Montag, 27. Juli 2026

Saras Sicht: Kleidung


Saras Sicht: Kleidung
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Heute hat Sara einen Hut auf, daran wie Robin Hood eine Feder, die im Wind ihrer schnellen Bewegung weht. Der Rest sieht auch aus, als ob sie auf Jagd gehen wollte, mitten in der Stadt scheint sie ihre Leidenschaft für Natur entdeckt zu haben. Grüner Mantel und rotbraune Stiefel unterstreichen ihr Outfit passend zu einem Jagdausflug.

„Was hast du vor?“ will ich von ihr wissen, „hast du noch eine Verabredung mit der Jagdgenossenschaft?“ Sie schaut mich etwas verärgert an, runzelt die Stirn und „Nein, keine Jagdgenossenschaft. Ich stehe nicht so sehr auf die Altherrengesellschaften oder deren zivilisierte Drogenexzesse mit Zigarre und sündhaft teuren Alkoholika.“

„Okay, aber du bist schon recht extravagant angezogen. Oder ist das dein neuer Business-Look?“- „Du hast Recht, ich gehe nicht ins Büro. Aber ich will einen Gegenpol darstellen.“ Sie macht bewusst eine Pause, damit ich die erwartete Frage stellen kann, ich tue ihr den Gefallen: „Gegenpol wozu?“

„Zu Jogginghosen, Hoodies, Schlappen. Schlabberlook halt. Dieser ganze weitgehend unförmige Stoffkram, der auch gar nicht zum eigenen Körper mit seinen Formen oder zu den Gelegenheiten passen muss.“

„Du meinst Kleidung als Ausdruck, als Gestaltungselement?“ Ganz offensichtlich habe ich den Kern getroffen, Sara strahlt mich an: „Ja, genau. Vor dem Kleiderschrank stehen, über die Situation nachdenken, für die ich mich anziehe und dann dazu passend und in sich stimmig Oberteile und Hose, Schuhe und sogar die Unterwäsche auswähle.“

„Ziemlich mühsam, viele Menschen, vor allem Männer, haben ihre Lieblingsklamotten, in denen sie sich wohlfühlen. Ein weiches Sweatshirt, dazu eine bequeme Jeans und weiße Sneakers. Fertig. Warum Kleiderschrank, anstrengende Entscheidungsprozesse und am Ende kneift dann auch noch die Unterhose?“

„Ich gebe zu, dass ich manchmal abends auch froh bin, wenn ich die Schuhe ausziehe. Aber das ist dann eben zu Hause, vor der Tür hat gutes Aussehen Vorrang. Das ist für mich ein Teil von Kultur, gelegentliche Opfer gehörten leider mit dazu. Ich sehe mich selbst lieber in gepflegter Kleidung und ich stelle mir vor, dass zumindest ein Teil meiner Mitmenschen es auch registriert. Und sei es nur als unbewusste Wertschätzung meiner Beschäftigung mit meinem Außenbild. Ich demonstriere ja offensichtlich, dass es mir nicht egal ist.“

„So habe ich das bisher noch nicht gesehen. Klar, der eine hat Geschmack und sieht in seiner Kleidung gut aus, ein anderer ist modischer Legastheniker. Es gibt Menschen, denen kannst du so ziemlich alles umhängen und sie sind ein Blickfang, aber es gibt eben auch die Typen, bei denen der Anzug schon auf Maß gefertigt sein muss.“

„Yes, Kollege“, Sara beugt sich über den Tisch zu mir und ihre Stimme wird leiser, „das Elend und der Niedergang hat schon von Jahren begonnen, als Schlipse gelockert und Hemden aufgeknüpft wurden. Dann verschwand der Schlips und untenrum wurde die Jeans gesellschaftsfähig. Denim nicht nur als robuste Alltagskleidung, sondern rein in den Büroalltag, in die Etagen der Menschen, die bis dahin durch hochwertige Kleidung gepunktet hatten.

Und so ging es weiter, Anzug ganz weg, immerhin noch ein Hemd und jetzt: Hoodie. Auf einmal sehen IT-Vorstände so aus wie vor ein paar Jahre irgendwelche zwielichtigen Hacker.“ Kurze Pause, sie grinst mich an: „Vielleicht ist der Unterschied ja auch gar nicht so groß.“

Wir müssen beide lachen, weiter geht die Diskussion, was die Veränderung eingeleitet und im weiteren Verlauf befeuert hat, Corona als Katalysator, auch Homeoffice spielt aus unserer Sicht eine Rolle. Und die Erkenntnis, dass es auch bei Kleidung Gegenbewegungen gibt. Und seien es trotzige Erwachsene, die sich ohne konkreten Anlass in Jagdkleidung werfen.

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Montag, 20. Juli 2026

Saras Sicht: Political correctness

Saras Sicht: Political corretness
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Mitten im Jahr ist mal wieder ein Tag mit Aprilwetter. Man kann den Regenschirm auch mal als Sonnenschirm verwenden, Kleidung im Idealfall nach dem Zwiebelprinzip auswählen und überhaupt alles genießen, was die Natur gerade anbietet.

Mutig haben wir uns vor das Cafe unter eine Markise gesetzt, gerade kam ein kurzer Regenschauer, aber bis auf ein paar Spritzer sind wir trocken geblieben. Wie als Entschuldigung des Himmels kommt jetzt wieder die Sonne heraus.

