Dienstag, 20. Januar 2026

Die Botschaft der Gelben Tonnen

Die Botschaft der Gelben Tonnen
Wie schön sie dastehen, zusammengekuschelt bei der Kälte. Die Gelben Tonnen machen uns vor, wie Gesellschaft funktionieren kann. Da stehen in trautem Einvernehmen die alten Tonnen, die seit Wochen geduldig in Schnee und Regen auf ihre Abholung warten. Sie sind an Sammelpunkten zusammengekommen, vermutlich diskutieren sie ihre ungewisse Zukunft.

Denn es ist aus ihrer Sicht ja weder klar, wann sie abgeholt werden, noch wohin sie kommen und was dann aus ihnen wird. Nur gut, dass in dieser trüben Lage die neuen Tonnen dazugekommen sind. In gewisser Weise sind sie ja auch Leidtragende, denn wenngleich ihre Zukunft etwas klarer zu sein scheint, ist ihre Entleerung überfällig.

Vereinzelt könnten sie in Depressionen über die Sinnlosigkeit ihres Daseins geraten, wäre da nicht der Trost der Gruppe, der auch sie umfängt und Ihnen Hoffnung und Mut macht. Das Lied von Zarah Leander macht die Runde („Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n“) und auch wenn man im eisigen Wind nur das Klappern der gelben Deckel hört, bin ich ganz sicher, dass sowohl K+R als auch Remondis das Lied hören und tatsächlich eines Tages aktiv werden.

Möglicherweise muss sich aber auch erst eine höhere Instanz einschalten, muss das Innenministerium die Gefahrenlage hochstufen und die zum Teil vermummten Tonnen als Bedrohung der nationalen Sicherheit klassifizieren. Keinesfalls sollten wir uns wundern, wenn in den nächsten Tagen Sondereinsatzkommandos gebildet und mit der Räumung beauftragt würden.

Doch am Ende stellt sich die Frage, ob die Gelben Tonnen nur ein Sinnbild für unser Leben, unsere Fremdbestimmung sind. Wie wir behandelt werden, wenn wir keinen Müll mehr aufnehmen, vergessen am Straßenrand stehen? Und wie wichtig ist die Botschaft, die uns die Entsorgungsbetriebe hier mitgeben, dass nämlich Gemeinschaft und Zusammenstehen gerade in schwierigen Zeiten elementar wichtig sind.

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Lies auch, wie alles begann: "Der Prozessionsweg der Gelben Tonnen"
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Montag, 19. Januar 2026

Eure Nicht-Planung geht auf meine Kosten

Das Telefon klingelt. Es meldet sich die Spedition, die einen Blumenkasten zu mir bringen soll. „Wir kommen am Mittwoch zu Ihnen und liefern Ihnen die Ware.“ – „Oh“, sage ich, „Mittwoch passt bei mir leider gar nicht. Geht ein anderer Tag?“ – „Ja, natürlich. In der darauffolgenden Woche. Aber da wird es dann Freitag.“ Ich stöhne innerlich, denn ich warte ohnehin schon mehrere Wochen auf den Blumenkasten, also: „Ok, dann also der vorgeschlagene Mittwoch. Wann kommt der Spediteur?“ – „Zwischen 8 und 12 Uhr.“ – „Können Sie es mir nicht etwas genauer sagen? Vielleicht plus minus eine Stunde?“ – „Leider nicht, aber der Fahrer ruft Sie vorher an.“

Nun, jeder erfahrene Speditionskunde weiß, dass die Fahrer eigentlich nie anrufen. Sie stehen einfach vor der Tür. Und auch das angegebene Zeitfenster – egal, wie groß es ist – wird gerne noch ein wenig erweitert. In meinem Fall sollte ich ab 7 Uhr bereit sein und mich auch nicht übermäßig wundern, wenn der Laster kommentarlos erst am nächsten Tag vor der Tür steht.

Warum ist das eigentlich so? Der Fahrer bekommt doch eine Route vorgegeben, man kann Erfahrungswerte zum Abladen und Fahrzeiten zwischen den Stationen berücksichtigen, ein paar Pausen und zeitliche Puffer einkalkulieren. Fast minutengenau könnte man damit vorhersagen, wann das Fahrzeug vor meiner Haustür ankommt. Aber um sich nicht festlegen zu müssen, wird alles offengehalten und werden etwaige Planungsmängel an mich abgewälzt.

