Montag, 6. Juli 2026

Saras Sicht: Streiks und Demos

Saras Sicht: Streiks und Demos
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Meine Sara scheint sich heute zu verspäten, ich sitze schon eine Weile im Cafe, schaue aus dem Fenster. Könnte mal wieder geputzt werden, aber das ist ja eigentlich egal, solange man einen anständigen Cappuccino bekommt und sich gepflegt unterhalten kann.

Merklich genervt kommt Sara hereingestürmt. Ihre sonst kaum erschütterliche Ruhe geht ihr heute völlig ab. „Stell dir vor, jetzt streiken die auch noch“ schreit sie mich fast an. – „Ja, sage ich, bei Bussen und Straßenbahnen muss man heute Geduld mitbringen.“

„Geduld?“ faucht sie mich an, „Geduld ist das eine. Aber es ist das Grundverständnis. Ich habe keine Lust an einer zugigen Haltestelle zu warten, weil jemand anders sich streiten will. Weil sich ein Trupp von Menschen von ihrer Arbeit distanziert, um mehr Geld zu erpressen.“

„Aber Streiks sind ein zugelassenes, anerkanntes und in der Demokratie übliches Mittel, um gewissen Forderungen Nachdruck zu verleihen.“ – „Für mich ist das Erpressung, ich verstehe nicht, warum es an der Stelle zulässig ist, aber wenn ich dir den Finger verdrehe bis es weh tut, damit du meinen Cappuccino bezahlst ist es plötzlich nicht in Ordnung.“

„Es ist ja keine Handlung eines einzelnen, es geht um die Neuverhandlung von Verträgen, die dann für alle gelten. Von Gewerkschaften geschützte Lohnverhandlungen oder Aushandlung von Urlaubstagen und Wochenarbeitsstunden. Immer für eine ganze Gruppe von Betroffenen.“

„Trotzdem Erpressung. Und obendrein auf dem Rücken von nicht Betroffenen. Wenn sie fertig gestreikt und verhandelt und mit ihren Trillerpfeifen Radau gemacht haben, dann werde ich als Kunde wieder normal transportiert. Ob sie ihre Lohnerhöhung, mehr Urlaubstage oder weniger Stunden erstritten haben merke ich überhaupt nicht. Nur, dass ich zwischenzeitlich in der Kälte stehe.“

„Sollten sie besser demonstrieren statt zu streiken?“ – „Ja, nein, im Grunde verstehe ich das genauso wenig. Da wird kompliziert ein System aufgebaut, in dem Stimmen aggregiert, Mehrheiten gebildet und über Vertreter dann deren Meinungen umgesetzt werden sollen. Und in diesen Prozess schaltet sich jetzt sozusagen von der Seite eine Minderheit ein, die einfach nur lauter und auffälliger ist.“

„Wenn Demos friedlich verlaufen, dann machen sie schadensfrei auf eine andere Meinung aufmerksam, sensibilisieren für alternative Ansätze und sorgen so für Vielfalt und eine Ergänzung zu vorhandenen Wegen.“

„Du willst mir nicht erzählen, dass Demonstrationen nur der Meinungsdarstellung dienen. Sie stellen Forderungen, stellen sich getroffenen Entscheidungen in den Weg oder versuchen in Entscheidungsprozesse einzugreifen. Lautstärke und Parolen statt Beschreitung strukturierter Wege und Befolgung gemeinschaftlich beschlossener Prozesse.

Und es liegt in ihrer Natur, dass sie von Minderheiten initiiert werden. Wären es Mehrheiten, bräuchten sie keine Demonstrationen, weil sie ihre Vorstellungen ja über Mehrheitswege umsetzen könnten. Also auch hier eine Form von Erpressen von Forderungen an anderen vorbei mit dem Fokus auf eigene Interessen.“

„Du übersiehst, dass wir diese Instrumente brauchen, um die grundsätzlich in unserer Grundordnung verankerten Abläufe austarieren zu können. Wie schnell können sich Mehrheiten ändern, ist aber auch das Anstoßen von Veränderungen zunächst aus einer Nische heraus unentbehrlich. Denk mal an den Umweltschutz, der vor einigen Jahrzehnten noch gar kein Thema war und erst durch Druck von einer grünen Randgruppe in die Mitte der Gesellschaft gekommen ist.“

Wir sitzen voreinander, der Cappuccino ist ausgetrunken, Saras anfängliche Wut über die lästigen Streiks ist von einer globalen Diskussion über Mehrheiten und Minderheiten abgelöst worden. Ich finde es interessant, aus einer gewissen Distanz nicht nur den einzelnen Lohnempfänger, nicht nur eine Beschäftigungsgruppe, sondern eher die für eine funktionierende Demokratie unentbehrliche Funktion zu betrachten.

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Montag, 29. Juni 2026

Saras Sicht: Das AGG

Saras Sicht: Das AGG

"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Etwas atemlos komme ich im Cafe an, Sara sitzt schon an unserem Stammtisch, ruhig schlürft sie an ihrem Cappuccino. "Was ist denn los", will sie von mir wissen, "du bist ja ganz außer Atem." - "Ja", sage ich, "ich habe gerade noch schnell eine Pflichtschulung erledigt. Es ging um das AGG." - "Sagt mir nichts, was verbirgt sich hinter der Abkürzung?"

"AGG steht für Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz, von manchen Menschen auch als Antidiskriminierungsgesetz bezeichnet. Es geht darum, Menschen vor Nachteilen zu schützen, für die Gleichbehandlung zu sorgen und allerlei Alltagssituationen zu regulieren." - "Das klingt ziemlich allgemein", wendet Sara ein, "und scheint aus meiner Sicht ziemlich plausibel und für ein respektvolles Miteinander absolut wichtig. Muss man das in ein Gesetz gießen?"

"Grundsätzlich ja. Und der Gedanke ist wie du sagst absolut plausibel. Man muss nicht weiter darüber diskutieren, dass die Würde jeder Person unantastbar ist. Auf der Grundlage kann ich auch die Forderung nach Respekt verstehen und alle Ableitungen davon. Aber ab dann wird die auf den ersten Blick scheinbare Plausibilität auf eine harte Probe gestellt." - "Ich glaube, ich weiß, was du meinst. Ich bin ja selbst eine Frau, aber bestimmte körperliche Arbeiten möchte ich lieber einem Mann überlassen. Ist das dann schon Diskriminierung?"

"Wenn du das so in eine Stellenanzeige schreibst, könnte es schon eng werden. Aber ich würde sagen, dass es ja nicht um das Geschlecht geht, sondern um die Statur und die Kraft. Das darf man vermutlich so formulieren. Man muss aber ein Auge darauf halten, dass man nicht allgemein wahrscheinliche Korrelationen zur Regel erhebt. Ich meine damit, dass zwar Frauen im Durchschnitt weniger muskulös sind als Männer, aber eben nur im Durchschnitt. Es gibt mit Sicherheit kräftige Frauen, die zierlichen Männern körperlich überlegen sind. Da wäre es rein logisch nicht sinnvoll, die Bedingung für eine Stellenbesetzung an das Geschlecht statt an die Körperkraft zu koppeln."

"Dann ist das AGG doch ein gutes Gesetz, weil es dafür sorgt, dass solche Anforderungen richtig formuliert und gelebt werden. So wie man an anderer Stelle ja auch nach dem job-to-be-done fragt. Aber ich fürchte, dass das in manchen Situationen gar nicht so einfach abzugrenzen ist. Es geht ja um ganz individuelle Aktionen, vielleicht lege ich einem Mitmenschen beschwichtigend oder tröstend die Hand auf die Schulter. Ist es eine Frau, dann ist das im ersten Moment für mich als Frau unkritisch, beim ungefragten Kontakt von einem Mann aber nicht. Es sei denn, er ist schwul. Schon kann, und ich sage bewusst kann, die Auslegung anders sein."

"Leider wahr. Was mich erschüttert ist der Spielraum, der zwar gut gemeint ist, dabei aber geradezu absurden Auslegungen Tür und Tor öffnet. In der Schulung wurde als Beispiel genannt, dass ich einer Muslimin nicht empfehlen darf auch während des Ramadan genügend Flüssigkeit über den Tag zu konsumieren. Es ist ja ein Rat, den ich der Frau aufgrund ihrer Glaubensausrichtung gebe, einer Christin nicht geben würde und damit eine Unterscheidung treffe, den Gleichheitsgrundsatz verletze."

Mittlerweile ist auch mein Cappuccino gekommen, ich schaue das Kakaoherz an, dass die Bedienung auf den Milchschaum gestreut hat. Beschwert sich so ein Herz mit seinen beiden Kammern eigentlich auch über die ungleiche Aufteilung? Da muss die rechte Seite immer zur Lunge pumpen, während die linke Seite den ganzen Körper versorgen muss.

Sara schaut sich im Cafe um. An ihrem Blick sehe ich, dass sie sich noch mit dem Thema beschäftigt. Und tatsächlich: "Ich bin noch mal bei den Stellenausschreibungen. Und eigentlich hast du ja Recht, dass man typische Eigenschaften nicht einfach zu Bedingungen machen darf. Aber andererseits ist es doch nun mal Fakt, dass Frauen im Gegensatz zu Männern schwanger werden können und dann vorübergehend nicht arbeiten können, vielleicht auch nach der Entbindung häufiger ausfallen. Oder dass zu uns eingereiste Menschen aus dem Ausland sich sowohl in ihrer Sprache als auch in ihrer Arbeitskultur von Einheimischen unterscheiden."

"Schwierig, schwierig", sage ich. "Auch hier gilt natürlich das, ich nenne es mal ‚Verallgemeinerungs-Verbot‘. Nicht alle Frauen werden während ihrer Berufstätigkeit beziehungsweise auf einer bestimmten Stelle schwanger. Und ob die Sprache eine Barriere ist, hängt natürlich auch vom Einzelfall und der Aufgabe ab. Dazu kommt, dass eine andere Kultur, wie du es nennst, eventuell eine Bereicherung darstellen kann. Also wirklich wichtig, genau hinzuschauen und wie vorhin diskutiert zu schärfen, um was es wirklich geht.

