Dienstag, 16. Juni 2026

Saras Sicht: Sozialneid

Sandras Sicht: Sozialneid
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Es hat tatsächlich geklappt, dass wir uns wiedersehen. Einerseits war unser Gespräch über die Duz-Kultur ja recht lebhaft verlaufen, aber ich hatte mich im Nachgang gefragt, ob wir wirklich kontrovers diskutiert oder uns nur gegenseitig Recht gegeben hatten. Entsprechend gespannt wartete ich schon vor der verabredeten Zeit vor meinem Cappuccino auf den Austausch zum Sozialneid.

"Holla" höre ich meine Bekannte zur Tür reinkommen, diesmal sitzt sie schon, bevor sie den Mantel ausgezogen hat. Ein wenig außer Atem, aber gut gelaunt, mag sein, dass sie genauso gespannt auf mich ist wie ich auf sie. "Du bist ja schon da... für mich auch einen XXL und heute darf es auch ein Keks dazu sein. Meinst du, die haben hier sowas?" Bis die Bedienung kommt hat sie ihre Jacke abgestreift, die Handtasche deponiert und sich aus einer plötzlich auftauchenden Tube die Hände eingecremt.

Ich schaue sie an. "Du siehst aus, als ob du dich zum Kampf rüstest." Sie lacht, "Nein, das ist eher so ein unwillkürliches Programm, ich habe noch nicht mal gemerkt, dass ich mir die Hände eingecremt habe. Gehört irgendwie dazu." Sie reibt noch mal die Hände. "Kennst du das nicht, dass du irgendwas automatisch machst, immer 20 Meter vor der Haustür nach dem Schlüssel kramst, auch wenn sie aufsteht oder die Lesebrille suchst, obwohl die Speisekarte groß genug gedruckt ist?"

"Manchmal erschrecke ich mich beim Autofahren, dann frage ich mich, wie ich an diese Stelle gekommen bin und wie ich die Kurven auf den letzten Kilometern gelenkt habe, obwohl ich in Gedanken die Einkaufsliste durchgegangen bin." Wir diskutieren noch eine Weile über automatisierte Abläufe, ob es da Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt und ob es überhaupt Menschen gibt, die im üblichen Sinne Multitasking-fähig sind.

Dann kommen wir wieder auf unser letztes Treffen zurück, lassen das Gespräch noch mal an uns vorüberziehen und ergänzen hier und da irgendwelche Aspekte. "Ja", sage ich, "wahrscheinlich steckt in jedem Menschen eine mehr oder weniger große Neid-Ecke. Wir vergleichen uns und dann sind wir besser oder schlechter. Und wenn wir schlechter sind, dann ist der andere besser und das stört uns."

"Wir sind uns einig, dass Neid eine Folgerung ist, die in unserem Kopf entsteht. Mit dem Ergebnis vom Vergleich kann man so oder so umgehen. Man kann sich anstrengen um besser zu werden und vielleicht irgendwann den anderen zu übertreffen oder man versucht ihm ein Bein zu stellen, damit er schlechter wird oder man ärgert sich und verschiebt den Wettkampf in ganz andere Themen."

"Wie meinst du das?" - "Naja, da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Weitverbreitet kann man dem Gegenüber vorwerfen, dass er ein Angeber ist. So, wie er sein Auto putzt und präsentiert will er ja offensichtlich demonstrieren, dass er eine Luxuskarosse hat. Dieser arrogante Schnösel hat ja sonst auch nichts, nachdem seine Kinder aus dem Haus sind. Und so weiter. Den Charakter kritisieren, die Seriosität in Frage stellen, auf Mängel an anderer Stelle hinweisen. Der hat zwar das teurere Auto, aber er kann sich ja noch nicht mal einen vernünftigen Urlaub leisten."

"Manchmal ist das aber gar kein Neid, sondern ein gewisser Selbstschutz. Damit ich mich nicht zu blöd fühle, muss ich mir irgendwas ausdenken, was ich besser kann, mehr habe, oder auch dass es mir auf ein großes Auto doch gar nicht ankommt, dass es Wichtigeres im Leben gibt.“

„Das ist dann ein nach außen getragenes Ausweichmanöver. Aber im Grunde ist es eben doch Neid, ich möchte selbst mindestens genauso sein oder ich gönne der anderen Person etwas nicht. Und wenn ich es nicht erreiche, dann muss ich den Vorteil oder vermeintlichen Sieg eben madig machen. Wenn er schon besser ist, soll er sich nicht auch noch daran erfreuen können.“

„Bei Sozialneid denke ich an Aggression, die sich beim Zusammentreffen auslebt. Sei es ganz verdeckt als schlechtere Behandlung, zum Beispiel Verzögerung in der Bedienung, sei es in Form blöder Kommentare oder sogar Beschädigung zum Beispiel des Autos.“