Eure Nicht-Planung geht auf meine Kosten

Nur bei Speditionen? Leider nein. Ohne es explizit zu merken, ist das auch bei Arztbesuchen nahezu die Regel. Wer brav eine Viertelstunde vor dem Termin in der Praxis sitzt, kann sich per Standard auf eine mehr oder weniger lange Wartezeit einrichten. In manchen Praxen geht es weitgehend pünktlich zu, aber in anderen kann es auch Stunden dauern. Immer. Und ich habe noch nie einen Arzt erlebt, der auf mich gewartet hätte.

Und so geht es munter weiter, durch alle Situationen des Lebens. Egal, ob Finanzamt, Produktion von Einzelanfertigungen, Anfragen bei Handwerkern und Dienstleistern. Nichts Genaues weiß man nicht, nimmt halt einen Tag Urlaub oder plant die eigenen Termine flexibel um. Während sich eine Seite das Leben leicht macht leiden alle anderen Betroffenen unter der Nicht-Planung.

Das wirklich Fiese: Gegen diese Form der Risikoverlagerung ist kein Kraut gewachsen. Nur mit Gewalt und gegen massiven Widerstand kann man seine eigenen Interessen durchsetzen. Beleidigtsein auf der Gegenseite eingeschlossen, die sich in ihrem „New-easy“ ganz wohlig eingerichtet hat und die eventuell winkende Mehrarbeit nur höchst ungern annimmt. Lieber an einer kreativen Liste der Ablehnungen und Ausreden arbeiten, die von Datenschutz über Weisung-von-oben bis zu unvorhersehbaren Notfällen reicht. Und die schnell Schule macht.

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Montag, 12. Januar 2026

Aussetzer beim Intervallfasten

Da habe ich nicht schlecht gestaunt. Las ich doch dieser Tage einen kleinen Bericht im Januar-Heft der Stiftung Warentest über die aktuellen Erkenntnisse zum Intervallfasten. Kurz gesagt zeigen neue Studien:

1. Man kann mit Intervallfasten abnehmen, aber der Effekt kommt daher, dass man weniger isst, also in Summe weniger Kalorien zu sich nimmt.
2. Blutzucker, Cholesterin und Entzündungsmarker zeigen sich von Intervallfasten unbeeindruckt.
3. Intervallfasten verschiebt die innere Uhr.

Die Ergebnisse finde ich nicht gerade überraschend, in der Reihenfolge ihrer Nennung habe ich sie schon vor Jahren so kommuniziert und fühle mich jetzt nur bestätigt.

Aussetzer beim Intervallfasten

Was mich aber staunen lässt ist zum einen, warum diese Darstellung erst mit über zehn Jahren Verzögerung nach dem großen Hype auftauchen. Und zum anderen, wenn ich lese, warum die neuen Studien von den alten abweichen.

Da wurden bislang zum Nachweis der Effekte Beobachtungen von Tierexperimenten auf Menschen übertragen. Warum eigentlich, frage ich mich. Es bestand doch keine Gefahr, die Methode direkt bei homo sapiens zu verproben.

Und eine überaus naheliegende Voraussetzung wurde nicht oder zu wenig beachtet. Wenn ich auf die Betrachtung der Kalorien pro Tag verzichte, dann vergleiche ich Äpfel mit Birnen. Ähnliche Fehleinschätzung habe ich übrigens auch bei Trennkost beobachtet. Bei beiden Methoden nimmt man natürlich ab, wenn man insgesamt weniger Verwertbares zu sich nimmt, schlichtweg weniger isst.

Auf der Basis solcher Untersuchungen kann man dann sträflich unwissenschaftlich, aber griffig und gut verkäuflich irgendwelche haltlosen Behauptungen in die Welt setzen, die sich sehr schnell verselbstständigen. Eine Studie eifert der anderen nach, in manchen Fällen mögen sogar (wirtschaftliche) Interessen dahinterstecken.

