Montag, 17. August 2026

Umzugskartons


An Sommertagen bietet es sich an, die Arbeit in den Keller zu verlagern, wenn man kann. Als Fluchtort vor der Hitze draußen und in den oberen Etagen des Hauses kann man sich ein wenig abkühlen und dabei je nach Möglichkeit etwas Sinnvolles machen. Aufräumen zum Beispiel. Was sich so über die letzten Monate angestapelt hat und wieder in die Regale der Vorratsräume soll. Oder was eigentlich weggeschmissen werden kann, weil es seit längerer Zeit nicht gebraucht wurde und ehrlicherweise auch in absehbarer Zukunft hier keine Verwendung mehr hat.

Bei der Gelegenheit räume ich auch die sperrigen Pappkartons von rechts nach links, die ich beim Umzug verwende. Verwendet habe. Denn ich bin ja schon viele Jahre nicht mehr umgezogen und so Gott will werde ich auch nicht mehr umziehen. Es könnte schon sinnvoll sein, noch einige wenige Kartons aufzubewahren, vielleicht will ich mal sperrigen Kram ausmisten oder die Umzugskartons jemandem aus der Nachbarschaft ausleihen. Aber der Rest kann weg, verkaufen, verschenken, Altpapier - egal.

Umzugskartons

Umzugskartons sind ja irgendwie ein Sonderfall. Selbst Menschen mit Freude an Erinnerungen heben diese Faltboxen nicht auf, weil sie darin die Socken ihrer Tochter transportiert haben. Oder die T-Shirts ihres ersten Ehemanns. Nein, diese Pappkameraden sind nützlich, aber kein bisschen emotional oder erinnerungsbeladen.

Und doch kommen mir im kühlen Keller ein paar Gedanken zu Umzug, Verlassen von gewohnten Orten und Anfang an neuen Orten. Wörtlich oder im übertragenen Sinne. Wechsel der Arbeitsstelle, des Sportvereins, der Clique. Und irgendwann ist man dann angekommen, wechselt nicht mehr, vielleicht, weil man zu alt wird, weil man den Aufwand oder die Unsicherheit scheut oder weil man einfach nur zufrieden mit dem Status quo ist.

Die Umzugskartons im Kopf können weggeräumt, entsorgt werden. Nein, mein Haus verlasse ich nicht mehr, meiner Arbeitsstelle gedenke ich treu zu bleiben, meiner Frau erst recht, auch in meinem Freundeskreis steht kein Wechsel an. Umzug ist nicht mehr geplant, höchstens ein wenig hin- und herräumen. Es ist weniger die Bequemlichkeit als vielmehr die Erkenntnis, was ich an meiner aktuellen Situation habe. Garniert mit allerlei Erfahrungen und Berichten von Mitmenschen, wie es schlechter sein könnte.

Die Phase des Suchens ist vorbei. Weder schaue ich in Immoscout nach einer anderen Immobilie, noch suche ich hektisch nach einem neuen Auto. Selbst Stellenangebote nehme ich gerne zur Kenntnis, aber wie für die vorgenannten Punkte achte ich sorgfältig darauf, dass ich mich nicht verschlechtere. Nein, aus der jugendlichen Phase, offen oder heimlich nach einem neuen Umfeld zu suchen bin ich heraus.

Das Schöne daran: Ich kann meine Energie nun in den Ausbau und die Pflege stecken. Eine zusätzliche Ablage im Badezimmer, ein Formschnitt bei den Gehölzen im Garten. Ich kann Geld für einen Teich sparen, ich habe Zeit, den Kontakt mit den Freunden zu intensivieren. Dafür brauche ich auch im Kopf keinen Umzugskarton, im Gegenteil stört er nur, wenn ich bei Gesprächen in persönliche Tiefen hinabsteigen möchte. Vielleicht ist das die Verbindung zur heutzutage so oft zitierten Nachhaltigkeit, wenn man bei seinen Handlungen nicht schon in Gedanken beim Aus- oder Umzug ist, sondern auch langfristig am Leben seines Umfeldes teilnimmt.

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Montag, 10. August 2026

Ist das ein nützliches Tierchen?

Als meine Tochter noch ein kleines Kind war, waren wir oft gemeinsam im Garten. Ein Pflänzchen hier, ein Blümchen da und abgesehen von Pflege und Schneiden auch ein wenig Freude an der Natur. Und was man da so alles zu sehen bekommt. Mal ist es eine Schnecke, die sich über die Geranien hermacht, mal ist es ein Regenwurm, der aus dem Pflanzloch herauskrabbelt.

Ist das ein nützliches Tierchen?

Zusätzlich kamen dann noch allerlei Insekten geflogen, Fliegen und Bienen, Mücken und Wespen. Und dann haben wir uns über die Tiere unterhalten, ich habe von ihren Eigenschaften erzählt so gut ich konnte und erläutert, welchen Platz sie in unserem Ökosystem einnehmen. Zentrale Botschaft war immer, dass auch diese kleinen Lebewesen eine wichtige Funktion haben und insgesamt unentbehrlich sind.

Auch die schleimigen Schnecken, die picksenden Mücken und die lästig um den Kopf herumschwirrenden Fliegen brauchen wir und sie sind nützliche Tierchen. Was meine Tochter im Laufe der Zeit dann so verinnerlicht hatte, dass sie bei neuen Entdeckungen fast automatisch von mir wissen wollte „Sind das nützliche Tierchen?“ und ich meistens eine positive Antwort geben konnte.

Dieses Grundverständnis konnte sie ihren jungen Freundinnen und Freunden überhaupt nicht vermitteln. Jede Spinne musste impulsartig totgeschlagen, jeder Regenwurm von den Eltern entsorgt und jede Wespe voller Entsetzen getötet werden. Einfach nur, weil diese Tiere im falschen Moment am falschen Platz waren. Dass man damit deutlich entspannter umgehen könnte, einen Regenwurm tatsächlich auch mit der Hand anfassen und ihn rettend an eine andere Stelle im Garten transportieren könnte, das schien undenkbar.

Ob man jetzt jedes Tier und jeden Mitmenschen auf seine Nützlichkeit hin untersucht und einordnet oder es bei einem gewissen Respekt und angemessener Selbststeuerung bewenden lässt, sei mal dahingestellt. Aber die Erkenntnis, dass man sich auch Apathie einreden lassen kann und manche Reaktionen jeglicher Grundlage entbehren, das ist ein Verständnis, das nicht nur für die kleinen Tiere in der Gartenerde, sondern auch für die Menschen um uns herum gelten sollte.

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Montag, 3. August 2026

Saras Sicht: Krieg, Frieden, Militär

Saras Sicht: Krieg, Frieden, Militär
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Normalerweise ist unser Cafe ruhig, der Fernseher an der Wand ist ausgeschaltet, vermutlich wurde er mal für eine Fußball-Meisterschaft aufgehängt. Aber heute ist er eingeschaltet, es läuft irgendein Nachrichtensender, der Bilder aus einem Krisengebiet zeigt. Staub überall, Autowracks, Ruinen oder zerschossene Fassaden.

Wie gebannt schauen wir auf die Bilder. Zwischen den kaputten Häusern und löchrigen Straßen stehen und patrouillieren vermummte Männer mit Waffen im Anschlag. Sie haben grimmige Gesichter, besonders intellektuell wirken sie nicht gerade. Man möchte nicht mit ihnen in Diskussion geraten, vermutlich ist man schneller tot als man denken kann.

„Schrecklich“ stößt Sara hervor, „einfach schrecklich, schrecklich, schrecklich.“ Die Kamera schwenkt weiter, wie gut, dass tausende Kilometer zwischen uns liegen, keine noch so fehlgeleitete Kugel kann uns in unserem Cafe erwischen. „Menschen, deren einziger Lebensinhalt durch Parolen bestimmt wird, deren Macht sie aus der Waffe in ihrer Hand ableiten, deren Rechtfertigung im Befolgen von Befehlen besteht.“

„Sie haben eine andere Grundeinstellung, ein Weltbild voller Feinde, die sie bekämpfen müssen.“ – „Woher“, will Sara wissen, „woher kommen denn die Feinde? Was macht einen Menschen zu einem Feind? Weil er mir Essen klaut, mir nach dem Leben trachtet, mich zumindest verletzen will oder mich vergewaltigt. Aber weil er etwas anderes glaubt, weil er an einem anderen Ort geboren wurde, weil er andere Befehle bekommen hat?“

„Für Menschen ohne Verständnis für Kriege ist das vielleicht schwierig zu verstehen. Im Kern geht es um Macht, um Übernahme von Führung von möglichst vielen Untertanen und über möglichst große Gebiete. Dafür wird eine Hierarchie aufgebaut und durch allerlei Maßnahmen stabilisiert.“

Sara grätscht in die Diskussion: „Was du Hierarchie nennst, ist für mich eine tierische Form der Rangreihenfolge, eine Hackordnung wie auf dem Hühnerhof. Ein Konzept was dort funktioniert, kann man auch auf Menschen anwenden, wie man immer wieder sehen kann. Da muss man gar nicht an den ausgefuchsten Apparat im Hitlerregime denken, selbst in gemäßigten Militärs ist das zu finden.