„Ja, genau. Da laufen Mechanismen an, die im Grunde von sehr weit innen kommen. Ablehnung und der Versuch, diese Abweichler aus dem eigenen Dunstkreis irgendwie loszuwerden, ihnen durch negative Erlebnisse jeden Kontakt zu vermiesen. Ich denke, Sozialneid ist der Begriff für die Perspektive von unten nach oben, also wenn jemand neidisch ist, weil er weniger hat. Aber das Phänomen der Ablehnung hast du natürlich auch in der anderen Richtung. Distanz aufbauen zu jemand, der dir niedriger erscheint.“

Ich schlürfe an den Resten meines Cappuccino und lasse Saras Sicht auf mich wirken. „Okay“, sage ich dann, „Das ist dann kein Neid, aber die Auswirkung von unterschiedlichem Rang oder Gesellschaftsebene oder wie man es nennen will. Spannend jedenfalls, wie sich sofort Spannungen aufbauen, wenn es Unterschiede in der Ebene, der Stellung, der Position gibt. Allein schon, dass wir von ‚oben‘ und ‚unten‘ sprechen, zeigt ja, dass es ein besser oder schlechter gibt. Und allein diese mehr oder weniger bewusste Erkenntnis schürt Unzufriedenheit mit Tendenz zum Neid.“

„Vielleicht ist das so, vielleicht entsteht die Empfindlichkeit aber auch schon, sobald man mit diesem Maßband konfrontiert wird. Das größere Auto, die schickere Wohnung oder der attraktivere Job führen einem ja deutlich vor Augen, dass man selbst weniger hat, je nach Unterschied und Selbsteinschätzung sogar, dass man sich als Versager fühlt. Und das tut weh.“

Eine Weile geht das Gespräch noch weiter, erzählen wir uns von Beispielen aus dem Alltag, haben ein paar Situationen im Kopf, die wir im Zusammenhang mit Sozialneid sehen. Schließlich ist der Cappuccino aber ausgetrunken und der Nachmittag ist auch schon fortgeschritten. Wir zahlen, schnappen uns die Mäntel und verabreden uns für die nächste Woche.

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Montag, 8. Juni 2026

Saras Sicht: Die Duz-Kultur

Saras Sicht: Die Duz-Kultur
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Ein wenig aufgeregt bin ich schon. Vielleicht war meine neue Bekanntschaft Sara nur ein Phantom, stelle ich mir unter unserem Austausch mehr vor, als sie gemeint hat oder am Ende ist uns das Wiedersehen peinlich, weil es einen Dating-Charakter hat. Aber nichts davon tritt ein. Die Tür schwingt auf, mit zügigem Schritt steht sie an meinem Tisch, strahlt mich an und hat schon Jacke und Handtasche deponiert. Ich bin aufgesprungen um sie zu begrüßen, aber sie ignoriert meine Hand, nimmt mich kurz in den Arm, als ob wir uns schon aus der Schulzeit kennen.

"Wieder einen Cappuccino XXL?" will die herbeieilende Bedienung wissen, die sich bestimmt auch ihren Teil denkt. "Ja, wunderbar, dass Sie sich das gemerkt haben." Während die Angestellte in Richtung Theke zieht, wärmen wir uns verbal ein wenig auf, tauschen Erfahrungen des Tages und des Wetters. Im Redestrom gehen wir dann plötzlich ins Du über, ohne daraus eine große Zeremonie zu machen. Und das ist auch gleich Gesprächsstoff.

"Glaubst du, dass die Entwicklung zum Du in der Gesellschaft Veränderungen auslöst oder ist es eher andersherum, dass die Gesellschaft sich verändert und deshalb zum Du übergeht?" - "Keine Ahnung, ob Du oder Sie ist weniger eine Frage der Anrede als der Distanz, die man damit signalisiert. Hat man ein persönliches Verhältnis oder steht man sich eher formal gegenüber. Ich finde es total seltsam, wenn man sich in der Familie mit Sie anredet, wie ich das manchmal in älteren amerikanischen Filmen mitbekomme. Andererseits sind die Leute in Amerika eigentlich sofort per Du, selbst der Vorstand stellt sich mit Vornamen vor und erwartet, dass du ihm genauso begegnest. Aber das ist dann keine Frage von freundschaftlichem Kontakt, sondern ein Standard, an den sich alle halten. Einige Stunden später kann dich dieselbe Person beschimpfen ohne durch diesen vermeintlichen Schwenk in Gewissensnöte zu kommen."