„Lass mich unser heutiges Gespräch mal so zusammenfassen“, während sie ihre leere Cappuccino-Tasse anschaut, „Gleichbehandlung als Haltung und Grundidee ist gut und wichtig, aber wir müssen sie eher im Sinne eines Verallgemeinerungs-Verbotes als einer Grundlage für die Hetzjagd auf jegliche Form der Differenzierung sehen.“

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Montag, 22. Juni 2026

Saras Sicht: Wetter, Klima, Zeitgeist

Saras Sicht: Wetter, Klima, Zeitgeist
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Heute ist ein regnerischer Tag, auf dem Weg zum Cafe frage ich mich, ob das Aufspannen eines Regenschirms altmodisch ist. Die Menschen um mich herum haben entweder ihre Jacke übergeworfen oder eine Kapuze über dem Kopf zusammengezogen. Der Regen scheint sie nicht sonderlich zu stören, jedenfalls sehe ich nur sehr vereinzelt Schirme.

Noch in Gedanken zum Schutz vor den Widrigkeiten der Natur und wie es mir bei meinen Wanderungen mit meinen Eltern ergangen ist, trete ich ins Trockene, Sara sitzt schon da, nach dem Stand ihres Cappuccino zu urteilen ist sie schon eine Weile vor mir angekommen. Wir begrüßen uns herzlich wie immer, gleichen unsere Nässe ein wenig aus "Meine Güte, das muss ja draußen ganz schön schütten, dein Mantel ist ja klatschnass" und steigen über den Austausch zu den Wetteraussichten der nächsten Tage ins Gespräch ein.

"Ich habe vorhin überlegt, dass in der öffentlichen Meinung oft die Begriffe Wetter und Klima durcheinandergehen. Da schaut irgendwer aus dem Fenster, lässt sich vom Radio bestätigen, dass es auch im Nachbarort regnet und zieht seine Folgerungen zu globalem Niederschlag und wie sich das zeitlich weiterentwickelt. Da sind dann räumliche Unterschiede, jahreszeitliche Unterschiede, tagesaktuelle Situationen oder auch ortstypische Eigenschaften zusammengemixt."

„Ja, was du beschreibst ist die Kombination aus Wetter, also dem lokalen und kurzzeitigen Ereignis und dem Klima. Wobei es ja auch noch das Mikroklima gibt. Bei meinem Elternhaus hat es regelmäßig geregnet, während im Nachbarort die Sonne schien. Das war häufig so, wir Kinder sind dann zum Spielen regelmäßig zu unseren Freunden ins Nachbardorf geflüchtet."

"Ich denke, bei euch hat es im Winter aber auch früher geschneit?" - "Stimmt wohl, ab Spätherbst drehte sich der Kinderstrom um und alle kamen zu uns, weil wir schon beim ersten Kälteeinbruch rodeln konnten. Es war fast wie eine Mini-Völkerwanderung, die abhängig von der Jahreszeit mal in die eine, mal in die andere Richtung verlief. Wobei wir natürlich abends dann immer wieder nach Hause mussten."

"Das finde ich schon spannend. Betrachten wir das Ganze mal tatsächlich in Richtung Volk oder genauer gesagt Bevölkerung. Nicht unbedingt deren Wanderung, Flüchtlinge, Rückkehrer oder Auswanderer, obwohl das auch ein interessantes Thema wäre. Mich interessiert heute eher die gesellschaftliche Entwicklung, ihre Kultur, ihre Gewohnheiten und der Wertekanon. Da sehe ich auch eher kurzfristige oder lokale Phänomene, so etwas wie regionale Traditionen oder auch Riten, die nur bestimmte Fraktionen der Gesellschaft verfolgen. Das ist aus meiner Sicht das Pendant zum Wetter."

"Wenn man so ansetzt wäre das Klima dann der gesellschaftliche Rahmen, übergreifend und auf der Zeitachse auch deutlich langfristiger. Das, was Gesellschaften voneinander unterscheidet, sozusagen ihr Alleinstellungsmerkmal ist. Vielleicht die Lebenseinstellung, das Savoir-vivre der Franzosen, der Qualitätsanspruch der Deutschen, die Präzision der Schweizer oder was auch immer man mit den einzelnen Nationen verbinden mag. Und dann das Mikroklima, bei dem die Loire-Region mit ihren Schlössern und Weinen dem Grundgedanken eine besondere Ausprägung verleiht."

"Für die kurzfristige Beschreibung habe ich vor kurzem den Begriff Zeitgeist gehört und finde ihn sehr zutreffend. Das sind Modeströmungen, Meinungen, die oft nur für begrenzte Zeit sehr deutlich vertreten und in der Öffentlichkeit diskutiert werden. War es in der Flowerpower-Ära der Gedanke an Frieden und Liebe, wurde er von Debatten um Atomkraft, Bildungssystem und Umweltschutz abgelöst. Und ob gerade Fridays-for-future, Windkrafträder oder Elektroautos im Mittelpunkt der Debatten stehen mag wechseln, eine lebhafte Debatte und flankierende Demonstrationen sind dem aktuellen Kernthema aber gewiss."

"Was mich dabei fasziniert ist die Dynamik. Zum einen, wie engagiert, ja geradezu fanatisch manche Menschen sich mit dem jeweiligen Zeitgeist identifizieren. Zum Höhepunkt der Gegner der Startbahn West von Frankfurts Flughafen gab es aggressive Demonstrationen, Steine flogen, Fernsehberichte, Polarisierung der Befürworter und Gegner. Rund ein Vierteljahrhundert später bei der nächsten Landebahn war es erheblich ruhiger.“

„Ja“, bestätige ich, „der Zeitgeist ist ein Geist. Und er hat eine zeitliche Komponente, kennt Entstehung und Vergehen. Die Menschen folgen in ihren Meinungen und Ansichten gewissen Moden. Das hat nur manchmal etwas mit neuen Erkenntnissen oder logischen Abläufen zu tun. Einfach nur Mode oder eine gewisse Anhängerschaft wie in Glaubensgemeinschaften.“

„Das hinkt jetzt aber. Wenn ich mir die Christen anschaue, dann folgen sie ihren zentralen Figuren seit über zweitausend Jahren. Das ist ja keine Modeerscheinung.“ – „Okay, dann beziehe ich mich statt dessen auf Influencer im Internet. Und was die Glaubensgemeinschaften angeht, naja, da sehe ich schon eine Abhängigkeit zum Zeitgeist. Denk mal an die zunehmende Anzahl der Kirchenaustritte. Mitglied der katholischen Kirche zu sein gerät aus der Mode.“

Einen Moment sitzen wir nebeneinander, schauen den Wassertropfen zu, die an der Scheibe herunterlaufen. Dann setzt Sara zum Abschluss an. „Diese kleine und vielleicht kaum merkliche Veränderung ist Auswirkung des geänderten Zeitgeistes, der aber wiederum nicht nur ein Ausdruck einer Verschiebung von Prioritäten und Motivation ist, sondern seinerseits auch die deutsche Kultur – in unserem Bild sowohl Wetter als auch langfristig das Klima – beeinflusst.“

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Dienstag, 16. Juni 2026

Saras Sicht: Sozialneid

Sandras Sicht: Sozialneid
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Es hat tatsächlich geklappt, dass wir uns wiedersehen. Einerseits war unser Gespräch über die Duz-Kultur ja recht lebhaft verlaufen, aber ich hatte mich im Nachgang gefragt, ob wir wirklich kontrovers diskutiert oder uns nur gegenseitig Recht gegeben hatten. Entsprechend gespannt wartete ich schon vor der verabredeten Zeit vor meinem Cappuccino auf den Austausch zum Sozialneid.

"Holla" höre ich meine Bekannte zur Tür reinkommen, diesmal sitzt sie schon, bevor sie den Mantel ausgezogen hat. Ein wenig außer Atem, aber gut gelaunt, mag sein, dass sie genauso gespannt auf mich ist wie ich auf sie. "Du bist ja schon da... für mich auch einen XXL und heute darf es auch ein Keks dazu sein. Meinst du, die haben hier sowas?" Bis die Bedienung kommt hat sie ihre Jacke abgestreift, die Handtasche deponiert und sich aus einer plötzlich auftauchenden Tube die Hände eingecremt.

Ich schaue sie an. "Du siehst aus, als ob du dich zum Kampf rüstest." Sie lacht, "Nein, das ist eher so ein unwillkürliches Programm, ich habe noch nicht mal gemerkt, dass ich mir die Hände eingecremt habe. Gehört irgendwie dazu." Sie reibt noch mal die Hände. "Kennst du das nicht, dass du irgendwas automatisch machst, immer 20 Meter vor der Haustür nach dem Schlüssel kramst, auch wenn sie aufsteht oder die Lesebrille suchst, obwohl die Speisekarte groß genug gedruckt ist?"

"Manchmal erschrecke ich mich beim Autofahren, dann frage ich mich, wie ich an diese Stelle gekommen bin und wie ich die Kurven auf den letzten Kilometern gelenkt habe, obwohl ich in Gedanken die Einkaufsliste durchgegangen bin." Wir diskutieren noch eine Weile über automatisierte Abläufe, ob es da Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt und ob es überhaupt Menschen gibt, die im üblichen Sinne Multitasking-fähig sind.

Dann kommen wir wieder auf unser letztes Treffen zurück, lassen das Gespräch noch mal an uns vorüberziehen und ergänzen hier und da irgendwelche Aspekte. "Ja", sage ich, "wahrscheinlich steckt in jedem Menschen eine mehr oder weniger große Neid-Ecke. Wir vergleichen uns und dann sind wir besser oder schlechter. Und wenn wir schlechter sind, dann ist der andere besser und das stört uns."

"Wir sind uns einig, dass Neid eine Folgerung ist, die in unserem Kopf entsteht. Mit dem Ergebnis vom Vergleich kann man so oder so umgehen. Man kann sich anstrengen um besser zu werden und vielleicht irgendwann den anderen zu übertreffen oder man versucht ihm ein Bein zu stellen, damit er schlechter wird oder man ärgert sich und verschiebt den Wettkampf in ganz andere Themen."