„Sonne, mach mich Neger!“ flüstert Sara vor sich hin. – „Was hast du gerade gesagt? Du hast doch nicht etwa das N-Wort verwendet?“

Sara blinzelt mich an. „Ähm, was?“, und nach ein paar Sekunden: „Das mit der Sonne haben wir als Jugendliche gesagt, im Freibad auf der Liegewiese, wenn wir im Frühsommer als Bleichlinge auf den Handtüchern gelegen haben und eine möglichst schöne Bräune bekommen wollten. Hautfarbe wie die Neger halt.“

„Aber Neger darf man nicht mehr sagen. Das ist politisch nicht korrekt. Du müsstest den Spruch von damals ändern in ‚Sonne, bräun mich!‘ oder so. Jedenfalls ohne Verweis auf Menschen anderer Hautfarbe.“

„Ich weiß, dass du nur das zitierst, was in der Gesellschaft die Runde macht. Wir wissen beide, dass das Wort ursprünglich neutral war, von ‚negro‘ oder ‚niger‘ abgeleitet ist und damit eine reine Tatsachenbeschreibung darstellt. Dann wurde es aber belastet, weil es im Rahmen von Rassentheorien verwendet wurde. Was vielleicht auch noch nicht problematisch wäre, wenn hieraus keine Wertung abgeleitet worden wäre.“

„Eine komische, verquere, verformende Logikkette, die wir an diesem Beispiel sehen. Erst neutral, dann wissenschaftlich untersucht, dann mit einer Werteskala versehen, dann missbraucht und schließlich de facto verboten.“

Sara sieht mich entsetzt an. „Ein erschreckender Werdegang. Und dazu kann es nur kommen, weil an mehreren Stellen etwas schiefläuft. Der erste Fehler besteht darin, dass aus einer hoffentlich nüchternen wissenschaftlichen Darstellung eine Bewertung abgeleitet wird. Die ‚negride Rasse‘ ist minderwertig und darf auch so behandelt werden.

Und im weiteren Verlauf besteht der zweite Fehler darin, dass nicht nur diese Bewertung wieder in die Wissenschaft zurückgeführt und von Abwertung befreit wird. Sondern der Begriff nun samt seinem Umfeld komplett verboten und tabuisiert wird.“

„Sagen wir mal so“, ergänze ich, „eine unverkrampfte und die Vergangenheit konstruktiv aufarbeitende Debatte ist aus dieser Lage heraus ziemlich schwierig…“ - „… und wird statt dessen durch eine inoffizielle Hetzjagd ersetzt, in der jeder scharf angegangen wird, der ohne böse Absicht das ursprünglich neutrale Wort verwendet.“

Und wo Sara schon mal in Schwung ist geht es sofort weiter: „Da darf ich im Internet wahrscheinlich intimste Details meines Liebeslebens mit Sadomaso-Vorlieben ausrollen und jeder wird das als mehr oder weniger peinliche, aber zulässige Darstellung akzeptieren. Wenn ich aber zum Abschluss der Peitschenspiele einen Mohrenkopf in das Gesicht meines Partners drücke, dann ist der Teufel los. Schließlich ist es ja kein Mohrenkopf, sondern ein Schokoschaumgebäck.“

„Nun reg dich nicht auf, wenn man die Förderer der Kampagnen für politische Korrektheit anhört, dann geht es ihnen im ersten Schritt um eine Sensibilisierung…“ – „… die dann bis zu einer Zensur, vorauseilender Selbstzensur, fragwürdigen Anklagen und belastenden Abmahnungen führen kann.

Wusstest du, dass das Thema öffentlich so viel Fahrt aufgenommen hat, dass natürlich auch dafür schon wieder ein Markt im Internet entstanden ist? Da gibt es ein Glossar für diskriminierungssensible Sprache, ein Sprache-politisch-korrekt-Lexikon und diverse Institutionen von Behörden bis zu Übersetzungsbüros stellen ihre Sichtweise als Stein der Weisen dar.“

„Sieht man das Internet als Spiegel der Zeit, dann wundert mich das überhaupt nicht. Aber wir sollten uns nicht verschrecken lassen. Auch wenn nicht immer erwünscht, heißt es auch hier Augenmaß zu bewahren. Herabwürdigung und Beleidigung sind nicht ok, aber ich bezweifle, dass jeder Dunkelhäutige den Begriff Neger beim Feierabendbier mit dem befreundeten hellhäutigen Arbeitskollegen als Problem empfindet. Entkrampfung also an Stelle von Verboten.“

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Montag, 13. Juli 2026

Saras Sicht: Weltfrauentag

Saras Sicht: Weltfrauentag
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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„Stell dir vor“, lädt mich Sara zu ihren Eindrücken der letzten Tage ein, „da war doch neulich Weltfrauentag. Viele Diskussionen zu Frauen, Gleichberechtigung, Gleichbehandlung, möglichen Lebensentwürfen, aber auch Unterdrückung, Bildungsausschluss und sexueller Ausbeutung.“

„Ich glaube, es gibt verschiedene Ursachen, warum das Thema so unterschiedlich, zum Teil sogar ausweichend behandelt wird. Entscheider, traditionell Männer, die mit dem Status Quo sehr zufrieden sind, weil sie davon Vorteile haben.“

