"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.
*
Mitten im Jahr ist mal wieder ein Tag mit Aprilwetter. Man kann den Regenschirm auch mal als Sonnenschirm verwenden, Kleidung im Idealfall nach dem Zwiebelprinzip auswählen und überhaupt alles genießen, was die Natur gerade anbietet.
Mutig haben wir uns vor das Cafe unter eine Markise gesetzt, gerade kam ein kurzer Regenschauer, aber bis auf ein paar Spritzer sind wir trocken geblieben. Wie als Entschuldigung des Himmels kommt jetzt wieder die Sonne heraus.
„Sonne, mach mich Neger!“ flüstert Sara vor sich hin. – „Was hast du gerade gesagt? Du hast doch nicht etwa das N-Wort verwendet?“
Sara blinzelt mich an. „Ähm, was?“, und nach ein paar Sekunden: „Das mit der Sonne haben wir als Jugendliche gesagt, im Freibad auf der Liegewiese, wenn wir im Frühsommer als Bleichlinge auf den Handtüchern gelegen haben und eine möglichst schöne Bräune bekommen wollten. Hautfarbe wie die Neger halt.“
„Aber Neger darf man nicht mehr sagen. Das ist politisch nicht korrekt. Du müsstest den Spruch von damals ändern in ‚Sonne, bräun mich!‘ oder so. Jedenfalls ohne Verweis auf Menschen anderer Hautfarbe.“
„Ich weiß, dass du nur das zitierst, was in der Gesellschaft die Runde macht. Wir wissen beide, dass das Wort ursprünglich neutral war, von ‚negro‘ oder ‚niger‘ abgeleitet ist und damit eine reine Tatsachenbeschreibung darstellt. Dann wurde es aber belastet, weil es im Rahmen von Rassentheorien verwendet wurde. Was vielleicht auch noch nicht problematisch wäre, wenn hieraus keine Wertung abgeleitet worden wäre.“
„Eine komische, verquere, verformende Logikkette, die wir an diesem Beispiel sehen. Erst neutral, dann wissenschaftlich untersucht, dann mit einer Werteskala versehen, dann missbraucht und schließlich de facto verboten.“
Sara sieht mich entsetzt an. „Ein erschreckender Werdegang. Und dazu kann es nur kommen, weil an mehreren Stellen etwas schiefläuft. Der erste Fehler besteht darin, dass aus einer hoffentlich nüchternen wissenschaftlichen Darstellung eine Bewertung abgeleitet wird. Die ‚negride Rasse‘ ist minderwertig und darf auch so behandelt werden.
Und im weiteren Verlauf besteht der zweite Fehler darin, dass nicht nur diese Bewertung wieder in die Wissenschaft zurückgeführt und von Abwertung befreit wird. Sondern der Begriff nun samt seinem Umfeld komplett verboten und tabuisiert wird.“
„Sagen wir mal so“, ergänze ich, „eine unverkrampfte und die Vergangenheit konstruktiv aufarbeitende Debatte ist aus dieser Lage heraus ziemlich schwierig…“ - „… und wird statt dessen durch eine inoffizielle Hetzjagd ersetzt, in der jeder scharf angegangen wird, der ohne böse Absicht das ursprünglich neutrale Wort verwendet.“
Und wo Sara schon mal in Schwung ist geht es sofort weiter: „Da darf ich im Internet wahrscheinlich intimste Details meines Liebeslebens mit Sadomaso-Vorlieben ausrollen und jeder wird das als mehr oder weniger peinliche, aber zulässige Darstellung akzeptieren. Wenn ich aber zum Abschluss der Peitschenspiele einen Mohrenkopf in das Gesicht meines Partners drücke, dann ist der Teufel los. Schließlich ist es ja kein Mohrenkopf, sondern ein Schokoschaumgebäck.“
„Nun reg dich nicht auf, wenn man die Förderer der Kampagnen für politische Korrektheit anhört, dann geht es ihnen im ersten Schritt um eine Sensibilisierung…“ – „… die dann bis zu einer Zensur, vorauseilender Selbstzensur, fragwürdigen Anklagen und belastenden Abmahnungen führen kann.
Wusstest du, dass das Thema öffentlich so viel Fahrt aufgenommen hat, dass natürlich auch dafür schon wieder ein Markt im Internet entstanden ist? Da gibt es ein Glossar für diskriminierungssensible Sprache, ein Sprache-politisch-korrekt-Lexikon und diverse Institutionen von Behörden bis zu Übersetzungsbüros stellen ihre Sichtweise als Stein der Weisen dar.“
„Sieht man das Internet als Spiegel der Zeit, dann wundert mich das überhaupt nicht. Aber wir sollten uns nicht verschrecken lassen. Auch wenn nicht immer erwünscht, heißt es auch hier Augenmaß zu bewahren. Herabwürdigung und Beleidigung sind nicht ok, aber ich bezweifle, dass jeder Dunkelhäutige den Begriff Neger beim Feierabendbier mit dem befreundeten hellhäutigen Arbeitskollegen als Problem empfindet. Entkrampfung also an Stelle von Verboten.“
*
Abonniere den Kanal "Eckhards Blog By Dr.-G." auf WhatsApp
[Weitere Blogs: Interdisziplinäre Gedanken, Feingeistiges]