Und weißt du, was man auch noch häufig erkennen kann? Es scheint zutiefst menschlich zu sein, deshalb bilden sich oft auch radikale Splittergruppen. Milizen und ideologische Fanatiker, die ihrer Überzeugung folgend terrorisieren, foltern, töten.“

„Sara,“ sage ich beschwichtigend, „ist denn eine Welt voller Frieden überhaupt möglich oder auch nur denkbar? Wenn es wie du sagst in der menschlichen Natur liegt, wird dann in Friedenszeit dieser Trieb nur unterdrückt oder umgeleitet, bricht sich dann mit Kriegsbeginn seinen Weg?“

„Komme ich gleich drauf zurück. Zu Kriegen fällt mir nämlich ein, wie groß das Spannungsfeld zwischen Kampf und Frieden ist, wie geradezu schizophren argumentiert wird. Da wird ein Krieg geführt, um Frieden zu erhalten oder herbeizuführen. Oder die göttliche Liebe mit Gewalt missionarisch zu verbreiten. Wie war das noch bei den Kreuzzügen?“

„Zugegeben, kein Ruhmesblatt, und es zeigt, dass wir nicht nur zu anderen Kulturen und Religionen schauen müssen. Auch wir abendländischen Christen haben genug Dreck am Stecken.“ – „Was kein Wunder ist, denn es steckt wie gesagt mehr oder weniger in jedem von uns. Manifestiert sich aber von der Logik erst dann, wenn wir mindestens zu zweit sind. Allein auf einer einsamen Insel führen wir keinen Krieg, selbst in sehr kleinen Gruppen ist ein Krieg höchst unwahrscheinlich.“

„Woran liegt das deiner Meinung nach?“ – „Kleine Gruppen sind aufeinander angewiesen, Konflikte führen zu Schwächung, die man sich nicht leisten kann. Und es gibt genug Ausweichmöglichkeit, eventuell spaltet sich eine neue Gruppe ab. Gegen die man dann Krieg führen kann.“

„Und in Friedenszeiten? Wie können wir das, was wir Frieden nennen denn konservieren?“ – „Gute Frage, denn wir sehen ja gerade am Beispiel der USA, dass militärische Aktivitäten als Teil einer Friedenszeit verstanden werden. Koreakrieg, Vietnamkrieg, Golfkrieg, Afghanistan und so weiter.“

„Eben. Die Initiative zu Kampf und kriegerischen Handlungen wird immer wieder gestartet. Haben wir vor unserem geschichtlichen Hintergrund in Deutschland also einfach nur Glück, dass jeder Antritt im Keim erstickt wird?“

„Das mag eine Rolle spielen“ überlegt Sara, „ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Vielleicht ist es aber auch wichtig, dass die Menschen hier ein Ventil haben. Egal wie, sei es in teilweise ausartenden Demonstrationen, sei es bei Krawallen zu irgendwelchen plötzlich in den Mittelpunkt tretenden Themen oder auch Hooligans bei Fußballspielen. Abreagieren, weil ein Mensch mir gegenüber die falsche Fahne in der Hand hat.“

„Upps“, schlüpft mir heraus, „Hooligans als Ventil, als Militärersatz, als heimlich den Frieden stabilisierendes Element? Ziemlich steile These, aber vielleicht ist etwas dran. Grundsätzlich legal kann ich da sozusagen die Grundidee eines Krieges ausleben, was hier Fanclub heißt, ist dort das Vaterland, das es zu verteidigen gilt.“

Sara seufzt. „Manchmal würde ich mich freuen, wenn die Bilder sich nicht so ähnelten.“

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Montag, 27. Juli 2026

Saras Sicht: Kleidung


Saras Sicht: Kleidung
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Heute hat Sara einen Hut auf, daran wie Robin Hood eine Feder, die im Wind ihrer schnellen Bewegung weht. Der Rest sieht auch aus, als ob sie auf Jagd gehen wollte, mitten in der Stadt scheint sie ihre Leidenschaft für Natur entdeckt zu haben. Grüner Mantel und rotbraune Stiefel unterstreichen ihr Outfit passend zu einem Jagdausflug.

„Was hast du vor?“ will ich von ihr wissen, „hast du noch eine Verabredung mit der Jagdgenossenschaft?“ Sie schaut mich etwas verärgert an, runzelt die Stirn und „Nein, keine Jagdgenossenschaft. Ich stehe nicht so sehr auf die Altherrengesellschaften oder deren zivilisierte Drogenexzesse mit Zigarre und sündhaft teuren Alkoholika.“

„Okay, aber du bist schon recht extravagant angezogen. Oder ist das dein neuer Business-Look?“- „Du hast Recht, ich gehe nicht ins Büro. Aber ich will einen Gegenpol darstellen.“ Sie macht bewusst eine Pause, damit ich die erwartete Frage stellen kann, ich tue ihr den Gefallen: „Gegenpol wozu?“

„Zu Jogginghosen, Hoodies, Schlappen. Schlabberlook halt. Dieser ganze weitgehend unförmige Stoffkram, der auch gar nicht zum eigenen Körper mit seinen Formen oder zu den Gelegenheiten passen muss.“

„Du meinst Kleidung als Ausdruck, als Gestaltungselement?“ Ganz offensichtlich habe ich den Kern getroffen, Sara strahlt mich an: „Ja, genau. Vor dem Kleiderschrank stehen, über die Situation nachdenken, für die ich mich anziehe und dann dazu passend und in sich stimmig Oberteile und Hose, Schuhe und sogar die Unterwäsche auswähle.“

„Ziemlich mühsam, viele Menschen, vor allem Männer, haben ihre Lieblingsklamotten, in denen sie sich wohlfühlen. Ein weiches Sweatshirt, dazu eine bequeme Jeans und weiße Sneakers. Fertig. Warum Kleiderschrank, anstrengende Entscheidungsprozesse und am Ende kneift dann auch noch die Unterhose?“

„Ich gebe zu, dass ich manchmal abends auch froh bin, wenn ich die Schuhe ausziehe. Aber das ist dann eben zu Hause, vor der Tür hat gutes Aussehen Vorrang. Das ist für mich ein Teil von Kultur, gelegentliche Opfer gehörten leider mit dazu. Ich sehe mich selbst lieber in gepflegter Kleidung und ich stelle mir vor, dass zumindest ein Teil meiner Mitmenschen es auch registriert. Und sei es nur als unbewusste Wertschätzung meiner Beschäftigung mit meinem Außenbild. Ich demonstriere ja offensichtlich, dass es mir nicht egal ist.“

„So habe ich das bisher noch nicht gesehen. Klar, der eine hat Geschmack und sieht in seiner Kleidung gut aus, ein anderer ist modischer Legastheniker. Es gibt Menschen, denen kannst du so ziemlich alles umhängen und sie sind ein Blickfang, aber es gibt eben auch die Typen, bei denen der Anzug schon auf Maß gefertigt sein muss.“

„Yes, Kollege“, Sara beugt sich über den Tisch zu mir und ihre Stimme wird leiser, „das Elend und der Niedergang hat schon von Jahren begonnen, als Schlipse gelockert und Hemden aufgeknüpft wurden. Dann verschwand der Schlips und untenrum wurde die Jeans gesellschaftsfähig. Denim nicht nur als robuste Alltagskleidung, sondern rein in den Büroalltag, in die Etagen der Menschen, die bis dahin durch hochwertige Kleidung gepunktet hatten.

Und so ging es weiter, Anzug ganz weg, immerhin noch ein Hemd und jetzt: Hoodie. Auf einmal sehen IT-Vorstände so aus wie vor ein paar Jahre irgendwelche zwielichtigen Hacker.“ Kurze Pause, sie grinst mich an: „Vielleicht ist der Unterschied ja auch gar nicht so groß.“

Wir müssen beide lachen, weiter geht die Diskussion, was die Veränderung eingeleitet und im weiteren Verlauf befeuert hat, Corona als Katalysator, auch Homeoffice spielt aus unserer Sicht eine Rolle. Und die Erkenntnis, dass es auch bei Kleidung Gegenbewegungen gibt. Und seien es trotzige Erwachsene, die sich ohne konkreten Anlass in Jagdkleidung werfen.

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Montag, 20. Juli 2026

Saras Sicht: Political correctness

Saras Sicht: Political corretness
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Mitten im Jahr ist mal wieder ein Tag mit Aprilwetter. Man kann den Regenschirm auch mal als Sonnenschirm verwenden, Kleidung im Idealfall nach dem Zwiebelprinzip auswählen und überhaupt alles genießen, was die Natur gerade anbietet.

Mutig haben wir uns vor das Cafe unter eine Markise gesetzt, gerade kam ein kurzer Regenschauer, aber bis auf ein paar Spritzer sind wir trocken geblieben. Wie als Entschuldigung des Himmels kommt jetzt wieder die Sonne heraus.

„Sonne, mach mich Neger!“ flüstert Sara vor sich hin. – „Was hast du gerade gesagt? Du hast doch nicht etwa das N-Wort verwendet?“

Sara blinzelt mich an. „Ähm, was?“, und nach ein paar Sekunden: „Das mit der Sonne haben wir als Jugendliche gesagt, im Freibad auf der Liegewiese, wenn wir im Frühsommer als Bleichlinge auf den Handtüchern gelegen haben und eine möglichst schöne Bräune bekommen wollten. Hautfarbe wie die Neger halt.“

„Aber Neger darf man nicht mehr sagen. Das ist politisch nicht korrekt. Du müsstest den Spruch von damals ändern in ‚Sonne, bräun mich!‘ oder so. Jedenfalls ohne Verweis auf Menschen anderer Hautfarbe.“

„Ich weiß, dass du nur das zitierst, was in der Gesellschaft die Runde macht. Wir wissen beide, dass das Wort ursprünglich neutral war, von ‚negro‘ oder ‚niger‘ abgeleitet ist und damit eine reine Tatsachenbeschreibung darstellt. Dann wurde es aber belastet, weil es im Rahmen von Rassentheorien verwendet wurde. Was vielleicht auch noch nicht problematisch wäre, wenn hieraus keine Wertung abgeleitet worden wäre.“

„Eine komische, verquere, verformende Logikkette, die wir an diesem Beispiel sehen. Erst neutral, dann wissenschaftlich untersucht, dann mit einer Werteskala versehen, dann missbraucht und schließlich de facto verboten.“

Sara sieht mich entsetzt an. „Ein erschreckender Werdegang. Und dazu kann es nur kommen, weil an mehreren Stellen etwas schiefläuft. Der erste Fehler besteht darin, dass aus einer hoffentlich nüchternen wissenschaftlichen Darstellung eine Bewertung abgeleitet wird. Die ‚negride Rasse‘ ist minderwertig und darf auch so behandelt werden.

Und im weiteren Verlauf besteht der zweite Fehler darin, dass nicht nur diese Bewertung wieder in die Wissenschaft zurückgeführt und von Abwertung befreit wird. Sondern der Begriff nun samt seinem Umfeld komplett verboten und tabuisiert wird.“

„Sagen wir mal so“, ergänze ich, „eine unverkrampfte und die Vergangenheit konstruktiv aufarbeitende Debatte ist aus dieser Lage heraus ziemlich schwierig…“ - „… und wird statt dessen durch eine inoffizielle Hetzjagd ersetzt, in der jeder scharf angegangen wird, der ohne böse Absicht das ursprünglich neutrale Wort verwendet.“

Und wo Sara schon mal in Schwung ist geht es sofort weiter: „Da darf ich im Internet wahrscheinlich intimste Details meines Liebeslebens mit Sadomaso-Vorlieben ausrollen und jeder wird das als mehr oder weniger peinliche, aber zulässige Darstellung akzeptieren. Wenn ich aber zum Abschluss der Peitschenspiele einen Mohrenkopf in das Gesicht meines Partners drücke, dann ist der Teufel los. Schließlich ist es ja kein Mohrenkopf, sondern ein Schokoschaumgebäck.“

„Nun reg dich nicht auf, wenn man die Förderer der Kampagnen für politische Korrektheit anhört, dann geht es ihnen im ersten Schritt um eine Sensibilisierung…“ – „… die dann bis zu einer Zensur, vorauseilender Selbstzensur, fragwürdigen Anklagen und belastenden Abmahnungen führen kann.

