Montag, 31. März 2025

Und läuft und läuft und läuft

Und läuft und läuft und läuft

In den 1960er Jahren galten Laufleistungen von 100.000 Kilometern für ein Auto bereits als beachtlich. Der VW Käfer mit seiner robusten Technik erreichte in dieser Zeit in manchen Fällen 200.000, vereinzelt sogar 300.000 Kilometer, was damals als sensationell galt. Eine Leistung, die zu der Werbekampagne "Und läuft und läuft und läuft" führte.

Rund 60 Jahre später ist diese Leistung zwar immer noch beachtlich, aber bei weitem keine Sensation mehr. Die meisten aktuellen Autos sind ähnlich lange auf der Straße wie damals die Ausnahmefahrzeuge. Die Messlatte hängt höher, und das nicht nur bei Premiummarken, sondern flächendeckend auch bei billigen Fahrzeugen. Begleitend ist meist aufwändigere Technik im Einsatz und die Erwartung der technischen Überwachung hoch.

Diese Entwicklung beobachtet man in allen möglichen Zusammenhängen, also der Technik, der Arbeitswelt und auch bei Menschen. Vieles wird bei steigender Leistung preiswerter, der Arbeitstakt nimmt zu und die Lebenserwartung steigt. Alles läuft, selbst das, was vor ein paar Jahren noch in ruhigem Schritt gegangen ist.

Längst ist der VW Käfer abgelöst von Vierrädern, die nicht verschrottet werden, weil sie verschlissen sind, sondern weil sie nicht mehr gefallen. Und die Frage nach der Laufleistung wird heute wohl in keinem Autohaus mehr gestellt. Auch wenn an manchen Fronten das Schlagwort "Nachhaltigkeit" eine große Rolle spielt, ist die Haltbarkeit gar nicht so relevant. Was unmodern ist, wird entsorgt; Um die kurzen Zyklen zu vertuschen, wird nach Recycling verlangt und damit auch die Verantwortung für Nachhaltigkeit im Sinne einer langlebigen Nutzung abgewälzt.

Und wir Menschen? Auch hier ist die Lebenserwartung gestiegen, die Erwartung erhöht. Wer in der Partnerschaft nicht mehr gefällt wird ersetzt. Tugenden wie Treue und Verlässlichkeit sind deutlich in den Hintergrund getreten, da eine Trennung als eine Art der Modernisierung empfunden wird. Ein neuer Partner bringt frischen Schwung, den man sonst mühsam selbst erarbeiten müsste.

Nur Nostalgiker oder Oldtimer-Liebhaber kaufen heute noch einen originalen VW Käfer. Und vielleicht gibt es auch bei den Partnerschaften nur noch Idealisten, die den Passus mit der Ende-Bedingung ("bis der Tod uns scheidet") ernst nehmen.

Montag, 24. März 2025

Stichwort: Frust

Da feile ich an meinen Formulierungen, lasse mir wissenswerte Dinge durch den Kopf gehen und verknüpfe sie mit Anekdoten, persönlichen Erlebnissen und Informationen aus der Wissenschaft. Und erreiche damit eine treue Leserschaft, die ich sehr zu schätzen weiß. Ihr zu Liebe suche ich unermüdlich nach Neuigkeiten, schürfe ich im Alltag nach sprachlichem Gold und male in allerlei Farben die schönsten Sprachbilder.

All das ist wunder-voll, lesens- und liebens-wert. Wie merk-würdig fühlt es sich da an, wenn ich aus einer mehr oder weniger spontanen Laune heraus eine Bewertung über ein am Wochenende besuchtes Hotel verfasse und im Internet veröffentliche. Nichts Böses ahnend - ist das Feedback doch sehr wohlwollend - denke ich nicht weiter darüber nach, will fast sagen, habe diese spezielle  Veröffentlichung eigentlich vergessen.

Stichwort: Frust
Und dann bekomme ich Post von Google, in der ich gelobt werde, weil mein Beitrag schon mehr als 5.000 Leser erreicht hat. Von mir, dem einfachen Physiker und Poet wollen so viele Leute wissen, was ich vom Service, dem Frühstücksbuffet und dem Saunabereich halte. Mit wohlrecherchierten Aussagen und Schlussfolgerungen zu neurologischen und psychologischen Fragen erreiche ich im Durchschnitt nur ein Zehntel an Klicks.