"Wie meinst du das?" - "Naja, da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Weitverbreitet kann man dem Gegenüber vorwerfen, dass er ein Angeber ist. So, wie er sein Auto putzt und präsentiert will er ja offensichtlich demonstrieren, dass er eine Luxuskarosse hat. Dieser arrogante Schnösel hat ja sonst auch nichts, nachdem seine Kinder aus dem Haus sind. Und so weiter. Den Charakter kritisieren, die Seriosität in Frage stellen, auf Mängel an anderer Stelle hinweisen. Der hat zwar das teurere Auto, aber er kann sich ja noch nicht mal einen vernünftigen Urlaub leisten."

"Manchmal ist das aber gar kein Neid, sondern ein gewisser Selbstschutz. Damit ich mich nicht zu blöd fühle, muss ich mir irgendwas ausdenken, was ich besser kann, mehr habe, oder auch dass es mir auf ein großes Auto doch gar nicht ankommt, dass es Wichtigeres im Leben gibt.“

„Das ist dann ein nach außen getragenes Ausweichmanöver. Aber im Grunde ist es eben doch Neid, ich möchte selbst mindestens genauso sein oder ich gönne der anderen Person etwas nicht. Und wenn ich es nicht erreiche, dann muss ich den Vorteil oder vermeintlichen Sieg eben madig machen. Wenn er schon besser ist, soll er sich nicht auch noch daran erfreuen können.“

„Bei Sozialneid denke ich an Aggression, die sich beim Zusammentreffen auslebt. Sei es ganz verdeckt als schlechtere Behandlung, zum Beispiel Verzögerung in der Bedienung, sei es in Form blöder Kommentare oder sogar Beschädigung zum Beispiel des Autos.“

„Ja, genau. Da laufen Mechanismen an, die im Grunde von sehr weit innen kommen. Ablehnung und der Versuch, diese Abweichler aus dem eigenen Dunstkreis irgendwie loszuwerden, ihnen durch negative Erlebnisse jeden Kontakt zu vermiesen. Ich denke, Sozialneid ist der Begriff für die Perspektive von unten nach oben, also wenn jemand neidisch ist, weil er weniger hat. Aber das Phänomen der Ablehnung hast du natürlich auch in der anderen Richtung. Distanz aufbauen zu jemand, der dir niedriger erscheint.“

Ich schlürfe an den Resten meines Cappuccino und lasse Saras Sicht auf mich wirken. „Okay“, sage ich dann, „Das ist dann kein Neid, aber die Auswirkung von unterschiedlichem Rang oder Gesellschaftsebene oder wie man es nennen will. Spannend jedenfalls, wie sich sofort Spannungen aufbauen, wenn es Unterschiede in der Ebene, der Stellung, der Position gibt. Allein schon, dass wir von ‚oben‘ und ‚unten‘ sprechen, zeigt ja, dass es ein besser oder schlechter gibt. Und allein diese mehr oder weniger bewusste Erkenntnis schürt Unzufriedenheit mit Tendenz zum Neid.“

„Vielleicht ist das so, vielleicht entsteht die Empfindlichkeit aber auch schon, sobald man mit diesem Maßband konfrontiert wird. Das größere Auto, die schickere Wohnung oder der attraktivere Job führen einem ja deutlich vor Augen, dass man selbst weniger hat, je nach Unterschied und Selbsteinschätzung sogar, dass man sich als Versager fühlt. Und das tut weh.“

Eine Weile geht das Gespräch noch weiter, erzählen wir uns von Beispielen aus dem Alltag, haben ein paar Situationen im Kopf, die wir im Zusammenhang mit Sozialneid sehen. Schließlich ist der Cappuccino aber ausgetrunken und der Nachmittag ist auch schon fortgeschritten. Wir zahlen, schnappen uns die Mäntel und verabreden uns für die nächste Woche.

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Montag, 8. Juni 2026

Saras Sicht: Die Duz-Kultur

Saras Sicht: Die Duz-Kultur
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Ein wenig aufgeregt bin ich schon. Vielleicht war meine neue Bekanntschaft Sara nur ein Phantom, stelle ich mir unter unserem Austausch mehr vor, als sie gemeint hat oder am Ende ist uns das Wiedersehen peinlich, weil es einen Dating-Charakter hat. Aber nichts davon tritt ein. Die Tür schwingt auf, mit zügigem Schritt steht sie an meinem Tisch, strahlt mich an und hat schon Jacke und Handtasche deponiert. Ich bin aufgesprungen um sie zu begrüßen, aber sie ignoriert meine Hand, nimmt mich kurz in den Arm, als ob wir uns schon aus der Schulzeit kennen.

"Wieder einen Cappuccino XXL?" will die herbeieilende Bedienung wissen, die sich bestimmt auch ihren Teil denkt. "Ja, wunderbar, dass Sie sich das gemerkt haben." Während die Angestellte in Richtung Theke zieht, wärmen wir uns verbal ein wenig auf, tauschen Erfahrungen des Tages und des Wetters. Im Redestrom gehen wir dann plötzlich ins Du über, ohne daraus eine große Zeremonie zu machen. Und das ist auch gleich Gesprächsstoff.

"Glaubst du, dass die Entwicklung zum Du in der Gesellschaft Veränderungen auslöst oder ist es eher andersherum, dass die Gesellschaft sich verändert und deshalb zum Du übergeht?" - "Keine Ahnung, ob Du oder Sie ist weniger eine Frage der Anrede als der Distanz, die man damit signalisiert. Hat man ein persönliches Verhältnis oder steht man sich eher formal gegenüber. Ich finde es total seltsam, wenn man sich in der Familie mit Sie anredet, wie ich das manchmal in älteren amerikanischen Filmen mitbekomme. Andererseits sind die Leute in Amerika eigentlich sofort per Du, selbst der Vorstand stellt sich mit Vornamen vor und erwartet, dass du ihm genauso begegnest. Aber das ist dann keine Frage von freundschaftlichem Kontakt, sondern ein Standard, an den sich alle halten. Einige Stunden später kann dich dieselbe Person beschimpfen ohne durch diesen vermeintlichen Schwenk in Gewissensnöte zu kommen."

"Da geht doch einiges durcheinander. Anrede, Verknüpfung mit Gefühlen, Distanz und Respekt. Als Deutsche waren wir der Meinung, dass das Du etwas mit Respekt und Hierarchie zu tun hat. Ich möchte mich nicht von einer Angestellten Duzen lassen oder von einem Schuhverkäufer so angesprochen werden. Der kann ja durchaus nett sein, vielleicht treffe ich ihn abends im Sportverein und dann unterhalten wir uns vertraut über Sportprogramme und Trainingsschuhe. Aber in seiner Rolle als Verkäufer im Geschäft erwarte ich erstmal eine gewisse Distanz, und die zeigt sich eben auch in der Anrede."

"Das finde ich ein wenig steif, auch unbekannte Personen mit Du anzusprechen ist inzwischen üblich. Aber andererseits hast du Recht, und mein Eindruck ist, dass das auch mit den einzelnen Geschäften zusammenhängt. Gehe ich zu einem Schuhdiscounter, dann kommt mir wahrscheinlich eine junge Frau entgegen, die mich mit Du anspricht. In einem exklusiven Geschäft werde ich eher gesiezt. Eine Demonstration der Höflichkeit, vielleicht sogar ein wenig der hierarchischen Unterordnung. Der Kunde als König, der Verkäufer als Untertan."

"Und woher kommt die Verschiebung zum Du? Liegt das daran, dass alle cooler werden wollen, einen lässigen Umgang anstreben, sich diese lockere Art von unseren Vorbildern aus Amerika abschauen? Oder ist es nicht vielmehr der Versuch, alle Hierarchie zur Seite zu räumen, nicht nur als Phrase, sondern auch innerlich mit dem Vorstand auf Augenhöhe sprechen zu wollen? Ich denke ja nicht, dass eine hohe Hierarchie automatisch zu Arroganz führen muss, aber in der anderen Richtung ist es doch auch irgendwie dreist, wenn ich den Unterschied schlicht ignoriere."

"Dann siehst du das Du als Signal von Dreistigkeit?" - "Naja, nicht grundsätzlich und in jedem Fall. Vielleicht passt der Begriff Überheblichkeit besser. Wenn ich als Angestellter gute Arbeit leiste, dann ist das toll und anerkennenswert. Aber auf eine höhergestellte Person zu schauen und sich so zu verhalten, als ob man gleiche Intelligenz oder Wissen oder Verantwortung hätte, ist zumindest erst mal eine Selbstüberschätzung."

"Das leitest du alles aus der Anrede ab?" - "Die Anrede ist nur ein Symptom, da kommen wir auf die Ausgangsfrage, wie das mit der gesellschaftlichen Veränderung zusammenhängt. Wir erleben doch an allen Ecken und Enden Verschiebungen, ich sag mal nach oben. Wenn du schaust, wer heute alles ein modernes Auto fährt, komfortabel wohnt oder Kreuzfahrten bucht, dann sind das viel mehr Menschen als noch vor wenigen Jahren. Das ganze Gefüge hat sich geändert, die Löhne sind dramatisch viel höher, der gemittelte Wohlstand hat zugenommen, aber die Preise haben auch angezogen. Da schließt sich dann der Kreis, wenn man zum Beispiel die Eintrittspreise für Konzerte anschaut. Die sind ja schwindelerregend, werden aber trotzdem von ganz normalen Bürgern bezahlt."

"Ich glaube nicht, dass das so global stimmt. Eher geht die Schere weiter auseinander, es gibt zunehmend Menschen, die Schwierigkeiten haben, ihr Leben zu finanzieren, die mit ihrem Einkommen kaum über die Runden kommen. Vielleicht vermitteln sie an der einen oder anderen Stelle den Eindruck, dass es reicht, gehen aber nach Feierabend noch einem weiteren Job nach, damit die Kinder ein neues Handy bekommen können oder ein Urlaub möglich wird. Und in Kombination mit unausweichlicher Teuerung wie bei Benzin oder Lebensmitteln wird die Luft dann ganz schön dünn. Das Problem ist, dass auch wir beide immer nur einen Ausschnitt um uns herum sehen, aber das ist eben nur eine kleine Fraktion der Gesellschaft."

