Montag, 9. März 2026

Die Suche nach der Pause-Taste

Gott sei Dank gibt es in Deutschland deutlich unterschiedliche Jahreszeiten. Während man im Sommer wundervoll auf dem Gartenstuhl sitzen kann, aber leider auch wöchentlich den Rasen mähen muss, hat man im Winter Aktionspause und kann von der Couch aus den zur Ruhe gekommenen Garten betrachten. Doch im Frühjahr geht es dann wieder los, die Knospen brechen auf, altes Holz muss zurückgeschnitten werden, man muss wieder in die Gartensaison starten.

So geht es immer weiter. Man kann nicht Unkraut jäten, Blüten ausputzen, Rasen mähen und dann auf die Pause-Taste drücken. So soll der Garten bleiben, mindestens bis zum Herbst, am besten für den Rest meines Lebens. Anhalten der Vegetation im perfekten Moment. Kein Wachstum, kein Wuchern, kein Unkraut, keine Notwendigkeit zum Gießen oder gar zur Renovierung von Pflanzkübeln und Wegen.

Natürlich auch in der Partnerschaft. Die blühende Schönheit junger Leute, die wilde Leidenschaft der Flitterwochen, die Neugierde aufeinander, der ungestüme Wunsch nach Zweisamkeit und gemeinsamer Gestaltung. Das alles einfach einfrieren, im Optimum anhalten und für Jahrzehnte konservieren. Dazu im Beruf die aufregenden Erfahrungen der Probezeit, das Willkommen der Kollegen, spannende neue Aufgaben und jeden Tag Impulse zur weiteren Entwicklung.

Die Suche nach der Pause-Taste
Plopp. Das gibt es nicht. Es gibt keine Pause-Taste. Und das heißt auch, dass man entweder immer Aufwand hineinstecken muss - vielleicht mit kleinen Pausen wie der Saisonunterbrechung im Garten - oder dass alles verlottert und unattraktiver wird. Von alleine passiert da nichts, weder bei der Gartenpflege noch in der Partnerschaft, noch im (beruflichen) Alltag.

Die fatale, vielleicht sogar frustrierende Erkenntnis: Allein zur Beibehaltung des Status Quo braucht man Energie. Und wenn man mehr will, dann ist das ein mühsames Geschäft. Aber andererseits ist es der Schlüssel zum Glück, sei es bei der Freude über den immer attraktiveren Garten, eine langfristig tolle Partnerschaft oder eine zufriedenmachende Arbeit.

Was dann auch die - nur auf den ersten Blick banale - Kernbotschaft ist. Menschen sehnen sich nach Glück, unterliegen aber oft der Fehleinschätzung, dass dieses zu ihnen käme. Oder bleibt, wenn es erst mal da ist. Durchaus falsch, Glück kommt nicht von außen (der Gewinn von Geld zum Beispiel im Lotto macht nicht wirklich glücklich), sondern ist das Ergebnis einer mehr oder weniger gezielten Anstrengung. Und es bleibt auch nicht einfach so.

In etwas modifizierter Form kann man diese Gedanken auch bei Eckart von Hirschhausen (Buch: "Glück kommt selten allein") nachlesen. Er entlarvt in humoristischen Formulierungen die gedanklichen Fehler und falschen Annahmen rund um das Erreichen von Glück.

Deutlicher kann man festhalten, dass Bequemlichkeit oder gar Faulheit in die falsche Richtung zeigen, im philosophischen Sinne nämlich auf dem Highway to hell enden. Leider muss man sich also tagtäglich anstrengen, be-mühen und alles, von der Pflege des Grünzeugs über die Partnerschaft bis zum beruflichen Antritt, aktiv betreiben.

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Montag, 2. März 2026

Kenn ich, weiß ich, war ich schon

Kenn ich weiß ich war ich schon

Ja

Er hat mir zugehört, schaut mich ein wenig gelangweilt an und sagt mir, dass er das schon erlebt hat. Nur schöner natürlich, besser, höher, weiter, aufregender. Damals, in der Jugend, als er seine ersten Erfahrungen gemacht hat, so genau kann er sich nicht mehr daran erinnern, aber es war jedenfalls genauso und noch viel besser.

