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Heute hat Sara einen Hut auf, daran wie Robin Hood eine Feder, die im Wind ihrer schnellen Bewegung weht. Der Rest sieht auch aus, als ob sie auf Jagd gehen wollte, mitten in der Stadt scheint sie ihre Leidenschaft für Natur entdeckt zu haben. Grüner Mantel und rotbraune Stiefel unterstreichen ihr Outfit passend zu einem Jagdausflug.
„Was hast du vor?“ will ich von ihr wissen, „hast du noch eine Verabredung mit der Jagdgenossenschaft?“ Sie schaut mich etwas verärgert an, runzelt die Stirn und „Nein, keine Jagdgenossenschaft. Ich stehe nicht so sehr auf die Altherrengesellschaften oder deren zivilisierte Drogenexzesse mit Zigarre und sündhaft teuren Alkoholika.“
„Okay, aber du bist schon recht extravagant angezogen. Oder ist das dein neuer Business-Look?“- „Du hast Recht, ich gehe nicht ins Büro. Aber ich will einen Gegenpol darstellen.“ Sie macht bewusst eine Pause, damit ich die erwartete Frage stellen kann, ich tue ihr den Gefallen: „Gegenpol wozu?“
„Zu Jogginghosen, Hoodies, Schlappen. Schlabberlook halt. Dieser ganze weitgehend unförmige Stoffkram, der auch gar nicht zum eigenen Körper mit seinen Formen oder zu den Gelegenheiten passen muss.“
„Du meinst Kleidung als Ausdruck, als Gestaltungselement?“ Ganz offensichtlich habe ich den Kern getroffen, Sara strahlt mich an: „Ja, genau. Vor dem Kleiderschrank stehen, über die Situation nachdenken, für die ich mich anziehe und dann dazu passend und in sich stimmig Oberteile und Hose, Schuhe und sogar die Unterwäsche auswähle.“
„Ziemlich mühsam, viele Menschen, vor allem Männer, haben ihre Lieblingsklamotten, in denen sie sich wohlfühlen. Ein weiches Sweatshirt, dazu eine bequeme Jeans und weiße Sneakers. Fertig. Warum Kleiderschrank, anstrengende Entscheidungsprozesse und am Ende kneift dann auch noch die Unterhose?“
„Ich gebe zu, dass ich manchmal abends auch froh bin, wenn ich die Schuhe ausziehe. Aber das ist dann eben zu Hause, vor der Tür hat gutes Aussehen Vorrang. Das ist für mich ein Teil von Kultur, gelegentliche Opfer gehörten leider mit dazu. Ich sehe mich selbst lieber in gepflegter Kleidung und ich stelle mir vor, dass zumindest ein Teil meiner Mitmenschen es auch registriert. Und sei es nur als unbewusste Wertschätzung meiner Beschäftigung mit meinem Außenbild. Ich demonstriere ja offensichtlich, dass es mir nicht egal ist.“
„So habe ich das bisher noch nicht gesehen. Klar, der eine hat Geschmack und sieht in seiner Kleidung gut aus, ein anderer ist modischer Legastheniker. Es gibt Menschen, denen kannst du so ziemlich alles umhängen und sie sind ein Blickfang, aber es gibt eben auch die Typen, bei denen der Anzug schon auf Maß gefertigt sein muss.“
„Yes, Kollege“, Sara beugt sich über den Tisch zu mir und ihre Stimme wird leiser, „das Elend und der Niedergang hat schon von Jahren begonnen, als Schlipse gelockert und Hemden aufgeknüpft wurden. Dann verschwand der Schlips und untenrum wurde die Jeans gesellschaftsfähig. Denim nicht nur als robuste Alltagskleidung, sondern rein in den Büroalltag, in die Etagen der Menschen, die bis dahin durch hochwertige Kleidung gepunktet hatten.
Und so ging es weiter, Anzug ganz weg, immerhin noch ein Hemd und jetzt: Hoodie. Auf einmal sehen IT-Vorstände so aus wie vor ein paar Jahre irgendwelche zwielichtigen Hacker.“ Kurze Pause, sie grinst mich an: „Vielleicht ist der Unterschied ja auch gar nicht so groß.“
Wir müssen beide lachen, weiter geht die Diskussion, was die Veränderung eingeleitet und im weiteren Verlauf befeuert hat, Corona als Katalysator, auch Homeoffice spielt aus unserer Sicht eine Rolle. Und die Erkenntnis, dass es auch bei Kleidung Gegenbewegungen gibt. Und seien es trotzige Erwachsene, die sich ohne konkreten Anlass in Jagdkleidung werfen.
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