Montag, 27. April 2026

101 – stolzes Alter!

101 - stolzes Alter

Vor ein paar Tagen wäre meine Mutter 101 Jahre alt geworden. Bis zu ihrem 95. Geburtstag hat sie sogar noch am Leben teilgenommen, wenngleich sie die letzten Jahre im Altersheim verbracht hat. Und gerade heute denke ich daran zurück, wie ihr Leben denn so abgelaufen ist.

Über viele Jahrzehnte war sie Hausfrau und Mutter, hatte keinen Beruf erlernt, aber dennoch sieben Tage die Woche gearbeitet. Ich glaube, mit dem Begriff der Work-Life-Balance hätte sie nichts anfangen können, zum einen nicht, weil sie nicht im klassischen Sinne Arbeiten gegangen ist (Work), zum anderen, weil sie ihren normalen Alltag als Leben bezeichnet hätte.

Morgens einzukaufen, danach den Mittagstisch vorzubereiten, das Haus sauberzumachen, den Garten auf Vordermann zu bringen, das Abendessen zu kochen und begleitend uns Kinder zu betreuen. Das war eine Fülle von Aufgaben, die ich selbst nicht so ohne weiteres hinbekäme. Und das jeden Tag, auch am Wochenende, ohne Klagen, ganz selbstverständlich. Aber auch ohne Druck und Stress. Einfach gemacht.

Wie groß ist der Kontrast zu vielen jungen Leuten um mich herum, die eine berufliche Tätigkeit haben, dabei ständig unter Strom stehen, die Wochentage durchkeulen und am Wochenende erschöpft ein wenig Erholung suchen. Der Akku wird dann mit aufwändigen Wellnessangeboten, Massagen, Entspannungen und Aktivprogrammen aufgeladen. Hinzu kommen jährlich mehrfache Reisen, um etwas anderes zu sehen, um „mal runterzukommen“.

In gewisser Hinsicht ein Leben, das dauerhaft am Limit verläuft, da gibt es bestenfalls Ruhephasen, aber die durchschnittliche Geschwindigkeit ist permanent zu hoch. Burn-out, Depressionen, Zusammenbrüche und diverse körperliche Probleme von Schwierigkeiten mit inneren Organen bis zu ernsten Herzschäden lassen grüßen.

Die moderne Medizin macht es möglich, allerlei Erkenntnisse und Arzneimittel werden nicht nur zur Therapie, sondern schon zur Lebensbegleitung eingesetzt. Mit gewisser Verwandtschaft zu Drogen werden Antidepressiva genommen, statt die Ursache zu beheben, werden zeitoptimierte Sportprogramme ausgeführt, statt sich mit offenen Augen durch den Wald treiben zu lassen.

Unter den heutigen Randbedingungen wäre meine Mutter sicher nicht 95 Jahre alt geworden. Und ob sie in der entsprechend kürzeren Lebenszeit mit aufregenden Ausgleichsmaßnahmen, Entertainment und äußeren Belustigungen glücklicher gewesen wäre wage ich zu bezweifeln.

Da bewundern wir oft andere Menschen – gerne auch im Ausland – die ihr Leben viel ruhiger gestalten. Die keine Fehlernährung kennen, denen der Begriff Stress nichts sagt und die dauerhaft mit der ihnen möglichen Geschwindigkeit zwischen Geburt und Tod unterwegs sind. Was hält uns eigentlich davon ab, ein wenig dieser Ruhe auch in unseren Alltag zu überführen, nicht nur ein paar Kleinigkeiten zu ändern, sondern wirklich komplett umzudenken. Und damit dann auch die 95 zu erreichen.

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Montag, 20. April 2026

Nicht für die Schule... (2): Work-Life-Balance

Nicht für die Schule - Work-Life-Balance

"Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir" – Erkenntnis und von Pädagogen gerne zitierte Phrase des römischen Philosophen Seneca. Ob sie nun für die etwas lieblose Motivation zur Aneignung ungeliebten Lernstoffs herhalten muss, oder demonstrieren soll, dass es dem Empfänger dieser Botschaft an Weitblick fehlt: Eine weitere Diskussion danach ist obsolet.