"Da geht doch einiges durcheinander. Anrede, Verknüpfung mit Gefühlen, Distanz und Respekt. Als Deutsche waren wir der Meinung, dass das Du etwas mit Respekt und Hierarchie zu tun hat. Ich möchte mich nicht von einer Angestellten Duzen lassen oder von einem Schuhverkäufer so angesprochen werden. Der kann ja durchaus nett sein, vielleicht treffe ich ihn abends im Sportverein und dann unterhalten wir uns vertraut über Sportprogramme und Trainingsschuhe. Aber in seiner Rolle als Verkäufer im Geschäft erwarte ich erstmal eine gewisse Distanz, und die zeigt sich eben auch in der Anrede."

"Das finde ich ein wenig steif, auch unbekannte Personen mit Du anzusprechen ist inzwischen üblich. Aber andererseits hast du Recht, und mein Eindruck ist, dass das auch mit den einzelnen Geschäften zusammenhängt. Gehe ich zu einem Schuhdiscounter, dann kommt mir wahrscheinlich eine junge Frau entgegen, die mich mit Du anspricht. In einem exklusiven Geschäft werde ich eher gesiezt. Eine Demonstration der Höflichkeit, vielleicht sogar ein wenig der hierarchischen Unterordnung. Der Kunde als König, der Verkäufer als Untertan."

"Und woher kommt die Verschiebung zum Du? Liegt das daran, dass alle cooler werden wollen, einen lässigen Umgang anstreben, sich diese lockere Art von unseren Vorbildern aus Amerika abschauen? Oder ist es nicht vielmehr der Versuch, alle Hierarchie zur Seite zu räumen, nicht nur als Phrase, sondern auch innerlich mit dem Vorstand auf Augenhöhe sprechen zu wollen? Ich denke ja nicht, dass eine hohe Hierarchie automatisch zu Arroganz führen muss, aber in der anderen Richtung ist es doch auch irgendwie dreist, wenn ich den Unterschied schlicht ignoriere."

"Dann siehst du das Du als Signal von Dreistigkeit?" - "Naja, nicht grundsätzlich und in jedem Fall. Vielleicht passt der Begriff Überheblichkeit besser. Wenn ich als Angestellter gute Arbeit leiste, dann ist das toll und anerkennenswert. Aber auf eine höhergestellte Person zu schauen und sich so zu verhalten, als ob man gleiche Intelligenz oder Wissen oder Verantwortung hätte, ist zumindest erst mal eine Selbstüberschätzung."

"Das leitest du alles aus der Anrede ab?" - "Die Anrede ist nur ein Symptom, da kommen wir auf die Ausgangsfrage, wie das mit der gesellschaftlichen Veränderung zusammenhängt. Wir erleben doch an allen Ecken und Enden Verschiebungen, ich sag mal nach oben. Wenn du schaust, wer heute alles ein modernes Auto fährt, komfortabel wohnt oder Kreuzfahrten bucht, dann sind das viel mehr Menschen als noch vor wenigen Jahren. Das ganze Gefüge hat sich geändert, die Löhne sind dramatisch viel höher, der gemittelte Wohlstand hat zugenommen, aber die Preise haben auch angezogen. Da schließt sich dann der Kreis, wenn man zum Beispiel die Eintrittspreise für Konzerte anschaut. Die sind ja schwindelerregend, werden aber trotzdem von ganz normalen Bürgern bezahlt."

"Ich glaube nicht, dass das so global stimmt. Eher geht die Schere weiter auseinander, es gibt zunehmend Menschen, die Schwierigkeiten haben, ihr Leben zu finanzieren, die mit ihrem Einkommen kaum über die Runden kommen. Vielleicht vermitteln sie an der einen oder anderen Stelle den Eindruck, dass es reicht, gehen aber nach Feierabend noch einem weiteren Job nach, damit die Kinder ein neues Handy bekommen können oder ein Urlaub möglich wird. Und in Kombination mit unausweichlicher Teuerung wie bei Benzin oder Lebensmitteln wird die Luft dann ganz schön dünn. Das Problem ist, dass auch wir beide immer nur einen Ausschnitt um uns herum sehen, aber das ist eben nur eine kleine Fraktion der Gesellschaft."

"Da ist was dran, aber der Standard hat sich schon deutlich weiterentwickelt. Selbst bei Aldi und Co bekommst du heute gute Lebensmittel, die kann man nicht mit dem Ramsch vergleichen, der vor einigen Jahrzehnten auf den Paletten war. Und natürlich kosten die Sachen dann mehr. Aber die Erwartung steigt mit den Angeboten, die Konsumenten tun sich schwer damit, dass sie wieder schlechtere Produkte kaufen oder mehr bezahlen müssen. Was früher nur für Besserverdiener galt, also dass sie sich einfach alles leisten konnten, daran haben sich viele Normalverdiener inzwischen gewöhnt. Einerseits wundern sie sich, dass dieses Grundprinzip für sie nicht mehr gilt, andererseits erfahren sie, dass es Sachen gibt, die man nicht kaufen kann. Und bekommen so vor Augen geführt, dass sie eben nicht zu den Gutverdienern gehören. Das schürt Neid und mündet im Versuch, sich doch irgendwie auf deren Stufe zu stellen."