Wusstest du, dass das Thema öffentlich so viel Fahrt aufgenommen hat, dass natürlich auch dafür schon wieder ein Markt im Internet entstanden ist? Da gibt es ein Glossar für diskriminierungssensible Sprache, ein Sprache-politisch-korrekt-Lexikon und diverse Institutionen von Behörden bis zu Übersetzungsbüros stellen ihre Sichtweise als Stein der Weisen dar.“

„Sieht man das Internet als Spiegel der Zeit, dann wundert mich das überhaupt nicht. Aber wir sollten uns nicht verschrecken lassen. Auch wenn nicht immer erwünscht, heißt es auch hier Augenmaß zu bewahren. Herabwürdigung und Beleidigung sind nicht ok, aber ich bezweifle, dass jeder Dunkelhäutige den Begriff Neger beim Feierabendbier mit dem befreundeten hellhäutigen Arbeitskollegen als Problem empfindet. Entkrampfung also an Stelle von Verboten.“

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Montag, 13. Juli 2026

Saras Sicht: Weltfrauentag

Saras Sicht: Weltfrauentag
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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„Stell dir vor“, lädt mich Sara zu ihren Eindrücken der letzten Tage ein, „da war doch neulich Weltfrauentag. Viele Diskussionen zu Frauen, Gleichberechtigung, Gleichbehandlung, möglichen Lebensentwürfen, aber auch Unterdrückung, Bildungsausschluss und sexueller Ausbeutung.“

„Ich glaube, es gibt verschiedene Ursachen, warum das Thema so unterschiedlich, zum Teil sogar ausweichend behandelt wird. Entscheider, traditionell Männer, die mit dem Status Quo sehr zufrieden sind, weil sie davon Vorteile haben.“

„Sind es denn wirklich Vorteile? Ist Unterdrückung ein Vorteil? Was habe ich davon, wenn ich einen anderen Menschen in seiner Entwicklung behindere? Das macht doch nur Sinn, wenn ich dadurch meine Macht ausbauen oder zumindest erhalten kann. Ist diese ganze Frauendiskussion am Ende eine Diskussion um Macht?“

Ich lasse Saras Gedanken auf mich wirken, geht es wirklich nur um Macht, ist das eine Triebfeder, die alle Menschen oder zumindest alle Männer antreibt: Streben nach Macht. Oder ist bei den Personen, bei denen dieses Ziel fehlt auch das Problem von Ignoranz und Ungleichbehandlung von Frauen automatisch mit erledigt?

„Deine Überlegungen sind plausibel, aber ich glaube, sie erfassen nur einen Teil der aktuellen Debatte. Wir haben abhängig von Kulturen und Herkünften sehr unterschiedliche Ansätze zum Zusammenspiel von Mann und Frau. Dabei ist aber eine Differenzierung nicht unbedingt eine Herabstufung. Stärken und Schwächen zu erkennen, auszugleichen und im Idealfall eine leistungsfähige Kombination hinzubekommen ist doch optimal.“

So einfach lässt Sara das nicht stehen: „Dein Idealbild in Ehren, aber sobald man verallgemeinert wird es problematisch. Wenn man aus Stärken in Empathie eine bessere Erzieherrolle ableitet und daraus folgert, dass ausschließlich Frauen für Kinder da zu sein haben, ist das im Einzelfall kompletter Blödsinn. Und wenn man diesen Blödsinn durch Gesetze stabilisiert und die Rolle damit verbindlich festlegt, kommen starre Gebilde heraus, die eben nicht optimal sind.“

„Klares ‚Ja‘ von meiner Seite. Nebenbei bemerkt werden Männer zum Teil auch ein wenig missbraucht, weil sie im klassischen Bild die geborenen Handwerker sind, auch wenn sie noch so ungeschickt sind und zwei linke Hände haben… Aber noch mal zurück: Abgesehen von der Arbeitsteilung oder einer wie auch immer gearteten starren Vorgabe haben wir es auch mit Dingen zu tun, die für mich nicht zur Diskussion stehen. Verweigerung von Bildung oder Reduzierung auf Reproduktionsobjekte gehen nicht – egal in welcher Kultur.“

„Stimmt, das müssen wir wieder unter das Stichwort des Machterhaltes fassen. Durch Gesetze, die Männer erlassen, wird ihre Machtposition erhalten oder sogar ausgebaut. Relativ leicht und gegenüber rund der Hälfte der Gesellschaft. Wenn das mein Ziel ist, dann liegen deine Ansätze der Diskriminierung nahe.

Aber nicht jede Differenzierung ist auch gleich eine Diskriminierung. Warum sollten Frauen nicht für gewissen Versicherungen mehr bezahlen als Männer, bei anderen weniger. Wenn die Statistik zeigt, dass die Schadensbilanz geschlechtsspezifisch ist, dann muss man das doch einpreisen dürfen. Hier endet für mich die Gleichmacherei.“

„Möglicherweise muss man das wie andere Gleichberechtigungsthemen sehen. Vielleicht etwas über das Ziel hinausgeschossen, aber notwendig, um das Gesamte voranzubringen.“

Sara beugt sich vor, ein Zeichen dafür, dass sie in Kampflaune gerät. „Meinst du wirklich, dass man Gleichberechtigung dadurch erreicht, dass man auf jegliche sinnvolle, in vielen Fällen sogar mit Zahlen belegbare Differenzierung verzichtet? Frauen sind nun mal anders als Männer, das können selbst eingefleischte Feministinnen nicht bezweifeln. Ich sperre mich gegen jede generelle Bewertung, aber ich sperre mich auch gegen generelles Ignorieren von Unterschieden.“

„Frauen sollten für die gleiche Arbeit das gleiche Geld bekommen, so wie auch Männer ohne Unterscheidung gleich bezahlt werden.“ – Sara stöhnt. „Jetzt kommt wieder diese vermeintlich logische Diskussion zur Bezahlung. Nein, nein, da bin ich anderer Meinung. Auch wenn es nicht populär ist, eigentlich muss jeder einzelne Mitarbeiter unterschiedlich bezahlt werden. Natürlich nicht primär orientiert am Geschlecht, aber es kann in die Entscheidung einfließen.“

„Wie meinst du das, soll jetzt jeder Arbeitnehmer sein Einkommen individuell verhandeln? Ist es nicht ein wünschenswerter Antritt, wenn es keinen ‚Nasenfaktor‘ gibt, sondern nach tatsächlicher Leistung bezahlt wird? Und warum sollte dabei das Geschlecht eine Rolle spielen?“

Sara ist in Fahrt geraten: „Das will ich dir sagen. Weil bei den wenigsten Tätigkeiten nur die Leistung eine Rolle spielt. Daneben ist auch das Potential von Interesse. Selbst wenn ich am Fließband arbeite ist die Frage, ob ich mal eben an einer anderen Position eingesetzt werden kann oder nur genau meinen definierten Handgriff ausführen kann. Ob ich zu den Abläufen Verbesserungen vorschlage oder auch nach jahrelanger Ausführung nicht über die reine Umsetzung herausgekommen bin.“

„Ich verstehe. Und das siehst du auch bei Frauen versus Männern, richtig?“ – „Ja, klar. Noch mal ein unpopuläres Statement: Eine gut aussehende Frau geschickt eingesetzt kann Verhandlungen beeinflussen, durch ihr Aussehen Argumente relativieren. Mangelnde Fachkompetenz wird ihr viel eher verziehen als dem protzenden Fachmann neben ihr.“

„Das klingt nach einem Vorteil, der durchaus in den meisten Fällen geschlechtsspezifisch ist. Obwohl es sicher auch attraktive Männer gibt, die vielleicht bei Auftritten vor Frauenteams gewissen Vorteile ausspielen können.“

Sara kommt wieder zur Ruhe. „Ja, schon. Aber wir kommen zu einem Kritikpunkt, oder sagen wir meinem Kritikpunkt, wenn ich Weltfrauentag höre. Da treten Frauen auf die Bühne und berichten von den Nachteilen, die sie wahrnehmen. Beschweren sich über die Ungleichbehandlung und fordern eine Angleichung an ihre männlichen Kollegen. Was sie übersehen oder vielleicht sogar bewusst auslassen sind die Vorteile, die sie haben. Denn so schwach ist mein Geschlecht gar nicht, es hat seine Muskeln nur an anderen Stellen.“

Ich muss grinsen, proste ihr mit der inzwischen leeren Cappuccino-Tasse zu und lasse sie augenzwinkernd wissen, dass ich ihr demnächst einen Rasierapparat für die Haare auf den Zähnen und eine kugelsichere Weste für kämpferisches Zusammentreffen mit Geschlechtsgenossinnen bestelle.

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Montag, 6. Juli 2026

Saras Sicht: Streiks und Demos

Saras Sicht: Streiks und Demos
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Meine Sara scheint sich heute zu verspäten, ich sitze schon eine Weile im Cafe, schaue aus dem Fenster. Könnte mal wieder geputzt werden, aber das ist ja eigentlich egal, solange man einen anständigen Cappuccino bekommt und sich gepflegt unterhalten kann.