Nicht mit nackten Körpern kann man seine Leser und Zuschauer begeistern, denn an der Front sind die Konsumenten ziemlich übersättigt. Auch Anregungen zum Nachdenken stehen nicht allzu hoch im Kurs, ist doch die weiterführende Beschäftigung mit einem Thema möglicherweise anstrengend oder löst einen unangenehmen Perspektivenwechsel mit Tendenz zum Umdenken aus. Etwas zu verkaufen, was nichts kostet, der Angst zu begegnen, selbst das Produkt zu sein und ohne Garantie eines unmittelbaren Nutzens ist ein hartes Geschäft.

Ich stehe im Wettbewerb um Leser, Abonnenten und Neugierige im Internet-Strom nahezu unermesslich vieler Texte, beim Kampf um die wenigen Sekunden Aufmerksamkeit, die der normale Konsument einem Beitrag zu spendieren bereit ist. Informationshungrige und gleichzeitig informationsüberflutete Lebewesen sind Sklaven ihres Limbischen Systems, das in Sekundenbruchteilen über Leben (Lesen) und Tod (Wegklicken) entscheidet.

Hallo, liebe Amygdala, ich bin dein Freund, lass mich an allen Türstehern vorbei in das Zentrum des Denk-Apparates vordringen und erlaube mir, in ihm ein paar spannende Denkprozesse auszulösen.

Montag, 17. März 2025

Moderne Postkutschen

Vor gar nicht so langer Zeit waren die Menschen auf ihren eigenen Körper angewiesen, wenn sie von einem Ort zu einem anderen wollten. Die zwei Beine trugen problemlos bis zum Nachbarort, zu seltenen Gelegenheiten dann auch mal zur Kirchweih in die nächste Stadt. Aber die Reichweite war sehr begrenzt und wer Probleme mit Füßen oder Beinen hatte, der musste zu Hause bleiben.

Ein Pferd oder ähnliche Möglichkeiten, diese Reichweite zu vergrößern war einigen wenigen vorbehalten. Entsprechend war die Erfindung der Kutsche ein sensationeller Schritt in Richtung Mobilität. Zwar waren auch diese Transportmittel für normale Menschen kaum bezahlbar, aber sie boten einen Quantensprung in Sachen Entfernung.

So weit, wie ein Pferdegespann an einem Tag ziehen konnte, war man jetzt mobil. Ab Einbruch der Dunkelheit musste man einen Gasthof ansteuern und dort bis zum nächsten Tag pausieren. Nicht nur die Fahrgäste, auch der Kutscher und erst recht die Pferde brauchten eine Unterbrechung der Fahrt. Gestärkt konnte es im Morgengrauen weitergehen.

Der nächste Schritt war die Einführung von Relaisstationen. Hier wartete ein ausgeruhtes Paar Pferde, vielleicht ein ausgeschlafener Kutscher, bei Bedarf auch eine intakte Kutsche. Die Reisenden mussten nur kurz auf das Umspannen warten, eventuell mussten sie umsteigen. Aber ohne ernst zu nehmende Unterbrechung ging es weiter.

Und dann gab es einen großen Schritt in der Entwicklung. Man baute Automobile, Fahrzeuge, die mit einem Kraftstoff betankt wurden. Keine erzwungene Übernachtung, kein Umsteigen, lediglich seltenes Nachfüllen von Benzin waren erforderlich. Die Reichweite nahm für damalige Verhältnisse beeindruckende Größenordnungen an. Einziges Limit war die Verfügbarkeit von Tankstellen, die Haltbarkeit des Fahrzeugs und das Durchhaltevermögen des Fahrers.

Über Jahrzehnte hinweg blieb die Weiterentwicklung an dieser Stelle stehen. Zwar wurden die Autos robuster, die Bedienung einfacher und die Dichte des Tankstellennetzes nahm zu. Aber grundsätzlich gab es keinen spektakulären Fortschritt. Doch dann kam das Elektroauto. War es anfangs ein Exot wie die damaligen Postkutschen, schuf es sich schnell einen eigenen Raum und Benutzerkreis. Stromtankstellen waren Mangelware, die Reichweite gegenüber den gewohnten Werten erschreckend gering und die Ladezeiten beachtlich.

