"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.
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Die Hitzetage sind vorbei, man hechtet nicht mehr zwischen den klimatisierten Räumen hin und her, wer ein Fleckchen Grün pflegt, hat auch wieder mehr Zeit für Hobbys jenseits von Gießen und Abdecken. Entsprechend entspannt räkeln wir uns in der Lounge-Ecke unseres Cafes und plaudern über Gott und die Welt. "Hast du dieser Tage die Berichte über die aktuelle Pisa-Studie mitbekommen?" will Sara wissen. "Klar", sage ich, "das war ja kaum zu ignorieren. Wieder mal die Grafiken, das Gejammer über das schlechte Abschneiden der deutschen Kinder, die Forderung einer Reform des Bildungssystems und so weiter. Ein bisschen möchte man sagen 'same procedure as last year'".
"Ja, schon. Aber ein bisschen anders war es eben doch. Wir hatten einen Knick im Verlauf der Ergebnisse. Nachdem es einige Jahre bergauf gegangen ist, waren die Werte nun wieder niedriger. Das sieht schon so aus, als ob irgendwelche Maßnahmen nicht mehr funktionieren oder deren Durchsetzung nachlässt." - "Stimmt, aber die Reaktion war trotzdem wie gewohnt. Hektische Geschäftigkeit, Pressemitteilungen, Talkshows, Suche nach Schuldigen. Wie immer halt."
"Wer sind denn die Schuldigen?" will Sara wissen. Ich kenne sie lange genug, es ist eine rhetorische Frage, die sie in wenigen Augenblicken selbst beantworten wird. Mal kurz abwarten und tatsächlich geht es weiter: "Sind es die Kultusminister? Fehlt das Geld? Haben die Schulämter flächendeckend ihre Hausaufgaben nicht gemacht? Müssen wir die Schulen in die Verantwortung ziehen oder die Lehrer aktivieren?"
"Das ist so etwa die Reihenfolge, die in der Presse dargestellt und von der Öffentlichkeit diskutiert wird. Bildung wird in Deutschland nicht ausreichend hoch bewertet, die Mittel gestrichen, die Schulen sind unterfinanziert, die Lehrer unterqualifiziert und es gelingt nicht, die Unterschiede der sogenannten Bildungsfernen Schichten anzugleichen."
Sara gerät in Fahrt, Schluss mit dem gemütlichen Herumlungern auf dem Sofa. "Wenn ich allein schon 'unterqualifizierte Lehrer' höre, kriege ich Puls. Sie sind in den letzten Jahrzehnten immer mehr in die Rolle des Kumpels und Entertainers gedrängt worden, Beibringen von Themen alleine reicht nicht. So unterhaltsam wie ein TV-Spot, witzig, nur nicht anstrengend. Schulstoff, vielleicht sogar einfaches Auswendiglernen passt da nicht ins Zielbild und wird durch Feedback und Ranking scharf geahndet."
"Es gab und gibt gute und schlechte Lehrer. Manche können den Stoff gut vermitteln, andere holen die Klasse einfach nicht ab", gebe ich zu Bedenken. - "Schon. Aber ob man das im kleinen Kreis anspricht oder durch das Internet und Plattformen in der ganzen Welt verstreut ist ja schon ein Unterschied und grenzt stellenweise an Hexenjagd. Wer gibt den Kids denn das Recht, sich so kritisch und respektlos über ihre Lehrer zu äußern und gleichzeitig alle Bewertungen wie Tests und Klassenarbeiten in Frage zu stellen?" Kurze Pause, dann: "Und vergleich‘ das mal mit asiatischen Ländern, in denen es zur Kultur gehört, dass sich die Schüler bei den Lehrern bedanken, weil sie ihnen etwas beigebracht haben."