Merklich genervt kommt Sara hereingestürmt. Ihre sonst kaum erschütterliche Ruhe geht ihr heute völlig ab. „Stell dir vor, jetzt streiken die auch noch“ schreit sie mich fast an. – „Ja, sage ich, bei Bussen und Straßenbahnen muss man heute Geduld mitbringen.“

„Geduld?“ faucht sie mich an, „Geduld ist das eine. Aber es ist das Grundverständnis. Ich habe keine Lust an einer zugigen Haltestelle zu warten, weil jemand anders sich streiten will. Weil sich ein Trupp von Menschen von ihrer Arbeit distanziert, um mehr Geld zu erpressen.“

„Aber Streiks sind ein zugelassenes, anerkanntes und in der Demokratie übliches Mittel, um gewissen Forderungen Nachdruck zu verleihen.“ – „Für mich ist das Erpressung, ich verstehe nicht, warum es an der Stelle zulässig ist, aber wenn ich dir den Finger verdrehe bis es weh tut, damit du meinen Cappuccino bezahlst ist es plötzlich nicht in Ordnung.“

„Es ist ja keine Handlung eines einzelnen, es geht um die Neuverhandlung von Verträgen, die dann für alle gelten. Von Gewerkschaften geschützte Lohnverhandlungen oder Aushandlung von Urlaubstagen und Wochenarbeitsstunden. Immer für eine ganze Gruppe von Betroffenen.“

„Trotzdem Erpressung. Und obendrein auf dem Rücken von nicht Betroffenen. Wenn sie fertig gestreikt und verhandelt und mit ihren Trillerpfeifen Radau gemacht haben, dann werde ich als Kunde wieder normal transportiert. Ob sie ihre Lohnerhöhung, mehr Urlaubstage oder weniger Stunden erstritten haben merke ich überhaupt nicht. Nur, dass ich zwischenzeitlich in der Kälte stehe.“

„Sollten sie besser demonstrieren statt zu streiken?“ – „Ja, nein, im Grunde verstehe ich das genauso wenig. Da wird kompliziert ein System aufgebaut, in dem Stimmen aggregiert, Mehrheiten gebildet und über Vertreter dann deren Meinungen umgesetzt werden sollen. Und in diesen Prozess schaltet sich jetzt sozusagen von der Seite eine Minderheit ein, die einfach nur lauter und auffälliger ist.“

„Wenn Demos friedlich verlaufen, dann machen sie schadensfrei auf eine andere Meinung aufmerksam, sensibilisieren für alternative Ansätze und sorgen so für Vielfalt und eine Ergänzung zu vorhandenen Wegen.“

„Du willst mir nicht erzählen, dass Demonstrationen nur der Meinungsdarstellung dienen. Sie stellen Forderungen, stellen sich getroffenen Entscheidungen in den Weg oder versuchen in Entscheidungsprozesse einzugreifen. Lautstärke und Parolen statt Beschreitung strukturierter Wege und Befolgung gemeinschaftlich beschlossener Prozesse.

Und es liegt in ihrer Natur, dass sie von Minderheiten initiiert werden. Wären es Mehrheiten, bräuchten sie keine Demonstrationen, weil sie ihre Vorstellungen ja über Mehrheitswege umsetzen könnten. Also auch hier eine Form von Erpressen von Forderungen an anderen vorbei mit dem Fokus auf eigene Interessen.“

„Du übersiehst, dass wir diese Instrumente brauchen, um die grundsätzlich in unserer Grundordnung verankerten Abläufe austarieren zu können. Wie schnell können sich Mehrheiten ändern, ist aber auch das Anstoßen von Veränderungen zunächst aus einer Nische heraus unentbehrlich. Denk mal an den Umweltschutz, der vor einigen Jahrzehnten noch gar kein Thema war und erst durch Druck von einer grünen Randgruppe in die Mitte der Gesellschaft gekommen ist.“

Wir sitzen voreinander, der Cappuccino ist ausgetrunken, Saras anfängliche Wut über die lästigen Streiks ist von einer globalen Diskussion über Mehrheiten und Minderheiten abgelöst worden. Ich finde es interessant, aus einer gewissen Distanz nicht nur den einzelnen Lohnempfänger, nicht nur eine Beschäftigungsgruppe, sondern eher die für eine funktionierende Demokratie unentbehrliche Funktion zu betrachten.

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Montag, 29. Juni 2026

Saras Sicht: Das AGG

Saras Sicht: Das AGG

"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Etwas atemlos komme ich im Cafe an, Sara sitzt schon an unserem Stammtisch, ruhig schlürft sie an ihrem Cappuccino. "Was ist denn los", will sie von mir wissen, "du bist ja ganz außer Atem." - "Ja", sage ich, "ich habe gerade noch schnell eine Pflichtschulung erledigt. Es ging um das AGG." - "Sagt mir nichts, was verbirgt sich hinter der Abkürzung?"

"AGG steht für Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz, von manchen Menschen auch als Antidiskriminierungsgesetz bezeichnet. Es geht darum, Menschen vor Nachteilen zu schützen, für die Gleichbehandlung zu sorgen und allerlei Alltagssituationen zu regulieren." - "Das klingt ziemlich allgemein", wendet Sara ein, "und scheint aus meiner Sicht ziemlich plausibel und für ein respektvolles Miteinander absolut wichtig. Muss man das in ein Gesetz gießen?"

"Grundsätzlich ja. Und der Gedanke ist wie du sagst absolut plausibel. Man muss nicht weiter darüber diskutieren, dass die Würde jeder Person unantastbar ist. Auf der Grundlage kann ich auch die Forderung nach Respekt verstehen und alle Ableitungen davon. Aber ab dann wird die auf den ersten Blick scheinbare Plausibilität auf eine harte Probe gestellt." - "Ich glaube, ich weiß, was du meinst. Ich bin ja selbst eine Frau, aber bestimmte körperliche Arbeiten möchte ich lieber einem Mann überlassen. Ist das dann schon Diskriminierung?"

"Wenn du das so in eine Stellenanzeige schreibst, könnte es schon eng werden. Aber ich würde sagen, dass es ja nicht um das Geschlecht geht, sondern um die Statur und die Kraft. Das darf man vermutlich so formulieren. Man muss aber ein Auge darauf halten, dass man nicht allgemein wahrscheinliche Korrelationen zur Regel erhebt. Ich meine damit, dass zwar Frauen im Durchschnitt weniger muskulös sind als Männer, aber eben nur im Durchschnitt. Es gibt mit Sicherheit kräftige Frauen, die zierlichen Männern körperlich überlegen sind. Da wäre es rein logisch nicht sinnvoll, die Bedingung für eine Stellenbesetzung an das Geschlecht statt an die Körperkraft zu koppeln."

"Dann ist das AGG doch ein gutes Gesetz, weil es dafür sorgt, dass solche Anforderungen richtig formuliert und gelebt werden. So wie man an anderer Stelle ja auch nach dem job-to-be-done fragt. Aber ich fürchte, dass das in manchen Situationen gar nicht so einfach abzugrenzen ist. Es geht ja um ganz individuelle Aktionen, vielleicht lege ich einem Mitmenschen beschwichtigend oder tröstend die Hand auf die Schulter. Ist es eine Frau, dann ist das im ersten Moment für mich als Frau unkritisch, beim ungefragten Kontakt von einem Mann aber nicht. Es sei denn, er ist schwul. Schon kann, und ich sage bewusst kann, die Auslegung anders sein."

"Leider wahr. Was mich erschüttert ist der Spielraum, der zwar gut gemeint ist, dabei aber geradezu absurden Auslegungen Tür und Tor öffnet. In der Schulung wurde als Beispiel genannt, dass ich einer Muslimin nicht empfehlen darf auch während des Ramadan genügend Flüssigkeit über den Tag zu konsumieren. Es ist ja ein Rat, den ich der Frau aufgrund ihrer Glaubensausrichtung gebe, einer Christin nicht geben würde und damit eine Unterscheidung treffe, den Gleichheitsgrundsatz verletze."

Mittlerweile ist auch mein Cappuccino gekommen, ich schaue das Kakaoherz an, dass die Bedienung auf den Milchschaum gestreut hat. Beschwert sich so ein Herz mit seinen beiden Kammern eigentlich auch über die ungleiche Aufteilung? Da muss die rechte Seite immer zur Lunge pumpen, während die linke Seite den ganzen Körper versorgen muss.

Sara schaut sich im Cafe um. An ihrem Blick sehe ich, dass sie sich noch mit dem Thema beschäftigt. Und tatsächlich: "Ich bin noch mal bei den Stellenausschreibungen. Und eigentlich hast du ja Recht, dass man typische Eigenschaften nicht einfach zu Bedingungen machen darf. Aber andererseits ist es doch nun mal Fakt, dass Frauen im Gegensatz zu Männern schwanger werden können und dann vorübergehend nicht arbeiten können, vielleicht auch nach der Entbindung häufiger ausfallen. Oder dass zu uns eingereiste Menschen aus dem Ausland sich sowohl in ihrer Sprache als auch in ihrer Arbeitskultur von Einheimischen unterscheiden."

"Schwierig, schwierig", sage ich. "Auch hier gilt natürlich das, ich nenne es mal ‚Verallgemeinerungs-Verbot‘. Nicht alle Frauen werden während ihrer Berufstätigkeit beziehungsweise auf einer bestimmten Stelle schwanger. Und ob die Sprache eine Barriere ist, hängt natürlich auch vom Einzelfall und der Aufgabe ab. Dazu kommt, dass eine andere Kultur, wie du es nennst, eventuell eine Bereicherung darstellen kann. Also wirklich wichtig, genau hinzuschauen und wie vorhin diskutiert zu schärfen, um was es wirklich geht.

„Lass mich unser heutiges Gespräch mal so zusammenfassen“, während sie ihre leere Cappuccino-Tasse anschaut, „Gleichbehandlung als Haltung und Grundidee ist gut und wichtig, aber wir müssen sie eher im Sinne eines Verallgemeinerungs-Verbotes als einer Grundlage für die Hetzjagd auf jegliche Form der Differenzierung sehen.“

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Montag, 22. Juni 2026

Saras Sicht: Wetter, Klima, Zeitgeist

Saras Sicht: Wetter, Klima, Zeitgeist
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Heute ist ein regnerischer Tag, auf dem Weg zum Cafe frage ich mich, ob das Aufspannen eines Regenschirms altmodisch ist. Die Menschen um mich herum haben entweder ihre Jacke übergeworfen oder eine Kapuze über dem Kopf zusammengezogen. Der Regen scheint sie nicht sonderlich zu stören, jedenfalls sehe ich nur sehr vereinzelt Schirme.

Noch in Gedanken zum Schutz vor den Widrigkeiten der Natur und wie es mir bei meinen Wanderungen mit meinen Eltern ergangen ist, trete ich ins Trockene, Sara sitzt schon da, nach dem Stand ihres Cappuccino zu urteilen ist sie schon eine Weile vor mir angekommen. Wir begrüßen uns herzlich wie immer, gleichen unsere Nässe ein wenig aus "Meine Güte, das muss ja draußen ganz schön schütten, dein Mantel ist ja klatschnass" und steigen über den Austausch zu den Wetteraussichten der nächsten Tage ins Gespräch ein.

"Ich habe vorhin überlegt, dass in der öffentlichen Meinung oft die Begriffe Wetter und Klima durcheinandergehen. Da schaut irgendwer aus dem Fenster, lässt sich vom Radio bestätigen, dass es auch im Nachbarort regnet und zieht seine Folgerungen zu globalem Niederschlag und wie sich das zeitlich weiterentwickelt. Da sind dann räumliche Unterschiede, jahreszeitliche Unterschiede, tagesaktuelle Situationen oder auch ortstypische Eigenschaften zusammengemixt."