Nein

Das habe er nie probiert, warum auch. Im jugendlichen Elan mag man vielleicht das eine oder andere herumexperimentieren, aber irgendwann muss man dann für sich auch einen Weg finden. Und das war ihm ja schon sehr früh gelungen. Tatsächlich gibt es bei vielen Menschen hier Verzögerungen in der Entwicklung, mal zieht sich die Pubertät bis ins fortgeschrittene Erwachsenenalter hin, mal steht irgendeine Blockade im Weg.

Doch

Schon respektabel, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Defokussierung nenne man das, was aber meist eher euphemistisch sei. Vielmehr verberge dies den Mangel an Konzentration auf ein Thema, oder um es mal deutlich zu sagen: Man verzettelt sich. Damals seine Selbstfindung und danach konsequent ausgerichtet, nicht mehr hin und her, sondern klarer Kurs in die ursprüngliche Richtung auch bei Querschlägen.

Aber

Ein wenig Mitleid, nein, sagen wir Verständnis für die schwierige Lebensphase, wie gut, dass er diese weit hinter sich hat. Naivität und Vertrauen sind ja nicht a priori schlechte Eigenschaften, ein wenig Sicherheit wollen wir ja alle, auch wenn die Fakten dagegensprechen. Dieses Urvertrauen, das kleine Kinder ihren Eltern entgegenbringen und in den ersten Lebensjahren mit sich tragen.

Eigentlich

Dieser angehäufte Erfahrungsschatz, dieses Wissen aus vielen Quellen, von zahllosen Beziehungen. Der viele gute Sex und die Tränen und Opfer haben die Basis gelegt für die richtigen Entscheidungen, die richtige Partnerwahl, die richtigen Weichenstellungen und alles, was sonst noch richtig gelaufen ist. Was ja auch bei mir noch kommen kann.

Obwohl

Es ist dieser Zweifel, der irgendwann verschwindet, weil man einfach weiß, dass man höchstens mal kleine Fehler macht. Der in einer Melange aus klarem Blick, optimalen Entscheidungen und Erfolg zu einem stabilen Selbstbild führt, in dem kein Platz für Unsicherheit oder Änderungen ist. Im Rückblick auf die eigene Verwirklichung und der Erkenntnis, etwas erreicht zu haben.

Nur was?

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Montag, 16. Februar 2026

Büttenrede 2026 zum "TAV des Teufels"

Büttenrede 2026 TAV des Teufels
Helau und Alaaf, ihr Narren – seid bereit!
Für etwas Wahrheit – und ein bisschen Gemeinheit.
Ich bin im Alltag – glaubt es mir –
ein TAV ganz fein und sanft wie ihr.

Ich manage Anwendungen, installier’ sie geschickt,
sorge für Betrieb, dass alles perfekt tickt.
Fehler lösen, Fragen beantworten – das liegt mir im Sinn,
für Fachbereich und Lieferanten bin ich stets voll drin!

Hilfsbereit, charmant, stets korrekt,
doch hinter der Fassade ist ein Teufel versteckt!
Denn wehe, wehe, in dunkler Nacht,
wenn keiner mehr E-Mails verschickt oder macht.

Dann tauscht Dr. Jekyll leis sein Kleid,
und Mr. Hyde steht kampfbereit.
Dann bin ich fremd – ja, selbst mir ein Graus,
die nette Seele verlässt plötzlich mein Haus.

Ego, Macht und Bequemlichkeit
regieren dann die Arbeitszeit.
Dann flüstert es leise aus dem System:
„Sei faul, sei böse – nenn es bequem!“

Ich werde kleinmacht-besessen und kühn,
denke mir: Soll’n doch die anderen sich müh’n!
Rücksicht? Pah! Moral? Ach was!
Jetzt spricht der Teufel – die Hölle macht Spaß!

Nicht brav, nicht nett, ich scheuch euch herum,
der Teufel-TAV regiert – und zwar richtig krumm!
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Besonders liebe ich die Automaten,
die still für mich die Arbeit starten.
Mit RPA – meinem höllischen Knecht –
lenk’ ich die User, mal links und mal rechts.

