Montag, 25. Mai 2026

Pfingsten 2026

Durch die Kirchenfenster fällt das morgendliche Licht, weihrauchgeschwängert die Luft. Der Priester hinter dem Altar hält ein Hochamt mit lateinischen Passagen, die Messdiener schwenken ununterbrochen die Weihrauchkübel. Durch den Rauch fällt das Licht in langen Strahlen, bunt verändert durch die Farben der Fenster mit ihren eingelegten Bildern.

Pfingsten 2026
An den Wänden der Basilika hängen Gemälde von Stationen der Passion Christi, daneben Darstellungen von Heiligen. Ein Bruder hat sie gemalt, gottesfürchtig, wenn auch nicht besonders künstlerisch gelungen. Die meisten Figuren auf den Bildern haben einen wirren Blick, die Augen meist nach oben verdreht - irgendetwas scheint über ihnen zu schweben. Besonders eindrucksvoll sind die Bilder mit Heiligenschein oder mit merkwürdigen Gebilden, die wohl Flammen darstellen sollen, die aus den Köpfen hervorkommen.

Ich bin noch ein kleines Kind, von der Sprache verstehe ich kein Wort, die ganze Atmosphäre wirkt hypnotisierend auf mich. Die Bilder sind so gruselig wie die Nägel in den Gliedmaßen der großen Figur, die an einem Kreuz hinter dem Altar hängt. Meine Gedanken wandern zu den abgebildeten Menschen, ich frage mich, ob sie Schmerzen haben, weil ihnen ja Flammen aus dem Kopf kommen.

Der Pfarrer hält die Predigt auf Deutsch, er erzählt von dem Heiligen Geist, der auf die Aposteln herabkam. Das sind also die Flammen, ob auch aus meinem Kopf Flammen schlagen, wenn der Heilige Geist in mich fährt? Es wird bestimmt sehr schlimm sein und erklärt die verdrehten Augen der Menschen auf den Gemälden. Und auch wenn jetzt von Frieden, von Glauben und der Liebe Christi die Rede ist, will mir der Gedanke an diese Flammen nicht mehr aus dem Kopf.

Sicher, heute verstehe ich die biblische Geschichte. Es ist gar kein Geist, der in meiner kindlichen Phantasie mit einem weißen Bettlaken und ausgeschnittenen Augenlöchern die Kinder erschreckt. Da ist auch nichts Geheimnisvolles, sondern eine Haltung, eine Geistes-Haltung gemeint. Vielleicht würde man heutzutage von Grundeinstellung, charakterlichen Glaubenssätzen oder Basisvorstellungen sprechen.

Und genau hier ist die Schnittstelle zur modernen Welt, zu modernen Unternehmen. Auch hier wird oft von Haltungen gesprochen, es werden gemeinsam Werte definiert und eine (Unternehmens-) Kultur initialisiert. So wie Pfingsten als die Geburtsstunde der Kirche gilt, ist auch die Vorgabe einer gemeinsamen Haltung die Basis für den menschlichen Faktor einer Organisation. Es ist dann nicht der Heilige Geist, aber der zum jeweiligen Unternehmen und seinen Akteuren passende Geist, der sich als Kultur ausprägt.

Die Entstehung und Entwicklung der Kirche zeigt uns, wie eine Konstruktion entworfen werden muss, damit sie Jahrtausende lang hält. Und in viel kleinerem Rahmen kann man dieses Verständnis auch auf sich selbst beziehen und sich mit seinem eigenen Geist, der Grundhaltung und seinen charakterlichen Glaubenssätzen beschäftigen. Das ist zum einen im analytischen Sinne sehr interessant, kann zum anderen aber auch neue Erkenntnisse bringen, wenn man den eigenen Geist mit demjenigen ausgewählter Mitmenschen oder gesellschaftlicher Gruppen vergleicht.

So hat die Apostelgeschichte nichts an Aktualität verloren und durch den bundesweiten Feiertag haben wir die Möglichkeit, den Transfer in die heutige Zeit, auf uns und unsere Umgebung in Ruhe zu betrachten. Und die Botschaft des grenzüberschreitenden Friedens im kleinen wie im großen Kreis können wir mit Blick auf die derzeitige geopolitische Lage sicher auch gut gebrauchen.

