"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.
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Heute ist ein regnerischer Tag, auf dem Weg zum Cafe frage ich mich, ob das Aufspannen eines Regenschirms altmodisch ist. Die Menschen um mich herum haben entweder ihre Jacke übergeworfen oder eine Kapuze über dem Kopf zusammengezogen. Der Regen scheint sie nicht sonderlich zu stören, jedenfalls sehe ich nur sehr vereinzelt Schirme.
Noch in Gedanken zum Schutz vor den Widrigkeiten der Natur und wie es mir bei meinen Wanderungen mit meinen Eltern ergangen ist, trete ich ins Trockene, Sara sitzt schon da, nach dem Stand ihres Cappuccino zu urteilen ist sie schon eine Weile vor mir angekommen. Wir begrüßen uns herzlich wie immer, gleichen unsere Nässe ein wenig aus "Meine Güte, das muss ja draußen ganz schön schütten, dein Mantel ist ja klatschnass" und steigen über den Austausch zu den Wetteraussichten der nächsten Tage ins Gespräch ein.
"Ich habe vorhin überlegt, dass in der öffentlichen Meinung oft die Begriffe Wetter und Klima durcheinandergehen. Da schaut irgendwer aus dem Fenster, lässt sich vom Radio bestätigen, dass es auch im Nachbarort regnet und zieht seine Folgerungen zu globalem Niederschlag und wie sich das zeitlich weiterentwickelt. Da sind dann räumliche Unterschiede, jahreszeitliche Unterschiede, tagesaktuelle Situationen oder auch ortstypische Eigenschaften zusammengemixt."
„Ja, was du beschreibst ist die Kombination aus Wetter, also dem lokalen und kurzzeitigen Ereignis und dem Klima. Wobei es ja auch noch das Mikroklima gibt. Bei meinem Elternhaus hat es regelmäßig geregnet, während im Nachbarort die Sonne schien. Das war häufig so, wir Kinder sind dann zum Spielen regelmäßig zu unseren Freunden ins Nachbardorf geflüchtet."
"Ich denke, bei euch hat es im Winter aber auch früher geschneit?" - "Stimmt wohl, ab Spätherbst drehte sich der Kinderstrom um und alle kamen zu uns, weil wir schon beim ersten Kälteeinbruch rodeln konnten. Es war fast wie eine Mini-Völkerwanderung, die abhängig von der Jahreszeit mal in die eine, mal in die andere Richtung verlief. Wobei wir natürlich abends dann immer wieder nach Hause mussten."
"Das finde ich schon spannend. Betrachten wir das Ganze mal tatsächlich in Richtung Volk oder genauer gesagt Bevölkerung. Nicht unbedingt deren Wanderung, Flüchtlinge, Rückkehrer oder Auswanderer, obwohl das auch ein interessantes Thema wäre. Mich interessiert heute eher die gesellschaftliche Entwicklung, ihre Kultur, ihre Gewohnheiten und der Wertekanon. Da sehe ich auch eher kurzfristige oder lokale Phänomene, so etwas wie regionale Traditionen oder auch Riten, die nur bestimmte Fraktionen der Gesellschaft verfolgen. Das ist aus meiner Sicht das Pendant zum Wetter."
"Wenn man so ansetzt wäre das Klima dann der gesellschaftliche Rahmen, übergreifend und auf der Zeitachse auch deutlich langfristiger. Das, was Gesellschaften voneinander unterscheidet, sozusagen ihr Alleinstellungsmerkmal ist. Vielleicht die Lebenseinstellung, das Savoir-vivre der Franzosen, der Qualitätsanspruch der Deutschen, die Präzision der Schweizer oder was auch immer man mit den einzelnen Nationen verbinden mag. Und dann das Mikroklima, bei dem die Loire-Region mit ihren Schlössern und Weinen dem Grundgedanken eine besondere Ausprägung verleiht."
"Für die kurzfristige Beschreibung habe ich vor kurzem den Begriff Zeitgeist gehört und finde ihn sehr zutreffend. Das sind Modeströmungen, Meinungen, die oft nur für begrenzte Zeit sehr deutlich vertreten und in der Öffentlichkeit diskutiert werden. War es in der Flowerpower-Ära der Gedanke an Frieden und Liebe, wurde er von Debatten um Atomkraft, Bildungssystem und Umweltschutz abgelöst. Und ob gerade Fridays-for-future, Windkrafträder oder Elektroautos im Mittelpunkt der Debatten stehen mag wechseln, eine lebhafte Debatte und flankierende Demonstrationen sind dem aktuellen Kernthema aber gewiss."
"Was mich dabei fasziniert ist die Dynamik. Zum einen, wie engagiert, ja geradezu fanatisch manche Menschen sich mit dem jeweiligen Zeitgeist identifizieren. Zum Höhepunkt der Gegner der Startbahn West von Frankfurts Flughafen gab es aggressive Demonstrationen, Steine flogen, Fernsehberichte, Polarisierung der Befürworter und Gegner. Rund ein Vierteljahrhundert später bei der nächsten Landebahn war es erheblich ruhiger.“
„Ja“, bestätige ich, „der Zeitgeist ist ein Geist. Und er hat eine zeitliche Komponente, kennt Entstehung und Vergehen. Die Menschen folgen in ihren Meinungen und Ansichten gewissen Moden. Das hat nur manchmal etwas mit neuen Erkenntnissen oder logischen Abläufen zu tun. Einfach nur Mode oder eine gewisse Anhängerschaft wie in Glaubensgemeinschaften.“
„Das hinkt jetzt aber. Wenn ich mir die Christen anschaue, dann folgen sie ihren zentralen Figuren seit über zweitausend Jahren. Das ist ja keine Modeerscheinung.“ – „Okay, dann beziehe ich mich statt dessen auf Influencer im Internet. Und was die Glaubensgemeinschaften angeht, naja, da sehe ich schon eine Abhängigkeit zum Zeitgeist. Denk mal an die zunehmende Anzahl der Kirchenaustritte. Mitglied der katholischen Kirche zu sein gerät aus der Mode.“
Einen Moment sitzen wir nebeneinander, schauen den Wassertropfen zu, die an der Scheibe herunterlaufen. Dann setzt Sara zum Abschluss an. „Diese kleine und vielleicht kaum merkliche Veränderung ist Auswirkung des geänderten Zeitgeistes, der aber wiederum nicht nur ein Ausdruck einer Verschiebung von Prioritäten und Motivation ist, sondern seinerseits auch die deutsche Kultur – in unserem Bild sowohl Wetter als auch langfristig das Klima – beeinflusst.“
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