"Da ist was dran, aber der Standard hat sich schon deutlich weiterentwickelt. Selbst bei Aldi und Co bekommst du heute gute Lebensmittel, die kann man nicht mit dem Ramsch vergleichen, der vor einigen Jahrzehnten auf den Paletten war. Und natürlich kosten die Sachen dann mehr. Aber die Erwartung steigt mit den Angeboten, die Konsumenten tun sich schwer damit, dass sie wieder schlechtere Produkte kaufen oder mehr bezahlen müssen. Was früher nur für Besserverdiener galt, also dass sie sich einfach alles leisten konnten, daran haben sich viele Normalverdiener inzwischen gewöhnt. Einerseits wundern sie sich, dass dieses Grundprinzip für sie nicht mehr gilt, andererseits erfahren sie, dass es Sachen gibt, die man nicht kaufen kann. Und bekommen so vor Augen geführt, dass sie eben nicht zu den Gutverdienern gehören. Das schürt Neid und mündet im Versuch, sich doch irgendwie auf deren Stufe zu stellen."

"Ich muss gleich los, lass mich mal kurz zusammenfassen, wo wir in unserem wilden Ritt durch die Themen hingekommen sind. Wir haben uns über das Du unterhalten, darüber diskutiert, ob es ein Signal für Respekt und Hierarchie ist und ob Hierarchie oder auch nur Anerkennung einer höheren Stellung gesellschaftlich sozusagen von unten kommend zunehmend in Frage gestellt oder sogar torpediert wird. Und dann ging es noch darum, dass man diese Annäherungsversuche auch da sehen kann, wo es darum geht, sich etwas leisten zu können."

"War ein spannendes Gespräch, hast du nächste Woche wieder Zeit? Dann könnten wir uns weiter über den Sozialneid unterhalten. Ich bin ziemlich neugierig, wie du den siehst und im Alltag erlebst."

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Montag, 1. Juni 2026

Saras Sicht: Intro

Saras Sicht: Intro
Eine neue Serie: "Saras Sicht" - Ich lerne eine Frau kennen, mit der ich mich kontrovers über wechselnde Themen unterhalte. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Das Cafe ist weitgehend leer, am Tresen poliert eine junge Frau Gläser, die Kaffeemaschine hinter ihrem Rücken dampft aus der Wasserdüse. Leise Musik aus dem Radio ist im Raum, ruhige Gespräche der wenigen Gäste vermischen sich zu einem gleichmäßigen Gemurmel. Eine Frau in meinem Alter kommt herein, zieht sich die Jacke aus und spricht kurz mit der Angestellten. Ich nehme nicht weiter Notiz von ihr und lese weiter in meinem Buch, während ich von Zeit zu Zeit einen Schluck Kaffee aus der übergroßen Cappuccinotasse nehme.

"Guten Tag" höre ich eine Stimme und erwidere den Gruß ohne aufzuschauen. "Guten Tag, darf ich mich zu Ihnen setzen?" Jetzt schaue ich doch auf. Die Frau ist ziemlich schlank, hat eine mittelbraune Kurzhaarfrisur, ein schmales Gesicht mit lebhaften braunen Augen. Die weiße Bluse über der Bluejeans lässt alle Optionen zwischen Business und Freizeit offen. "Eigentlich wollte ich, nein... ja, selbstverständlich, setzen Sie sich."

Schon hat sie ihre Jacke auf den Stuhl neben sich gelegt, ihre Handtasche abgestellt und sitzt mir gegenüber. Ich schaue sie noch einen Moment an, dann widme ich mich wieder meinem Buch. Eine Weile herrscht Ruhe, dann kommt die Bedienung und "Ich hätte gerne einen großen Kaffee. Was hat der Herr mir gegenüber?" - "Das ist unser Cappuccino XXL." - "Sehr gut, den können Sie mir bitte bringen."

Ich tue so, als ob ich weiterlese, aber meine Ruhe ist gestört, die Gedanken beschäftigen sich mit der Frau mir gegenüber. Das ganze Cafe ist leer, warum belagert sie ausgerechnet mich, sucht sie allgemein Kontakt oder will sie etwas von mir? Wie alt ist sie denn nun, was macht sie in der Freizeit, bei der Arbeit, in der Familie, gerade jetzt und hier? Jedenfalls sieht sie recht hübsch und intelligent aus, vermutlich eingebildet und ziemlich anstrengend in der Partnerschaft.

Sie kramt in ihrer Handtasche, bestimmt holt sie ein Handy heraus, aber es ist doch nur ein Taschentuch, mit dem sie um die Augen herumtupft. Sie hat ein sehr dezentes Makeup aufgetragen, kaum sichtbarer Shadow, Mascara, alles sehr gepflegt und unaufdringlich. Ihr Cappuccino kommt, sie nutzt die Gelegenheit, um die Tasse in meine Richtung zu halten und mir zuzuprosten. Mein Lesenachmittag ist nun ohnehin beschädigt, also mache ich das Beste daraus und entschließe mich, meine neue Bekanntschaft zu akzeptieren.

"Und", sage ich während ich auf ihre Tasse schaue, "ist die Bestellung nach Ihren Vorstellungen?" - "Oh ja, schmeckt gut und ist so schön dekoriert. Die Frau ist eine richtige Barista." Kurze Pause, dann: "Darf ich mich vorstellen, ich bin Sara." Unwillkürlich muss ich grinsen, sage aber nur: "Soso, Sara. Sehr erfreut." - "Warum lachen Sie? Stimmt was nicht mit meinem Namen?" - "Ach nein, der Name ist schon ok. Aber ich sitze hier in meinem Stammcafe, lese still mein Buch und plötzlich setzt sich eine fremde Frau zu mir und ist dann Sara. Das klingt wie eine ziemlich simple Kontaktanzeige a la Süße-Sara-22 sucht."

Einen Moment sieht sie mich entgeistert an, vielleicht sogar ein wenig beleidigt, aber sofort fängt sie sich. "Interessante Assoziation. Und ziemlich direkt. Sind Sie immer so rund heraus?" - "Ich sage nur, was ich denke. Glauben Sie mir, andere Menschen haben die wildesten Gedanken, ohne sie jemals auszusprechen. Und schon gar nicht gegenüber einem Menschen, den sie noch nie gesehen haben. Nennen wir es mal Offenheit."

"Das gefällt mir. Und ehrlich gesagt, so hatte ich Sie auch eingeschätzt, sonst hätte ich mich nicht zu Ihnen gesetzt." - "Ach. Und was haben Sie sonst noch geschätzt, bevor Sie Platz genommen haben?" - "Belesen, das sieht man ja an dem Buch, ruhig, weil Sie zwar offensichtlich Stammkunde sind, aber alleine hier sitzen und in Gedanken vertieft, ins Buch eingetaucht. Und da habe ich gedacht, mit dem möchte ich mich gerne unterhalten."

Ich mache "hm", schaue sie noch einmal an. Ist das eine etwas plumpe Art, Bekanntschaft mit Männern zu machen oder hat es nichts mit dem Geschlecht zu tun? Harry und Sally fällt mir ein und die These, dass Männer und Frauen nicht einfach nur Freunde sein können, weil ihnen früher oder später der Sex dazwischenkommt. Ich sage dann: "Etwas ungeplant, das gebe ich zu und tatsächlich wollte ich heute weiter in meinem Buch über Gesellschaft und Kultur lesen. Aber ich möchte nicht stoffelig sein: Über was möchten Sie sich denn mit mir unterhalten?"

"Gesellschaft und Kultur", sagt Sara, "das hört sich gut an. Was steht denn im Buch, irgendwelche interessanten Impulse?" - "In den ersten Kapiteln wird die deutsche Geschichte dargestellt, die Zeit zurück bis zur ersten Industriellen Revolution und die Wechsel der sozialen Strukturen." - "Spannend, ich habe kein Thema im Geschichtsunterricht so oft gehört wie die Zeit vor und um den zweiten Weltkrieg. Seltsamerweise war das so betont, dass kaum noch Raum war für die Zeit davor und danach. Dabei muss man glaube ich ein paar Sachen verstanden haben, um den Gesamtverlauf zu verstehen."

Wir schlürfen an unserem Kaffee, ich betrachte meine Gesprächspartnerin jetzt ziemlich aufmerksam. Am liebsten würde ich sie jetzt ein bisschen ausfragen, etwas über ihren Beruf, ihre Ausbildung und ihr Privatleben erfahren, aber ich möchte vermeiden, dass es wie die Antwort auf ihre unsichtbare Kontaktanzeige wirkt. Aber neugierig macht sie mich schon, und so halten wir noch ein wenig Smalltalk, bevor wir uns verabschieden und für den übernächsten Tag hier im Cafe verabreden.

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Montag, 25. Mai 2026

Pfingsten 2026

Durch die Kirchenfenster fällt das morgendliche Licht, weihrauchgeschwängert die Luft. Der Priester hinter dem Altar hält ein Hochamt mit lateinischen Passagen, die Messdiener schwenken ununterbrochen die Weihrauchkübel. Durch den Rauch fällt das Licht in langen Strahlen, bunt verändert durch die Farben der Fenster mit ihren eingelegten Bildern.

Pfingsten 2026
An den Wänden der Basilika hängen Gemälde von Stationen der Passion Christi, daneben Darstellungen von Heiligen. Ein Bruder hat sie gemalt, gottesfürchtig, wenn auch nicht besonders künstlerisch gelungen. Die meisten Figuren auf den Bildern haben einen wirren Blick, die Augen meist nach oben verdreht - irgendetwas scheint über ihnen zu schweben. Besonders eindrucksvoll sind die Bilder mit Heiligenschein oder mit merkwürdigen Gebilden, die wohl Flammen darstellen sollen, die aus den Köpfen hervorkommen.

Ich bin noch ein kleines Kind, von der Sprache verstehe ich kein Wort, die ganze Atmosphäre wirkt hypnotisierend auf mich. Die Bilder sind so gruselig wie die Nägel in den Gliedmaßen der großen Figur, die an einem Kreuz hinter dem Altar hängt. Meine Gedanken wandern zu den abgebildeten Menschen, ich frage mich, ob sie Schmerzen haben, weil ihnen ja Flammen aus dem Kopf kommen.