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Montag, 18. Mai 2026

Das habe ich jetzt nicht gemerkt

Unser Gehirn ist ganz groß darin, uns Dinge vorzugaukeln. Wir meinen, etwas gesehen zu haben, können uns ganz genau an Farben erinnern, die nachweislich nicht stimmen und fühlen Bewegungen, die es nicht gibt. Flugsimulatoren profitieren von diesen Fehlwahrnehmungen und sorgen durch reine Kippbewegungen für die vermeintliche Wahrnehmung von Aufstieg und Landung.

Potentiell ist das aber auch gefährlich, denn tatsächlich haben wir keinen Sensor für Geschwindigkeit. Ob wir mit 50 über die Landstraße fahren oder mit 200 über die Autobahn jagen - es fühlt sich gleich an. Wir merken nur die Beschleunigung, das Bremsen und natürlich Kurvenfahrten. Als Indikator für Gefahr taugt das natürlich nicht, denn ein brauchbarer und vom Gehirn sinnvoll verarbeiteter Messwert fehlt. Nur über die Kombination aus Blick auf den Tacho und das Bewusstmachen der mit hoher Geschwindigkeit verbundenen Gefahr kann zu einer Beeinflussung unseres Verhaltens - in diesem Fall Reduzierung der Geschwindigkeit - führen.

Das habe ich jetzt nicht gemerkt

Das fällt allerdings vielen Menschen schwer, zumal sie das Risiko mangels entsprechender Erfahrung auch gar nicht richtig einschätzen können. Was soll schon passieren, wenn ich flott über die Autobahn brause, in diesem Fall herunterzuschalten erinnert mehr an überängstliche Schleicher oder die mahnenden Worte der Mutter, nicht auf die lauwarme Herdplatte zu fassen. "Schnickschnack" flüstert das Gehirn, "ich kann nichts Gefährliches feststellen. Fahr ruhig weiter!"

So führt die Gefühlslosigkeit potentiell in lebensgefährliche Situationen. Doch leider zieht sich dieses Phänomen auch in andere Bereiche des Alltags, da die fehlende Sensorik oder - zweiter gefährlicher Punkt - Gewöhnung uns die objektive Wahrnehmung verwehrt. In Beziehungen entspricht die erste Verliebtheit dem Beschleunigen des Autos, das merken wir und können damit umgehen. Aber dann, selbst wenn die Beziehung sehr gut läuft (analog: wir mit zügiger, aber weitgehend gleichmäßiger Geschwindigkeit fahren), nimmt die Wahrnehmung ab. Dann ist alles normal und wir wachen erst auf, wenn diese Normalität gestört wird. Plötzlich kommen Fragen auf, warum sich der Partner abwendet oder gar eine andere Beziehung sucht. Nun, vielleicht möchte er einfach noch mal das Gefühl der Beschleunigung erleben, weil er diese - im Gegensatz zur Dauergeschwindigkeit - fühlt.

Daneben sind Felder wie das Gehalt, die Zufriedenheit mit der Tätigkeit, Beziehungen zu Freunden, Spaß an Hobbys und so weiter betroffen. Überall können wir nur Differenzen erkennen, also wenn es auf- oder abwärts geht. Für die Beurteilung des Status quo ist eine explizite Beschäftigung (im Sinne Blick auf den Tacho) in Kombination mit konkreter Einschätzung erforderlich.

Und noch etwas: Auf einer großen weißen Wandfläche sehen wir sofort, wenn dort eine kleine Wespe sitzt. Wie schön, da hat unsere Differenzwahrnehmung geholfen. Ebenso nehmen wir in einer ruhigen Landschaft sofort die Bewegung eines weit entfernt laufenden Tieres wahr. Die Frühwarnsysteme funktionieren, aber wir müssen dann auch darauf eingehen. Es ist dann Aufgabe unseres Gehirns einzuschätzen, ob die Wespe mich stechen könnte oder der davonhoppelnde Hase bemerkenswert ist. Aber immerhin wird in diesen Fällen sozusagen ein Blick auf den Tacho erzwungen.

Zusammenfassend also die Erkenntnis, dass Aufmerksamkeit vor Überraschungen schützt, in vielen Fällen mit realistischen Einschätzungen zu besseren Bewertungen führt und insbesondere für Beziehungen und Lebenszufriedenheit von entscheidender Bedeutung ist.