Doch das schreckte die tapferen Pioniere nicht. Mehr Geld auszugeben für ein Produkt, das deutlichen Komfortverlust, massiv ausgedehnte Vorplanung von Reisen und eine Erhöhung der Unsicherheit bei der Reisedurchführung mit sich brachte, war kein Thema. Wie zu Zeiten der Kutschen waren nun wieder Relaisstationen (E-Ladesäulen), erzwungene Pausen oder gar Übernachtungen und schlimmstenfalls das Liegenbleiben mit leerer Batterie (erschöpften Pferden) wieder in den Alltag gerückt.

Ohne die positiven Aspekte in Frage stellen zu wollen und unter Berücksichtigung der durchaus sinnvollen Anwendungsfälle haben wir es zumindest im Sinne einer allgemeingültigen Lösung eher mit einem Rückschritt als mit einem Fortschritt zu tun. Oder wie es im Kabarett einmal hieß: "Es geht vorwärts, aber nur im Kreise".

Sonntag, 9. März 2025

Mein Sicherungskasten

In meinem Elternhaus gab es im Sicherungskasten nur drei Sicherungen, für jede Etage eine. Machte der Toaster Schwierigkeiten, ging auch das Haustürlicht nicht mehr. Ein Kurzschluss im Badezimmer sorgte für Dunkelheit in Flur und Treppenhaus. Ein wenig differenzierte Absicherung war höchstens für Sonderfälle wie den Elektroherd vorgesehen.

In neuen Häusern ist das völlig anders. Fast jede Steckdose und jede Lampe hat ihren eigenen Automaten. Brennt eine Glühbirne durch und löst die Sicherung aus, dann ist der Rest des Zimmers immer noch beleuchtet, der Fernseher läuft noch und die Steckdosen sind auch noch verwendbar. Kleinteilig wird fast jeder Verbraucher einzeln abgesichert. Abgesehen von mehr Sicherungen und Verteilerkästen erkauft man diese Differenzierung auch mit mehr Verkabelung.

Wie sieht es denn eigentlich im "eigenen" Sicherungskasten aus? Wie leicht brennt bei mir eine Sicherung durch und was fällt dann alles aus? Jeder Mensch hat eine Art Unterverteilung für wichtige Körperfunktionen, die sozusagen getrennt abgesichert sind. Wem eine Handlung missfällt, der atmet im Normalfall unverändert weiter (wenn auch vielleicht schneller oder intensiver). Aber ob der Ärger im Büro auch auf meine Freizeit durchschlägt und mir den ganzen Tag versaut, das ist nicht nur individuell unterschiedlich, sondern auch bis zu einem gewissen Grad steuerbar.

Und noch eine Parallele zum elektrischen Sicherungskasten. Gibt es nur wenige Hauptleitungen und sind diese bereits am Limit der Leistungsgrenze, dann bedarf es gar keines Kurzschlusses, um die Sicherung "herausfliegen" zu lassen. Wer bereits unter Spannung steht, der rastet viel leichter aus, als eine Person, die selbst unter einer gewissen Last noch im emotionalen Leerlauf unterwegs ist.

Es erfordert bewussten Umgang mit seiner Denkwelt, um eine Trennung einzelner Felder hinzubekommen, eine Unterverteilung für Beruf und Privatleben zu etablieren und darin wiederum einzelne Domänen gegeneinander abzugrenzen. Wenn der Chef mich ärgert, sollte ich das nicht unbedingt bei der anrufenden Kundin auslassen.

Zum Abschluss noch: Während eine elektrische Sicherung sich im Normalfall nicht von alleine wieder einschaltet, gibt es in unserem Gehirn Mechanismen, die nach mehr oder weniger kurzer Zeit für einen Reset führen. Wir haben uns beruhigt, können wieder klar denken. Doch in beiden Fällen ist es möglich, einzugreifen und den Normalzustand (nach Behebung des Auslösers!) wieder einkehren zu lassen.

Mittwoch, 5. März 2025

Asche zu Asche

Unser Leben ist eingebettet in wiederkehrende Prozesse. Wir steigen im Tagesrhythmus mit Aufgang der Sonne aus dem Bett, durchleben die Arbeitswoche mit ihren An- und Entspannungen und natürlich müssen wir uns mehr oder weniger deutlich an die Jahreszeiten anpassen.

Jetzt ist also Fastenzeit, eine Phase, in der die Menschen körperlich und geistig in einen Ausnahmezustand kommen oder kommen wollen. Von innerer Einkehr ist die Rede, aber auch Verzicht scheint eine wichtige Rolle zu spielen.