„Sind es denn wirklich Vorteile? Ist Unterdrückung ein Vorteil? Was habe ich davon, wenn ich einen anderen Menschen in seiner Entwicklung behindere? Das macht doch nur Sinn, wenn ich dadurch meine Macht ausbauen oder zumindest erhalten kann. Ist diese ganze Frauendiskussion am Ende eine Diskussion um Macht?“

Ich lasse Saras Gedanken auf mich wirken, geht es wirklich nur um Macht, ist das eine Triebfeder, die alle Menschen oder zumindest alle Männer antreibt: Streben nach Macht. Oder ist bei den Personen, bei denen dieses Ziel fehlt auch das Problem von Ignoranz und Ungleichbehandlung von Frauen automatisch mit erledigt?

„Deine Überlegungen sind plausibel, aber ich glaube, sie erfassen nur einen Teil der aktuellen Debatte. Wir haben abhängig von Kulturen und Herkünften sehr unterschiedliche Ansätze zum Zusammenspiel von Mann und Frau. Dabei ist aber eine Differenzierung nicht unbedingt eine Herabstufung. Stärken und Schwächen zu erkennen, auszugleichen und im Idealfall eine leistungsfähige Kombination hinzubekommen ist doch optimal.“

So einfach lässt Sara das nicht stehen: „Dein Idealbild in Ehren, aber sobald man verallgemeinert wird es problematisch. Wenn man aus Stärken in Empathie eine bessere Erzieherrolle ableitet und daraus folgert, dass ausschließlich Frauen für Kinder da zu sein haben, ist das im Einzelfall kompletter Blödsinn. Und wenn man diesen Blödsinn durch Gesetze stabilisiert und die Rolle damit verbindlich festlegt, kommen starre Gebilde heraus, die eben nicht optimal sind.“

„Klares ‚Ja‘ von meiner Seite. Nebenbei bemerkt werden Männer zum Teil auch ein wenig missbraucht, weil sie im klassischen Bild die geborenen Handwerker sind, auch wenn sie noch so ungeschickt sind und zwei linke Hände haben… Aber noch mal zurück: Abgesehen von der Arbeitsteilung oder einer wie auch immer gearteten starren Vorgabe haben wir es auch mit Dingen zu tun, die für mich nicht zur Diskussion stehen. Verweigerung von Bildung oder Reduzierung auf Reproduktionsobjekte gehen nicht – egal in welcher Kultur.“

„Stimmt, das müssen wir wieder unter das Stichwort des Machterhaltes fassen. Durch Gesetze, die Männer erlassen, wird ihre Machtposition erhalten oder sogar ausgebaut. Relativ leicht und gegenüber rund der Hälfte der Gesellschaft. Wenn das mein Ziel ist, dann liegen deine Ansätze der Diskriminierung nahe.

Aber nicht jede Differenzierung ist auch gleich eine Diskriminierung. Warum sollten Frauen nicht für gewissen Versicherungen mehr bezahlen als Männer, bei anderen weniger. Wenn die Statistik zeigt, dass die Schadensbilanz geschlechtsspezifisch ist, dann muss man das doch einpreisen dürfen. Hier endet für mich die Gleichmacherei.“

„Möglicherweise muss man das wie andere Gleichberechtigungsthemen sehen. Vielleicht etwas über das Ziel hinausgeschossen, aber notwendig, um das Gesamte voranzubringen.“

Sara beugt sich vor, ein Zeichen dafür, dass sie in Kampflaune gerät. „Meinst du wirklich, dass man Gleichberechtigung dadurch erreicht, dass man auf jegliche sinnvolle, in vielen Fällen sogar mit Zahlen belegbare Differenzierung verzichtet? Frauen sind nun mal anders als Männer, das können selbst eingefleischte Feministinnen nicht bezweifeln. Ich sperre mich gegen jede generelle Bewertung, aber ich sperre mich auch gegen generelles Ignorieren von Unterschieden.“

„Frauen sollten für die gleiche Arbeit das gleiche Geld bekommen, so wie auch Männer ohne Unterscheidung gleich bezahlt werden.“ – Sara stöhnt. „Jetzt kommt wieder diese vermeintlich logische Diskussion zur Bezahlung. Nein, nein, da bin ich anderer Meinung. Auch wenn es nicht populär ist, eigentlich muss jeder einzelne Mitarbeiter unterschiedlich bezahlt werden. Natürlich nicht primär orientiert am Geschlecht, aber es kann in die Entscheidung einfließen.“

„Wie meinst du das, soll jetzt jeder Arbeitnehmer sein Einkommen individuell verhandeln? Ist es nicht ein wünschenswerter Antritt, wenn es keinen ‚Nasenfaktor‘ gibt, sondern nach tatsächlicher Leistung bezahlt wird? Und warum sollte dabei das Geschlecht eine Rolle spielen?“

Sara ist in Fahrt geraten: „Das will ich dir sagen. Weil bei den wenigsten Tätigkeiten nur die Leistung eine Rolle spielt. Daneben ist auch das Potential von Interesse. Selbst wenn ich am Fließband arbeite ist die Frage, ob ich mal eben an einer anderen Position eingesetzt werden kann oder nur genau meinen definierten Handgriff ausführen kann. Ob ich zu den Abläufen Verbesserungen vorschlage oder auch nach jahrelanger Ausführung nicht über die reine Umsetzung herausgekommen bin.“