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Montag, 11. Mai 2026

Bin ich ein dreibeiniger Hund?

Vor einigen Jahren habe ich im Sommerurlaub einen Hund beobachtet, der am Strand herumsprang. Von meiner Liege aus konnte ich sehen, dass er mal hier mal dort mit den Sonnenhungrigen spielte, um sie herumlief und manchmal hochsprang. Erst nach einiger Zeit wurde mir klar, dass er nur drei Beine hatte, der rechte Vorderlauf fehlte. Das schien ihn aber nicht daran zu hindern, einem Ball hinterherzulaufen, ihn dann mit der Schnauze zu spielen und sich von Badegästen streicheln zu lassen.

Bin ich ein dreibeiniger Hund?
Überhaupt wirkte er fröhlich und trotz seiner Behinderung sehr aktiv. Und ja, vielleicht war bei den Menschen auf den Handtüchern und Liegen auch hier und da ein bisschen Mitleid dabei, das zu vermehrten Leckerlis und Streicheleinheiten, jedenfalls aber Beschäftigung mit ihm führte. Es ging im insgesamt also nicht schlechter oder sogar noch besser als vielen seiner vierbeinigen Kameraden.

Nun kann ich mich nur bedingt in einen Hund hineinversetzen, erst recht ist mir verborgen, welche Gedanken in ihm vorgehen, wenn er mit so einer merklichen Behinderung leben muss. Aber selbst ohne dieses Einfühlen und ohne ein Befragen seiner Meinung ist klar, dass er sich nicht aufgegeben hat und durchaus am Leben teilnimmt - wenn auch mit körperlich bedingten Einschränkungen.

Und wenn ich dann grübelnd hier sitze, meine seelischen Wunden lecke und in Selbstbetrachtung und vielleicht sogar in Selbstmitleid versinke, dann wird es Zeit, dass ich an den Hund denke. Gegen seine Situation geht es mir blendend, die kleinen Schwierigkeiten, die mir mein Körper von Zeit zu Zeit einbrockt, sind eher vernachlässigbar. Und entsprechend weder mir noch meinen Mitmenschen gegenüber der Rede wert. Das heißt ja nicht, dass ich meine Moleste ignoriere, natürlich überlege ich, wie ich es mir möglichst komfortabel einrichten kann. Und möglicherweise sogar einen gewissen Vorteil daraus ableite, mich über Aufmerksamkeit und (verbale) Streicheleinheiten freue.

Doch letztendlich gibt es schon einen gewissen Gestaltungsspielraum, die Möglichkeit, die kleinen Störungen nicht zum zentralen Inhalt zu machen. Sozusagen dem Ball hinterherzuhumpeln, ihn statt mit der Pfote mit der Schnauze anzustupsen und zu dem Menschen zu manövrieren, der mir als bester Lieb-Haber erscheint. Trüben Blickes auf meinem Handtuch brauche ich mich nicht nach Freundlichkeiten zu sehnen, ist mein Leben nicht Lebens-wert.

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Montag, 4. Mai 2026

Vergütung von Aufsichtsräten nach dem Brixner-Prinzip

Der längst verstorbene Vorstandsvorsitzende der DZ BANK, Dr. Brixner, hat seine Untergebenen (das schien seine Sichtweise auf die Angestellten zu sein) gerne mit ziemlich kernigen Sprüchen konfrontiert. Ein erst mal überraschender aber in gewisser Hinsicht durchaus valider Punkt war der Aufruf, jeder solle sich (abends) Gedanken machen, ob er das Geld, das er bekommt auch verdient habe.

Im Grunde ist die Frage berechtigt. Da wird Geld als Tauschmittel (in diesem Fall Gehalt) ausgegeben, um eine Leistung (Arbeit) zu bezahlen. Je mehr jemand arbeitet, oder sagen wir je mehr Wert jemand erarbeitet, desto höher sollte die Gegenleistung sein. Das kann man bei Fließbandarbeit vielleicht in der Anzahl der festgeschraubten Felgen messen, aber ab einer gewissen Hierarchiestufe wird die direkte Bemessung schwierig bis unmöglich.