"Willst du darauf hinaus, dass die Pisa-Studie weniger ein Abbild unseres Schulsystems als ein Spiegel unserer Kultur ist?" - "Ein wenig groß formuliert, aber warum nicht? Ja, wenn Lehrer meine Feinde sind, gegen die ich mich wehren muss und die weniger zu meinem Wissenszuwachs als zu meiner Unterhaltung da sind... dann stimmt etwas mit der Grundeinstellung nicht. Die wiederum ganz entscheidend von den Eltern geprägt wird. Und darin sehe ich den Kern des aktuellen Problems."
"Was meinst du damit: 'Kern des aktuellen Problems'" - Sara beugt sich vor, fast wirkt sie, als ob jetzt eine Verschwörungstheorie folgt, die man nur flüsternd weitergeben kann. Aber dann redet sie ganz normal weiter: "Kern ist das Elternhaus, das familiäre Umfeld, die Geschwister, die Freunde, das soziale Umfeld. Ich beobachte eine zunehmende Anzahl von Menschen unterschiedlichen Alters, die zwar in Deutschland leben, sich aber komplett abschotten. Sie sprechen überwiegend oder sogar ausschließlich ihre Sprache, leben ihre Kultur und Riten und bleiben vollständig unter sich. Wie soll ein Kind aus solch einer Familie die Anweisungen einer Lehrerin befolgen, wie soll es die deutsche Sprache lernen, warum soll es sich mit Mathematik beschäftigen?"
"Also lösen aus deiner Sicht Probleme in der Integration die beobachteten Probleme in den schulischen Kompetenzen aus?" - "Ja, und ich gehe noch einen Schritt weiter. Die in den Talkshows bemängelten Defizite beim Heranführen von Kindern aus 'bildungsfernen Schichten' an den Standard von Kindern aus reichen Häusern hat nur bedingt etwas mit dem Geld zu tun. Es ist gar nicht so sehr die Chancengleichheit, die hier auf den Prüfstand gehört, sondern die Begleitung der Kinder durch die Eltern in die Angebote der Schule. Stichwort Grundeinstellung, was ich vorhin ja schon angesprochen habe. Welche Perspektive kann ich dem Kind in Aussicht stellen, welches Ziel ist realistisch? Das können und müssen die Eltern leisten und in der Tat dürfte das in Akademikerfamilien erheblich ausgeprägter sein als bei Kindern aus Einwandererfamilien, oder mit Migrationshintergrund, wie das heute beschönigend heißt."
"Stimmt, stimmt nicht. Es ist schon motivierend, wenn der Papa ein schickes Auto fährt, man tolle Urlaube macht, irgendwelche Luxusgeschenke bekommt und bei jedem kleinsten Durchhänger ein Nachhilfelehrer zur Hand ist. Sport zur Auswahl, Musikinstrument auf Wunsch natürlich auch. So ein Leben ist dann Vorbild und motiviert eher, in der Schule Gas zu geben als wenn die Eltern von Sozialhilfe leben, die älteren Geschwister zwar nichts gelernt haben, sich aber ganz gut mit Autoverkauf oder Gelegenheitsarbeit durchschlagen."
"Vielleicht ist meine Darstellung etwas schwarz-weiß, aber am Ende belegt sie trotzdem die zentrale Funktion des Umfeldes. Und das kann keine Komponente des Schulsystems ersetzen. Doch die Eltern oder gar die Kinder zur Rechenschaft zu ziehen - davon höre ich nichts in den Diskussionen. Dabei würde es noch nicht mal viel Geld kosten, aber man müsste an verschiedenen Stellen in das System eingreifen. Und mit Sicherheit lohnt es sich, wenn man beim Blick über den Tellerrand zu den Gewinnern der Pisa-Studie nicht nur nach der Klassengröße, dem Geld für Bildung und so weiter schaut, sondern auch mal Themen wie Migration, Integration und Kultur betrachtet."
Wie so oft ist der Sturm vorbei, Sara ist wieder entspannt, freundlich lächelnd hat sie sich wieder in das Sofa gekuschelt und ist bereit, Gott und die Welt wieder in ihre Gedankenwelt zu lassen.
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