„Ja, was du beschreibst ist die Kombination aus Wetter, also dem lokalen und kurzzeitigen Ereignis und dem Klima. Wobei es ja auch noch das Mikroklima gibt. Bei meinem Elternhaus hat es regelmäßig geregnet, während im Nachbarort die Sonne schien. Das war häufig so, wir Kinder sind dann zum Spielen regelmäßig zu unseren Freunden ins Nachbardorf geflüchtet."

"Ich denke, bei euch hat es im Winter aber auch früher geschneit?" - "Stimmt wohl, ab Spätherbst drehte sich der Kinderstrom um und alle kamen zu uns, weil wir schon beim ersten Kälteeinbruch rodeln konnten. Es war fast wie eine Mini-Völkerwanderung, die abhängig von der Jahreszeit mal in die eine, mal in die andere Richtung verlief. Wobei wir natürlich abends dann immer wieder nach Hause mussten."

"Das finde ich schon spannend. Betrachten wir das Ganze mal tatsächlich in Richtung Volk oder genauer gesagt Bevölkerung. Nicht unbedingt deren Wanderung, Flüchtlinge, Rückkehrer oder Auswanderer, obwohl das auch ein interessantes Thema wäre. Mich interessiert heute eher die gesellschaftliche Entwicklung, ihre Kultur, ihre Gewohnheiten und der Wertekanon. Da sehe ich auch eher kurzfristige oder lokale Phänomene, so etwas wie regionale Traditionen oder auch Riten, die nur bestimmte Fraktionen der Gesellschaft verfolgen. Das ist aus meiner Sicht das Pendant zum Wetter."

"Wenn man so ansetzt wäre das Klima dann der gesellschaftliche Rahmen, übergreifend und auf der Zeitachse auch deutlich langfristiger. Das, was Gesellschaften voneinander unterscheidet, sozusagen ihr Alleinstellungsmerkmal ist. Vielleicht die Lebenseinstellung, das Savoir-vivre der Franzosen, der Qualitätsanspruch der Deutschen, die Präzision der Schweizer oder was auch immer man mit den einzelnen Nationen verbinden mag. Und dann das Mikroklima, bei dem die Loire-Region mit ihren Schlössern und Weinen dem Grundgedanken eine besondere Ausprägung verleiht."

"Für die kurzfristige Beschreibung habe ich vor kurzem den Begriff Zeitgeist gehört und finde ihn sehr zutreffend. Das sind Modeströmungen, Meinungen, die oft nur für begrenzte Zeit sehr deutlich vertreten und in der Öffentlichkeit diskutiert werden. War es in der Flowerpower-Ära der Gedanke an Frieden und Liebe, wurde er von Debatten um Atomkraft, Bildungssystem und Umweltschutz abgelöst. Und ob gerade Fridays-for-future, Windkrafträder oder Elektroautos im Mittelpunkt der Debatten stehen mag wechseln, eine lebhafte Debatte und flankierende Demonstrationen sind dem aktuellen Kernthema aber gewiss."

"Was mich dabei fasziniert ist die Dynamik. Zum einen, wie engagiert, ja geradezu fanatisch manche Menschen sich mit dem jeweiligen Zeitgeist identifizieren. Zum Höhepunkt der Gegner der Startbahn West von Frankfurts Flughafen gab es aggressive Demonstrationen, Steine flogen, Fernsehberichte, Polarisierung der Befürworter und Gegner. Rund ein Vierteljahrhundert später bei der nächsten Landebahn war es erheblich ruhiger.“

„Ja“, bestätige ich, „der Zeitgeist ist ein Geist. Und er hat eine zeitliche Komponente, kennt Entstehung und Vergehen. Die Menschen folgen in ihren Meinungen und Ansichten gewissen Moden. Das hat nur manchmal etwas mit neuen Erkenntnissen oder logischen Abläufen zu tun. Einfach nur Mode oder eine gewisse Anhängerschaft wie in Glaubensgemeinschaften.“

„Das hinkt jetzt aber. Wenn ich mir die Christen anschaue, dann folgen sie ihren zentralen Figuren seit über zweitausend Jahren. Das ist ja keine Modeerscheinung.“ – „Okay, dann beziehe ich mich statt dessen auf Influencer im Internet. Und was die Glaubensgemeinschaften angeht, naja, da sehe ich schon eine Abhängigkeit zum Zeitgeist. Denk mal an die zunehmende Anzahl der Kirchenaustritte. Mitglied der katholischen Kirche zu sein gerät aus der Mode.“

Einen Moment sitzen wir nebeneinander, schauen den Wassertropfen zu, die an der Scheibe herunterlaufen. Dann setzt Sara zum Abschluss an. „Diese kleine und vielleicht kaum merkliche Veränderung ist Auswirkung des geänderten Zeitgeistes, der aber wiederum nicht nur ein Ausdruck einer Verschiebung von Prioritäten und Motivation ist, sondern seinerseits auch die deutsche Kultur – in unserem Bild sowohl Wetter als auch langfristig das Klima – beeinflusst.“

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Dienstag, 16. Juni 2026

Saras Sicht: Sozialneid

Sandras Sicht: Sozialneid
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Es hat tatsächlich geklappt, dass wir uns wiedersehen. Einerseits war unser Gespräch über die Duz-Kultur ja recht lebhaft verlaufen, aber ich hatte mich im Nachgang gefragt, ob wir wirklich kontrovers diskutiert oder uns nur gegenseitig Recht gegeben hatten. Entsprechend gespannt wartete ich schon vor der verabredeten Zeit vor meinem Cappuccino auf den Austausch zum Sozialneid.

"Holla" höre ich meine Bekannte zur Tür reinkommen, diesmal sitzt sie schon, bevor sie den Mantel ausgezogen hat. Ein wenig außer Atem, aber gut gelaunt, mag sein, dass sie genauso gespannt auf mich ist wie ich auf sie. "Du bist ja schon da... für mich auch einen XXL und heute darf es auch ein Keks dazu sein. Meinst du, die haben hier sowas?" Bis die Bedienung kommt hat sie ihre Jacke abgestreift, die Handtasche deponiert und sich aus einer plötzlich auftauchenden Tube die Hände eingecremt.

Ich schaue sie an. "Du siehst aus, als ob du dich zum Kampf rüstest." Sie lacht, "Nein, das ist eher so ein unwillkürliches Programm, ich habe noch nicht mal gemerkt, dass ich mir die Hände eingecremt habe. Gehört irgendwie dazu." Sie reibt noch mal die Hände. "Kennst du das nicht, dass du irgendwas automatisch machst, immer 20 Meter vor der Haustür nach dem Schlüssel kramst, auch wenn sie aufsteht oder die Lesebrille suchst, obwohl die Speisekarte groß genug gedruckt ist?"

"Manchmal erschrecke ich mich beim Autofahren, dann frage ich mich, wie ich an diese Stelle gekommen bin und wie ich die Kurven auf den letzten Kilometern gelenkt habe, obwohl ich in Gedanken die Einkaufsliste durchgegangen bin." Wir diskutieren noch eine Weile über automatisierte Abläufe, ob es da Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt und ob es überhaupt Menschen gibt, die im üblichen Sinne Multitasking-fähig sind.

Dann kommen wir wieder auf unser letztes Treffen zurück, lassen das Gespräch noch mal an uns vorüberziehen und ergänzen hier und da irgendwelche Aspekte. "Ja", sage ich, "wahrscheinlich steckt in jedem Menschen eine mehr oder weniger große Neid-Ecke. Wir vergleichen uns und dann sind wir besser oder schlechter. Und wenn wir schlechter sind, dann ist der andere besser und das stört uns."

"Wir sind uns einig, dass Neid eine Folgerung ist, die in unserem Kopf entsteht. Mit dem Ergebnis vom Vergleich kann man so oder so umgehen. Man kann sich anstrengen um besser zu werden und vielleicht irgendwann den anderen zu übertreffen oder man versucht ihm ein Bein zu stellen, damit er schlechter wird oder man ärgert sich und verschiebt den Wettkampf in ganz andere Themen."

"Wie meinst du das?" - "Naja, da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Weitverbreitet kann man dem Gegenüber vorwerfen, dass er ein Angeber ist. So, wie er sein Auto putzt und präsentiert will er ja offensichtlich demonstrieren, dass er eine Luxuskarosse hat. Dieser arrogante Schnösel hat ja sonst auch nichts, nachdem seine Kinder aus dem Haus sind. Und so weiter. Den Charakter kritisieren, die Seriosität in Frage stellen, auf Mängel an anderer Stelle hinweisen. Der hat zwar das teurere Auto, aber er kann sich ja noch nicht mal einen vernünftigen Urlaub leisten."

"Manchmal ist das aber gar kein Neid, sondern ein gewisser Selbstschutz. Damit ich mich nicht zu blöd fühle, muss ich mir irgendwas ausdenken, was ich besser kann, mehr habe, oder auch dass es mir auf ein großes Auto doch gar nicht ankommt, dass es Wichtigeres im Leben gibt.“

„Das ist dann ein nach außen getragenes Ausweichmanöver. Aber im Grunde ist es eben doch Neid, ich möchte selbst mindestens genauso sein oder ich gönne der anderen Person etwas nicht. Und wenn ich es nicht erreiche, dann muss ich den Vorteil oder vermeintlichen Sieg eben madig machen. Wenn er schon besser ist, soll er sich nicht auch noch daran erfreuen können.“

„Bei Sozialneid denke ich an Aggression, die sich beim Zusammentreffen auslebt. Sei es ganz verdeckt als schlechtere Behandlung, zum Beispiel Verzögerung in der Bedienung, sei es in Form blöder Kommentare oder sogar Beschädigung zum Beispiel des Autos.“

„Ja, genau. Da laufen Mechanismen an, die im Grunde von sehr weit innen kommen. Ablehnung und der Versuch, diese Abweichler aus dem eigenen Dunstkreis irgendwie loszuwerden, ihnen durch negative Erlebnisse jeden Kontakt zu vermiesen. Ich denke, Sozialneid ist der Begriff für die Perspektive von unten nach oben, also wenn jemand neidisch ist, weil er weniger hat. Aber das Phänomen der Ablehnung hast du natürlich auch in der anderen Richtung. Distanz aufbauen zu jemand, der dir niedriger erscheint.“

Ich schlürfe an den Resten meines Cappuccino und lasse Saras Sicht auf mich wirken. „Okay“, sage ich dann, „Das ist dann kein Neid, aber die Auswirkung von unterschiedlichem Rang oder Gesellschaftsebene oder wie man es nennen will. Spannend jedenfalls, wie sich sofort Spannungen aufbauen, wenn es Unterschiede in der Ebene, der Stellung, der Position gibt. Allein schon, dass wir von ‚oben‘ und ‚unten‘ sprechen, zeigt ja, dass es ein besser oder schlechter gibt. Und allein diese mehr oder weniger bewusste Erkenntnis schürt Unzufriedenheit mit Tendenz zum Neid.“

„Vielleicht ist das so, vielleicht entsteht die Empfindlichkeit aber auch schon, sobald man mit diesem Maßband konfrontiert wird. Das größere Auto, die schickere Wohnung oder der attraktivere Job führen einem ja deutlich vor Augen, dass man selbst weniger hat, je nach Unterschied und Selbsteinschätzung sogar, dass man sich als Versager fühlt. Und das tut weh.“

Eine Weile geht das Gespräch noch weiter, erzählen wir uns von Beispielen aus dem Alltag, haben ein paar Situationen im Kopf, die wir im Zusammenhang mit Sozialneid sehen. Schließlich ist der Cappuccino aber ausgetrunken und der Nachmittag ist auch schon fortgeschritten. Wir zahlen, schnappen uns die Mäntel und verabreden uns für die nächste Woche.