Es bleibt trotzdem die Frage der Angemessenheit. Man wird Dr. Brixner definitiv keine Sozialromantik vorwerfen, eher wollte er mit seiner Aussage dazu aufrufen, eine ordentliche Lieferung für das gezahlte Gehalt abzugeben und nicht nur zu kassieren. Mehr noch, hierfür ein Bewusstsein zu schaffen und sich individuell selbst regelmäßig auf den Prüfstand zu stellen.

Vergütung von Aufsichtsräten nach dem Brixner-Prinzip
Und da lese ich dieser Tage einen kurzen Artikel im Handelsblatt, dass der Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, Alexander Wynaendts, ein Grundgehalt von 950.000 Euro, mit allerlei Zuschlägen bis zu 1,5 Millionen Euro pro Jahr bekommen soll.

Nein, weder möchte ich diese schwindelerregende Summe gegen das Jahresgehalt einer Friseurin (32.000 Euro, also Faktor 30) halten, noch fühle ich in mir irgendeinen Neid. Aber die Frage nach der Verhältnismäßigkeit steht doch im Raum. Ist es überhaupt auch nur hypothetisch denkbar, dass eine Person so viel Wert schafft?

Bei der Bepreisung von Produkten spricht man gelegentlich von Wucher, der ist definiert als Ausnutzung einer Schwächesituation einer Person, um für eine Leistung eine deutlich überhöhte Gegenleistung zu fordern. Daneben gibt es auch andere Mechanismen, die überhöhte Preise begünstigen, zum Beispiel Monopole und Absprachen.

Die Deutsche Bank begründet die hohe Bezahlung damit, dass sie mit ihren bisherigen Vergütungen „auf dem internationalen Markt für qualifizierte Kandidaten für den Aufsichtsrat nicht ausreichend konkurrenzfähig“ sei. Verabschiedet man sich mit dieser Begründung von Dr. Brixners Konzept des Hinterfragens eigener Wertschöpfung, werden hier auf internationaler Ebene Posten verschachert und das Preisniveau damit stabilisiert und ausgebaut?

Ein privatwirtschaftliches Institut kann natürlich Bezüge ausschütten wie es ihm richtig erscheint und mit einer entsprechenden Begründung dann die eigene Verantwortung an „internationale Märkte“ weiterreichen. Offen bleibt die Frage, die bei etwas weniger exponierten Mitarbeitern im Raum stände, nämlich inwieweit man gleichwertige Leistung nicht auch durch Entwicklung vorhandener Ressourcen erreichen kann. Gibt es niemand bei den 90.000 Mitarbeitern der Deutschen Bank, der Herrn Wynaendts Expertise mit entsprechender Entwicklung und Unterstützung für einen Bruchteil der Bezahlung ersetzen kann?

Daraus ergibt sich als zentraler Punkt weniger die Forderung nach einer Gehaltsverringerung, als vielmehr die Frage, wieviel Energie in die Betrachtung von Alternativen gesteckt wurde. Anders ausgedrückt, ob diese angeblich notwendige Anpassung wirklich so notwendig war und das "Brixner-Prinzip" mit Füßen getreten werden darf.

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Montag, 27. April 2026

101 – stolzes Alter!

101 - stolzes Alter

Vor ein paar Tagen wäre meine Mutter 101 Jahre alt geworden. Bis zu ihrem 95. Geburtstag hat sie sogar noch am Leben teilgenommen, wenngleich sie die letzten Jahre im Altersheim verbracht hat. Und gerade heute denke ich daran zurück, wie ihr Leben denn so abgelaufen ist.

Über viele Jahrzehnte war sie Hausfrau und Mutter, hatte keinen Beruf erlernt, aber dennoch sieben Tage die Woche gearbeitet. Ich glaube, mit dem Begriff der Work-Life-Balance hätte sie nichts anfangen können, zum einen nicht, weil sie nicht im klassischen Sinne Arbeiten gegangen ist (Work), zum anderen, weil sie ihren normalen Alltag als Leben bezeichnet hätte.

Morgens einzukaufen, danach den Mittagstisch vorzubereiten, das Haus sauberzumachen, den Garten auf Vordermann zu bringen, das Abendessen zu kochen und begleitend uns Kinder zu betreuen. Das war eine Fülle von Aufgaben, die ich selbst nicht so ohne weiteres hinbekäme. Und das jeden Tag, auch am Wochenende, ohne Klagen, ganz selbstverständlich. Aber auch ohne Druck und Stress. Einfach gemacht.