Und damit es nicht zu plump aussieht, werden für Laien nicht wirklich nachvollziehbare Logikstrukturen präsentiert und Begründungen veröffentlicht. Da heißt es dann:
„Intervallfasten funktioniert, indem es dem Körper längere Pausen ermöglicht, in denen er 
-> zuerst Zucker- und dann Fettreserven zur Energiegewinnung nutzt, 
-> den Insulinspiegel senkt und 
-> so die Fettverbrennung ankurbelt. Zudem werden 
-> zelluläre "Selbstreinigungs"-Prozesse (Autophagie) angeregt, 
-> die Zellen verjüngen, 
-> die Insulinsensitivität verbessern und 
-> Entzündungen reduzieren können, was auch 
-> den Stoffwechsel und die allgemeine Gesundheit positiv beeinflusst.“

Wer kritisch ist, kann diese Darstellung mal Punkt für Punkt nachprüfen und findet eine Reihe von nur auf den ersten Blick plausiblen Statements, die sich als freche Behauptungen herausstellen. Und beim Durchlesen kann man auch gleich noch die Aussetzer bei Logik und Statistik entlarven. Wir brauchen offensichtlich gar keine „Fake news“ aus dem Ausland – das schaffen wir schon selbst.

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Montag, 5. Januar 2026

Mein Leben als Return-on-Invest


Mir war gar nicht klar, dass ich durch meine Geburt unter die Investoren gegangen bin. Seit dem ersten Schrei investiere ich, mal Gefühle, Zeit, Energie, später dann auch Geld. Und in jedem Fall kommt etwas zurück, mal in derselben Währung, mal in einer anderen.

Das für meine Mutter gemalte Bild wird mit liebevollem Streicheln quittiert, meine Mitgliedschaft im Sportverein gibt mir körperliche Fertigkeiten und durch die Essenseinladung meiner Angebeteten komme ich meinem Liebesziel näher.

Also, ich investiere. Aber wie sieht es mit der Gegenleistung aus, lohnt sich das überhaupt? Sind es gute Investitionen, was sagt die Bilanz zum Return-on-Invest? Ob sich der Cocktailabend für eine Liebesnacht rechnet oder ein Bordellbesuch billiger wäre lässt sich noch recht gut kalkulieren. Aber wie sieht es mit Gefühlen aus, die ich in einen Mitmenschen investiere? Kann ich einen Return erwarten, wie könnte ich ihn messen? Und ist er überhaupt ein Ziel für mich?

Mein Leben als Return-on-Invest

Ziemlich philosophische Frage. Steuere ich mein Leben nach dem, was ich für meinen – wie auch immer gearteten – Einsatz zurückbekomme oder biete ich etwas an, gehe verschwenderisch mit Liebe oder Engagement für Mitmenschen und Arbeit um und nehme entgegen, was ohne explizite Aufforderung als Gegenleistung kommt.

Wer diese Lebenssteuerung allzu naiv betreibt, der wird ausgenutzt. Niemals danach zu fragen, wie das Verhältnis zwischen eigener (Vor-) Leistung und Gegenleistung aussieht ruft Menschen auf den Plan, die dies gezielt für sich verwenden und es oft obendrein an Wertschätzung mangeln lassen. In anderem Zusammenhang würde man vielleicht auch von Schmarotzern sprechen.

Wer andererseits stets seinen eigenen Nutzen im Fokus hat, darauf achtet mindestens so viel zu erhalten, wie abgegeben wurde, der rutscht leicht in die soziale Isolation und wird bei der Zusammenarbeit als Egozentriker gemieden.

Die Lösung liegt damit auf der Hand. Sozusagen von der Seitenlinie kann man sein Leben mitverfolgen, die eigenen Handlungen und Entscheidungen registrieren und sowohl den Invest als auch den Return für sich zur Kenntnis nehmen. Inwieweit man daraus Änderungen oder gar seine Lebensstrategie ableitet, ist ein zweiter Schritt, den man bewusst gehen muss.

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Montag, 29. Dezember 2025

Der Prozessionsweg der Gelben Tonnen

Der Prozessionsweg der Gelben Tonnen

Neuester Streich ist der Wechsel der Mülltonnen. Schon Mitte Dezember stand die neue gelbe Tonne vor dem Haus, ein Aufkleber „nicht verwenden vor 01.01.“. Ein paar Tage später wurde dann die alte Tonne noch einmal geleert und mit dem Aufkleber „Dieser Behälter wird abgeholt! Bitte stellen Sie ihn an der Straße bereit.“ versehen. Ohne Datum, also irgendwann. Inzwischen war Weihnachten, in der ganzen Gemeinde stehen die alten Tonnen auf der Straße.