Tagsüber testet dieser Bot ganz brav,
nachts macht er CE-Bearbeitungen im Schlaf.
Heut’ lass ich ihn – ganz nebenbei –
einen Change anlegen… eins, zwei, drei.

Ein fieses Präsent, fein und mit Bedacht,
für einen Projektleiter, der mir widersprochen hat.
Denn merkt euch: Wer mir im Meeting Contra gibt,
hat schnell ziemlich viel Arbeit dazugekriegt.

Mein Roboter füllt Felder – Stück für Stück,
verteilt Zuordnungen mit Tücke und Glück.
Schiebt Workflows weiter – mit Engelsgeduld –
Und ich? Ich bin natürlich an gar nichts Schuld!

Als Begründung – fein und klein –
trag’ ich „BaFin – Compliance“ ein.
Das klingt dann wichtig, schwer und groß –
Und macht so manche Führungskraft kopflos.

Zwar muss ich manchmal selbst noch ran,
weil KI noch nicht alles kann.
Doch bald schon – merkt euch dieses Wort –
stellt sie die Texte selbst zusammen dort.

Aus Datenbanken, schlau kombiniert,
wird jeder Change automatisiert.
Knifflig? Ja. Doch ohne Scherz:
Genau so etwas wärmt mein Teufelsherz!
________________________________________
Doch plötzlich – kaum zu fassen, oh nein –
da klingelt bei mir das Telefon daheim!
Ein Anwender, ganz ungeniert,
der offenbar seine Lage nicht kapiert.

Ich frage mich leise, doch sehr bestimmt:
Wann lernt dieser Mensch, was hier nicht stimmt?
Man kann mit mir ja alles tun –
solang man mich lässt einfach ruhn.

Denn Anrufe, Freunde, das geht gar nicht,
das stößt beim Teufel im TAV auf höllische Pflicht!
Ein Klick, zwei Klicks – ich bleib ganz fein,
schon bin ich in seinem Verzeichnis daheim.

Ganz freundlich nach seiner Kennung ich frage,
er ahnt nicht, was ich mit seiner ID vorhabe.
Er klagt und jammert mir die Ohren voll,
während ich im Zugriffsbaum nach vorne roll.

Ich suche genüsslich, ganz ohne Stress,
seine Rechte heraus – welch teuflischer Exzess!
Kaum Minuten verstrichen, glaubt mir sehr,
sind seine Zugriffe weg – vorbei, er sieht nichts mehr!

Ein letzter Klick, die Tat vollbracht,
das Telefon wird stumm gemacht.
Ich leg ganz ruhig einfach auf –
so nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Und falls er denkt, mit frischem Mut,
ein zweiter Anruf wär jetzt gut:
Für ihn ist diese Leitung tot –
zig Wochen gesperrt, so will’s der Code!
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Da gibt es Gesellen, die ernsthaft glauben,
sie könnten sich Einladungen an mich erlauben
zu Meetings voller Pillepalle und Geschwätz,
ich denk nur: „Himmel, wie bescheuert ist denn das jetzt?“

Mein Computer, der reicht mir allein,
da brauch ich keine Dorftrottel und ihre Kaffeereih’n.
„Beschäftigt“, „Nicht stören“, „Am Telefon“ –
mein Status wandert durch alle Optionen schon.

Ein kleines Skript, so heimlich und fein,
lehnt Einladungen ab – oh wie gemein!
Mal auf exotische Zeiten verschoben,
mal mit Fragen, ob das Problem nicht behoben.

Zum Ablenken springt nachts die Fritzbox dann an,
damit jeder meinen Fleiß auch bestaunen kann.
„Gesendet nächtlich um 00:30“ –
ach schau mal, der TAV war wieder fleißig!
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So könnt’ ich noch viele Geschichten erzählen,
von Schikanen, Gemeinheiten und kleinem Quälen.
Ich werd’ nicht müde, die Technik zu verbiegen,
und jeden Anwender so richtig in die Knie zu kriegen!

Am Ende zählt nur mein Wille und die Macht,
und wer jemals mich zum TAV gemacht,
hat entweder das Ende nicht kommen sehen
oder war mutig und dachte, er könnte bestehen.

