Montag, 26. Januar 2026

Systole und Diastole im Alltag

Systole und Diastole im Alltag
Neulich beim Arzt. Die medizinisch-technische Assistentin kommt ins Sprechzimmer, legt mir eine Manschette um den Arm und pumpt sie auf, um den Blutdruck zu messen. Während sie mit einem Stethoskop hantiert und langsam die Luft aus der Blutdruckmanschette ablässt, erläutert sie mir ungefragt die beiden gemessenen Werte.

Sozusagen von oben kommend würde sie den systolischen Druck messen, also den Druck, wenn das Herz sich zusammenzieht und pumpt. Das wäre dann der höchste Druck, den meine Gefäße aushalten müssten. Nur keine Sorge, die könnten das ertragen. Und der niedrigere Druck, auch als Diastole bezeichnet wäre der Dauerdruck in meinen Blutbahnen. Eigentlich wäre das der wichtigere Wert, denn dieser Druck wäre ja immer vorhanden.
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Ich komme ins Grübeln und denke an meine Anspannungs- und Entspannungsphasen im Alltag. Das normale Leben mit seinen kleinen Widrigkeiten wäre dann der diastolische Druck, wenn aus irgendwelchen Gründen Stress aufkommt entspräche dies dem systolischen Druck. Beides durchaus beachtenswert unter dem Gesichtspunkt, wie es mir psychisch geht.

Bin ich mehr oder weniger dauerhaft angespannt, dann ist der diastolische Druck zu hoch. Um dies zu ändern muss ich mein Leben umgestalten, nach den Auslösern dieser Dauerbelastung suchen und sie beseitigen. Auf Dauer ist es schädlich, wenn man ständig unter Strom steht, von Termin zu Termin hetzt oder zu viele Dinge gleichzeitig zu erledigen versucht.

Im Sinne des diastolischen Druckes ist auch manche Lebenssituation sehr belastend. Sei es die Zerrissenheit zwischen Beruf und Familie, sei es eine kritische „Sandwich-Position“ zwischen Kunden und Lieferanten. Wer diesen Stress nicht abbauen kann, sollte nach Lösung durch Änderung der Situation suchen.

Aber auch die besonderen Lastphasen sind nicht zu unterschätzen. Wird ein realistisch nicht einzuhaltendes Ziel (zum Beispiel ein zu kurzfristiger Termin) vorgegeben, dann erzeugt es in mir einen inneren Druck auf den ich eingehen muss. Als Gegenmaßnahme kommt sehr oft eine realistische und gut begründete Neuplanung in Frage.

Auch vorübergehende Überlastung – qualitativ oder quantitativ – sorgt für einen erhöhten Maximaldruck. Neben der Erkenntnis, dem Abschätzen der Dauer und der eigenen Toleranz spielt die gegengehaltene Entspannung eine wichtige Rolle. Ob nun Yoga, die Beschäftigung mit Tieren, Sport oder ein Buch: Das ist individuell unterschiedlich, Hauptsache, die Spannung lässt nach.

Was im körperlichen wie im psychischen Umfeld aber nicht geht ist reines Ignorieren. Unerkannter oder unbehandelter Bluthochdruck führt über Herzinfarkt, Schlaganfall, Gefäßverkalkung und Erblindung bis zum Tod. Dummerweise merkt man oft über lange Zeit gar nicht, dass der Blutdruck zu hoch ist und schon anfängt, Schäden zu verursachen. Regelmäßige Kontrolle und Einleitung von Gegenmaßnahmen ist also äußerst empfehlenswert.

Und das gilt eben auch für Menschen, die die Herausforderung suchen, ihren Job lieben, sich als Manager unentbehrlich fühlen oder alle Menschen mit Urlaubsbedürfnis für Schwächlinge halten. Sie merken nicht, wie der Stress seine Schäden vorbereitet. Von Verlust des sozialen Umfeldes über Einengung des Weltbildes, Selbstüberschätzung, Burnout bis hin zu körperlichen Symptomen ist auch hier eine breite Palette möglicher Folgen bekannt.

In Analogie zum Check-up beim Arzt ist also auch beim arbeitsfreudigen Menschen ein regelmäßiger Selbsttest zu empfehlen. Darf man noch von hoher Motivation und überdurchschnittlichem Arbeitseinsatz sprechen oder handelt es sich schon um pathologische Ausprägungen einer Arbeitssucht (Workaholismus)?

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Die Sprechstundenhilfe ist fertig, ich glaube, sie hat in den letzten Minuten etwas über Blutdruck senkende Medikamente erklärt und schickt sich jetzt an, mir noch einen Anamnesebogen aus dem Schrank zu holen. Ich bedanke mich recht herzlich für ihre interessanten Informationen und verlasse in Gedanken vertieft den Untersuchungsraum.

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