Es sieht schön aus, wie der Schmuck bei der Fronleichnams-Prozession. Entlang der Straßen stehen alle paar Meter gelbe Objekte, die der dunklen Jahreszeit eine fröhliche Note verleihen. Viel öfter sollten die Tonnen getauscht und mit wechselnden Farben versehen werden. Alternativ könnte man ein Kunstprojekt für die Jugendlichen daraus machen. Monatliche Sprayer-Wettbewerbe auf den Mülltonnen, mal in diesem, mal in jenem Straßenzug.

Überhaupt sollte man die Bürger stärker einbinden. In Zusammenarbeit mit Vereinen könnte jeder Bewohner seine Tonne zu einem Sammelplatz bringen, Glühweinstand und Würstchen würden für die Ergänzung der Dienstleistung des Entsorgungsbetriebes entlohnen. Gelebte Nachbarschaft, man muss nicht immer nach der öffentlichen Hand verlangen.

Oder die Ortskirche involvieren, sternförmig entlang der gelben Stationen zur Kirche pilgern, den Rheingau-Taunus-Kreis lobpreisen und demütig für die Abholung beten. Die zeitgemäße Wiederbelebung alter Traditionen als Element der deutschen Kultur verstehen.

Schließlich wäre auch die Verlängerung der Übergangsfrist sehr schön, zum Beispiel die Zusammenlegung mit der Abholung der Christbäume. Das könnte die Jugendfeuerwehr übernehmen und neben dem Transport der nadelnden Gehölze eine kleine Spende für die Reinigung der ausgemusterten Tonnen entgegennehmen.

Nur Miesepeter werden sich über die herumstehenden Tonnen ärgern, nur Pedanten daran stoßen, dass kein Abholtermin genannt wurde. Pessimisten sehen das Management der Tonnen als Zeichen für den Niedergang der Gesellschaft, besorgte Bürger suchen Rat bei der Gemeinde.

Und dann gibt es noch diejenigen, die sich darüber wundern, wie einem Blogger dieses Thema 305 Wörter wert sein kann.

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Montag, 22. Dezember 2025

Oh, sorry, das hab ich wohl überlesen

Werfen wir mal einen Blick in die Statistik. Waren es vor einigen Jahren eher seltene Fälle, bei denen ich keine oder eine zu späte Antwort bekam, ist der Anteil inzwischen auf rund 10 Prozent gestiegen. Das hört sich wenig an, aber bei einem täglichen Mailvolumen von 50 E-Mails bleiben immerhin 5 davon unbeantwortet oder die Antwort kommt so spät, dass ich sie nicht mehr verwenden kann.

Und leider greift auch hier der Zinseszins. Am zweiten Tag sind es schon 10 Nachrichten, unter Abzug der aussortierten oder frustriert gelöschten am dritten Tag immerhin 12 und so weiter. Es bildet sich mit der Zeit ein Morast an Unbeantwortetem, Nachzufragendem, Veraltetem.

Das hab ich wohl überlesen
Wie kommt das? Frage ich nach, dann wird mir mit wenig schlechtem Gewissen mitgeteilt, dass die Zeit einfach nicht gereicht habe, die Arbeitslast zu hoch sei. Eine Grundeinstellung, die mittlerweile schick zu sein scheint, denn auch an mir geht die zunehmende Verdichtung nicht spurlos vorbei. Trotzdem gelingt es mir bis auf seltene Ausnahmen, jede E-Mail kurzfristig zu bearbeiten. Was mir leichter fiele, wenn sie beim Empfänger dann auch gelesen und bearbeitet oder weitergespielt würde.

Als zweiter Punkt höre ich dann - zum Teil mit vorwurfsvollem Unterton - dass sich die Person entweder gar nicht angesprochen gefühlt hat oder zumindest nicht erkannt hat, dass sie etwas machen sollte. Oder nicht wusste, wie oder was sie machen sollte. Warum nachfragen, wenn der Absender sicher noch mal nachlegt, sofern er keine Antwort bekommt. Der Absender degradiert zum Bittsteller, würden die Kollegen das auch machen, wenn sie Post vom Vorstand bekämen?

