Montag, 2. November 2026

Saras Sicht: Biblisches

Saras Sicht: Biblisches
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Heute bin ich es, der ein wenig zu spät im Cafe auftaucht. Es war voll in der Stadt und ich musste durch den Bahnhof, wo sich ein paar Zeugen Jehovas mit ihren Schriften aufgestellt hatten. "Ich bin ja hin- und hergerissen, einerseits finde ich es bewundernswert, dass sie sich dort hinstellen, geduldig ihren 'Wachturm' hochhalten und vielleicht sogar irgendwelche blöden Kommentare über sich ergehen lassen. Und andererseits frage ich mich, was in einem Kopf vorgeht, der mir die Bibel erklären will."

Sara ist guter Dinge, hat ja auch schon einen gehörigen Schluck aus ihrer Cappuccinotasse genommen. "Da habe ich so eine Vermutung", flötet sie, "sie haben so etwas wie eine masochistische Ader, lieben den Schmerz und fühlen sich als kleine Märtyrer, die trotz widriger Umstände für eine wie sie vermittelt bekommen haben gute Sache einstehen. Kurzum, sie haben einen Charakter, der weich genug ist, damit jemand ihnen einen Floh ins Ohr setzen kann und dann muss man nur die richtigen Knöpfe drücken, um sie für so undankbare Aufgaben zu gewinnen."

"Naja", sage ich, "ich bin jetzt nicht unbedingt der Meinung, dass alle Zeugen Jehovas weich sind und auch der Floh im Ohr ist doch übertrieben. In klassischen Unternehmen würde man das ganze wesentlich wohlwollender formulieren und es als 'Organisational Commitment Index' bezeichnen und versuchen, ihn möglichst hoch zu bekommen. Stehen die Mitarbeiter hinter ihrem Unternehmen oder sind sie so schnell weg, wie sie gekommen sind?"

"Klar, den OCI kenne ich. Aber es ist schon die Frage, wie man zu guten Werten kommt. Ich finde es recht dubios, wenn auf den Platz im Himmel oder andere immaterielle Goodies verwiesen wird." Sara strahlt mich an. "Aber du hattest dich ja auch gefragt, was sie dir über die Bibel erklären wollen. Da wäre ich auch gespannt, ich kenne da ein paar eher weniger verbreitete Geschichten. Kennst du die, wie Jesus seinen Eltern davongelaufen ist?"

"Nö", sage ich, "das ist ja ein Ding. War der Rotzlöffel etwa nicht brav?" - "Genau, das ist der Teil direkt nach der Weihnachtsgeschichte. Ich habe sie zufällig gelesen, weil ich wissen wollte, wie es weitergeht. Staffel eins, Episode zwei sozusagen. Und da gibt es zwar einen Zeitsprung und der Bub muss schon etwas älter gewesen sein, aber er ist auf der Reise entwischt, hat sich zu den Predigern gesellt und das Beste: seine Eltern haben das erst nach ein paar Tagen gemerkt. Lustig, oder?"

"Vor allen Dingen würde ich sagen, das klingt so herrlich menschlich. Oder wie die Kirche sagen würde, es sind gar keine göttlichen Geschichten, sondern sehr irdische Anekdoten. Wie Kinder halt so sind, und naja, wenn man den Hype um seine Mutter und den berühmten Elternstolz einschließlich Lobpreisung der Engel kennt, dann relativiert das Ausbüchsen und das tagelange unbemerkte Herumhängen bei den Priestern schon ein wenig."

Sara: "Also, ich mag das. Wir freuen uns ja auch bei den heutigen Prominenten immer, wenn sie eine gewisse Menschlichkeit haben, anfassbar bleiben, keine unerreichbare Lichtgestalt sind, sondern hier und da ein kleines bisschen wie wir. Vor allen Dingen finde ich aber auch, dass es eine ziemlich wichtige Geschichte ist. Zumindest ich lese dann die anderen Berichte mit der Grundeinstellung, dass zumindest die Wunder nicht wörtlich, sondern bildlich zu verstehen sind. Es ist unsinnig, dass Jesus über einen See gegangen ist oder Fische in Unmengen verteilt hat. Das sind Bilder, das macht es nicht schlechter, aber sinnvoller."

Ich bestelle noch einen Cappuccino nach, ergänze Rilke mit "Und Bilder stehen vor dir wie Wände" und diskutiere mit Sara, ob die Bildersprache der Bibel sich durch alle Kapitel hindurchzieht. "Unbedingt", schmunzelt Sara. "Der Bilderreichtum ist für uns heutige Leser Fluch und Segen. Einerseits kommen dann so absurde Vorstellungen heraus, dass Gott ein Mann ist, der auf einer Wolke herumschwebt, andererseits sind die Leser nicht bereit, selbst die naheliegendsten Übertragungen vorzunehmen, weil sie sich nicht trauen oder die Übersetzung nicht wahrhaben wollen."