„Ich verstehe. Und das siehst du auch bei Frauen versus Männern, richtig?“ – „Ja, klar. Noch mal ein unpopuläres Statement: Eine gut aussehende Frau geschickt eingesetzt kann Verhandlungen beeinflussen, durch ihr Aussehen Argumente relativieren. Mangelnde Fachkompetenz wird ihr viel eher verziehen als dem protzenden Fachmann neben ihr.“

„Das klingt nach einem Vorteil, der durchaus in den meisten Fällen geschlechtsspezifisch ist. Obwohl es sicher auch attraktive Männer gibt, die vielleicht bei Auftritten vor Frauenteams gewissen Vorteile ausspielen können.“

Sara kommt wieder zur Ruhe. „Ja, schon. Aber wir kommen zu einem Kritikpunkt, oder sagen wir meinem Kritikpunkt, wenn ich Weltfrauentag höre. Da treten Frauen auf die Bühne und berichten von den Nachteilen, die sie wahrnehmen. Beschweren sich über die Ungleichbehandlung und fordern eine Angleichung an ihre männlichen Kollegen. Was sie übersehen oder vielleicht sogar bewusst auslassen sind die Vorteile, die sie haben. Denn so schwach ist mein Geschlecht gar nicht, es hat seine Muskeln nur an anderen Stellen.“

Ich muss grinsen, proste ihr mit der inzwischen leeren Cappuccino-Tasse zu und lasse sie augenzwinkernd wissen, dass ich ihr demnächst einen Rasierapparat für die Haare auf den Zähnen und eine kugelsichere Weste für kämpferisches Zusammentreffen mit Geschlechtsgenossinnen bestelle.

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Montag, 6. Juli 2026

Saras Sicht: Streiks und Demos

Saras Sicht: Streiks und Demos
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Meine Sara scheint sich heute zu verspäten, ich sitze schon eine Weile im Cafe, schaue aus dem Fenster. Könnte mal wieder geputzt werden, aber das ist ja eigentlich egal, solange man einen anständigen Cappuccino bekommt und sich gepflegt unterhalten kann.

Merklich genervt kommt Sara hereingestürmt. Ihre sonst kaum erschütterliche Ruhe geht ihr heute völlig ab. „Stell dir vor, jetzt streiken die auch noch“ schreit sie mich fast an. – „Ja, sage ich, bei Bussen und Straßenbahnen muss man heute Geduld mitbringen.“

„Geduld?“ faucht sie mich an, „Geduld ist das eine. Aber es ist das Grundverständnis. Ich habe keine Lust an einer zugigen Haltestelle zu warten, weil jemand anders sich streiten will. Weil sich ein Trupp von Menschen von ihrer Arbeit distanziert, um mehr Geld zu erpressen.“

„Aber Streiks sind ein zugelassenes, anerkanntes und in der Demokratie übliches Mittel, um gewissen Forderungen Nachdruck zu verleihen.“ – „Für mich ist das Erpressung, ich verstehe nicht, warum es an der Stelle zulässig ist, aber wenn ich dir den Finger verdrehe bis es weh tut, damit du meinen Cappuccino bezahlst ist es plötzlich nicht in Ordnung.“

„Es ist ja keine Handlung eines einzelnen, es geht um die Neuverhandlung von Verträgen, die dann für alle gelten. Von Gewerkschaften geschützte Lohnverhandlungen oder Aushandlung von Urlaubstagen und Wochenarbeitsstunden. Immer für eine ganze Gruppe von Betroffenen.“

„Trotzdem Erpressung. Und obendrein auf dem Rücken von nicht Betroffenen. Wenn sie fertig gestreikt und verhandelt und mit ihren Trillerpfeifen Radau gemacht haben, dann werde ich als Kunde wieder normal transportiert. Ob sie ihre Lohnerhöhung, mehr Urlaubstage oder weniger Stunden erstritten haben merke ich überhaupt nicht. Nur, dass ich zwischenzeitlich in der Kälte stehe.“

„Sollten sie besser demonstrieren statt zu streiken?“ – „Ja, nein, im Grunde verstehe ich das genauso wenig. Da wird kompliziert ein System aufgebaut, in dem Stimmen aggregiert, Mehrheiten gebildet und über Vertreter dann deren Meinungen umgesetzt werden sollen. Und in diesen Prozess schaltet sich jetzt sozusagen von der Seite eine Minderheit ein, die einfach nur lauter und auffälliger ist.“

„Wenn Demos friedlich verlaufen, dann machen sie schadensfrei auf eine andere Meinung aufmerksam, sensibilisieren für alternative Ansätze und sorgen so für Vielfalt und eine Ergänzung zu vorhandenen Wegen.“

„Du willst mir nicht erzählen, dass Demonstrationen nur der Meinungsdarstellung dienen. Sie stellen Forderungen, stellen sich getroffenen Entscheidungen in den Weg oder versuchen in Entscheidungsprozesse einzugreifen. Lautstärke und Parolen statt Beschreitung strukturierter Wege und Befolgung gemeinschaftlich beschlossener Prozesse.