Also merkt euch, Narren, seid nicht so keck,
den TAV-Teufel überlistet ihr nicht – nicht ein Stück!
Ich tyrannisiere weiter im digitalen Saal,
denn Hölle und Humor – das ist meine Wahl!

Jetzt lacht mit mir, verzeiht mir heut,
denn Fastnacht ist die Narrenzeit.
Ab Aschermittwoch – das ist klar –
bin ich wieder freundlich… fast ganz, na ja.

Denn der TAV des Teufels steckt in jedem hier,
ein kleiner Schelm, ein Spötter – das sage ich dir!

Alaaf und Helau

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Hier ist der Beginn der Originalserie aus dem Oktober 2020: TAV des Teufels Staffel 1, Folge 1)
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Montag, 9. Februar 2026

Das Erwartungsmanagement der Gelben Tonnen

Wir werden alle älter. Und schaffen es oft nicht, uns an die Gepflogenheiten der neuen Zeit anzupassen. Werden altersstarr, verharren in längst überholten Strukturen oder erzählen unseren Kindern von der guten alten Zeit.

Ich nehme mich da nicht aus. Gerade fiel es mir wieder auf, als ich auf dem Heimweg wie auf dem Rollfeld eines Flughafens von gelben Flecken, pardon, Gelben Tonnen, zu meinem Haus zurückgeleitet wurde. Ich kann mein Gebäude nun gar nicht mehr verfehlen, wie im Märchen von Hänsel und Gretel mit ihren verstreuten Kieselsteinen gibt es eine Spur, die bis zu meiner Einfahrt führt.

Das Erwartungsmanagement der Gelben Tonnen
Ein besonderer Service des Entsorgungsunternehmers, der möglicherweise auf das Abholen verzichtet, um den Kunden eine Orientierung zu geben. Wie leicht könnte man sich sonst im Dschungel der Siedlung verfahren, hilflos herumirren und verzweifelt nach Hilfe suchen.

Wie altmodisch mutet es an, dass Tonnen an dem Tag abgeholt werden, der laut gedrucktem Müllkalender angekündigt wurde. Oder der im jederzeit aktualisierbaren Online-Kalender vermerkt ist. Hier tut es Not, nicht die Müllabfuhr zu tadeln, auch nicht die Informationspolitik zu kritisieren, sondern die Anforderung der Bürger anzupassen: Erwartungsmanagement nennt man das.

Aber auch das Wetter ist ja nicht mehr, was es mal war. Neuerdings gibt es im Winter sogar Tage mit Schnee. Das ist überraschend und wenngleich Restmüll, Grünabfuhr und Papier in vermutlich heldenhafter Tapferkeit entsorgt wurden, waren die Verpackungsreste auch nach Tagen noch in ihrer gewohnten Umgebung vor den Häusern.

Was mich beruhigt, ist, dass der Missstand die Verantwortlichen offensichtlich tief berührt. Mit geradezu flehenden Worten bitten sie mich um Verständnis, ein Trend, der hoffen lässt. Egal, ob ausfallende Züge, absurde Wartezeiten bei der Hotline oder eben verspätete Müllabfuhr. Allenthalben höre oder lese ich die Bettelei um meine Einsicht, mein Einfühlungsvermögen in die komplexen Strukturen der Unternehmen.

Nein, eine Änderung der Sache ist nicht in Sicht. Und wie im zwischenmenschlichen Feld gilt auch hier, dass es einfacher ist, sich selbst anzupassen, als am Partner etwas zu bewirken. Clevere Lösungen sind gefragt: Mülltausch könnte in die richtige Richtung gehen, private Mülllager, Müllpartys, rituelle Zeremonien.

Oder ist das alles Teil eines großen Plans und dahinter steckt am Ende Greta? Wenn wir keinen Müll mehr produzieren, muss er auch nicht mehr abgeholt werden.

Ich sag ja: Auf die Erwartung kommt es an.