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Montag, 8. Juni 2026

Saras Sicht: Die Duz-Kultur

Saras Sicht: Die Duz-Kultur
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Ein wenig aufgeregt bin ich schon. Vielleicht war meine neue Bekanntschaft Sara nur ein Phantom, stelle ich mir unter unserem Austausch mehr vor, als sie gemeint hat oder am Ende ist uns das Wiedersehen peinlich, weil es einen Dating-Charakter hat. Aber nichts davon tritt ein. Die Tür schwingt auf, mit zügigem Schritt steht sie an meinem Tisch, strahlt mich an und hat schon Jacke und Handtasche deponiert. Ich bin aufgesprungen um sie zu begrüßen, aber sie ignoriert meine Hand, nimmt mich kurz in den Arm, als ob wir uns schon aus der Schulzeit kennen.

"Wieder einen Cappuccino XXL?" will die herbeieilende Bedienung wissen, die sich bestimmt auch ihren Teil denkt. "Ja, wunderbar, dass Sie sich das gemerkt haben." Während die Angestellte in Richtung Theke zieht, wärmen wir uns verbal ein wenig auf, tauschen Erfahrungen des Tages und des Wetters. Im Redestrom gehen wir dann plötzlich ins Du über, ohne daraus eine große Zeremonie zu machen. Und das ist auch gleich Gesprächsstoff.

"Glaubst du, dass die Entwicklung zum Du in der Gesellschaft Veränderungen auslöst oder ist es eher andersherum, dass die Gesellschaft sich verändert und deshalb zum Du übergeht?" - "Keine Ahnung, ob Du oder Sie ist weniger eine Frage der Anrede als der Distanz, die man damit signalisiert. Hat man ein persönliches Verhältnis oder steht man sich eher formal gegenüber. Ich finde es total seltsam, wenn man sich in der Familie mit Sie anredet, wie ich das manchmal in älteren amerikanischen Filmen mitbekomme. Andererseits sind die Leute in Amerika eigentlich sofort per Du, selbst der Vorstand stellt sich mit Vornamen vor und erwartet, dass du ihm genauso begegnest. Aber das ist dann keine Frage von freundschaftlichem Kontakt, sondern ein Standard, an den sich alle halten. Einige Stunden später kann dich dieselbe Person beschimpfen ohne durch diesen vermeintlichen Schwenk in Gewissensnöte zu kommen."

"Da geht doch einiges durcheinander. Anrede, Verknüpfung mit Gefühlen, Distanz und Respekt. Als Deutsche waren wir der Meinung, dass das Du etwas mit Respekt und Hierarchie zu tun hat. Ich möchte mich nicht von einer Angestellten Duzen lassen oder von einem Schuhverkäufer so angesprochen werden. Der kann ja durchaus nett sein, vielleicht treffe ich ihn abends im Sportverein und dann unterhalten wir uns vertraut über Sportprogramme und Trainingsschuhe. Aber in seiner Rolle als Verkäufer im Geschäft erwarte ich erstmal eine gewisse Distanz, und die zeigt sich eben auch in der Anrede."

"Das finde ich ein wenig steif, auch unbekannte Personen mit Du anzusprechen ist inzwischen üblich. Aber andererseits hast du Recht, und mein Eindruck ist, dass das auch mit den einzelnen Geschäften zusammenhängt. Gehe ich zu einem Schuhdiscounter, dann kommt mir wahrscheinlich eine junge Frau entgegen, die mich mit Du anspricht. In einem exklusiven Geschäft werde ich eher gesiezt. Eine Demonstration der Höflichkeit, vielleicht sogar ein wenig der hierarchischen Unterordnung. Der Kunde als König, der Verkäufer als Untertan."

"Und woher kommt die Verschiebung zum Du? Liegt das daran, dass alle cooler werden wollen, einen lässigen Umgang anstreben, sich diese lockere Art von unseren Vorbildern aus Amerika abschauen? Oder ist es nicht vielmehr der Versuch, alle Hierarchie zur Seite zu räumen, nicht nur als Phrase, sondern auch innerlich mit dem Vorstand auf Augenhöhe sprechen zu wollen? Ich denke ja nicht, dass eine hohe Hierarchie automatisch zu Arroganz führen muss, aber in der anderen Richtung ist es doch auch irgendwie dreist, wenn ich den Unterschied schlicht ignoriere."

"Dann siehst du das Du als Signal von Dreistigkeit?" - "Naja, nicht grundsätzlich und in jedem Fall. Vielleicht passt der Begriff Überheblichkeit besser. Wenn ich als Angestellter gute Arbeit leiste, dann ist das toll und anerkennenswert. Aber auf eine höhergestellte Person zu schauen und sich so zu verhalten, als ob man gleiche Intelligenz oder Wissen oder Verantwortung hätte, ist zumindest erst mal eine Selbstüberschätzung."

"Das leitest du alles aus der Anrede ab?" - "Die Anrede ist nur ein Symptom, da kommen wir auf die Ausgangsfrage, wie das mit der gesellschaftlichen Veränderung zusammenhängt. Wir erleben doch an allen Ecken und Enden Verschiebungen, ich sag mal nach oben. Wenn du schaust, wer heute alles ein modernes Auto fährt, komfortabel wohnt oder Kreuzfahrten bucht, dann sind das viel mehr Menschen als noch vor wenigen Jahren. Das ganze Gefüge hat sich geändert, die Löhne sind dramatisch viel höher, der gemittelte Wohlstand hat zugenommen, aber die Preise haben auch angezogen. Da schließt sich dann der Kreis, wenn man zum Beispiel die Eintrittspreise für Konzerte anschaut. Die sind ja schwindelerregend, werden aber trotzdem von ganz normalen Bürgern bezahlt."

"Ich glaube nicht, dass das so global stimmt. Eher geht die Schere weiter auseinander, es gibt zunehmend Menschen, die Schwierigkeiten haben, ihr Leben zu finanzieren, die mit ihrem Einkommen kaum über die Runden kommen. Vielleicht vermitteln sie an der einen oder anderen Stelle den Eindruck, dass es reicht, gehen aber nach Feierabend noch einem weiteren Job nach, damit die Kinder ein neues Handy bekommen können oder ein Urlaub möglich wird. Und in Kombination mit unausweichlicher Teuerung wie bei Benzin oder Lebensmitteln wird die Luft dann ganz schön dünn. Das Problem ist, dass auch wir beide immer nur einen Ausschnitt um uns herum sehen, aber das ist eben nur eine kleine Fraktion der Gesellschaft."

"Da ist was dran, aber der Standard hat sich schon deutlich weiterentwickelt. Selbst bei Aldi und Co bekommst du heute gute Lebensmittel, die kann man nicht mit dem Ramsch vergleichen, der vor einigen Jahrzehnten auf den Paletten war. Und natürlich kosten die Sachen dann mehr. Aber die Erwartung steigt mit den Angeboten, die Konsumenten tun sich schwer damit, dass sie wieder schlechtere Produkte kaufen oder mehr bezahlen müssen. Was früher nur für Besserverdiener galt, also dass sie sich einfach alles leisten konnten, daran haben sich viele Normalverdiener inzwischen gewöhnt. Einerseits wundern sie sich, dass dieses Grundprinzip für sie nicht mehr gilt, andererseits erfahren sie, dass es Sachen gibt, die man nicht kaufen kann. Und bekommen so vor Augen geführt, dass sie eben nicht zu den Gutverdienern gehören. Das schürt Neid und mündet im Versuch, sich doch irgendwie auf deren Stufe zu stellen."

"Ich muss gleich los, lass mich mal kurz zusammenfassen, wo wir in unserem wilden Ritt durch die Themen hingekommen sind. Wir haben uns über das Du unterhalten, darüber diskutiert, ob es ein Signal für Respekt und Hierarchie ist und ob Hierarchie oder auch nur Anerkennung einer höheren Stellung gesellschaftlich sozusagen von unten kommend zunehmend in Frage gestellt oder sogar torpediert wird. Und dann ging es noch darum, dass man diese Annäherungsversuche auch da sehen kann, wo es darum geht, sich etwas leisten zu können."

"War ein spannendes Gespräch, hast du nächste Woche wieder Zeit? Dann könnten wir uns weiter über den Sozialneid unterhalten. Ich bin ziemlich neugierig, wie du den siehst und im Alltag erlebst."

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Montag, 1. Juni 2026

Saras Sicht: Intro

Saras Sicht: Intro
Eine neue Serie: "Saras Sicht" - Ich lerne eine Frau kennen, mit der ich mich kontrovers über wechselnde Themen unterhalte. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Das Cafe ist weitgehend leer, am Tresen poliert eine junge Frau Gläser, die Kaffeemaschine hinter ihrem Rücken dampft aus der Wasserdüse. Leise Musik aus dem Radio ist im Raum, ruhige Gespräche der wenigen Gäste vermischen sich zu einem gleichmäßigen Gemurmel. Eine Frau in meinem Alter kommt herein, zieht sich die Jacke aus und spricht kurz mit der Angestellten. Ich nehme nicht weiter Notiz von ihr und lese weiter in meinem Buch, während ich von Zeit zu Zeit einen Schluck Kaffee aus der übergroßen Cappuccinotasse nehme.

"Guten Tag" höre ich eine Stimme und erwidere den Gruß ohne aufzuschauen. "Guten Tag, darf ich mich zu Ihnen setzen?" Jetzt schaue ich doch auf. Die Frau ist ziemlich schlank, hat eine mittelbraune Kurzhaarfrisur, ein schmales Gesicht mit lebhaften braunen Augen. Die weiße Bluse über der Bluejeans lässt alle Optionen zwischen Business und Freizeit offen. "Eigentlich wollte ich, nein... ja, selbstverständlich, setzen Sie sich."