Und es liegt in ihrer Natur, dass sie von Minderheiten initiiert werden. Wären es Mehrheiten, bräuchten sie keine Demonstrationen, weil sie ihre Vorstellungen ja über Mehrheitswege umsetzen könnten. Also auch hier eine Form von Erpressen von Forderungen an anderen vorbei mit dem Fokus auf eigene Interessen.“

„Du übersiehst, dass wir diese Instrumente brauchen, um die grundsätzlich in unserer Grundordnung verankerten Abläufe austarieren zu können. Wie schnell können sich Mehrheiten ändern, ist aber auch das Anstoßen von Veränderungen zunächst aus einer Nische heraus unentbehrlich. Denk mal an den Umweltschutz, der vor einigen Jahrzehnten noch gar kein Thema war und erst durch Druck von einer grünen Randgruppe in die Mitte der Gesellschaft gekommen ist.“

Wir sitzen voreinander, der Cappuccino ist ausgetrunken, Saras anfängliche Wut über die lästigen Streiks ist von einer globalen Diskussion über Mehrheiten und Minderheiten abgelöst worden. Ich finde es interessant, aus einer gewissen Distanz nicht nur den einzelnen Lohnempfänger, nicht nur eine Beschäftigungsgruppe, sondern eher die für eine funktionierende Demokratie unentbehrliche Funktion zu betrachten.

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Montag, 29. Juni 2026

Saras Sicht: Das AGG

Saras Sicht: Das AGG

"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Etwas atemlos komme ich im Cafe an, Sara sitzt schon an unserem Stammtisch, ruhig schlürft sie an ihrem Cappuccino. "Was ist denn los", will sie von mir wissen, "du bist ja ganz außer Atem." - "Ja", sage ich, "ich habe gerade noch schnell eine Pflichtschulung erledigt. Es ging um das AGG." - "Sagt mir nichts, was verbirgt sich hinter der Abkürzung?"

"AGG steht für Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz, von manchen Menschen auch als Antidiskriminierungsgesetz bezeichnet. Es geht darum, Menschen vor Nachteilen zu schützen, für die Gleichbehandlung zu sorgen und allerlei Alltagssituationen zu regulieren." - "Das klingt ziemlich allgemein", wendet Sara ein, "und scheint aus meiner Sicht ziemlich plausibel und für ein respektvolles Miteinander absolut wichtig. Muss man das in ein Gesetz gießen?"

"Grundsätzlich ja. Und der Gedanke ist wie du sagst absolut plausibel. Man muss nicht weiter darüber diskutieren, dass die Würde jeder Person unantastbar ist. Auf der Grundlage kann ich auch die Forderung nach Respekt verstehen und alle Ableitungen davon. Aber ab dann wird die auf den ersten Blick scheinbare Plausibilität auf eine harte Probe gestellt." - "Ich glaube, ich weiß, was du meinst. Ich bin ja selbst eine Frau, aber bestimmte körperliche Arbeiten möchte ich lieber einem Mann überlassen. Ist das dann schon Diskriminierung?"

"Wenn du das so in eine Stellenanzeige schreibst, könnte es schon eng werden. Aber ich würde sagen, dass es ja nicht um das Geschlecht geht, sondern um die Statur und die Kraft. Das darf man vermutlich so formulieren. Man muss aber ein Auge darauf halten, dass man nicht allgemein wahrscheinliche Korrelationen zur Regel erhebt. Ich meine damit, dass zwar Frauen im Durchschnitt weniger muskulös sind als Männer, aber eben nur im Durchschnitt. Es gibt mit Sicherheit kräftige Frauen, die zierlichen Männern körperlich überlegen sind. Da wäre es rein logisch nicht sinnvoll, die Bedingung für eine Stellenbesetzung an das Geschlecht statt an die Körperkraft zu koppeln."

"Dann ist das AGG doch ein gutes Gesetz, weil es dafür sorgt, dass solche Anforderungen richtig formuliert und gelebt werden. So wie man an anderer Stelle ja auch nach dem job-to-be-done fragt. Aber ich fürchte, dass das in manchen Situationen gar nicht so einfach abzugrenzen ist. Es geht ja um ganz individuelle Aktionen, vielleicht lege ich einem Mitmenschen beschwichtigend oder tröstend die Hand auf die Schulter. Ist es eine Frau, dann ist das im ersten Moment für mich als Frau unkritisch, beim ungefragten Kontakt von einem Mann aber nicht. Es sei denn, er ist schwul. Schon kann, und ich sage bewusst kann, die Auslegung anders sein."

"Leider wahr. Was mich erschüttert ist der Spielraum, der zwar gut gemeint ist, dabei aber geradezu absurden Auslegungen Tür und Tor öffnet. In der Schulung wurde als Beispiel genannt, dass ich einer Muslimin nicht empfehlen darf auch während des Ramadan genügend Flüssigkeit über den Tag zu konsumieren. Es ist ja ein Rat, den ich der Frau aufgrund ihrer Glaubensausrichtung gebe, einer Christin nicht geben würde und damit eine Unterscheidung treffe, den Gleichheitsgrundsatz verletze."