Je nach Glaubensrichtung sind rund 40 Tage dieses Ausstiegs aus dem Alltag vorgesehen, danach der gefeierte Abschluss und dann geht es weiter wie vor der Fastenzeit. Eine Art Diätprogramm mit definiertem Ende, wovon wir ja den Jojo-Effekt kennen. Nimmt ab Ostern dann wieder die Un-Achtsamkeit, vielleicht die Rücksichts-Losigkeit zu? Trinken wir dann doppelt so viel Alkohol, um den Verzicht der vergangenen Wochen zu kompensieren?

Sicher ist ein bewusster Verzicht, vielleicht auch mit einer gewissen Signalwirkung nach außen getragen, ein respektabler Antritt. Und gewiss ist es dem Körper auch egal, warum er mal einige Wochen nicht mit Alkohol oder Nikotin belastet wird, Hauptsache, das Gift bleibt draußen.

Aber wie viel wichtiger ist es, diese Umstellung dauerhaft zu betreiben, nicht nur ein paar Tage und unter Betonung der inneren Stärke und Konsequenz. Leider kommt uns an dieser Stelle ein Phänomen in die Quere, das nur durch eine von höherer Instanz aufgerufene Fastenzeit ausgehebelt werden kann: Ehrungen und Orden gibt es nur für Taten, nicht für Nicht-Taten.

Wer offiziell gelobt werden möchte, der tut dies im Idealfall genau jetzt. Asche gehört nun mal zu Asche, wenn alle irgendwas Gutes tun, dann ergibt sich ein Kollektiveffekt, den man für sich nutzen kann.

Wer dauerhaft etwas an sich tun möchte, der sollte die Fastenzeit eher dafür nutzen zu überlegen, wie er sie – gegebenenfalls in modifizierter Form – in den Alltag integriert. Das sollte dann den von Diäten bekannten Jojo-Effekt vermeiden.

Sonntag, 23. Februar 2025

Schau mich mal an!

Immer wenn ich durch den Hauptbahnhof eile, fällt mir auf, wie viele Fahrgäste nach oben, unten, seitlich gucken. Nur nicht nach vorne. Sicher, wenn ich im Voraneilen die Bahnsteiginformationen lesen muss, nach dem Seitenausgang Ausschau halte oder ins Gespräch mit einem Anderen vertieft bin: Dann ist das schon nachvollziehbar. Aber in vielen Fällen steckt eine andere Intuition dahinter.

Schau mich mal an
Rumms, läuft ein Passant gegen mich, der bis gerade auf den Boden geschaut hat. Wütend sieht er mich an "Können Sie nicht ausweichen?" faucht er. Naja, zu so einer Kollision gehören zwei Parteien, warum hätte ich ausweichen müssen? Ganz einfach: Weil er mich ja nicht gesehen hat, konnte er ja nicht, denn schließlich war sein Blick auf den Boden gerichtet. Da ich nun wiederum den Bereich vor mir registriert habe, wäre es logischerweise an mir gewesen beiseite zu treten.

Was auf den ersten Blick zwingend konsequent erscheint, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als trügerisch. Wenn mein Gegenüber vorsätzlich nach unten gesehen hat, um seinen geradlinigen Weg zu erzwingen, dann sieht die Sache anders aus. Man kann ihm ja nicht vorwerfen, dass er mich absichtlich gerempelt hat, wohl aber, dass er absichtlich weggeschaut und damit mich zum Ausweichen gezwungen hat.

Auch mit Träumern kann man leicht zusammenstoßen. Früher hätte man sie als Hans-Guck-in-die-Luft bezeichnet, heute sind diese Menschen in die Betrachtung ihres Handys vertieft. Mehr oder weniger wichtige Inhalte wollen angeschaut oder mitverfolgt werden. Das scheint auch keinen Aufschub zu dulden oder auf die Fortbewegung in weniger belebten Umgebungen warten zu können.

Unabhängig vom Auslöser und der Intention bin aber am Ende ich der Gelackmeierte. Da meine Sinne wach sind, ich keine hochpriore Kommunikation führen muss und auch nicht in eine andere Richtung schaue, darf man von mir erwarten, dass ich den Weg freimache. Immer wieder, auch beim Passanten dahinter und überhaupt gegenüber dem gesamten Menschenstrom, der sich mir entgegenwälzt.