"Ich muss gleich los, lass mich mal kurz zusammenfassen, wo wir in unserem wilden Ritt durch die Themen hingekommen sind. Wir haben uns über das Du unterhalten, darüber diskutiert, ob es ein Signal für Respekt und Hierarchie ist und ob Hierarchie oder auch nur Anerkennung einer höheren Stellung gesellschaftlich sozusagen von unten kommend zunehmend in Frage gestellt oder sogar torpediert wird. Und dann ging es noch darum, dass man diese Annäherungsversuche auch da sehen kann, wo es darum geht, sich etwas leisten zu können."

"War ein spannendes Gespräch, hast du nächste Woche wieder Zeit? Dann könnten wir uns weiter über den Sozialneid unterhalten. Ich bin ziemlich neugierig, wie du den siehst und im Alltag erlebst."

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Montag, 1. Juni 2026

Saras Sicht: Intro

Saras Sicht: Intro
Eine neue Serie: "Saras Sicht" - Ich lerne eine Frau kennen, mit der ich mich kontrovers über wechselnde Themen unterhalte. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Das Cafe ist weitgehend leer, am Tresen poliert eine junge Frau Gläser, die Kaffeemaschine hinter ihrem Rücken dampft aus der Wasserdüse. Leise Musik aus dem Radio ist im Raum, ruhige Gespräche der wenigen Gäste vermischen sich zu einem gleichmäßigen Gemurmel. Eine Frau in meinem Alter kommt herein, zieht sich die Jacke aus und spricht kurz mit der Angestellten. Ich nehme nicht weiter Notiz von ihr und lese weiter in meinem Buch, während ich von Zeit zu Zeit einen Schluck Kaffee aus der übergroßen Cappuccinotasse nehme.

"Guten Tag" höre ich eine Stimme und erwidere den Gruß ohne aufzuschauen. "Guten Tag, darf ich mich zu Ihnen setzen?" Jetzt schaue ich doch auf. Die Frau ist ziemlich schlank, hat eine mittelbraune Kurzhaarfrisur, ein schmales Gesicht mit lebhaften braunen Augen. Die weiße Bluse über der Bluejeans lässt alle Optionen zwischen Business und Freizeit offen. "Eigentlich wollte ich, nein... ja, selbstverständlich, setzen Sie sich."

Schon hat sie ihre Jacke auf den Stuhl neben sich gelegt, ihre Handtasche abgestellt und sitzt mir gegenüber. Ich schaue sie noch einen Moment an, dann widme ich mich wieder meinem Buch. Eine Weile herrscht Ruhe, dann kommt die Bedienung und "Ich hätte gerne einen großen Kaffee. Was hat der Herr mir gegenüber?" - "Das ist unser Cappuccino XXL." - "Sehr gut, den können Sie mir bitte bringen."

Ich tue so, als ob ich weiterlese, aber meine Ruhe ist gestört, die Gedanken beschäftigen sich mit der Frau mir gegenüber. Das ganze Cafe ist leer, warum belagert sie ausgerechnet mich, sucht sie allgemein Kontakt oder will sie etwas von mir? Wie alt ist sie denn nun, was macht sie in der Freizeit, bei der Arbeit, in der Familie, gerade jetzt und hier? Jedenfalls sieht sie recht hübsch und intelligent aus, vermutlich eingebildet und ziemlich anstrengend in der Partnerschaft.

Sie kramt in ihrer Handtasche, bestimmt holt sie ein Handy heraus, aber es ist doch nur ein Taschentuch, mit dem sie um die Augen herumtupft. Sie hat ein sehr dezentes Makeup aufgetragen, kaum sichtbarer Shadow, Mascara, alles sehr gepflegt und unaufdringlich. Ihr Cappuccino kommt, sie nutzt die Gelegenheit, um die Tasse in meine Richtung zu halten und mir zuzuprosten. Mein Lesenachmittag ist nun ohnehin beschädigt, also mache ich das Beste daraus und entschließe mich, meine neue Bekanntschaft zu akzeptieren.

"Und", sage ich während ich auf ihre Tasse schaue, "ist die Bestellung nach Ihren Vorstellungen?" - "Oh ja, schmeckt gut und ist so schön dekoriert. Die Frau ist eine richtige Barista." Kurze Pause, dann: "Darf ich mich vorstellen, ich bin Sara." Unwillkürlich muss ich grinsen, sage aber nur: "Soso, Sara. Sehr erfreut." - "Warum lachen Sie? Stimmt was nicht mit meinem Namen?" - "Ach nein, der Name ist schon ok. Aber ich sitze hier in meinem Stammcafe, lese still mein Buch und plötzlich setzt sich eine fremde Frau zu mir und ist dann Sara. Das klingt wie eine ziemlich simple Kontaktanzeige a la Süße-Sara-22 sucht."