Mittlerweile ist auch mein Cappuccino gekommen, ich schaue das Kakaoherz an, dass die Bedienung auf den Milchschaum gestreut hat. Beschwert sich so ein Herz mit seinen beiden Kammern eigentlich auch über die ungleiche Aufteilung? Da muss die rechte Seite immer zur Lunge pumpen, während die linke Seite den ganzen Körper versorgen muss.

Sara schaut sich im Cafe um. An ihrem Blick sehe ich, dass sie sich noch mit dem Thema beschäftigt. Und tatsächlich: "Ich bin noch mal bei den Stellenausschreibungen. Und eigentlich hast du ja Recht, dass man typische Eigenschaften nicht einfach zu Bedingungen machen darf. Aber andererseits ist es doch nun mal Fakt, dass Frauen im Gegensatz zu Männern schwanger werden können und dann vorübergehend nicht arbeiten können, vielleicht auch nach der Entbindung häufiger ausfallen. Oder dass zu uns eingereiste Menschen aus dem Ausland sich sowohl in ihrer Sprache als auch in ihrer Arbeitskultur von Einheimischen unterscheiden."

"Schwierig, schwierig", sage ich. "Auch hier gilt natürlich das, ich nenne es mal ‚Verallgemeinerungs-Verbot‘. Nicht alle Frauen werden während ihrer Berufstätigkeit beziehungsweise auf einer bestimmten Stelle schwanger. Und ob die Sprache eine Barriere ist, hängt natürlich auch vom Einzelfall und der Aufgabe ab. Dazu kommt, dass eine andere Kultur, wie du es nennst, eventuell eine Bereicherung darstellen kann. Also wirklich wichtig, genau hinzuschauen und wie vorhin diskutiert zu schärfen, um was es wirklich geht.

„Lass mich unser heutiges Gespräch mal so zusammenfassen“, während sie ihre leere Cappuccino-Tasse anschaut, „Gleichbehandlung als Haltung und Grundidee ist gut und wichtig, aber wir müssen sie eher im Sinne eines Verallgemeinerungs-Verbotes als einer Grundlage für die Hetzjagd auf jegliche Form der Differenzierung sehen.“

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Montag, 22. Juni 2026

Saras Sicht: Wetter, Klima, Zeitgeist

Saras Sicht: Wetter, Klima, Zeitgeist
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Heute ist ein regnerischer Tag, auf dem Weg zum Cafe frage ich mich, ob das Aufspannen eines Regenschirms altmodisch ist. Die Menschen um mich herum haben entweder ihre Jacke übergeworfen oder eine Kapuze über dem Kopf zusammengezogen. Der Regen scheint sie nicht sonderlich zu stören, jedenfalls sehe ich nur sehr vereinzelt Schirme.

Noch in Gedanken zum Schutz vor den Widrigkeiten der Natur und wie es mir bei meinen Wanderungen mit meinen Eltern ergangen ist, trete ich ins Trockene, Sara sitzt schon da, nach dem Stand ihres Cappuccino zu urteilen ist sie schon eine Weile vor mir angekommen. Wir begrüßen uns herzlich wie immer, gleichen unsere Nässe ein wenig aus "Meine Güte, das muss ja draußen ganz schön schütten, dein Mantel ist ja klatschnass" und steigen über den Austausch zu den Wetteraussichten der nächsten Tage ins Gespräch ein.

"Ich habe vorhin überlegt, dass in der öffentlichen Meinung oft die Begriffe Wetter und Klima durcheinandergehen. Da schaut irgendwer aus dem Fenster, lässt sich vom Radio bestätigen, dass es auch im Nachbarort regnet und zieht seine Folgerungen zu globalem Niederschlag und wie sich das zeitlich weiterentwickelt. Da sind dann räumliche Unterschiede, jahreszeitliche Unterschiede, tagesaktuelle Situationen oder auch ortstypische Eigenschaften zusammengemixt."

„Ja, was du beschreibst ist die Kombination aus Wetter, also dem lokalen und kurzzeitigen Ereignis und dem Klima. Wobei es ja auch noch das Mikroklima gibt. Bei meinem Elternhaus hat es regelmäßig geregnet, während im Nachbarort die Sonne schien. Das war häufig so, wir Kinder sind dann zum Spielen regelmäßig zu unseren Freunden ins Nachbardorf geflüchtet."

"Ich denke, bei euch hat es im Winter aber auch früher geschneit?" - "Stimmt wohl, ab Spätherbst drehte sich der Kinderstrom um und alle kamen zu uns, weil wir schon beim ersten Kälteeinbruch rodeln konnten. Es war fast wie eine Mini-Völkerwanderung, die abhängig von der Jahreszeit mal in die eine, mal in die andere Richtung verlief. Wobei wir natürlich abends dann immer wieder nach Hause mussten."

"Das finde ich schon spannend. Betrachten wir das Ganze mal tatsächlich in Richtung Volk oder genauer gesagt Bevölkerung. Nicht unbedingt deren Wanderung, Flüchtlinge, Rückkehrer oder Auswanderer, obwohl das auch ein interessantes Thema wäre. Mich interessiert heute eher die gesellschaftliche Entwicklung, ihre Kultur, ihre Gewohnheiten und der Wertekanon. Da sehe ich auch eher kurzfristige oder lokale Phänomene, so etwas wie regionale Traditionen oder auch Riten, die nur bestimmte Fraktionen der Gesellschaft verfolgen. Das ist aus meiner Sicht das Pendant zum Wetter."