Bin ich erst mal ausgewichen, werde ich zunehmend zur Flipperkugel zwischen den hin- und herlaufenden Personen. Fast möchte ich den Gesichtsausdruck des Gegenverkehrs so interpretieren, dass ich begründen muss, warum das bisherige Ausweichen nun auf einmal nicht mehr stattfindet. Meinem Vordermann bist du ausgewichen, warum springst du mir nicht auch aus dem Weg?

Die Schwarmintelligenz führt dazu, dass sich ein geeigneter Lösungsansatz herumspricht, Schule macht und mit der Zeit zu einem Kulturgut entwickelt. Egal, ob ich es eilig habe oder nicht, einfach zu Boden schauen und voranstürmen. In Abwandlung des Spieles in meiner Jugendzeit („Wer bremst verliert“) kann man hier sagen: Wer aufschaut, muss mit Gegenverkehr und Kollision rechnen.

Montag, 17. Februar 2025

Stichwort: Stolz

Stichwort: Stolz
Ich bin schon stolz, ein Deutscher zu sein. Ich wurde hier geboren, meine Eltern leben in einer Gegend, die man von Grenzen umgeben als "Deutschland" bezeichnet, und ich habe mein bisheriges Leben im Wesentlichen auch hier verbracht. Das ist sicher eine tolle Leistung. Wie auch mein Aussehen, auf das ich auch sehr stolz bin, denn von Geburt an bin ich gerade gewachsen, habe ein freundliches Gesicht, einen wohlgeformten Körper und weitgehend glatte Haut. Gewiss auch dies eine Leistung, die anerkennenswert ist.

Ironie? Ja, natürlich! Was sich durch Zufall ergeben hat oder mir durch irgendwelche Mechanismen wie Erbgut in die Wiege gelegt worden ist, das ist ja weder von mir beeinflusst worden noch habe ich irgendwas dazu beigetragen. Ich habe es einfach so empfangen, habe vielleicht "Glück gehabt". Dieses Glück kann ich durchaus genießen, mich an den Tatsachen wie Geburtsland oder Körperbau erfreuen. Aber mit welcher Begründung dürfte ich darauf stolz sein?

Ein Blick auf Kinder. Wenn sie auf die Welt kommen, können sie nicht viel mehr als atmen, strampeln und verdauen. Aber über mehr oder weniger komplexe Mechanismen eignen sie sich im Laufe der Entwicklung allerlei Fähigkeiten an. Sie lernen zu kommunizieren, können sich nach einiger Zeit auf zwei Beinen fortbewegen und später dann in Gemeinschaften einbringen. Das sind Fertigkeiten, die sie sich zum Teil recht mühsam und in einem aufwändigen Feedback-Prozess selbst erarbeitet haben. Worauf sie stolz sind: "Schau mal, Papa, ich kann schon ..."

Ein Kind ist zunächst auch gar nicht stolz auf sein Vaterland, sein Aussehen oder irgendwelche anderen zufälligen Fakten. Was zählt, ist die eigene Leistung, das selbst Erreichte und das daraus resultierende Feedback. Und genau das müssen wir uns auch als Erwachsene erhalten. Wer sich nur umschaut und erwartet, dass andere Individuen oder eine Gesellschaft etwas voranbringt, der hat kein Recht, auf diese Fremdleistung stolz zu sein. Wenn Politiker im Wahlkampf also ein Land versprechen, auf das man "wieder stolz sein kann", dann wird den Wählern die Verantwortung für das Erreichen dieses Zieles abgenommen. Vielmehr wird eine unrealistische Konsumentenhaltung propagiert, in der viele Bürger sich wohl fühlen und am Ende das Versprochene einklagen.

Bringt unser Land (in seinen in gewissem Sinne zufällig und historisch gewachsenen Grenzen) nicht die Performance, auf die wir stolz sein können, dann liegt es nicht an einem Mangel bei der arbeitenden Bevölkerung, sondern an den Politikern. So zumindest die Sicht der Wähler, die dem Slogan gefolgt sind. Und natürlich wollen sie ihren Stolz nicht mit denen teilen, die zufälligerweise in einem anderen Land zur Welt gekommen sind. Wenn ich mir ein tolles Auto gekauft habe, will ich ja auch nicht, dass mein Nachbar stolz darauf ist.

Um ein wirtschaftlich erfolgreiches Land zu haben, müssen wir auf die Lieferanten schauen. Und das sind nicht die Politiker, sondern die Bürger, nämlich jeder einzelne von ihnen. Der Slogan müsste also eher heißen: "Schafft ein Land, auf das wir stolz sein können - wir helfen euch dabei."