Einen Moment sieht sie mich entgeistert an, vielleicht sogar ein wenig beleidigt, aber sofort fängt sie sich. "Interessante Assoziation. Und ziemlich direkt. Sind Sie immer so rund heraus?" - "Ich sage nur, was ich denke. Glauben Sie mir, andere Menschen haben die wildesten Gedanken, ohne sie jemals auszusprechen. Und schon gar nicht gegenüber einem Menschen, den sie noch nie gesehen haben. Nennen wir es mal Offenheit."

"Das gefällt mir. Und ehrlich gesagt, so hatte ich Sie auch eingeschätzt, sonst hätte ich mich nicht zu Ihnen gesetzt." - "Ach. Und was haben Sie sonst noch geschätzt, bevor Sie Platz genommen haben?" - "Belesen, das sieht man ja an dem Buch, ruhig, weil Sie zwar offensichtlich Stammkunde sind, aber alleine hier sitzen und in Gedanken vertieft, ins Buch eingetaucht. Und da habe ich gedacht, mit dem möchte ich mich gerne unterhalten."

Ich mache "hm", schaue sie noch einmal an. Ist das eine etwas plumpe Art, Bekanntschaft mit Männern zu machen oder hat es nichts mit dem Geschlecht zu tun? Harry und Sally fällt mir ein und die These, dass Männer und Frauen nicht einfach nur Freunde sein können, weil ihnen früher oder später der Sex dazwischenkommt. Ich sage dann: "Etwas ungeplant, das gebe ich zu und tatsächlich wollte ich heute weiter in meinem Buch über Gesellschaft und Kultur lesen. Aber ich möchte nicht stoffelig sein: Über was möchten Sie sich denn mit mir unterhalten?"

"Gesellschaft und Kultur", sagt Sara, "das hört sich gut an. Was steht denn im Buch, irgendwelche interessanten Impulse?" - "In den ersten Kapiteln wird die deutsche Geschichte dargestellt, die Zeit zurück bis zur ersten Industriellen Revolution und die Wechsel der sozialen Strukturen." - "Spannend, ich habe kein Thema im Geschichtsunterricht so oft gehört wie die Zeit vor und um den zweiten Weltkrieg. Seltsamerweise war das so betont, dass kaum noch Raum war für die Zeit davor und danach. Dabei muss man glaube ich ein paar Sachen verstanden haben, um den Gesamtverlauf zu verstehen."

Wir schlürfen an unserem Kaffee, ich betrachte meine Gesprächspartnerin jetzt ziemlich aufmerksam. Am liebsten würde ich sie jetzt ein bisschen ausfragen, etwas über ihren Beruf, ihre Ausbildung und ihr Privatleben erfahren, aber ich möchte vermeiden, dass es wie die Antwort auf ihre unsichtbare Kontaktanzeige wirkt. Aber neugierig macht sie mich schon, und so halten wir noch ein wenig Smalltalk, bevor wir uns verabschieden und für den übernächsten Tag hier im Cafe verabreden.

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Montag, 25. Mai 2026

Pfingsten 2026

Durch die Kirchenfenster fällt das morgendliche Licht, weihrauchgeschwängert die Luft. Der Priester hinter dem Altar hält ein Hochamt mit lateinischen Passagen, die Messdiener schwenken ununterbrochen die Weihrauchkübel. Durch den Rauch fällt das Licht in langen Strahlen, bunt verändert durch die Farben der Fenster mit ihren eingelegten Bildern.

Pfingsten 2026
An den Wänden der Basilika hängen Gemälde von Stationen der Passion Christi, daneben Darstellungen von Heiligen. Ein Bruder hat sie gemalt, gottesfürchtig, wenn auch nicht besonders künstlerisch gelungen. Die meisten Figuren auf den Bildern haben einen wirren Blick, die Augen meist nach oben verdreht - irgendetwas scheint über ihnen zu schweben. Besonders eindrucksvoll sind die Bilder mit Heiligenschein oder mit merkwürdigen Gebilden, die wohl Flammen darstellen sollen, die aus den Köpfen hervorkommen.

Ich bin noch ein kleines Kind, von der Sprache verstehe ich kein Wort, die ganze Atmosphäre wirkt hypnotisierend auf mich. Die Bilder sind so gruselig wie die Nägel in den Gliedmaßen der großen Figur, die an einem Kreuz hinter dem Altar hängt. Meine Gedanken wandern zu den abgebildeten Menschen, ich frage mich, ob sie Schmerzen haben, weil ihnen ja Flammen aus dem Kopf kommen.