"Wenn man so ansetzt wäre das Klima dann der gesellschaftliche Rahmen, übergreifend und auf der Zeitachse auch deutlich langfristiger. Das, was Gesellschaften voneinander unterscheidet, sozusagen ihr Alleinstellungsmerkmal ist. Vielleicht die Lebenseinstellung, das Savoir-vivre der Franzosen, der Qualitätsanspruch der Deutschen, die Präzision der Schweizer oder was auch immer man mit den einzelnen Nationen verbinden mag. Und dann das Mikroklima, bei dem die Loire-Region mit ihren Schlössern und Weinen dem Grundgedanken eine besondere Ausprägung verleiht."

"Für die kurzfristige Beschreibung habe ich vor kurzem den Begriff Zeitgeist gehört und finde ihn sehr zutreffend. Das sind Modeströmungen, Meinungen, die oft nur für begrenzte Zeit sehr deutlich vertreten und in der Öffentlichkeit diskutiert werden. War es in der Flowerpower-Ära der Gedanke an Frieden und Liebe, wurde er von Debatten um Atomkraft, Bildungssystem und Umweltschutz abgelöst. Und ob gerade Fridays-for-future, Windkrafträder oder Elektroautos im Mittelpunkt der Debatten stehen mag wechseln, eine lebhafte Debatte und flankierende Demonstrationen sind dem aktuellen Kernthema aber gewiss."

"Was mich dabei fasziniert ist die Dynamik. Zum einen, wie engagiert, ja geradezu fanatisch manche Menschen sich mit dem jeweiligen Zeitgeist identifizieren. Zum Höhepunkt der Gegner der Startbahn West von Frankfurts Flughafen gab es aggressive Demonstrationen, Steine flogen, Fernsehberichte, Polarisierung der Befürworter und Gegner. Rund ein Vierteljahrhundert später bei der nächsten Landebahn war es erheblich ruhiger.“

„Ja“, bestätige ich, „der Zeitgeist ist ein Geist. Und er hat eine zeitliche Komponente, kennt Entstehung und Vergehen. Die Menschen folgen in ihren Meinungen und Ansichten gewissen Moden. Das hat nur manchmal etwas mit neuen Erkenntnissen oder logischen Abläufen zu tun. Einfach nur Mode oder eine gewisse Anhängerschaft wie in Glaubensgemeinschaften.“

„Das hinkt jetzt aber. Wenn ich mir die Christen anschaue, dann folgen sie ihren zentralen Figuren seit über zweitausend Jahren. Das ist ja keine Modeerscheinung.“ – „Okay, dann beziehe ich mich statt dessen auf Influencer im Internet. Und was die Glaubensgemeinschaften angeht, naja, da sehe ich schon eine Abhängigkeit zum Zeitgeist. Denk mal an die zunehmende Anzahl der Kirchenaustritte. Mitglied der katholischen Kirche zu sein gerät aus der Mode.“

Einen Moment sitzen wir nebeneinander, schauen den Wassertropfen zu, die an der Scheibe herunterlaufen. Dann setzt Sara zum Abschluss an. „Diese kleine und vielleicht kaum merkliche Veränderung ist Auswirkung des geänderten Zeitgeistes, der aber wiederum nicht nur ein Ausdruck einer Verschiebung von Prioritäten und Motivation ist, sondern seinerseits auch die deutsche Kultur – in unserem Bild sowohl Wetter als auch langfristig das Klima – beeinflusst.“

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Dienstag, 16. Juni 2026

Saras Sicht: Sozialneid

Sandras Sicht: Sozialneid
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Es hat tatsächlich geklappt, dass wir uns wiedersehen. Einerseits war unser Gespräch über die Duz-Kultur ja recht lebhaft verlaufen, aber ich hatte mich im Nachgang gefragt, ob wir wirklich kontrovers diskutiert oder uns nur gegenseitig Recht gegeben hatten. Entsprechend gespannt wartete ich schon vor der verabredeten Zeit vor meinem Cappuccino auf den Austausch zum Sozialneid.

"Holla" höre ich meine Bekannte zur Tür reinkommen, diesmal sitzt sie schon, bevor sie den Mantel ausgezogen hat. Ein wenig außer Atem, aber gut gelaunt, mag sein, dass sie genauso gespannt auf mich ist wie ich auf sie. "Du bist ja schon da... für mich auch einen XXL und heute darf es auch ein Keks dazu sein. Meinst du, die haben hier sowas?" Bis die Bedienung kommt hat sie ihre Jacke abgestreift, die Handtasche deponiert und sich aus einer plötzlich auftauchenden Tube die Hände eingecremt.

Ich schaue sie an. "Du siehst aus, als ob du dich zum Kampf rüstest." Sie lacht, "Nein, das ist eher so ein unwillkürliches Programm, ich habe noch nicht mal gemerkt, dass ich mir die Hände eingecremt habe. Gehört irgendwie dazu." Sie reibt noch mal die Hände. "Kennst du das nicht, dass du irgendwas automatisch machst, immer 20 Meter vor der Haustür nach dem Schlüssel kramst, auch wenn sie aufsteht oder die Lesebrille suchst, obwohl die Speisekarte groß genug gedruckt ist?"