Der Pfarrer hält die Predigt auf Deutsch, er erzählt von dem Heiligen Geist, der auf die Aposteln herabkam. Das sind also die Flammen, ob auch aus meinem Kopf Flammen schlagen, wenn der Heilige Geist in mich fährt? Es wird bestimmt sehr schlimm sein und erklärt die verdrehten Augen der Menschen auf den Gemälden. Und auch wenn jetzt von Frieden, von Glauben und der Liebe Christi die Rede ist, will mir der Gedanke an diese Flammen nicht mehr aus dem Kopf.

Sicher, heute verstehe ich die biblische Geschichte. Es ist gar kein Geist, der in meiner kindlichen Phantasie mit einem weißen Bettlaken und ausgeschnittenen Augenlöchern die Kinder erschreckt. Da ist auch nichts Geheimnisvolles, sondern eine Haltung, eine Geistes-Haltung gemeint. Vielleicht würde man heutzutage von Grundeinstellung, charakterlichen Glaubenssätzen oder Basisvorstellungen sprechen.

Und genau hier ist die Schnittstelle zur modernen Welt, zu modernen Unternehmen. Auch hier wird oft von Haltungen gesprochen, es werden gemeinsam Werte definiert und eine (Unternehmens-) Kultur initialisiert. So wie Pfingsten als die Geburtsstunde der Kirche gilt, ist auch die Vorgabe einer gemeinsamen Haltung die Basis für den menschlichen Faktor einer Organisation. Es ist dann nicht der Heilige Geist, aber der zum jeweiligen Unternehmen und seinen Akteuren passende Geist, der sich als Kultur ausprägt.

Die Entstehung und Entwicklung der Kirche zeigt uns, wie eine Konstruktion entworfen werden muss, damit sie Jahrtausende lang hält. Und in viel kleinerem Rahmen kann man dieses Verständnis auch auf sich selbst beziehen und sich mit seinem eigenen Geist, der Grundhaltung und seinen charakterlichen Glaubenssätzen beschäftigen. Das ist zum einen im analytischen Sinne sehr interessant, kann zum anderen aber auch neue Erkenntnisse bringen, wenn man den eigenen Geist mit demjenigen ausgewählter Mitmenschen oder gesellschaftlicher Gruppen vergleicht.

So hat die Apostelgeschichte nichts an Aktualität verloren und durch den bundesweiten Feiertag haben wir die Möglichkeit, den Transfer in die heutige Zeit, auf uns und unsere Umgebung in Ruhe zu betrachten. Und die Botschaft des grenzüberschreitenden Friedens im kleinen wie im großen Kreis können wir mit Blick auf die derzeitige geopolitische Lage sicher auch gut gebrauchen.

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Montag, 18. Mai 2026

Das habe ich jetzt nicht gemerkt

Unser Gehirn ist ganz groß darin, uns Dinge vorzugaukeln. Wir meinen, etwas gesehen zu haben, können uns ganz genau an Farben erinnern, die nachweislich nicht stimmen und fühlen Bewegungen, die es nicht gibt. Flugsimulatoren profitieren von diesen Fehlwahrnehmungen und sorgen durch reine Kippbewegungen für die vermeintliche Wahrnehmung von Aufstieg und Landung.

Potentiell ist das aber auch gefährlich, denn tatsächlich haben wir keinen Sensor für Geschwindigkeit. Ob wir mit 50 über die Landstraße fahren oder mit 200 über die Autobahn jagen - es fühlt sich gleich an. Wir merken nur die Beschleunigung, das Bremsen und natürlich Kurvenfahrten. Als Indikator für Gefahr taugt das natürlich nicht, denn ein brauchbarer und vom Gehirn sinnvoll verarbeiteter Messwert fehlt. Nur über die Kombination aus Blick auf den Tacho und das Bewusstmachen der mit hoher Geschwindigkeit verbundenen Gefahr kann zu einer Beeinflussung unseres Verhaltens - in diesem Fall Reduzierung der Geschwindigkeit - führen.

Das habe ich jetzt nicht gemerkt

Das fällt allerdings vielen Menschen schwer, zumal sie das Risiko mangels entsprechender Erfahrung auch gar nicht richtig einschätzen können. Was soll schon passieren, wenn ich flott über die Autobahn brause, in diesem Fall herunterzuschalten erinnert mehr an überängstliche Schleicher oder die mahnenden Worte der Mutter, nicht auf die lauwarme Herdplatte zu fassen. "Schnickschnack" flüstert das Gehirn, "ich kann nichts Gefährliches feststellen. Fahr ruhig weiter!"

So führt die Gefühlslosigkeit potentiell in lebensgefährliche Situationen. Doch leider zieht sich dieses Phänomen auch in andere Bereiche des Alltags, da die fehlende Sensorik oder - zweiter gefährlicher Punkt - Gewöhnung uns die objektive Wahrnehmung verwehrt. In Beziehungen entspricht die erste Verliebtheit dem Beschleunigen des Autos, das merken wir und können damit umgehen. Aber dann, selbst wenn die Beziehung sehr gut läuft (analog: wir mit zügiger, aber weitgehend gleichmäßiger Geschwindigkeit fahren), nimmt die Wahrnehmung ab. Dann ist alles normal und wir wachen erst auf, wenn diese Normalität gestört wird. Plötzlich kommen Fragen auf, warum sich der Partner abwendet oder gar eine andere Beziehung sucht. Nun, vielleicht möchte er einfach noch mal das Gefühl der Beschleunigung erleben, weil er diese - im Gegensatz zur Dauergeschwindigkeit - fühlt.

Daneben sind Felder wie das Gehalt, die Zufriedenheit mit der Tätigkeit, Beziehungen zu Freunden, Spaß an Hobbys und so weiter betroffen. Überall können wir nur Differenzen erkennen, also wenn es auf- oder abwärts geht. Für die Beurteilung des Status quo ist eine explizite Beschäftigung (im Sinne Blick auf den Tacho) in Kombination mit konkreter Einschätzung erforderlich.

Und noch etwas: Auf einer großen weißen Wandfläche sehen wir sofort, wenn dort eine kleine Wespe sitzt. Wie schön, da hat unsere Differenzwahrnehmung geholfen. Ebenso nehmen wir in einer ruhigen Landschaft sofort die Bewegung eines weit entfernt laufenden Tieres wahr. Die Frühwarnsysteme funktionieren, aber wir müssen dann auch darauf eingehen. Es ist dann Aufgabe unseres Gehirns einzuschätzen, ob die Wespe mich stechen könnte oder der davonhoppelnde Hase bemerkenswert ist. Aber immerhin wird in diesen Fällen sozusagen ein Blick auf den Tacho erzwungen.

Zusammenfassend also die Erkenntnis, dass Aufmerksamkeit vor Überraschungen schützt, in vielen Fällen mit realistischen Einschätzungen zu besseren Bewertungen führt und insbesondere für Beziehungen und Lebenszufriedenheit von entscheidender Bedeutung ist.

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Montag, 11. Mai 2026

Bin ich ein dreibeiniger Hund?

Vor einigen Jahren habe ich im Sommerurlaub einen Hund beobachtet, der am Strand herumsprang. Von meiner Liege aus konnte ich sehen, dass er mal hier mal dort mit den Sonnenhungrigen spielte, um sie herumlief und manchmal hochsprang. Erst nach einiger Zeit wurde mir klar, dass er nur drei Beine hatte, der rechte Vorderlauf fehlte. Das schien ihn aber nicht daran zu hindern, einem Ball hinterherzulaufen, ihn dann mit der Schnauze zu spielen und sich von Badegästen streicheln zu lassen.

Bin ich ein dreibeiniger Hund?
Überhaupt wirkte er fröhlich und trotz seiner Behinderung sehr aktiv. Und ja, vielleicht war bei den Menschen auf den Handtüchern und Liegen auch hier und da ein bisschen Mitleid dabei, das zu vermehrten Leckerlis und Streicheleinheiten, jedenfalls aber Beschäftigung mit ihm führte. Es ging im insgesamt also nicht schlechter oder sogar noch besser als vielen seiner vierbeinigen Kameraden.

Nun kann ich mich nur bedingt in einen Hund hineinversetzen, erst recht ist mir verborgen, welche Gedanken in ihm vorgehen, wenn er mit so einer merklichen Behinderung leben muss. Aber selbst ohne dieses Einfühlen und ohne ein Befragen seiner Meinung ist klar, dass er sich nicht aufgegeben hat und durchaus am Leben teilnimmt - wenn auch mit körperlich bedingten Einschränkungen.

Und wenn ich dann grübelnd hier sitze, meine seelischen Wunden lecke und in Selbstbetrachtung und vielleicht sogar in Selbstmitleid versinke, dann wird es Zeit, dass ich an den Hund denke. Gegen seine Situation geht es mir blendend, die kleinen Schwierigkeiten, die mir mein Körper von Zeit zu Zeit einbrockt, sind eher vernachlässigbar. Und entsprechend weder mir noch meinen Mitmenschen gegenüber der Rede wert. Das heißt ja nicht, dass ich meine Moleste ignoriere, natürlich überlege ich, wie ich es mir möglichst komfortabel einrichten kann. Und möglicherweise sogar einen gewissen Vorteil daraus ableite, mich über Aufmerksamkeit und (verbale) Streicheleinheiten freue.

Doch letztendlich gibt es schon einen gewissen Gestaltungsspielraum, die Möglichkeit, die kleinen Störungen nicht zum zentralen Inhalt zu machen. Sozusagen dem Ball hinterherzuhumpeln, ihn statt mit der Pfote mit der Schnauze anzustupsen und zu dem Menschen zu manövrieren, der mir als bester Lieb-Haber erscheint. Trüben Blickes auf meinem Handtuch brauche ich mich nicht nach Freundlichkeiten zu sehnen, ist mein Leben nicht Lebens-wert.

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Montag, 4. Mai 2026

Vergütung von Aufsichtsräten nach dem Brixner-Prinzip

Der längst verstorbene Vorstandsvorsitzende der DZ BANK, Dr. Brixner, hat seine Untergebenen (das schien seine Sichtweise auf die Angestellten zu sein) gerne mit ziemlich kernigen Sprüchen konfrontiert. Ein erst mal überraschender aber in gewisser Hinsicht durchaus valider Punkt war der Aufruf, jeder solle sich (abends) Gedanken machen, ob er das Geld, das er bekommt auch verdient habe.