Das muss ich - dritte Ausrede - überlesen haben. Ja, jetzt wo ich nachfrage und den Punkt noch mal herausarbeite, die Textstelle markiere und auf eine Antwort dränge, ja, jetzt wird mein Antritt klarer. Aber wieso steht das erst im zweiten Satz oder unter dem erläuternden Screenshot? Ich freue mich, weil meine E-Mail zumindest geöffnet wurde, aber leider hat es nicht gereicht, sie auch nur bis zum zweiten Satz zu lesen.

Wenn jemand denkt, damit wären die Fälle beschrieben und nach Klärung würde es jetzt weitergehen: Weit gefehlt. Selbst wenn die Gegenseite die E-Mail nach Aufforderung gelesen, die Botschaft verstanden, den Auftrag angenommen und mir einen Zieltermin für die Lieferung genannt hat, ist nicht zwingend zu erwarten, dass ich wirklich etwas bekomme.

Erneut landet mein Postausgang in der Wiedervorlage, unter Verweis auf unerwartete Umstände oder den durch meine Nachfrage unter Druck genannten unrealistischen Termin geht es nach wie vor nicht weiter. Zum Teil geht das dann in die zweite, dritte, vierte Runde. Was zeigt, dass in vielen Fällen andere Randbedingungen hinderlich sind, weniger die vorgebliche Arbeitslast.

Ich spreche von der Konsequenzlosigkeit, die die Motivation und Priorisierung der Bearbeitung negativ beeinflussen. Garniert mit dem Nachlassen eines kollegialen Verständnisses, denn jede nicht erledigte Arbeit und jede Nachfrage erzeugt ja auf meiner Seite wieder Zusatzaufwand.

Ein Weg aus dem Dilemma wäre die Vorgabe eines Zeitrahmens für Reaktionen auf E-Mails, die Anweisung, dass jeder Posteingang innerhalb von zwei Werktagen zu beantworten, bearbeiten oder weiterzuleiten ist. Das geht allerdings nicht als einfache Order, die den Mitarbeitern übergestülpt wird. Schnell bilden sich diverse Umgehungsstrategien aus, die Ausreden werden geschickt angepasst.

Vielmehr braucht man einen Kulturwandel, muss behutsam wieder zurückdrehen, was sich da als Mode etabliert hat. Es ist schon auffallend, mit welcher Energie sich manche Menschen bei einer Tasse Kaffee ausführlich über ihre unerträgliche Arbeitsmenge beschweren, nach Rückkehr an den Arbeitsplatz aber keine Anstalten machen, dieser Menge auch Herr zu werden. Kollegen als Partner für einen gemütlichen Kaffeeklatsch gerne, als Informationsbedürftigen oder gar Anforderer ungerne. Auf dieser Mikroebene lässt sich die soziale Struktur, der Umgang mit- und füreinander wieder auf ein Niveau zurückführen, von dem letztlich alle profitieren.

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Montag, 15. Dezember 2025

Wind und Segeln und Leben

Als die Menschheit die Fortbewegung mit Windkraft entdeckt hat, wurde schnell klar, dass hierzu eine gewisse Fertigkeit notwendig ist. Man kann nicht einfach eine Fläche (Segel) in die Luft halten und erwarten, dass es in die gewünschte Richtung geht. Vielmehr muss das Segel gegenüber der Bewegungsrichtung drehbar sein und das Objekt (Schiff) muss sich überhaupt bewegen lassen und einen gewissen Kurs fahren können. Letzteres ist nur möglich durch den Einsatz einer Finne oder eines Schwertes in Kombination mit dem Ruder.

Überraschende Erkenntnis der Segler ist dabei, dass der schnellste Kurs nicht etwa der Vorwindkurs (also in Windrichtung) ist, sondern der etwas schräg zu diesem ausgerichtete Raumwindkurs. Begründung: In dieser Konstellation sind die Segel breiter gefächert als beim Vorwindkurs und der Fahrtwind (!) kann besser an ihnen vorbeistreichen.

Und man kann auch vorankommen, wenn der Wind aus Richtung des Zieles kommt, man also Gegenwind hat. Der Segler fährt dann Zickzack schräg gegen den Wind (Amwindkurs) und nähert sich so nach und nach dem Ziel.