Und gerade beim Weitblick wird auch das Spannungsfeld zwischen Schule und Leben klar. Schule ist das eine, Leben ist das andere. Gegensätze, die sich ergänzen, aber mehr oder weniger komplementär zueinander stehen. Also so ähnlich wie die aktuelle Debatte zu Arbeit und (Privat-) Leben, kurz als Work-Life-Balance bezeichnet.

Kritiker bemängeln, dass sich Arbeit und Leben nicht ausschließen, im Idealfall ja geradezu ergänzen sollten. Wer bei seiner beruflichen Tätigkeit leuchtende Augen hat, der sieht sie als Teil seines Lebens, es gibt nichts auszubalancieren. Die Grenze zwischen Arbeit und Leben verschwimmt, abgetrennte Bereiche des Lebens wie Freizeit oder Wochenende werden von der Arbeit einverleibt.

Befürworter wiederum meinen, dass Arbeit nur ein Teil des Daseins ist, egal wie erfüllend sie ist. Dass der Körper auch Ruhephasen braucht und überhaupt weitere Aspekte wie soziale Kontakte oder körperliche Bedürfnisse leicht zu kurz kommen können.

Neutral betrachtet ist Balance immer gut. Schlecht ist es, wenn sie als Vorwand für die Orientierung in der einen oder der anderen Richtung missbraucht wird. Über Work-Life-Balance zu sprechen und eigentlich eine Reduzierung der Arbeit zu meinen ist nicht der Sinn der Sache. Balance ist wie bei einer Waage das Austarieren, nicht das Füllen der einen Waagschale zu eigenen Gunsten.

Womit wir auf das Thema Lernen für Schule und Leben zurückkommen. Auch hier ist die Schule nicht das Gegenteil von Leben, sollten leuchtende Augen der Wissbegierde den Idealzustand darstellen. Dann verschwimmt die Grenze zwischen Schulstoff, aktueller Nützlichkeit und potentieller späterer Notwendigkeit. So betrachtet ist das Leben, für das wir lernen kein abstrakter Himmel, in den wir kommen können, sondern eine konkrete Gegenwart und Zukunft, die wir mit Wissen anreichern.

In der heutigen schnelllebigen Zeit ist lebenslanges Lernen eine immer lauter werdende Forderung. Wurde diese in den letzten Jahrzehnten eher allgemein geäußert und nicht von jedem arbeitenden Menschen ernst genommen, mutiert sie nach und nach zu einer zentralen Anforderung. Selbst, wenn die Formulierung „nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir“ altmodisch ist, ihr Kern ist aktueller als je zuvor.

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Montag, 13. April 2026

Nicht für die Schule... (1): Jenseits der Chatbots

Bei einem Podcast kamen die beiden Gesprächspartner dieser Tage am altertümlichen Spruch von Seneca vorbei, in dem es um die Motivation von Lernen geht. „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.“

Vor rund zweitausend Jahren hat sich also ein römischer Philosoph schon zum Lernen, zu Schule und (späterem) Leben geäußert. Das ist insofern bemerkenswert, als in dieser Aussage gleich mehrere Aspekte stecken, die auch heute noch uneingeschränkt zutreffen.

Nicht für die Schule 1 - Jenseits der Chatbots

Gerade vor dem Hintergrund der zunehmenden Technisierung, dem allgegenwärtigen Internet mit seinen Suchmöglichkeiten und den immer weiter voranschreitenden Unterstützungen durch Bots stellt sich die Frage, ob wir überhaupt noch lernen müssen. Egal, ob für die Schule oder für das Berufsleben, die Notwendigkeit für den Erwerb von Sprachkenntnissen, mathematischen Zusammenhängen, geschichtlichen Daten oder gar musischen Kompetenzen scheint nicht mehr zeitgemäß.

Die Entwicklung lässt sich schon seit einiger Zeit absehen, immer mehr Tätigkeiten erfordern tatsächlich nur noch Ansätze dieser Fähigkeiten. Sei es die Kassiererin, die Kopfrechnen von einem Kassensystem abgenommen bekommen hat, sei es die Sekretärin, deren Rechtschreibkenntnisse durch die Autokorrektur ersetzt werden. Wofür sollte man ein Musikinstrument beherrschen können, etwas über die Pflege eines Obstbaumes erfahren oder sich in Leichtathletik üben?