Im Grunde ist die Frage berechtigt. Da wird Geld als Tauschmittel (in diesem Fall Gehalt) ausgegeben, um eine Leistung (Arbeit) zu bezahlen. Je mehr jemand arbeitet, oder sagen wir je mehr Wert jemand erarbeitet, desto höher sollte die Gegenleistung sein. Das kann man bei Fließbandarbeit vielleicht in der Anzahl der festgeschraubten Felgen messen, aber ab einer gewissen Hierarchiestufe wird die direkte Bemessung schwierig bis unmöglich.

Es bleibt trotzdem die Frage der Angemessenheit. Man wird Dr. Brixner definitiv keine Sozialromantik vorwerfen, eher wollte er mit seiner Aussage dazu aufrufen, eine ordentliche Lieferung für das gezahlte Gehalt abzugeben und nicht nur zu kassieren. Mehr noch, hierfür ein Bewusstsein zu schaffen und sich individuell selbst regelmäßig auf den Prüfstand zu stellen.

Vergütung von Aufsichtsräten nach dem Brixner-Prinzip
Und da lese ich dieser Tage einen kurzen Artikel im Handelsblatt, dass der Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, Alexander Wynaendts, ein Grundgehalt von 950.000 Euro, mit allerlei Zuschlägen bis zu 1,5 Millionen Euro pro Jahr bekommen soll.

Nein, weder möchte ich diese schwindelerregende Summe gegen das Jahresgehalt einer Friseurin (32.000 Euro, also Faktor 30) halten, noch fühle ich in mir irgendeinen Neid. Aber die Frage nach der Verhältnismäßigkeit steht doch im Raum. Ist es überhaupt auch nur hypothetisch denkbar, dass eine Person so viel Wert schafft?

Bei der Bepreisung von Produkten spricht man gelegentlich von Wucher, der ist definiert als Ausnutzung einer Schwächesituation einer Person, um für eine Leistung eine deutlich überhöhte Gegenleistung zu fordern. Daneben gibt es auch andere Mechanismen, die überhöhte Preise begünstigen, zum Beispiel Monopole und Absprachen.

Die Deutsche Bank begründet die hohe Bezahlung damit, dass sie mit ihren bisherigen Vergütungen „auf dem internationalen Markt für qualifizierte Kandidaten für den Aufsichtsrat nicht ausreichend konkurrenzfähig“ sei. Verabschiedet man sich mit dieser Begründung von Dr. Brixners Konzept des Hinterfragens eigener Wertschöpfung, werden hier auf internationaler Ebene Posten verschachert und das Preisniveau damit stabilisiert und ausgebaut?

Ein privatwirtschaftliches Institut kann natürlich Bezüge ausschütten wie es ihm richtig erscheint und mit einer entsprechenden Begründung dann die eigene Verantwortung an „internationale Märkte“ weiterreichen. Offen bleibt die Frage, die bei etwas weniger exponierten Mitarbeitern im Raum stände, nämlich inwieweit man gleichwertige Leistung nicht auch durch Entwicklung vorhandener Ressourcen erreichen kann. Gibt es niemand bei den 90.000 Mitarbeitern der Deutschen Bank, der Herrn Wynaendts Expertise mit entsprechender Entwicklung und Unterstützung für einen Bruchteil der Bezahlung ersetzen kann?

Daraus ergibt sich als zentraler Punkt weniger die Forderung nach einer Gehaltsverringerung, als vielmehr die Frage, wieviel Energie in die Betrachtung von Alternativen gesteckt wurde. Anders ausgedrückt, ob diese angeblich notwendige Anpassung wirklich so notwendig war und das "Brixner-Prinzip" mit Füßen getreten werden darf.

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Montag, 27. April 2026

101 – stolzes Alter!

101 - stolzes Alter

Vor ein paar Tagen wäre meine Mutter 101 Jahre alt geworden. Bis zu ihrem 95. Geburtstag hat sie sogar noch am Leben teilgenommen, wenngleich sie die letzten Jahre im Altersheim verbracht hat. Und gerade heute denke ich daran zurück, wie ihr Leben denn so abgelaufen ist.

Über viele Jahrzehnte war sie Hausfrau und Mutter, hatte keinen Beruf erlernt, aber dennoch sieben Tage die Woche gearbeitet. Ich glaube, mit dem Begriff der Work-Life-Balance hätte sie nichts anfangen können, zum einen nicht, weil sie nicht im klassischen Sinne Arbeiten gegangen ist (Work), zum anderen, weil sie ihren normalen Alltag als Leben bezeichnet hätte.

Morgens einzukaufen, danach den Mittagstisch vorzubereiten, das Haus sauberzumachen, den Garten auf Vordermann zu bringen, das Abendessen zu kochen und begleitend uns Kinder zu betreuen. Das war eine Fülle von Aufgaben, die ich selbst nicht so ohne weiteres hinbekäme. Und das jeden Tag, auch am Wochenende, ohne Klagen, ganz selbstverständlich. Aber auch ohne Druck und Stress. Einfach gemacht.

Wie groß ist der Kontrast zu vielen jungen Leuten um mich herum, die eine berufliche Tätigkeit haben, dabei ständig unter Strom stehen, die Wochentage durchkeulen und am Wochenende erschöpft ein wenig Erholung suchen. Der Akku wird dann mit aufwändigen Wellnessangeboten, Massagen, Entspannungen und Aktivprogrammen aufgeladen. Hinzu kommen jährlich mehrfache Reisen, um etwas anderes zu sehen, um „mal runterzukommen“.

In gewisser Hinsicht ein Leben, das dauerhaft am Limit verläuft, da gibt es bestenfalls Ruhephasen, aber die durchschnittliche Geschwindigkeit ist permanent zu hoch. Burn-out, Depressionen, Zusammenbrüche und diverse körperliche Probleme von Schwierigkeiten mit inneren Organen bis zu ernsten Herzschäden lassen grüßen.

Die moderne Medizin macht es möglich, allerlei Erkenntnisse und Arzneimittel werden nicht nur zur Therapie, sondern schon zur Lebensbegleitung eingesetzt. Mit gewisser Verwandtschaft zu Drogen werden Antidepressiva genommen, statt die Ursache zu beheben, werden zeitoptimierte Sportprogramme ausgeführt, statt sich mit offenen Augen durch den Wald treiben zu lassen.

Unter den heutigen Randbedingungen wäre meine Mutter sicher nicht 95 Jahre alt geworden. Und ob sie in der entsprechend kürzeren Lebenszeit mit aufregenden Ausgleichsmaßnahmen, Entertainment und äußeren Belustigungen glücklicher gewesen wäre wage ich zu bezweifeln.

Da bewundern wir oft andere Menschen – gerne auch im Ausland – die ihr Leben viel ruhiger gestalten. Die keine Fehlernährung kennen, denen der Begriff Stress nichts sagt und die dauerhaft mit der ihnen möglichen Geschwindigkeit zwischen Geburt und Tod unterwegs sind. Was hält uns eigentlich davon ab, ein wenig dieser Ruhe auch in unseren Alltag zu überführen, nicht nur ein paar Kleinigkeiten zu ändern, sondern wirklich komplett umzudenken. Und damit dann auch die 95 zu erreichen.

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Montag, 20. April 2026

Nicht für die Schule... (2): Work-Life-Balance

Nicht für die Schule - Work-Life-Balance

"Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir" – Erkenntnis und von Pädagogen gerne zitierte Phrase des römischen Philosophen Seneca. Ob sie nun für die etwas lieblose Motivation zur Aneignung ungeliebten Lernstoffs herhalten muss, oder demonstrieren soll, dass es dem Empfänger dieser Botschaft an Weitblick fehlt: Eine weitere Diskussion danach ist obsolet.

Und gerade beim Weitblick wird auch das Spannungsfeld zwischen Schule und Leben klar. Schule ist das eine, Leben ist das andere. Gegensätze, die sich ergänzen, aber mehr oder weniger komplementär zueinander stehen. Also so ähnlich wie die aktuelle Debatte zu Arbeit und (Privat-) Leben, kurz als Work-Life-Balance bezeichnet.

Kritiker bemängeln, dass sich Arbeit und Leben nicht ausschließen, im Idealfall ja geradezu ergänzen sollten. Wer bei seiner beruflichen Tätigkeit leuchtende Augen hat, der sieht sie als Teil seines Lebens, es gibt nichts auszubalancieren. Die Grenze zwischen Arbeit und Leben verschwimmt, abgetrennte Bereiche des Lebens wie Freizeit oder Wochenende werden von der Arbeit einverleibt.

Befürworter wiederum meinen, dass Arbeit nur ein Teil des Daseins ist, egal wie erfüllend sie ist. Dass der Körper auch Ruhephasen braucht und überhaupt weitere Aspekte wie soziale Kontakte oder körperliche Bedürfnisse leicht zu kurz kommen können.

Neutral betrachtet ist Balance immer gut. Schlecht ist es, wenn sie als Vorwand für die Orientierung in der einen oder der anderen Richtung missbraucht wird. Über Work-Life-Balance zu sprechen und eigentlich eine Reduzierung der Arbeit zu meinen ist nicht der Sinn der Sache. Balance ist wie bei einer Waage das Austarieren, nicht das Füllen der einen Waagschale zu eigenen Gunsten.

Womit wir auf das Thema Lernen für Schule und Leben zurückkommen. Auch hier ist die Schule nicht das Gegenteil von Leben, sollten leuchtende Augen der Wissbegierde den Idealzustand darstellen. Dann verschwimmt die Grenze zwischen Schulstoff, aktueller Nützlichkeit und potentieller späterer Notwendigkeit. So betrachtet ist das Leben, für das wir lernen kein abstrakter Himmel, in den wir kommen können, sondern eine konkrete Gegenwart und Zukunft, die wir mit Wissen anreichern.

In der heutigen schnelllebigen Zeit ist lebenslanges Lernen eine immer lauter werdende Forderung. Wurde diese in den letzten Jahrzehnten eher allgemein geäußert und nicht von jedem arbeitenden Menschen ernst genommen, mutiert sie nach und nach zu einer zentralen Anforderung. Selbst, wenn die Formulierung „nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir“ altmodisch ist, ihr Kern ist aktueller als je zuvor.