Schon hat sie ihre Jacke auf den Stuhl neben sich gelegt, ihre Handtasche abgestellt und sitzt mir gegenüber. Ich schaue sie noch einen Moment an, dann widme ich mich wieder meinem Buch. Eine Weile herrscht Ruhe, dann kommt die Bedienung und "Ich hätte gerne einen großen Kaffee. Was hat der Herr mir gegenüber?" - "Das ist unser Cappuccino XXL." - "Sehr gut, den können Sie mir bitte bringen."

Ich tue so, als ob ich weiterlese, aber meine Ruhe ist gestört, die Gedanken beschäftigen sich mit der Frau mir gegenüber. Das ganze Cafe ist leer, warum belagert sie ausgerechnet mich, sucht sie allgemein Kontakt oder will sie etwas von mir? Wie alt ist sie denn nun, was macht sie in der Freizeit, bei der Arbeit, in der Familie, gerade jetzt und hier? Jedenfalls sieht sie recht hübsch und intelligent aus, vermutlich eingebildet und ziemlich anstrengend in der Partnerschaft.

Sie kramt in ihrer Handtasche, bestimmt holt sie ein Handy heraus, aber es ist doch nur ein Taschentuch, mit dem sie um die Augen herumtupft. Sie hat ein sehr dezentes Makeup aufgetragen, kaum sichtbarer Shadow, Mascara, alles sehr gepflegt und unaufdringlich. Ihr Cappuccino kommt, sie nutzt die Gelegenheit, um die Tasse in meine Richtung zu halten und mir zuzuprosten. Mein Lesenachmittag ist nun ohnehin beschädigt, also mache ich das Beste daraus und entschließe mich, meine neue Bekanntschaft zu akzeptieren.

"Und", sage ich während ich auf ihre Tasse schaue, "ist die Bestellung nach Ihren Vorstellungen?" - "Oh ja, schmeckt gut und ist so schön dekoriert. Die Frau ist eine richtige Barista." Kurze Pause, dann: "Darf ich mich vorstellen, ich bin Sara." Unwillkürlich muss ich grinsen, sage aber nur: "Soso, Sara. Sehr erfreut." - "Warum lachen Sie? Stimmt was nicht mit meinem Namen?" - "Ach nein, der Name ist schon ok. Aber ich sitze hier in meinem Stammcafe, lese still mein Buch und plötzlich setzt sich eine fremde Frau zu mir und ist dann Sara. Das klingt wie eine ziemlich simple Kontaktanzeige a la Süße-Sara-22 sucht."

Einen Moment sieht sie mich entgeistert an, vielleicht sogar ein wenig beleidigt, aber sofort fängt sie sich. "Interessante Assoziation. Und ziemlich direkt. Sind Sie immer so rund heraus?" - "Ich sage nur, was ich denke. Glauben Sie mir, andere Menschen haben die wildesten Gedanken, ohne sie jemals auszusprechen. Und schon gar nicht gegenüber einem Menschen, den sie noch nie gesehen haben. Nennen wir es mal Offenheit."

"Das gefällt mir. Und ehrlich gesagt, so hatte ich Sie auch eingeschätzt, sonst hätte ich mich nicht zu Ihnen gesetzt." - "Ach. Und was haben Sie sonst noch geschätzt, bevor Sie Platz genommen haben?" - "Belesen, das sieht man ja an dem Buch, ruhig, weil Sie zwar offensichtlich Stammkunde sind, aber alleine hier sitzen und in Gedanken vertieft, ins Buch eingetaucht. Und da habe ich gedacht, mit dem möchte ich mich gerne unterhalten."

Ich mache "hm", schaue sie noch einmal an. Ist das eine etwas plumpe Art, Bekanntschaft mit Männern zu machen oder hat es nichts mit dem Geschlecht zu tun? Harry und Sally fällt mir ein und die These, dass Männer und Frauen nicht einfach nur Freunde sein können, weil ihnen früher oder später der Sex dazwischenkommt. Ich sage dann: "Etwas ungeplant, das gebe ich zu und tatsächlich wollte ich heute weiter in meinem Buch über Gesellschaft und Kultur lesen. Aber ich möchte nicht stoffelig sein: Über was möchten Sie sich denn mit mir unterhalten?"

"Gesellschaft und Kultur", sagt Sara, "das hört sich gut an. Was steht denn im Buch, irgendwelche interessanten Impulse?" - "In den ersten Kapiteln wird die deutsche Geschichte dargestellt, die Zeit zurück bis zur ersten Industriellen Revolution und die Wechsel der sozialen Strukturen." - "Spannend, ich habe kein Thema im Geschichtsunterricht so oft gehört wie die Zeit vor und um den zweiten Weltkrieg. Seltsamerweise war das so betont, dass kaum noch Raum war für die Zeit davor und danach. Dabei muss man glaube ich ein paar Sachen verstanden haben, um den Gesamtverlauf zu verstehen."

Wir schlürfen an unserem Kaffee, ich betrachte meine Gesprächspartnerin jetzt ziemlich aufmerksam. Am liebsten würde ich sie jetzt ein bisschen ausfragen, etwas über ihren Beruf, ihre Ausbildung und ihr Privatleben erfahren, aber ich möchte vermeiden, dass es wie die Antwort auf ihre unsichtbare Kontaktanzeige wirkt. Aber neugierig macht sie mich schon, und so halten wir noch ein wenig Smalltalk, bevor wir uns verabschieden und für den übernächsten Tag hier im Cafe verabreden.

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Montag, 25. Mai 2026

Pfingsten 2026

Durch die Kirchenfenster fällt das morgendliche Licht, weihrauchgeschwängert die Luft. Der Priester hinter dem Altar hält ein Hochamt mit lateinischen Passagen, die Messdiener schwenken ununterbrochen die Weihrauchkübel. Durch den Rauch fällt das Licht in langen Strahlen, bunt verändert durch die Farben der Fenster mit ihren eingelegten Bildern.

Pfingsten 2026
An den Wänden der Basilika hängen Gemälde von Stationen der Passion Christi, daneben Darstellungen von Heiligen. Ein Bruder hat sie gemalt, gottesfürchtig, wenn auch nicht besonders künstlerisch gelungen. Die meisten Figuren auf den Bildern haben einen wirren Blick, die Augen meist nach oben verdreht - irgendetwas scheint über ihnen zu schweben. Besonders eindrucksvoll sind die Bilder mit Heiligenschein oder mit merkwürdigen Gebilden, die wohl Flammen darstellen sollen, die aus den Köpfen hervorkommen.

Ich bin noch ein kleines Kind, von der Sprache verstehe ich kein Wort, die ganze Atmosphäre wirkt hypnotisierend auf mich. Die Bilder sind so gruselig wie die Nägel in den Gliedmaßen der großen Figur, die an einem Kreuz hinter dem Altar hängt. Meine Gedanken wandern zu den abgebildeten Menschen, ich frage mich, ob sie Schmerzen haben, weil ihnen ja Flammen aus dem Kopf kommen.

Der Pfarrer hält die Predigt auf Deutsch, er erzählt von dem Heiligen Geist, der auf die Aposteln herabkam. Das sind also die Flammen, ob auch aus meinem Kopf Flammen schlagen, wenn der Heilige Geist in mich fährt? Es wird bestimmt sehr schlimm sein und erklärt die verdrehten Augen der Menschen auf den Gemälden. Und auch wenn jetzt von Frieden, von Glauben und der Liebe Christi die Rede ist, will mir der Gedanke an diese Flammen nicht mehr aus dem Kopf.

Sicher, heute verstehe ich die biblische Geschichte. Es ist gar kein Geist, der in meiner kindlichen Phantasie mit einem weißen Bettlaken und ausgeschnittenen Augenlöchern die Kinder erschreckt. Da ist auch nichts Geheimnisvolles, sondern eine Haltung, eine Geistes-Haltung gemeint. Vielleicht würde man heutzutage von Grundeinstellung, charakterlichen Glaubenssätzen oder Basisvorstellungen sprechen.

Und genau hier ist die Schnittstelle zur modernen Welt, zu modernen Unternehmen. Auch hier wird oft von Haltungen gesprochen, es werden gemeinsam Werte definiert und eine (Unternehmens-) Kultur initialisiert. So wie Pfingsten als die Geburtsstunde der Kirche gilt, ist auch die Vorgabe einer gemeinsamen Haltung die Basis für den menschlichen Faktor einer Organisation. Es ist dann nicht der Heilige Geist, aber der zum jeweiligen Unternehmen und seinen Akteuren passende Geist, der sich als Kultur ausprägt.

Die Entstehung und Entwicklung der Kirche zeigt uns, wie eine Konstruktion entworfen werden muss, damit sie Jahrtausende lang hält. Und in viel kleinerem Rahmen kann man dieses Verständnis auch auf sich selbst beziehen und sich mit seinem eigenen Geist, der Grundhaltung und seinen charakterlichen Glaubenssätzen beschäftigen. Das ist zum einen im analytischen Sinne sehr interessant, kann zum anderen aber auch neue Erkenntnisse bringen, wenn man den eigenen Geist mit demjenigen ausgewählter Mitmenschen oder gesellschaftlicher Gruppen vergleicht.

So hat die Apostelgeschichte nichts an Aktualität verloren und durch den bundesweiten Feiertag haben wir die Möglichkeit, den Transfer in die heutige Zeit, auf uns und unsere Umgebung in Ruhe zu betrachten. Und die Botschaft des grenzüberschreitenden Friedens im kleinen wie im großen Kreis können wir mit Blick auf die derzeitige geopolitische Lage sicher auch gut gebrauchen.

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Montag, 18. Mai 2026

Das habe ich jetzt nicht gemerkt

Unser Gehirn ist ganz groß darin, uns Dinge vorzugaukeln. Wir meinen, etwas gesehen zu haben, können uns ganz genau an Farben erinnern, die nachweislich nicht stimmen und fühlen Bewegungen, die es nicht gibt. Flugsimulatoren profitieren von diesen Fehlwahrnehmungen und sorgen durch reine Kippbewegungen für die vermeintliche Wahrnehmung von Aufstieg und Landung.