"Manchmal erschrecke ich mich beim Autofahren, dann frage ich mich, wie ich an diese Stelle gekommen bin und wie ich die Kurven auf den letzten Kilometern gelenkt habe, obwohl ich in Gedanken die Einkaufsliste durchgegangen bin." Wir diskutieren noch eine Weile über automatisierte Abläufe, ob es da Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt und ob es überhaupt Menschen gibt, die im üblichen Sinne Multitasking-fähig sind.

Dann kommen wir wieder auf unser letztes Treffen zurück, lassen das Gespräch noch mal an uns vorüberziehen und ergänzen hier und da irgendwelche Aspekte. "Ja", sage ich, "wahrscheinlich steckt in jedem Menschen eine mehr oder weniger große Neid-Ecke. Wir vergleichen uns und dann sind wir besser oder schlechter. Und wenn wir schlechter sind, dann ist der andere besser und das stört uns."

"Wir sind uns einig, dass Neid eine Folgerung ist, die in unserem Kopf entsteht. Mit dem Ergebnis vom Vergleich kann man so oder so umgehen. Man kann sich anstrengen um besser zu werden und vielleicht irgendwann den anderen zu übertreffen oder man versucht ihm ein Bein zu stellen, damit er schlechter wird oder man ärgert sich und verschiebt den Wettkampf in ganz andere Themen."

"Wie meinst du das?" - "Naja, da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Weitverbreitet kann man dem Gegenüber vorwerfen, dass er ein Angeber ist. So, wie er sein Auto putzt und präsentiert will er ja offensichtlich demonstrieren, dass er eine Luxuskarosse hat. Dieser arrogante Schnösel hat ja sonst auch nichts, nachdem seine Kinder aus dem Haus sind. Und so weiter. Den Charakter kritisieren, die Seriosität in Frage stellen, auf Mängel an anderer Stelle hinweisen. Der hat zwar das teurere Auto, aber er kann sich ja noch nicht mal einen vernünftigen Urlaub leisten."

"Manchmal ist das aber gar kein Neid, sondern ein gewisser Selbstschutz. Damit ich mich nicht zu blöd fühle, muss ich mir irgendwas ausdenken, was ich besser kann, mehr habe, oder auch dass es mir auf ein großes Auto doch gar nicht ankommt, dass es Wichtigeres im Leben gibt.“

„Das ist dann ein nach außen getragenes Ausweichmanöver. Aber im Grunde ist es eben doch Neid, ich möchte selbst mindestens genauso sein oder ich gönne der anderen Person etwas nicht. Und wenn ich es nicht erreiche, dann muss ich den Vorteil oder vermeintlichen Sieg eben madig machen. Wenn er schon besser ist, soll er sich nicht auch noch daran erfreuen können.“

„Bei Sozialneid denke ich an Aggression, die sich beim Zusammentreffen auslebt. Sei es ganz verdeckt als schlechtere Behandlung, zum Beispiel Verzögerung in der Bedienung, sei es in Form blöder Kommentare oder sogar Beschädigung zum Beispiel des Autos.“

„Ja, genau. Da laufen Mechanismen an, die im Grunde von sehr weit innen kommen. Ablehnung und der Versuch, diese Abweichler aus dem eigenen Dunstkreis irgendwie loszuwerden, ihnen durch negative Erlebnisse jeden Kontakt zu vermiesen. Ich denke, Sozialneid ist der Begriff für die Perspektive von unten nach oben, also wenn jemand neidisch ist, weil er weniger hat. Aber das Phänomen der Ablehnung hast du natürlich auch in der anderen Richtung. Distanz aufbauen zu jemand, der dir niedriger erscheint.“

Ich schlürfe an den Resten meines Cappuccino und lasse Saras Sicht auf mich wirken. „Okay“, sage ich dann, „Das ist dann kein Neid, aber die Auswirkung von unterschiedlichem Rang oder Gesellschaftsebene oder wie man es nennen will. Spannend jedenfalls, wie sich sofort Spannungen aufbauen, wenn es Unterschiede in der Ebene, der Stellung, der Position gibt. Allein schon, dass wir von ‚oben‘ und ‚unten‘ sprechen, zeigt ja, dass es ein besser oder schlechter gibt. Und allein diese mehr oder weniger bewusste Erkenntnis schürt Unzufriedenheit mit Tendenz zum Neid.“

„Vielleicht ist das so, vielleicht entsteht die Empfindlichkeit aber auch schon, sobald man mit diesem Maßband konfrontiert wird. Das größere Auto, die schickere Wohnung oder der attraktivere Job führen einem ja deutlich vor Augen, dass man selbst weniger hat, je nach Unterschied und Selbsteinschätzung sogar, dass man sich als Versager fühlt. Und das tut weh.“

Eine Weile geht das Gespräch noch weiter, erzählen wir uns von Beispielen aus dem Alltag, haben ein paar Situationen im Kopf, die wir im Zusammenhang mit Sozialneid sehen. Schließlich ist der Cappuccino aber ausgetrunken und der Nachmittag ist auch schon fortgeschritten. Wir zahlen, schnappen uns die Mäntel und verabreden uns für die nächste Woche.

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