Wie groß ist der Kontrast zu vielen jungen Leuten um mich herum, die eine berufliche Tätigkeit haben, dabei ständig unter Strom stehen, die Wochentage durchkeulen und am Wochenende erschöpft ein wenig Erholung suchen. Der Akku wird dann mit aufwändigen Wellnessangeboten, Massagen, Entspannungen und Aktivprogrammen aufgeladen. Hinzu kommen jährlich mehrfache Reisen, um etwas anderes zu sehen, um „mal runterzukommen“.

In gewisser Hinsicht ein Leben, das dauerhaft am Limit verläuft, da gibt es bestenfalls Ruhephasen, aber die durchschnittliche Geschwindigkeit ist permanent zu hoch. Burn-out, Depressionen, Zusammenbrüche und diverse körperliche Probleme von Schwierigkeiten mit inneren Organen bis zu ernsten Herzschäden lassen grüßen.

Die moderne Medizin macht es möglich, allerlei Erkenntnisse und Arzneimittel werden nicht nur zur Therapie, sondern schon zur Lebensbegleitung eingesetzt. Mit gewisser Verwandtschaft zu Drogen werden Antidepressiva genommen, statt die Ursache zu beheben, werden zeitoptimierte Sportprogramme ausgeführt, statt sich mit offenen Augen durch den Wald treiben zu lassen.

Unter den heutigen Randbedingungen wäre meine Mutter sicher nicht 95 Jahre alt geworden. Und ob sie in der entsprechend kürzeren Lebenszeit mit aufregenden Ausgleichsmaßnahmen, Entertainment und äußeren Belustigungen glücklicher gewesen wäre wage ich zu bezweifeln.

Da bewundern wir oft andere Menschen – gerne auch im Ausland – die ihr Leben viel ruhiger gestalten. Die keine Fehlernährung kennen, denen der Begriff Stress nichts sagt und die dauerhaft mit der ihnen möglichen Geschwindigkeit zwischen Geburt und Tod unterwegs sind. Was hält uns eigentlich davon ab, ein wenig dieser Ruhe auch in unseren Alltag zu überführen, nicht nur ein paar Kleinigkeiten zu ändern, sondern wirklich komplett umzudenken. Und damit dann auch die 95 zu erreichen.

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Montag, 20. April 2026

Nicht für die Schule... (2): Work-Life-Balance

Nicht für die Schule - Work-Life-Balance

"Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir" – Erkenntnis und von Pädagogen gerne zitierte Phrase des römischen Philosophen Seneca. Ob sie nun für die etwas lieblose Motivation zur Aneignung ungeliebten Lernstoffs herhalten muss, oder demonstrieren soll, dass es dem Empfänger dieser Botschaft an Weitblick fehlt: Eine weitere Diskussion danach ist obsolet.

Und gerade beim Weitblick wird auch das Spannungsfeld zwischen Schule und Leben klar. Schule ist das eine, Leben ist das andere. Gegensätze, die sich ergänzen, aber mehr oder weniger komplementär zueinander stehen. Also so ähnlich wie die aktuelle Debatte zu Arbeit und (Privat-) Leben, kurz als Work-Life-Balance bezeichnet.

Kritiker bemängeln, dass sich Arbeit und Leben nicht ausschließen, im Idealfall ja geradezu ergänzen sollten. Wer bei seiner beruflichen Tätigkeit leuchtende Augen hat, der sieht sie als Teil seines Lebens, es gibt nichts auszubalancieren. Die Grenze zwischen Arbeit und Leben verschwimmt, abgetrennte Bereiche des Lebens wie Freizeit oder Wochenende werden von der Arbeit einverleibt.

Befürworter wiederum meinen, dass Arbeit nur ein Teil des Daseins ist, egal wie erfüllend sie ist. Dass der Körper auch Ruhephasen braucht und überhaupt weitere Aspekte wie soziale Kontakte oder körperliche Bedürfnisse leicht zu kurz kommen können.

Neutral betrachtet ist Balance immer gut. Schlecht ist es, wenn sie als Vorwand für die Orientierung in der einen oder der anderen Richtung missbraucht wird. Über Work-Life-Balance zu sprechen und eigentlich eine Reduzierung der Arbeit zu meinen ist nicht der Sinn der Sache. Balance ist wie bei einer Waage das Austarieren, nicht das Füllen der einen Waagschale zu eigenen Gunsten.