Der Pfarrer hält die Predigt auf Deutsch, er erzählt von dem Heiligen Geist, der auf die Aposteln herabkam. Das sind also die Flammen, ob auch aus meinem Kopf Flammen schlagen, wenn der Heilige Geist in mich fährt? Es wird bestimmt sehr schlimm sein und erklärt die verdrehten Augen der Menschen auf den Gemälden. Und auch wenn jetzt von Frieden, von Glauben und der Liebe Christi die Rede ist, will mir der Gedanke an diese Flammen nicht mehr aus dem Kopf.

Sicher, heute verstehe ich die biblische Geschichte. Es ist gar kein Geist, der in meiner kindlichen Phantasie mit einem weißen Bettlaken und ausgeschnittenen Augenlöchern die Kinder erschreckt. Da ist auch nichts Geheimnisvolles, sondern eine Haltung, eine Geistes-Haltung gemeint. Vielleicht würde man heutzutage von Grundeinstellung, charakterlichen Glaubenssätzen oder Basisvorstellungen sprechen.

Und genau hier ist die Schnittstelle zur modernen Welt, zu modernen Unternehmen. Auch hier wird oft von Haltungen gesprochen, es werden gemeinsam Werte definiert und eine (Unternehmens-) Kultur initialisiert. So wie Pfingsten als die Geburtsstunde der Kirche gilt, ist auch die Vorgabe einer gemeinsamen Haltung die Basis für den menschlichen Faktor einer Organisation. Es ist dann nicht der Heilige Geist, aber der zum jeweiligen Unternehmen und seinen Akteuren passende Geist, der sich als Kultur ausprägt.

Die Entstehung und Entwicklung der Kirche zeigt uns, wie eine Konstruktion entworfen werden muss, damit sie Jahrtausende lang hält. Und in viel kleinerem Rahmen kann man dieses Verständnis auch auf sich selbst beziehen und sich mit seinem eigenen Geist, der Grundhaltung und seinen charakterlichen Glaubenssätzen beschäftigen. Das ist zum einen im analytischen Sinne sehr interessant, kann zum anderen aber auch neue Erkenntnisse bringen, wenn man den eigenen Geist mit demjenigen ausgewählter Mitmenschen oder gesellschaftlicher Gruppen vergleicht.

So hat die Apostelgeschichte nichts an Aktualität verloren und durch den bundesweiten Feiertag haben wir die Möglichkeit, den Transfer in die heutige Zeit, auf uns und unsere Umgebung in Ruhe zu betrachten. Und die Botschaft des grenzüberschreitenden Friedens im kleinen wie im großen Kreis können wir mit Blick auf die derzeitige geopolitische Lage sicher auch gut gebrauchen.

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Montag, 18. Mai 2026

Das habe ich jetzt nicht gemerkt

Unser Gehirn ist ganz groß darin, uns Dinge vorzugaukeln. Wir meinen, etwas gesehen zu haben, können uns ganz genau an Farben erinnern, die nachweislich nicht stimmen und fühlen Bewegungen, die es nicht gibt. Flugsimulatoren profitieren von diesen Fehlwahrnehmungen und sorgen durch reine Kippbewegungen für die vermeintliche Wahrnehmung von Aufstieg und Landung.

Potentiell ist das aber auch gefährlich, denn tatsächlich haben wir keinen Sensor für Geschwindigkeit. Ob wir mit 50 über die Landstraße fahren oder mit 200 über die Autobahn jagen - es fühlt sich gleich an. Wir merken nur die Beschleunigung, das Bremsen und natürlich Kurvenfahrten. Als Indikator für Gefahr taugt das natürlich nicht, denn ein brauchbarer und vom Gehirn sinnvoll verarbeiteter Messwert fehlt. Nur über die Kombination aus Blick auf den Tacho und das Bewusstmachen der mit hoher Geschwindigkeit verbundenen Gefahr kann zu einer Beeinflussung unseres Verhaltens - in diesem Fall Reduzierung der Geschwindigkeit - führen.

Das habe ich jetzt nicht gemerkt

Das fällt allerdings vielen Menschen schwer, zumal sie das Risiko mangels entsprechender Erfahrung auch gar nicht richtig einschätzen können. Was soll schon passieren, wenn ich flott über die Autobahn brause, in diesem Fall herunterzuschalten erinnert mehr an überängstliche Schleicher oder die mahnenden Worte der Mutter, nicht auf die lauwarme Herdplatte zu fassen. "Schnickschnack" flüstert das Gehirn, "ich kann nichts Gefährliches feststellen. Fahr ruhig weiter!"

