noch häufig erkennen kann? Es scheint zutiefst menschlich zu sein, deshalb bilden sich oft auch radikale Splittergruppen. Milizen und ideologische Fanatiker, die ihrer Überzeugung folgend terrorisieren, foltern, töten.“
„Sara,“ sage ich beschwichtigend, „ist denn eine Welt voller Frieden überhaupt möglich oder auch nur denkbar? Wenn es wie du sagst in der menschlichen Natur liegt, wird dann in Friedenszeit dieser Trieb nur unterdrückt oder umgeleitet, bricht sich dann mit Kriegsbeginn seinen Weg?“
„Komme ich gleich drauf zurück. Zu Kriegen fällt mir nämlich ein, wie groß das Spannungsfeld zwischen Kampf und Frieden ist, wie geradezu schizophren argumentiert wird. Da wird ein Krieg geführt, um Frieden zu erhalten oder herbeizuführen. Oder die göttliche Liebe mit Gewalt missionarisch zu verbreiten. Wie war das noch bei den Kreuzzügen?“
„Zugegeben, kein Ruhmesblatt, und es zeigt, dass wir nicht nur zu anderen Kulturen und Religionen schauen müssen. Auch wir abendländischen Christen haben genug Dreck am Stecken.“ – „Was kein Wunder ist, denn es steckt wie gesagt mehr oder weniger in jedem von uns. Manifestiert sich aber von der Logik erst dann, wenn wir mindestens zu zweit sind. Allein auf einer einsamen Insel führen wir keinen Krieg, selbst in sehr kleinen Gruppen ist ein Krieg höchst unwahrscheinlich.“
„Woran liegt das deiner Meinung nach?“ – „Kleine Gruppen sind aufeinander angewiesen, Konflikte führen zu Schwächung, die man sich nicht leisten kann. Und es gibt genug Ausweichmöglichkeit, eventuell spaltet sich eine neue Gruppe ab. Gegen die man dann Krieg führen kann.“
„Und in Friedenszeiten? Wie können wir das, was wir Frieden nennen denn konservieren?“ – „Gute Frage, denn wir sehen ja gerade am Beispiel der USA, dass militärische Aktivitäten als Teil einer Friedenszeit verstanden werden. Koreakrieg, Vietnamkrieg, Golfkrieg, Afghanistan und so weiter.“
„Eben. Die Initiative zu Kampf und kriegerischen Handlungen wird immer wieder gestartet. Haben wir vor unserem geschichtlichen Hintergrund in Deutschland also einfach nur Glück, dass jeder Antritt im Keim erstickt wird?“
„Das mag eine Rolle spielen“ überlegt Sara, „ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Vielleicht ist es aber auch wichtig, dass die Menschen hier ein Ventil haben. Egal wie, sei es in teilweise ausartenden Demonstrationen, sei es bei Krawallen zu irgendwelchen plötzlich in den Mittelpunkt tretenden Themen oder auch Hooligans bei Fußballspielen. Abreagieren, weil ein Mensch mir gegenüber die falsche Fahne in der Hand hat.“
„Upps“, schlüpft mir heraus, „Hooligans als Ventil, als Militärersatz, als heimlich den Frieden stabilisierendes Element? Ziemlich steile These, aber vielleicht ist etwas dran. Grundsätzlich legal kann ich da sozusagen die Grundidee eines Krieges ausleben, was hier Fanclub heißt, ist dort das Vaterland, das es zu verteidigen gilt.“
Sara seufzt. „Manchmal würde ich mich freuen, wenn die Bilder sich nicht so ähnelten.“
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