Womit wir auf das Thema Lernen für Schule und Leben zurückkommen. Auch hier ist die Schule nicht das Gegenteil von Leben, sollten leuchtende Augen der Wissbegierde den Idealzustand darstellen. Dann verschwimmt die Grenze zwischen Schulstoff, aktueller Nützlichkeit und potentieller späterer Notwendigkeit. So betrachtet ist das Leben, für das wir lernen kein abstrakter Himmel, in den wir kommen können, sondern eine konkrete Gegenwart und Zukunft, die wir mit Wissen anreichern.

In der heutigen schnelllebigen Zeit ist lebenslanges Lernen eine immer lauter werdende Forderung. Wurde diese in den letzten Jahrzehnten eher allgemein geäußert und nicht von jedem arbeitenden Menschen ernst genommen, mutiert sie nach und nach zu einer zentralen Anforderung. Selbst, wenn die Formulierung „nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir“ altmodisch ist, ihr Kern ist aktueller als je zuvor.

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Montag, 13. April 2026

Nicht für die Schule... (1): Jenseits der Chatbots

Bei einem Podcast kamen die beiden Gesprächspartner dieser Tage am altertümlichen Spruch von Seneca vorbei, in dem es um die Motivation von Lernen geht. „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.“

Vor rund zweitausend Jahren hat sich also ein römischer Philosoph schon zum Lernen, zu Schule und (späterem) Leben geäußert. Das ist insofern bemerkenswert, als in dieser Aussage gleich mehrere Aspekte stecken, die auch heute noch uneingeschränkt zutreffen.

Nicht für die Schule 1 - Jenseits der Chatbots

Gerade vor dem Hintergrund der zunehmenden Technisierung, dem allgegenwärtigen Internet mit seinen Suchmöglichkeiten und den immer weiter voranschreitenden Unterstützungen durch Bots stellt sich die Frage, ob wir überhaupt noch lernen müssen. Egal, ob für die Schule oder für das Berufsleben, die Notwendigkeit für den Erwerb von Sprachkenntnissen, mathematischen Zusammenhängen, geschichtlichen Daten oder gar musischen Kompetenzen scheint nicht mehr zeitgemäß.

Die Entwicklung lässt sich schon seit einiger Zeit absehen, immer mehr Tätigkeiten erfordern tatsächlich nur noch Ansätze dieser Fähigkeiten. Sei es die Kassiererin, die Kopfrechnen von einem Kassensystem abgenommen bekommen hat, sei es die Sekretärin, deren Rechtschreibkenntnisse durch die Autokorrektur ersetzt werden. Wofür sollte man ein Musikinstrument beherrschen können, etwas über die Pflege eines Obstbaumes erfahren oder sich in Leichtathletik üben?

Erst mit erheblicher Verzögerung und im Laufe des Berufslebens kommt dann in vielen Fällen die Keule zurück. Ganz generell können wir erst mal festhalten, dass auch unser Denkapparat funktioniert wie ein Muskel, der trainiert werden kann und muss. Je mehr geistige Fähigkeiten wir uns aneignen, desto leichter wird der weitere Zuwachs. Das dritte Musikinstrument lernt sich leichter als das erste, gleiches gilt für Fremdsprachen oder technische Abläufe.

Dann ist auch die Einsetzbarkeit im Beruf auf Dauer von der Grundausbildung abhängig. Kreativität, Vielseitigkeit und Einfallsreichtum leben nicht nur von guter Vernetzung im Gehirn, sondern auch von einer möglichst breiten Grundausstattung an Daten. Ohne Kenntnis anderer Themenfelder keine Analogien möglich, ohne historische Kenntnisse kein Lernen aus Erfahrung (anderer Personen).

Schließlich ein Blick auf Alterungsprozesse. Nachlassende Denk- und Gedächtnisleistung lässt sich nicht grundsätzlich verhindern, aber die Frage ist, von welchem Niveau aus man startet. Wer vorher seinem Gehirn nur die nötigsten Gedankengänge abverlangt hat, bei dem ist bei halbierter Leistungsfähigkeit kaum noch etwas übrig. Gilt sinngemäß auch für körperliche Fitness.

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