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Montag, 13. April 2026

Nicht für die Schule... (1): Jenseits der Chatbots

Bei einem Podcast kamen die beiden Gesprächspartner dieser Tage am altertümlichen Spruch von Seneca vorbei, in dem es um die Motivation von Lernen geht. „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.“

Vor rund zweitausend Jahren hat sich also ein römischer Philosoph schon zum Lernen, zu Schule und (späterem) Leben geäußert. Das ist insofern bemerkenswert, als in dieser Aussage gleich mehrere Aspekte stecken, die auch heute noch uneingeschränkt zutreffen.

Nicht für die Schule 1 - Jenseits der Chatbots

Gerade vor dem Hintergrund der zunehmenden Technisierung, dem allgegenwärtigen Internet mit seinen Suchmöglichkeiten und den immer weiter voranschreitenden Unterstützungen durch Bots stellt sich die Frage, ob wir überhaupt noch lernen müssen. Egal, ob für die Schule oder für das Berufsleben, die Notwendigkeit für den Erwerb von Sprachkenntnissen, mathematischen Zusammenhängen, geschichtlichen Daten oder gar musischen Kompetenzen scheint nicht mehr zeitgemäß.

Die Entwicklung lässt sich schon seit einiger Zeit absehen, immer mehr Tätigkeiten erfordern tatsächlich nur noch Ansätze dieser Fähigkeiten. Sei es die Kassiererin, die Kopfrechnen von einem Kassensystem abgenommen bekommen hat, sei es die Sekretärin, deren Rechtschreibkenntnisse durch die Autokorrektur ersetzt werden. Wofür sollte man ein Musikinstrument beherrschen können, etwas über die Pflege eines Obstbaumes erfahren oder sich in Leichtathletik üben?

Erst mit erheblicher Verzögerung und im Laufe des Berufslebens kommt dann in vielen Fällen die Keule zurück. Ganz generell können wir erst mal festhalten, dass auch unser Denkapparat funktioniert wie ein Muskel, der trainiert werden kann und muss. Je mehr geistige Fähigkeiten wir uns aneignen, desto leichter wird der weitere Zuwachs. Das dritte Musikinstrument lernt sich leichter als das erste, gleiches gilt für Fremdsprachen oder technische Abläufe.

Dann ist auch die Einsetzbarkeit im Beruf auf Dauer von der Grundausbildung abhängig. Kreativität, Vielseitigkeit und Einfallsreichtum leben nicht nur von guter Vernetzung im Gehirn, sondern auch von einer möglichst breiten Grundausstattung an Daten. Ohne Kenntnis anderer Themenfelder keine Analogien möglich, ohne historische Kenntnisse kein Lernen aus Erfahrung (anderer Personen).

Schließlich ein Blick auf Alterungsprozesse. Nachlassende Denk- und Gedächtnisleistung lässt sich nicht grundsätzlich verhindern, aber die Frage ist, von welchem Niveau aus man startet. Wer vorher seinem Gehirn nur die nötigsten Gedankengänge abverlangt hat, bei dem ist bei halbierter Leistungsfähigkeit kaum noch etwas übrig. Gilt sinngemäß auch für körperliche Fitness.

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Montag, 6. April 2026

Frieden und Gesundheit

Traditionell finden an den Ostertagen Demonstrationen für Frieden statt, wird gegen Krieg auf die Straße gegangen. Da engagieren sich Bürger und setzen ein Zeichen für einen Zustand, den sie als Frieden bezeichnen. Doch was verbirgt sich dahinter? Was verstehen wir unter Frieden, was sind Indikatoren dafür?

Das Ganze erinnert mich an den Begriff „Gesundheit“.
  1. Gesundheit ist ein erwünschter Zustand, wir möchten als Mensch möglichst lange gesund sein.
  2. Kein Mensch ist tatsächlich vollständig gesund. Unser Körper ist ununterbrochen damit beschäftigt, kleine Defekte, Ungleichgewichte und mehr oder weniger große Probleme zu beheben.
  3. So scheint Gesundheit also eher die Abwesenheit von Krankheit zu sein, man siecht nicht offenkundig dahin, sondern fühlt sich weitgehend lebens- und leistungsfähig.
  4. Gesunde Körper sind leistungsfähiger als kranke.
  5. Es gibt eine eigene Industrie, die sich mit Gesundheit und Krankheit beschäftigt.
Frieden und Gesundheit

Mit dem „Frieden“ scheint es ähnlich zu sein.
  1. Frieden ist ein erwünschter Zustand, in dem wir als Menschen möglichst lange leben möchten.
  2. Vollständigen Frieden gibt es nicht. Ständig gibt es kleine Unstimmigkeiten mit dem Partner, Auseinandersetzungen zwischen Parteien und viele weitere Themen, die die Gerichte beschäftigen.
  3. Frieden ist also die Abwesenheit von Krieg; kein Kriegsgerät oder Waffen, man kann sich weitgehend frei bewegen ohne Angst um Leib und Leben haben zu müssen.
  4. In Friedenszeiten sind Staaten gesellschaftlich leistungsfähiger.
  5. Es gibt eine eigene Industrie, Militär, hauptberufliche Soldaten.

In den Jahrzehnten meines Lebens hat kein Soldat auf mich geschossen, wurde ich nicht zu kriegerischen Handlungen gezwungen, in Kämpfe verwickelt. Und auch die manchmal in Frage gestellte Meinungsfreiheit ist in Deutschland ein hohes Gut.

Was für mich selbstverständlich scheint, ist für viele unerreichbar – und genau das macht den Frieden so wertvoll. Er ist wie Gesundheit: erst wenn er bröckelt, merken wir, wie sehr er uns getragen hat. Und deshalb bedanke ich mich bei den Menschen, die dieses Verständnis in den Umzügen und Demonstrationen auf die Straße bringen.

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Montag, 30. März 2026

Demokratie 2.0

Wir leben in Deutschland ja in einer Demokratie. Eine Form, bei der sich Meinungen auf der Grundlage von Mehrheiten bilden und dann entwickelt oder umgesetzt werden. Das hat bei nicht wenigen Gelegenheiten auch negative Auswirkungen, aber im Grunde kennen wir derzeit kein anderes System, das aus menschlicher Sicht besser zu sein scheint.

Demokratie 2.0

Wie funktioniert das? Jedes Individuum bildet sich seine Meinung, die Meinungen einer gewissen Fraktion werden gesammelt und über einen geeigneten Mechanismus in eine Entscheidung überführt. Dieser Mechanismus ist dabei aber kein neutraler Sammler oder eine reine Statistik, sondern ist selbst ein lebendiger Apparat.

Insofern hat dieser Vorgang auch dynamische Komponenten und besitzt weitere Beeinflussungsfaktoren. Sei es, dass ein Politiker auch seine eigene Sicht einbringt, dass eine Partei den Willen der Wähler im Sinne eines Programmes interpretiert oder schlichtweg aus taktischen Gründen priorisiert. Und auch die Einflussnahme auf die Wähler spielt eine Rolle, Wahlkampf, Werbung, Darstellung und rhetorisches Geschick verzerren von Natur aus das neutrale Bild, das sich die Bürger im Vorfeld gemacht haben.

Schließlich noch Kollektiveffekte, aktuelle Diskussionen und Modethemen. Über die Zeit kann man den Aufstieg mancher Parteien erleben, begleitet vom Niedergang anderer Parteien. In vielen Fällen hat das etwas mit dem Zeitgeist zu tun, mit Haltungen, die sich in der Gesellschaft aktuell niederschlagen. Mit dem Erstarken der Friedensbewegung und dem Trend zu mehr Natur war beispielsweise der Boden für die Grünen geebnet.

Und spätestens an dieser Stelle kommt die Komplexität einer Gesellschaft ins Spiel. Die Beobachtung von Mitmenschen, die Gespräche mit Freunden, der Kontakt mit Nachbarn und nicht zuletzt die Schwerpunkte von Medienberichten. All das hängt miteinander zusammen, verstärkt nur angedeutete Veränderungen bis zu einer Massenbewegung - denken wir nur an „Fridays for future“.

Der Grundgedanke, dass eine Lösung nach Mehrheitsentscheid optimal ist, muss sich hier gegen Beeinflussung und Mitnahmeeffekte wehren. Wie stark ist ein Thema emotional untermauert und erreicht so eine große Anhängerschaft, die vermeintlich unabhängig voneinander, eigentlich aber mehr im Sinne einer einzigen lauten Stimme agiert.

Es ist aus meiner Sicht keine Option, auf die Beteiligung aller Betroffenen zu verzichten. Das ist weder im sozialen noch im menschlichen Sinne sinnvoll. Allerdings wäre es ein interessanter Ansatz, die Wahlergebnisse intelligent aufzubereiten. Mit hierzu trainierten (KI-) Modellen könnte man die Mitnahme herausrechnen, durch geschickte Fragen das Nachplappern eliminieren und Gewohnheiten unberücksichtigt lassen.

Überhaupt stellt sich die Frage, ob unsere traditionelle Wahl von Parteien der richtige Weg ist. Wenn ich vor dem Gang zur Urne den Wahl-o-mat befrage und dann die Vertretung mit der höchstmöglichen Überdeckung ankreuze: Warum lassen wir nicht auf der Basis des Wahl-o-mat ein Programm für die nächste Legislaturperiode erstellen und setzen sie dann mit geeigneten Menschen um?

Das kann man dann technisch noch weitertreiben, Indikatoren für die Zielerreichung definieren und kontrollieren, durch Hinzunahme von Randbedingungen aber auch Zielanpassungen vornehmen. Hier denke ich an Agilität, ein Verfahren, das sich in der Handhabung volatiler und komplexer Systeme bewährt hat. Lösungen ableiten, ausprobieren und nach kurzen Zeitspannen bedarfsweise anpassen ist die Grundidee, die im technischen Umfeld schon seit geraumer Zeit langlaufende Großprojekte (analog Programmen für eine mehrjährige Legislaturperiode) abgelöst hat.

Dieser Ansatz ist viel reaktionsschneller, weniger von Entscheidungen einzelner Politiker abhängig und kann mit den modernen Möglichkeiten wie Apps einerseits und KI andererseits problemlos implementiert werden. Denn zweifellos dreht sich unsere moderne Industriewelt immer schneller, dem müssen wir Rechnung tragen und etablierte Abläufe und unser Demokratieverständnis weiterentwickeln.