Erst mit erheblicher Verzögerung und im Laufe des Berufslebens kommt dann in vielen Fällen die Keule zurück. Ganz generell können wir erst mal festhalten, dass auch unser Denkapparat funktioniert wie ein Muskel, der trainiert werden kann und muss. Je mehr geistige Fähigkeiten wir uns aneignen, desto leichter wird der weitere Zuwachs. Das dritte Musikinstrument lernt sich leichter als das erste, gleiches gilt für Fremdsprachen oder technische Abläufe.

Dann ist auch die Einsetzbarkeit im Beruf auf Dauer von der Grundausbildung abhängig. Kreativität, Vielseitigkeit und Einfallsreichtum leben nicht nur von guter Vernetzung im Gehirn, sondern auch von einer möglichst breiten Grundausstattung an Daten. Ohne Kenntnis anderer Themenfelder keine Analogien möglich, ohne historische Kenntnisse kein Lernen aus Erfahrung (anderer Personen).

Schließlich ein Blick auf Alterungsprozesse. Nachlassende Denk- und Gedächtnisleistung lässt sich nicht grundsätzlich verhindern, aber die Frage ist, von welchem Niveau aus man startet. Wer vorher seinem Gehirn nur die nötigsten Gedankengänge abverlangt hat, bei dem ist bei halbierter Leistungsfähigkeit kaum noch etwas übrig. Gilt sinngemäß auch für körperliche Fitness.

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Montag, 6. April 2026

Frieden und Gesundheit

Traditionell finden an den Ostertagen Demonstrationen für Frieden statt, wird gegen Krieg auf die Straße gegangen. Da engagieren sich Bürger und setzen ein Zeichen für einen Zustand, den sie als Frieden bezeichnen. Doch was verbirgt sich dahinter? Was verstehen wir unter Frieden, was sind Indikatoren dafür?

Das Ganze erinnert mich an den Begriff „Gesundheit“.
  1. Gesundheit ist ein erwünschter Zustand, wir möchten als Mensch möglichst lange gesund sein.
  2. Kein Mensch ist tatsächlich vollständig gesund. Unser Körper ist ununterbrochen damit beschäftigt, kleine Defekte, Ungleichgewichte und mehr oder weniger große Probleme zu beheben.
  3. So scheint Gesundheit also eher die Abwesenheit von Krankheit zu sein, man siecht nicht offenkundig dahin, sondern fühlt sich weitgehend lebens- und leistungsfähig.
  4. Gesunde Körper sind leistungsfähiger als kranke.
  5. Es gibt eine eigene Industrie, die sich mit Gesundheit und Krankheit beschäftigt.
Frieden und Gesundheit

Mit dem „Frieden“ scheint es ähnlich zu sein.
  1. Frieden ist ein erwünschter Zustand, in dem wir als Menschen möglichst lange leben möchten.
  2. Vollständigen Frieden gibt es nicht. Ständig gibt es kleine Unstimmigkeiten mit dem Partner, Auseinandersetzungen zwischen Parteien und viele weitere Themen, die die Gerichte beschäftigen.
  3. Frieden ist also die Abwesenheit von Krieg; kein Kriegsgerät oder Waffen, man kann sich weitgehend frei bewegen ohne Angst um Leib und Leben haben zu müssen.
  4. In Friedenszeiten sind Staaten gesellschaftlich leistungsfähiger.
  5. Es gibt eine eigene Industrie, Militär, hauptberufliche Soldaten.

In den Jahrzehnten meines Lebens hat kein Soldat auf mich geschossen, wurde ich nicht zu kriegerischen Handlungen gezwungen, in Kämpfe verwickelt. Und auch die manchmal in Frage gestellte Meinungsfreiheit ist in Deutschland ein hohes Gut.

Was für mich selbstverständlich scheint, ist für viele unerreichbar – und genau das macht den Frieden so wertvoll. Er ist wie Gesundheit: erst wenn er bröckelt, merken wir, wie sehr er uns getragen hat. Und deshalb bedanke ich mich bei den Menschen, die dieses Verständnis in den Umzügen und Demonstrationen auf die Straße bringen.

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