Nun bin ich doch ein wenig irritiert. Sara spricht heute in Rätseln, normalerweise kommt sie auf den Punkt und eiert nicht so herum. "Worauf willst du hinaus oder anders gefragt, an was denkst du?" - "Eine meiner Lieblingsstellen ist ganz vorne im Alten Testament. Da, wo Adam und Eva im Paradies sind, sich danebenbenehmen und dann rausgeschmissen werden. Weißt du eigentlich, was da passiert ist? Also mal ganz ungeschminkt?"

Ich denke nach. Vor meinen Augen erscheint der Garten Eden, in der Mitte der Baum der Erkenntnis, dann natürlich Adam und Eva, von einem Apfel und einer Schlange war die Rede. Und nachher gab es Maulerei im Zusammenhang mit einem Feigenblatt beim Kontrollbesuch. "Die Geschichte habe ich so halbwegs in Erinnerung, aber was ist jetzt der Gag daran? Zwei Menschen in besonders komfortabler Umgebung, sie missachten die einzige Regel, dass sie nicht vom Baum der Erkenntnis naschen sollen und irgendwie erkennt Gott dann, dass sie diese Regel gebrochen haben. Es folgt ein Donnerwetter und der Platzverweis, unter dem wir noch heute leiden."

"Gar nicht schlecht, aber hast du dich mal gefragt, was dieser Baum der Erkenntnis ist, was es mit Apfel und der Schlange auf sich hat?" - "Keine Ahnung, vielleicht steht der Apfel symbolisch für irgendeine verführerische Gabe, die Schlange für ein kriechendes Wesen, der Baum hat irgendwelche Früchte, die besonders toll sind, aber nicht von den beiden geerntet werden dürfen."

Das Grinsen in Saras Gesicht wird immer breiter, offensichtlich hat sie eine andere Lösung oder irgendeine interessante Dechiffrierung auf Lager. "Die total simple Lösung ergibt sich, indem man ein paar Seiten weiterliest. Da findest du Abhandlungen über den Stammbaum der Familie, und immer wieder ist davon die Rede, dass ein Mann seine Frau 'erkennt'. Erkennen steht für Kopulation, die beiden schlafen miteinander, haben Sex, kriegen Kinder. Der Baum der Erkenntnis ist also das männliche Glied, der Apfel steht für die weibliche Brust. Also ein wenig locker erzählt spazieren Adam und Eva durch das Paradies, Eva macht Adam an, der bekommt eine Erektion und um das zu verdecken muss er ganz schnell ein großes Blatt davorhalten. Nutzt aber nichts, erwischt ist erwischt und Sex war als einziges verboten.

Zur Strafe wird das Kinderkriegen ein schmerzhaftes Unterfangen, müssen die beiden das unbeschwerte Paradies verlassen und sich mühsam durch das Leben arbeiten. Eine Rückkehr ist verboten, als Türsteher wurde ein Engel installiert. In heutiger Sprache würde man sagen, um ein Leben im Sinne der höheren Aufsicht zu führen musst du was schaffen, dauerhaftes Herumlungern und Chillen sind verboten."

Ich staune. So habe ich das bislang nicht gelesen. Ziemlich abgefahrene Interpretation, ist das die erotische Phantasie einer Frau, die eine Weile keinen Sex hatte? Oder will sie mich hochnehmen oder anmachen? Andererseits: Es klingt logisch, die Auflösung des Bildes ist in sich konsistent und vor allen Dingen auch in Deckung mit dem Kontext der anderen Bibelstellen. Ich gehe im Kopf noch mal ihre Darstellung durch, sie bleibt plausibel. Noch mal ein Schluck Cappuccino, bei anderer Gelegenheit würde ich mich fragen, ob ich zu viel getrunken habe, vor allen Dingen aber stelle ich mir die Gesichter der Zeugen Jehovas vor, wie sie da brav mit ihrem 'Wachturm' stehen und auf einmal mit unverblümter Erotik konfrontiert werden.

"Einzige Frage für mich", kann ich nach einiger Zeit sagen, "die einzige Frage für mich ist, warum nur du das so siehst, es gibt doch Millionen und Milliarden von Menschen, die diese Texte kennen, sich mit ihnen zum Teil sehr intensiv beschäftigen. Warum habe ich noch nie etwas vom Baum der Erkenntnis in deinem Sinne gehört?" - "Die Frage ist gut, die stelle ich mir auch. Vermutlich ist es ja gerade ein Tabuthema, es so deutlich auszudrücken, und das war auch der Grund, warum es so verklausuliert und in Bilder verpackt aufgeschrieben wurde. Nur, dass die Autoren und vermutlich auch die damaligen Leser oder Zuhörer es ohne weiteres verstanden haben. Wir nehmen es heute wörtlich, und dann kann man Metaphern, Symbolen und Sprachbildern natürlich nicht folgen."

Wie gewohnt verläuft unser Gesprächsthema langsam in Alltagserkenntnisse, wie bei einem Spannungsbogen ist die Haupterkenntnis hinter uns, wir steigen aus dem Olymp langsam herab in die Niederungen des Alltags, das Rauschen der Gespräche an den Nebentischen und der Verabschiedung für unser heutiges Treffen.

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