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Montag, 23. März 2026

Automatik, Automatik

Ich finde Automatik ist was Feines. Im Idealfall macht eine Automatik das, was ein Mensch auch machen würde, aber ohne sein Zutun. Ich komme in einen dunklen Raum, schon geht die Beleuchtung an, einen Lichtschalter muss ich nicht betätigen. Und wenn ich dann später den Raum verlasse, muss ich auch nichts drücken, die Automatik erkennt, dass ich den Raum verlasse und schaltet das Licht wieder aus.

Automatik, Automatik

Soweit die Theorie. Der erste Schaltvorgang ist meist recht zuverlässig, ein Bewegungsmelder erfasst meine Ankunft und schließt den Stromkreis. Dann bin ich im Raum, und schon gerät der Automat in Schwierigkeiten. Mangels Bewegung vermutet er, dass ich gar nicht mehr da bin. Wenn ich lesend oder in ruhiger Bildschirmarbeit im Zimmer bin, geht das Licht zwischendurch aus. Und wenn ich dann irgendwann aus dem Raum hinausgehe bleibt das Licht sicherheitshalber noch mal eine Weile eingeschaltet.

Gewiss, es ist ein Komfortgewinn und eine gewissen Bequemlichkeit. In gewisser Weise auch ein Sicherheitsmerkmal, denn ich kann nicht vergessen, das Licht auszuschalten. Aber weder kann ich verhindern, dass das System zwischendurch unerwünscht arbeitet (Licht ausschaltet), noch ist mit dem vorhandenen Bewegungsmelder ein möglichst kurzer Nachlauf zu realisieren.

Automatiken gleich welcher Art haben also ihre Tücken. Sei es die Klimaanlage, die angesichts einer (aus ihrer Sicht) geöffneten Tür den Dienst verweigert, sei es ein elektrisches Oberlicht, das bei Sonnenschein nicht aufgehen will. Das liegt mal an einer ungeschickten Programmierung, mal an fehlendem (weiteren) Sensor, mal an Störungen in der Signalübertragung. Oft lässt sich der Verursacher des unerwünschten Verhaltens gar nicht identifizieren, man kann nur feststellen, dass etwas nicht so funktioniert, wie man es erwartet oder in diesem Moment selbst machen würde.

Vor diesem Hintergrund ist es beunruhigend, wie viele unterschiedliche Helferlein in einem modernen Auto verbaut sind. Nicht allein die ganzen Sensoren im Motor, die Drücke und Füllstände kontrollieren, nein, auch die Fühler für Helligkeit, Feuchtigkeit, Reifendruck, Geschwindigkeit, Bremsdruck und so weiter spielen eine Rolle im komplizierten Management des Fahrzeugs. Und manche davon arbeiten ähnlich wie der Lichtschalter - mal gut, mal schlecht. Und spätestens, wenn einer der zahlreichen Messfühler kein Signal liefert, wird der Betrieb gestört oder leitet für den Fahrzeugführer überraschende Maßnahmen ein.

Das Beste, habe ich früher gesagt, das Beste an einer Automatik ist der Knopf zum Abschalten. Ein Lichtschalter, mit dem ich das Licht dauerhaft einschalten kann oder auch beim Verlassen des Zimmers die Beleuchtung wieder ausschalte. Vielleicht sogar ausgeschaltet lasse, weil es für meine Zwecke noch hell genug ist. Das erzwingt zwar bei mir eine gewisse Disziplin, aber die Verantwortung übernehme ich gerne, wenn ich nur Herr der Lage bleibe und nicht von einer Technik bevormundet werde.

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Montag, 16. März 2026

Lebensmanagement

Früher nannte man es Philosophie, da gab es einen Studiengang, der von bedächtig wirkenden Personen belegt wurde. Meist schrieben sich diese Menschen irgendwann nach dem Abitur ein, besuchten Vorlesungen, Seminare, Diskussionsrunden und so weiter. Nur der Abschluss ließ auf sich warten, in diesem Fach traf man die meisten Ewigstudenten.

Wer mit Philosophen spricht oder deren Texte liest, der muss sich auf harte Kost einstellen. Wenig verständlich leben sie in einer eigenen Welt, beschäftigen sich mit Themen, die den meisten Normalsterblichen fremd sind und drücken sich so kompliziert aus, dass selbst geistig rege Gesprächspartner ihnen nicht folgen können. Aber das scheint auch gar nicht ihr Antritt zu sein. Sätze über eine ganze Seite, Verschachtelungen und Verweise auf andere Philosophen oder die eigenen Texte in anderem Kontext machen die Veröffentlichungen zu einem Labyrinth.

Lebensmanagement

Heraus kommen komplizierte Gedanken, die sich kaum im Alltag umsetzen lassen. Das Streben nach Erkenntnis über den Sinn des Lebens, das Wesen der Welt und die Stellung der Menschen in der Welt endet in ausgesprochen abstrakten Überlegungen. Wer klare Antworten erwartet oder gar Handlungsempfehlungen ableiten möchte, wird im Wesentlichen enttäuscht.

Aber vielleicht ist es ja auch eine aussterbende Wissenschaft. Abgelöst in der heutigen Welt durch eine Form von Management, konkret von Lebensmanagement. Einen separaten Studiengang hierzu gibt es nicht, aber ich stelle mir vor, dass dort sehr anwendungsbezogen geforscht würde. Mit den einfachen Worten auf dem Niveau der Bildzeitung könnten Fälle beschrieben, Diskussionen im RTL-Format übertragen und Erkenntnisse evaluiert würden.

Schnell würde man eine eigene Plattform ins Leben rufen, orientiert an Tiktok die neuesten Reels zu Erwartungsmanagement posten oder sich mit dem Thema Enttäuschungsmanagement beschäftigen. Alles kostenlos, niedrigschwellig, leichtverdaulich. Voraussetzung ist kein Studium, sondern nur ein Handy mit Kamera und der innere Auftrag, seinen Mitmenschen die Annehmlichkeiten des eigenen Lebens nahezubringen.

Was so oder so auf der Strecke bleibt: Die Antwort nach dem Sinn des Lebens. Ob nun eine verklausulierte Nicht-Antwort oder eine poppig-bunte Ausweich-Antwort: Auf der Suche nach meinem persönlichen Weg werde ich alleine gelassen. Kein Wunder also, dass viele verunsicherte Konsumenten orientierungslos in Scharen mal diesem, mal jenem Trend und Influenzer hinterherlaufen. Wo das Ziel nur verschwommen zu erkennen ist, ist leider auch viel Platz für Verführung.

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Montag, 9. März 2026

Die Suche nach der Pause-Taste

Gott sei Dank gibt es in Deutschland deutlich unterschiedliche Jahreszeiten. Während man im Sommer wundervoll auf dem Gartenstuhl sitzen kann, aber leider auch wöchentlich den Rasen mähen muss, hat man im Winter Aktionspause und kann von der Couch aus den zur Ruhe gekommenen Garten betrachten. Doch im Frühjahr geht es dann wieder los, die Knospen brechen auf, altes Holz muss zurückgeschnitten werden, man muss wieder in die Gartensaison starten.

So geht es immer weiter. Man kann nicht Unkraut jäten, Blüten ausputzen, Rasen mähen und dann auf die Pause-Taste drücken. So soll der Garten bleiben, mindestens bis zum Herbst, am besten für den Rest meines Lebens. Anhalten der Vegetation im perfekten Moment. Kein Wachstum, kein Wuchern, kein Unkraut, keine Notwendigkeit zum Gießen oder gar zur Renovierung von Pflanzkübeln und Wegen.

Natürlich auch in der Partnerschaft. Die blühende Schönheit junger Leute, die wilde Leidenschaft der Flitterwochen, die Neugierde aufeinander, der ungestüme Wunsch nach Zweisamkeit und gemeinsamer Gestaltung. Das alles einfach einfrieren, im Optimum anhalten und für Jahrzehnte konservieren. Dazu im Beruf die aufregenden Erfahrungen der Probezeit, das Willkommen der Kollegen, spannende neue Aufgaben und jeden Tag Impulse zur weiteren Entwicklung.

Die Suche nach der Pause-Taste
Plopp. Das gibt es nicht. Es gibt keine Pause-Taste. Und das heißt auch, dass man entweder immer Aufwand hineinstecken muss - vielleicht mit kleinen Pausen wie der Saisonunterbrechung im Garten - oder dass alles verlottert und unattraktiver wird. Von alleine passiert da nichts, weder bei der Gartenpflege noch in der Partnerschaft, noch im (beruflichen) Alltag.

Die fatale, vielleicht sogar frustrierende Erkenntnis: Allein zur Beibehaltung des Status Quo braucht man Energie. Und wenn man mehr will, dann ist das ein mühsames Geschäft. Aber andererseits ist es der Schlüssel zum Glück, sei es bei der Freude über den immer attraktiveren Garten, eine langfristig tolle Partnerschaft oder eine zufriedenmachende Arbeit.

Was dann auch die - nur auf den ersten Blick banale - Kernbotschaft ist. Menschen sehnen sich nach Glück, unterliegen aber oft der Fehleinschätzung, dass dieses zu ihnen käme. Oder bleibt, wenn es erst mal da ist. Durchaus falsch, Glück kommt nicht von außen (der Gewinn von Geld zum Beispiel im Lotto macht nicht wirklich glücklich), sondern ist das Ergebnis einer mehr oder weniger gezielten Anstrengung. Und es bleibt auch nicht einfach so.

In etwas modifizierter Form kann man diese Gedanken auch bei Eckart von Hirschhausen (Buch: "Glück kommt selten allein") nachlesen. Er entlarvt in humoristischen Formulierungen die gedanklichen Fehler und falschen Annahmen rund um das Erreichen von Glück.

Deutlicher kann man festhalten, dass Bequemlichkeit oder gar Faulheit in die falsche Richtung zeigen, im philosophischen Sinne nämlich auf dem Highway to hell enden. Leider muss man sich also tagtäglich anstrengen, be-mühen und alles, von der Pflege des Grünzeugs über die Partnerschaft bis zum beruflichen Antritt, aktiv betreiben.

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