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Lies auch, wie alles begann: "Der Prozessionsweg der Gelben Tonnen"
Oder wie es weiterging: "Die Botschaft der Gelben Tonnen"
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Montag, 2. Februar 2026

Maschinenraum und dessen Bewohner

Maschinenraum und dessen Bewohner
Ich bin unter Deck gegangen, stehe jetzt im Frachtraum und schaue mich um. Wie gewohnt ist die Ladung gut verstaut, einige Stücke stehen auf Paletten, andere sind in Transportcontainern untergebracht, an einer Wand Fässer in Regalen festgezurrt.

Alles wirkt gewohnt, je nach Zielhafen, Route und Zwischenstationen variiert das Bild. Mal sind es mehr Paletten, mal anderes Stückgut. Auch das Volumen der Ladung ist immer ein bisschen unterschiedlich, das hängt oft auch noch mit den Jahreszeiten zusammen oder ob wir aus irgendeinem Grund zusätzlich bunkern mussten.

Und doch ist heute irgendetwas anders. Ich schaue mich um, gehe in Gedanken die einzelnen Beobachtungen durch. Die Ladungssicherung stimmt, auch die Beleuchtung ist nicht anders als sonst. Von Ferne höre ich den Schiffsdiesel dröhnen, über mir immer mal wieder Schritte, kaum wahrnehmbar auch Gespräche oder Gewerkel von irgendwelchen anderen Passagieren.

Die See ist ruhig heute, nur ein ganz leichtes Stampfen lässt vermuten, dass wir den Hafen schon vor geraumer Zeit verlassen haben. Ich gehe im Frachtraum herum, ziehe mal an diesem, mal an jenem Tampen, prüfe die Halterung der Fässer und schaue im Vorbeigehen nach den Notkästen mit Schwimmwesten und zusätzlichen Rettungsbooten.

Jetzt fällt mir auf, was heute so ungewöhnlich ist. Es sind nicht die Gegenstände um mich herum, auch nicht das Ostinato der schiffstypischen Geräusche, das gelegentliche Knarren von Verbindungen oder aneinander reibenden Teilen. Vielmehr fehlt das gelegentliche feine Quietschen der ungebetenen kleinen Nagetiere, die man unfreiwillig immer an Bord hat.

Normalerweise hört man die Ratten trippeln, gelegentlich nagen sie am Holz der Paletten herum oder fauchen sich gegenseitig an. Aber heute sind sie nicht zu hören. Sollten die Fallen alle Tiere erwischt haben, die Köder so wirksam gewesen sein oder ist es einfach noch zu früh für diese nachtaktiven Genossen?

Ich bleibe stehen, lausche und bewege mich ganz langsam zurück zum Lichtschalter, dunkel jetzt und ich lausche geduldig, ob nicht doch irgendein Lebenzeichen zu hören ist. Aber bis auf die anderen Geräusche bleibt alles still. Sie sind nicht da, da bin ich mir jetzt langsam sicher. Können sie denn alle verschwunden sein, kollektiv ihre Nester und Verstecke verlassen haben?

Auf einmal fällt mir das Sprichwort ein: „Ratten verlassen das sinkende Schiff.“ In früheren Zeiten war für Seeleute das plötzliche Verschwinden von Ratten ein Warnzeichen dafür, dass mit dem Schiff etwas nicht stimmt. Aber warum für Seeleute in früheren Zeiten, sollte nicht auch ich mich von den Nagetieren warnen lassen, ihr Verhalten zum Anlass nehmen, selbst besonders aufmerksam zu werden, mir eine Schwimmweste zu holen und mit unerwarteten Problemen rechnen? Notfalls auch mit anderen zusammen die Beiboote klarmachen und die Evakuierung vorbereiten?

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Ich öffne wieder die Augen, die Büroleuchte ist ausgeschaltet und das übliche ferne Gebrabbel menschlicher Kommunikation dringt an mein Ohr. Das ausbleibende Quietschen mag an der pausierenden Klimaanlage liegen, echte Ratten habe ich hier natürlich noch nie gesehen.

Aber vielleicht gibt es sie eben doch. Die Büro-Ratten. Diese unscheinbaren KollegInnen, die ein feines Gespür dafür haben, wenn es mit dem Unternehmen bergab geht. Die nach vielen Jahren der Treue plötzlich leise, still und heimlich die Stelle wechseln. Kaum Worte verlieren und darauf angesprochen ausweichend von neuen Herausforderungen sprechen.