So führt die Gefühlslosigkeit potentiell in lebensgefährliche Situationen. Doch leider zieht sich dieses Phänomen auch in andere Bereiche des Alltags, da die fehlende Sensorik oder - zweiter gefährlicher Punkt - Gewöhnung uns die objektive Wahrnehmung verwehrt. In Beziehungen entspricht die erste Verliebtheit dem Beschleunigen des Autos, das merken wir und können damit umgehen. Aber dann, selbst wenn die Beziehung sehr gut läuft (analog: wir mit zügiger, aber weitgehend gleichmäßiger Geschwindigkeit fahren), nimmt die Wahrnehmung ab. Dann ist alles normal und wir wachen erst auf, wenn diese Normalität gestört wird. Plötzlich kommen Fragen auf, warum sich der Partner abwendet oder gar eine andere Beziehung sucht. Nun, vielleicht möchte er einfach noch mal das Gefühl der Beschleunigung erleben, weil er diese - im Gegensatz zur Dauergeschwindigkeit - fühlt.

Daneben sind Felder wie das Gehalt, die Zufriedenheit mit der Tätigkeit, Beziehungen zu Freunden, Spaß an Hobbys und so weiter betroffen. Überall können wir nur Differenzen erkennen, also wenn es auf- oder abwärts geht. Für die Beurteilung des Status quo ist eine explizite Beschäftigung (im Sinne Blick auf den Tacho) in Kombination mit konkreter Einschätzung erforderlich.

Und noch etwas: Auf einer großen weißen Wandfläche sehen wir sofort, wenn dort eine kleine Wespe sitzt. Wie schön, da hat unsere Differenzwahrnehmung geholfen. Ebenso nehmen wir in einer ruhigen Landschaft sofort die Bewegung eines weit entfernt laufenden Tieres wahr. Die Frühwarnsysteme funktionieren, aber wir müssen dann auch darauf eingehen. Es ist dann Aufgabe unseres Gehirns einzuschätzen, ob die Wespe mich stechen könnte oder der davonhoppelnde Hase bemerkenswert ist. Aber immerhin wird in diesen Fällen sozusagen ein Blick auf den Tacho erzwungen.

Zusammenfassend also die Erkenntnis, dass Aufmerksamkeit vor Überraschungen schützt, in vielen Fällen mit realistischen Einschätzungen zu besseren Bewertungen führt und insbesondere für Beziehungen und Lebenszufriedenheit von entscheidender Bedeutung ist.

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Montag, 11. Mai 2026

Bin ich ein dreibeiniger Hund?

Vor einigen Jahren habe ich im Sommerurlaub einen Hund beobachtet, der am Strand herumsprang. Von meiner Liege aus konnte ich sehen, dass er mal hier mal dort mit den Sonnenhungrigen spielte, um sie herumlief und manchmal hochsprang. Erst nach einiger Zeit wurde mir klar, dass er nur drei Beine hatte, der rechte Vorderlauf fehlte. Das schien ihn aber nicht daran zu hindern, einem Ball hinterherzulaufen, ihn dann mit der Schnauze zu spielen und sich von Badegästen streicheln zu lassen.

Bin ich ein dreibeiniger Hund?
Überhaupt wirkte er fröhlich und trotz seiner Behinderung sehr aktiv. Und ja, vielleicht war bei den Menschen auf den Handtüchern und Liegen auch hier und da ein bisschen Mitleid dabei, das zu vermehrten Leckerlis und Streicheleinheiten, jedenfalls aber Beschäftigung mit ihm führte. Es ging im insgesamt also nicht schlechter oder sogar noch besser als vielen seiner vierbeinigen Kameraden.

Nun kann ich mich nur bedingt in einen Hund hineinversetzen, erst recht ist mir verborgen, welche Gedanken in ihm vorgehen, wenn er mit so einer merklichen Behinderung leben muss. Aber selbst ohne dieses Einfühlen und ohne ein Befragen seiner Meinung ist klar, dass er sich nicht aufgegeben hat und durchaus am Leben teilnimmt - wenn auch mit körperlich bedingten Einschränkungen.

Und wenn ich dann grübelnd hier sitze, meine seelischen Wunden lecke und in Selbstbetrachtung und vielleicht sogar in Selbstmitleid versinke, dann wird es Zeit, dass ich an den Hund denke. Gegen seine Situation geht es mir blendend, die kleinen Schwierigkeiten, die mir mein Körper von Zeit zu Zeit einbrockt, sind eher vernachlässigbar. Und entsprechend weder mir noch meinen Mitmenschen gegenüber der Rede wert. Das heißt ja nicht, dass ich meine Moleste ignoriere, natürlich überlege ich, wie ich es mir möglichst komfortabel einrichten kann. Und möglicherweise sogar einen gewissen Vorteil daraus ableite, mich über Aufmerksamkeit und (verbale) Streicheleinheiten freue.