Potentiell ist das aber auch gefährlich, denn tatsächlich haben wir keinen Sensor für Geschwindigkeit. Ob wir mit 50 über die Landstraße fahren oder mit 200 über die Autobahn jagen - es fühlt sich gleich an. Wir merken nur die Beschleunigung, das Bremsen und natürlich Kurvenfahrten. Als Indikator für Gefahr taugt das natürlich nicht, denn ein brauchbarer und vom Gehirn sinnvoll verarbeiteter Messwert fehlt. Nur über die Kombination aus Blick auf den Tacho und das Bewusstmachen der mit hoher Geschwindigkeit verbundenen Gefahr kann zu einer Beeinflussung unseres Verhaltens - in diesem Fall Reduzierung der Geschwindigkeit - führen.

Das habe ich jetzt nicht gemerkt

Das fällt allerdings vielen Menschen schwer, zumal sie das Risiko mangels entsprechender Erfahrung auch gar nicht richtig einschätzen können. Was soll schon passieren, wenn ich flott über die Autobahn brause, in diesem Fall herunterzuschalten erinnert mehr an überängstliche Schleicher oder die mahnenden Worte der Mutter, nicht auf die lauwarme Herdplatte zu fassen. "Schnickschnack" flüstert das Gehirn, "ich kann nichts Gefährliches feststellen. Fahr ruhig weiter!"

So führt die Gefühlslosigkeit potentiell in lebensgefährliche Situationen. Doch leider zieht sich dieses Phänomen auch in andere Bereiche des Alltags, da die fehlende Sensorik oder - zweiter gefährlicher Punkt - Gewöhnung uns die objektive Wahrnehmung verwehrt. In Beziehungen entspricht die erste Verliebtheit dem Beschleunigen des Autos, das merken wir und können damit umgehen. Aber dann, selbst wenn die Beziehung sehr gut läuft (analog: wir mit zügiger, aber weitgehend gleichmäßiger Geschwindigkeit fahren), nimmt die Wahrnehmung ab. Dann ist alles normal und wir wachen erst auf, wenn diese Normalität gestört wird. Plötzlich kommen Fragen auf, warum sich der Partner abwendet oder gar eine andere Beziehung sucht. Nun, vielleicht möchte er einfach noch mal das Gefühl der Beschleunigung erleben, weil er diese - im Gegensatz zur Dauergeschwindigkeit - fühlt.

Daneben sind Felder wie das Gehalt, die Zufriedenheit mit der Tätigkeit, Beziehungen zu Freunden, Spaß an Hobbys und so weiter betroffen. Überall können wir nur Differenzen erkennen, also wenn es auf- oder abwärts geht. Für die Beurteilung des Status quo ist eine explizite Beschäftigung (im Sinne Blick auf den Tacho) in Kombination mit konkreter Einschätzung erforderlich.

Und noch etwas: Auf einer großen weißen Wandfläche sehen wir sofort, wenn dort eine kleine Wespe sitzt. Wie schön, da hat unsere Differenzwahrnehmung geholfen. Ebenso nehmen wir in einer ruhigen Landschaft sofort die Bewegung eines weit entfernt laufenden Tieres wahr. Die Frühwarnsysteme funktionieren, aber wir müssen dann auch darauf eingehen. Es ist dann Aufgabe unseres Gehirns einzuschätzen, ob die Wespe mich stechen könnte oder der davonhoppelnde Hase bemerkenswert ist. Aber immerhin wird in diesen Fällen sozusagen ein Blick auf den Tacho erzwungen.

Zusammenfassend also die Erkenntnis, dass Aufmerksamkeit vor Überraschungen schützt, in vielen Fällen mit realistischen Einschätzungen zu besseren Bewertungen führt und insbesondere für Beziehungen und Lebenszufriedenheit von entscheidender Bedeutung ist.

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Montag, 11. Mai 2026

Bin ich ein dreibeiniger Hund?

Vor einigen Jahren habe ich im Sommerurlaub einen Hund beobachtet, der am Strand herumsprang. Von meiner Liege aus konnte ich sehen, dass er mal hier mal dort mit den Sonnenhungrigen spielte, um sie herumlief und manchmal hochsprang. Erst nach einiger Zeit wurde mir klar, dass er nur drei Beine hatte, der rechte Vorderlauf fehlte. Das schien ihn aber nicht daran zu hindern, einem Ball hinterherzulaufen, ihn dann mit der Schnauze zu spielen und sich von Badegästen streicheln zu lassen.

Bin ich ein dreibeiniger Hund?
Überhaupt wirkte er fröhlich und trotz seiner Behinderung sehr aktiv. Und ja, vielleicht war bei den Menschen auf den Handtüchern und Liegen auch hier und da ein bisschen Mitleid dabei, das zu vermehrten Leckerlis und Streicheleinheiten, jedenfalls aber Beschäftigung mit ihm führte. Es ging im insgesamt also nicht schlechter oder sogar noch besser als vielen seiner vierbeinigen Kameraden.

Nun kann ich mich nur bedingt in einen Hund hineinversetzen, erst recht ist mir verborgen, welche Gedanken in ihm vorgehen, wenn er mit so einer merklichen Behinderung leben muss. Aber selbst ohne dieses Einfühlen und ohne ein Befragen seiner Meinung ist klar, dass er sich nicht aufgegeben hat und durchaus am Leben teilnimmt - wenn auch mit körperlich bedingten Einschränkungen.

Und wenn ich dann grübelnd hier sitze, meine seelischen Wunden lecke und in Selbstbetrachtung und vielleicht sogar in Selbstmitleid versinke, dann wird es Zeit, dass ich an den Hund denke. Gegen seine Situation geht es mir blendend, die kleinen Schwierigkeiten, die mir mein Körper von Zeit zu Zeit einbrockt, sind eher vernachlässigbar. Und entsprechend weder mir noch meinen Mitmenschen gegenüber der Rede wert. Das heißt ja nicht, dass ich meine Moleste ignoriere, natürlich überlege ich, wie ich es mir möglichst komfortabel einrichten kann. Und möglicherweise sogar einen gewissen Vorteil daraus ableite, mich über Aufmerksamkeit und (verbale) Streicheleinheiten freue.

Doch letztendlich gibt es schon einen gewissen Gestaltungsspielraum, die Möglichkeit, die kleinen Störungen nicht zum zentralen Inhalt zu machen. Sozusagen dem Ball hinterherzuhumpeln, ihn statt mit der Pfote mit der Schnauze anzustupsen und zu dem Menschen zu manövrieren, der mir als bester Lieb-Haber erscheint. Trüben Blickes auf meinem Handtuch brauche ich mich nicht nach Freundlichkeiten zu sehnen, ist mein Leben nicht Lebens-wert.

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Montag, 4. Mai 2026

Vergütung von Aufsichtsräten nach dem Brixner-Prinzip

Der längst verstorbene Vorstandsvorsitzende der DZ BANK, Dr. Brixner, hat seine Untergebenen (das schien seine Sichtweise auf die Angestellten zu sein) gerne mit ziemlich kernigen Sprüchen konfrontiert. Ein erst mal überraschender aber in gewisser Hinsicht durchaus valider Punkt war der Aufruf, jeder solle sich (abends) Gedanken machen, ob er das Geld, das er bekommt auch verdient habe.

Im Grunde ist die Frage berechtigt. Da wird Geld als Tauschmittel (in diesem Fall Gehalt) ausgegeben, um eine Leistung (Arbeit) zu bezahlen. Je mehr jemand arbeitet, oder sagen wir je mehr Wert jemand erarbeitet, desto höher sollte die Gegenleistung sein. Das kann man bei Fließbandarbeit vielleicht in der Anzahl der festgeschraubten Felgen messen, aber ab einer gewissen Hierarchiestufe wird die direkte Bemessung schwierig bis unmöglich.

Es bleibt trotzdem die Frage der Angemessenheit. Man wird Dr. Brixner definitiv keine Sozialromantik vorwerfen, eher wollte er mit seiner Aussage dazu aufrufen, eine ordentliche Lieferung für das gezahlte Gehalt abzugeben und nicht nur zu kassieren. Mehr noch, hierfür ein Bewusstsein zu schaffen und sich individuell selbst regelmäßig auf den Prüfstand zu stellen.

Vergütung von Aufsichtsräten nach dem Brixner-Prinzip
Und da lese ich dieser Tage einen kurzen Artikel im Handelsblatt, dass der Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, Alexander Wynaendts, ein Grundgehalt von 950.000 Euro, mit allerlei Zuschlägen bis zu 1,5 Millionen Euro pro Jahr bekommen soll.

Nein, weder möchte ich diese schwindelerregende Summe gegen das Jahresgehalt einer Friseurin (32.000 Euro, also Faktor 30) halten, noch fühle ich in mir irgendeinen Neid. Aber die Frage nach der Verhältnismäßigkeit steht doch im Raum. Ist es überhaupt auch nur hypothetisch denkbar, dass eine Person so viel Wert schafft?

Bei der Bepreisung von Produkten spricht man gelegentlich von Wucher, der ist definiert als Ausnutzung einer Schwächesituation einer Person, um für eine Leistung eine deutlich überhöhte Gegenleistung zu fordern. Daneben gibt es auch andere Mechanismen, die überhöhte Preise begünstigen, zum Beispiel Monopole und Absprachen.

Die Deutsche Bank begründet die hohe Bezahlung damit, dass sie mit ihren bisherigen Vergütungen „auf dem internationalen Markt für qualifizierte Kandidaten für den Aufsichtsrat nicht ausreichend konkurrenzfähig“ sei. Verabschiedet man sich mit dieser Begründung von Dr. Brixners Konzept des Hinterfragens eigener Wertschöpfung, werden hier auf internationaler Ebene Posten verschachert und das Preisniveau damit stabilisiert und ausgebaut?

Ein privatwirtschaftliches Institut kann natürlich Bezüge ausschütten wie es ihm richtig erscheint und mit einer entsprechenden Begründung dann die eigene Verantwortung an „internationale Märkte“ weiterreichen. Offen bleibt die Frage, die bei etwas weniger exponierten Mitarbeitern im Raum stände, nämlich inwieweit man gleichwertige Leistung nicht auch durch Entwicklung vorhandener Ressourcen erreichen kann. Gibt es niemand bei den 90.000 Mitarbeitern der Deutschen Bank, der Herrn Wynaendts Expertise mit entsprechender Entwicklung und Unterstützung für einen Bruchteil der Bezahlung ersetzen kann?

Daraus ergibt sich als zentraler Punkt weniger die Forderung nach einer Gehaltsverringerung, als vielmehr die Frage, wieviel Energie in die Betrachtung von Alternativen gesteckt wurde. Anders ausgedrückt, ob diese angeblich notwendige Anpassung wirklich so notwendig war und das "Brixner-Prinzip" mit Füßen getreten werden darf.

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