Das hat nichts zu heißen, aber es könnte eben doch ein Signal sein. Es muss kein siebter Sinn sein, der hier eine Rolle spielt, vielmehr reagieren auch Ratten gar nicht durch übernatürliche Fähigkeiten, sondern weil sie extrem wachsam und aufmerksam sind. Damit sind sie sozusagen Boten mit für mich unbekannte Information, dass der Wasserstand steigt, Luken undicht sind oder in irgendeinem entfernten Bereich ein Feuer ausgebrochen ist.

Solche Antennen gilt es zu nutzen. Und hierbei unbedingt im Auge behalten, dass auch unscheinbare Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zwar fachlich unauffällig, dabei aber zu solchen Themen herausstechend gut informiert sein können. Wenn sie sich andere Aufgaben suchen, das Team wechseln, vielleicht sogar kündigen, ist also zumindest Vorsicht und erhöhte Aufmerksamkeit geboten. 

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Montag, 26. Januar 2026

Systole und Diastole im Alltag

Systole und Diastole im Alltag
Neulich beim Arzt. Die medizinisch-technische Assistentin kommt ins Sprechzimmer, legt mir eine Manschette um den Arm und pumpt sie auf, um den Blutdruck zu messen. Während sie mit einem Stethoskop hantiert und langsam die Luft aus der Blutdruckmanschette ablässt, erläutert sie mir ungefragt die beiden gemessenen Werte.

Sozusagen von oben kommend würde sie den systolischen Druck messen, also den Druck, wenn das Herz sich zusammenzieht und pumpt. Das wäre dann der höchste Druck, den meine Gefäße aushalten müssten. Nur keine Sorge, die könnten das ertragen. Und der niedrigere Druck, auch als Diastole bezeichnet wäre der Dauerdruck in meinen Blutbahnen. Eigentlich wäre das der wichtigere Wert, denn dieser Druck wäre ja immer vorhanden.
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Ich komme ins Grübeln und denke an meine Anspannungs- und Entspannungsphasen im Alltag. Das normale Leben mit seinen kleinen Widrigkeiten wäre dann der diastolische Druck, wenn aus irgendwelchen Gründen Stress aufkommt entspräche dies dem systolischen Druck. Beides durchaus beachtenswert unter dem Gesichtspunkt, wie es mir psychisch geht.

Bin ich mehr oder weniger dauerhaft angespannt, dann ist der diastolische Druck zu hoch. Um dies zu ändern muss ich mein Leben umgestalten, nach den Auslösern dieser Dauerbelastung suchen und sie beseitigen. Auf Dauer ist es schädlich, wenn man ständig unter Strom steht, von Termin zu Termin hetzt oder zu viele Dinge gleichzeitig zu erledigen versucht.

Im Sinne des diastolischen Druckes ist auch manche Lebenssituation sehr belastend. Sei es die Zerrissenheit zwischen Beruf und Familie, sei es eine kritische „Sandwich-Position“ zwischen Kunden und Lieferanten. Wer diesen Stress nicht abbauen kann, sollte nach Lösung durch Änderung der Situation suchen.

Aber auch die besonderen Lastphasen sind nicht zu unterschätzen. Wird ein realistisch nicht einzuhaltendes Ziel (zum Beispiel ein zu kurzfristiger Termin) vorgegeben, dann erzeugt es in mir einen inneren Druck auf den ich eingehen muss. Als Gegenmaßnahme kommt sehr oft eine realistische und gut begründete Neuplanung in Frage.

Auch vorübergehende Überlastung – qualitativ oder quantitativ – sorgt für einen erhöhten Maximaldruck. Neben der Erkenntnis, dem Abschätzen der Dauer und der eigenen Toleranz spielt die gegengehaltene Entspannung eine wichtige Rolle. Ob nun Yoga, die Beschäftigung mit Tieren, Sport oder ein Buch: Das ist individuell unterschiedlich, Hauptsache, die Spannung lässt nach.