Doch letztendlich gibt es schon einen gewissen Gestaltungsspielraum, die Möglichkeit, die kleinen Störungen nicht zum zentralen Inhalt zu machen. Sozusagen dem Ball hinterherzuhumpeln, ihn statt mit der Pfote mit der Schnauze anzustupsen und zu dem Menschen zu manövrieren, der mir als bester Lieb-Haber erscheint. Trüben Blickes auf meinem Handtuch brauche ich mich nicht nach Freundlichkeiten zu sehnen, ist mein Leben nicht Lebens-wert.

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Montag, 4. Mai 2026

Vergütung von Aufsichtsräten nach dem Brixner-Prinzip

Der längst verstorbene Vorstandsvorsitzende der DZ BANK, Dr. Brixner, hat seine Untergebenen (das schien seine Sichtweise auf die Angestellten zu sein) gerne mit ziemlich kernigen Sprüchen konfrontiert. Ein erst mal überraschender aber in gewisser Hinsicht durchaus valider Punkt war der Aufruf, jeder solle sich (abends) Gedanken machen, ob er das Geld, das er bekommt auch verdient habe.

Im Grunde ist die Frage berechtigt. Da wird Geld als Tauschmittel (in diesem Fall Gehalt) ausgegeben, um eine Leistung (Arbeit) zu bezahlen. Je mehr jemand arbeitet, oder sagen wir je mehr Wert jemand erarbeitet, desto höher sollte die Gegenleistung sein. Das kann man bei Fließbandarbeit vielleicht in der Anzahl der festgeschraubten Felgen messen, aber ab einer gewissen Hierarchiestufe wird die direkte Bemessung schwierig bis unmöglich.

Es bleibt trotzdem die Frage der Angemessenheit. Man wird Dr. Brixner definitiv keine Sozialromantik vorwerfen, eher wollte er mit seiner Aussage dazu aufrufen, eine ordentliche Lieferung für das gezahlte Gehalt abzugeben und nicht nur zu kassieren. Mehr noch, hierfür ein Bewusstsein zu schaffen und sich individuell selbst regelmäßig auf den Prüfstand zu stellen.

Vergütung von Aufsichtsräten nach dem Brixner-Prinzip
Und da lese ich dieser Tage einen kurzen Artikel im Handelsblatt, dass der Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, Alexander Wynaendts, ein Grundgehalt von 950.000 Euro, mit allerlei Zuschlägen bis zu 1,5 Millionen Euro pro Jahr bekommen soll.

Nein, weder möchte ich diese schwindelerregende Summe gegen das Jahresgehalt einer Friseurin (32.000 Euro, also Faktor 30) halten, noch fühle ich in mir irgendeinen Neid. Aber die Frage nach der Verhältnismäßigkeit steht doch im Raum. Ist es überhaupt auch nur hypothetisch denkbar, dass eine Person so viel Wert schafft?

Bei der Bepreisung von Produkten spricht man gelegentlich von Wucher, der ist definiert als Ausnutzung einer Schwächesituation einer Person, um für eine Leistung eine deutlich überhöhte Gegenleistung zu fordern. Daneben gibt es auch andere Mechanismen, die überhöhte Preise begünstigen, zum Beispiel Monopole und Absprachen.

Die Deutsche Bank begründet die hohe Bezahlung damit, dass sie mit ihren bisherigen Vergütungen „auf dem internationalen Markt für qualifizierte Kandidaten für den Aufsichtsrat nicht ausreichend konkurrenzfähig“ sei. Verabschiedet man sich mit dieser Begründung von Dr. Brixners Konzept des Hinterfragens eigener Wertschöpfung, werden hier auf internationaler Ebene Posten verschachert und das Preisniveau damit stabilisiert und ausgebaut?

Ein privatwirtschaftliches Institut kann natürlich Bezüge ausschütten wie es ihm richtig erscheint und mit einer entsprechenden Begründung dann die eigene Verantwortung an „internationale Märkte“ weiterreichen. Offen bleibt die Frage, die bei etwas weniger exponierten Mitarbeitern im Raum stände, nämlich inwieweit man gleichwertige Leistung nicht auch durch Entwicklung vorhandener Ressourcen erreichen kann. Gibt es niemand bei den 90.000 Mitarbeitern der Deutschen Bank, der Herrn Wynaendts Expertise mit entsprechender Entwicklung und Unterstützung für einen Bruchteil der Bezahlung ersetzen kann?

Daraus ergibt sich als zentraler Punkt weniger die Forderung nach einer Gehaltsverringerung, als vielmehr die Frage, wieviel Energie in die Betrachtung von Alternativen gesteckt wurde. Anders ausgedrückt, ob diese angeblich notwendige Anpassung wirklich so notwendig war und das "Brixner-Prinzip" mit Füßen getreten werden darf.

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