Was im körperlichen wie im psychischen Umfeld aber nicht geht ist reines Ignorieren. Unerkannter oder unbehandelter Bluthochdruck führt über Herzinfarkt, Schlaganfall, Gefäßverkalkung und Erblindung bis zum Tod. Dummerweise merkt man oft über lange Zeit gar nicht, dass der Blutdruck zu hoch ist und schon anfängt, Schäden zu verursachen. Regelmäßige Kontrolle und Einleitung von Gegenmaßnahmen ist also äußerst empfehlenswert.

Und das gilt eben auch für Menschen, die die Herausforderung suchen, ihren Job lieben, sich als Manager unentbehrlich fühlen oder alle Menschen mit Urlaubsbedürfnis für Schwächlinge halten. Sie merken nicht, wie der Stress seine Schäden vorbereitet. Von Verlust des sozialen Umfeldes über Einengung des Weltbildes, Selbstüberschätzung, Burnout bis hin zu körperlichen Symptomen ist auch hier eine breite Palette möglicher Folgen bekannt.

In Analogie zum Check-up beim Arzt ist also auch beim arbeitsfreudigen Menschen ein regelmäßiger Selbsttest zu empfehlen. Darf man noch von hoher Motivation und überdurchschnittlichem Arbeitseinsatz sprechen oder handelt es sich schon um pathologische Ausprägungen einer Arbeitssucht (Workaholismus)?

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Die Sprechstundenhilfe ist fertig, ich glaube, sie hat in den letzten Minuten etwas über Blutdruck senkende Medikamente erklärt und schickt sich jetzt an, mir noch einen Anamnesebogen aus dem Schrank zu holen. Ich bedanke mich recht herzlich für ihre interessanten Informationen und verlasse in Gedanken vertieft den Untersuchungsraum.

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Dienstag, 20. Januar 2026

Die Botschaft der Gelben Tonnen

Die Botschaft der Gelben Tonnen
Wie schön sie dastehen, zusammengekuschelt bei der Kälte. Die Gelben Tonnen machen uns vor, wie Gesellschaft funktionieren kann. Da stehen in trautem Einvernehmen die alten Tonnen, die seit Wochen geduldig in Schnee und Regen auf ihre Abholung warten. Sie sind an Sammelpunkten zusammengekommen, vermutlich diskutieren sie ihre ungewisse Zukunft.

Denn es ist aus ihrer Sicht ja weder klar, wann sie abgeholt werden, noch wohin sie kommen und was dann aus ihnen wird. Nur gut, dass in dieser trüben Lage die neuen Tonnen dazugekommen sind. In gewisser Weise sind sie ja auch Leidtragende, denn wenngleich ihre Zukunft etwas klarer zu sein scheint, ist ihre Entleerung überfällig.

Vereinzelt könnten sie in Depressionen über die Sinnlosigkeit ihres Daseins geraten, wäre da nicht der Trost der Gruppe, der auch sie umfängt und Ihnen Hoffnung und Mut macht. Das Lied von Zarah Leander macht die Runde („Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n“) und auch wenn man im eisigen Wind nur das Klappern der gelben Deckel hört, bin ich ganz sicher, dass sowohl K+R als auch Remondis das Lied hören und tatsächlich eines Tages aktiv werden.

Möglicherweise muss sich aber auch erst eine höhere Instanz einschalten, muss das Innenministerium die Gefahrenlage hochstufen und die zum Teil vermummten Tonnen als Bedrohung der nationalen Sicherheit klassifizieren. Keinesfalls sollten wir uns wundern, wenn in den nächsten Tagen Sondereinsatzkommandos gebildet und mit der Räumung beauftragt würden.

Doch am Ende stellt sich die Frage, ob die Gelben Tonnen nur ein Sinnbild für unser Leben, unsere Fremdbestimmung sind. Wie wir behandelt werden, wenn wir keinen Müll mehr aufnehmen, vergessen am Straßenrand stehen? Und wie wichtig ist die Botschaft, die uns die Entsorgungsbetriebe hier mitgeben, dass nämlich Gemeinschaft und Zusammenstehen gerade in schwierigen Zeiten elementar wichtig sind.

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Lies auch, wie alles begann: "Der Prozessionsweg der Gelben Tonnen"
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