Wind und Segeln und Leben

Analogien für den Alltag

Man braucht Wind

Ohne Energie geht gar nichts, entweder kommt sie von außen, also von anderen Menschen oder von innen. Sein eigenes Leben zu verändern, seine Position zu verlassen oder etwas neues anzugehen erfordert in jedem Fall Kraft. Manchmal kommt der Lebenswind unvermittelt, zum Beispiel durch Kündigung einer Stelle oder Ende einer Partnerschaft. Dann wird man zur Bewegung gezwungen. Oder man hat den Wunsch nach Veränderung und macht sich auf einen mehr oder weniger mühsamen Weg.

Man braucht ein Segel

Ohne Entgegennahme der Energie aus dem Wind bleibt man trotzdem auf der Stelle stehen oder wackelt und wankt lediglich im Luftzug. Sich der anstehenden Bewegung zu stellen, egal ob man sie selbst initiiert hat oder sie extern aufgedrückt wird, sie als gegeben zu akzeptieren und auf sie einzulassen. Veränderung heißt immer ein Verlassen der aktuellen Position, was nahezu immer mit einem Übergangszustand einhergeht, der unkomfortabler ist als gewohnt.

Man muss sich bewegen wollen / können

Veränderung ist Chance, bekommen wir immer erzählt. Nun ja, das ist nicht immer der Fall, aber wenn sie nun mal ansteht ist es besser, sie mitzumachen und bestmöglich mitzugestalten. Bei den von außen eingeleiteten Bewegungen ist es also mehr oder weniger der Wille, bei den inneren Veränderungswünschen ist es eher das Können. Wieviel Gestaltungsspielraum man für die Veränderung hat ist sehr unterschiedlich, aber die Frage ist nach der Einschätzung und dem Ausnutzen des Rahmens.

Man braucht eine Stabilisierung

Wenn man bei einem Schiff das Schwert einfährt und das Ruder freigehen lässt, erhält man einen Schlingerkurs oder eine Drehbewegung auf der Stelle. Eine zielgerichtete Fahrt ist nicht möglich und so ist es auch im Leben, wenn man allen Impulsen nachgeht, kein Lebensziel hat oder andere Orientierungen. Auch ein vertrauter Mitmensch oder Partner kann diese Funktion übernehmen, bei Karriereschritten beraten oder Empfehlungen zu Veränderungen geben.

Man muss lenken können

Ohne Ruder geht es nicht, auch die Ausrichtung der Segelflächen spielt eine Rolle. Und neben der Navigation ist auch der Rudergänger ein wichtiger Teil des Teams. Es genügt nicht zu wissen wo man hinwill, auch die Bestimmung der Windrichtung, die Nutzung der Energie oder der Gunst der Stunde sind zwar notwendig, aber nicht hinreichend. Man muss dieses Ziel auch verfolgen können, eventuell ein wenig manövrieren, wenden und halsen und überhaupt auch Hindernissen ausweichen können. Nicht gerade selten wechselt der Wind auch seine Richtung, kommt die Unterstützung im Leben von anderer Seite, muss der fest eingeplante Teampartner ersetzt werden.

Der schnellste Kurs ist nicht mit dem Wind

Stellt sich ein Erfolg ein, dann hat man es in vielen Fällen auch gleich mit Neidern zu tun. Die Unterstützer sind dann zwar immer noch hilfreich, aber die offenen oder verdeckten Gegenspieler treten deutlicher in Erscheinung. Hier kann es sinnvoll sein, eher im Schatten zu agieren, also die großen und sichtbaren Erfolge einer anderen Person zu überlassen, die dann im Rampenlicht steht. Im Endeffekt kommt man so schneller an sein Ziel, jedenfalls aber mit geringerem Energieaufwand.

Man kann auch bei Gegenwind vorankommen.

Nur weil es auf direktem Weg nicht geht, heißt es nicht, dass man sein Ziel nicht erreichen kann. Analog zum Zickzack-Kurs des gegen den Wind segelnden Bootes muss man Zwischenziele anpeilen, die zwar in Richtung des Fernzieles liegen, aber nicht auf direkter Linie. Im beruflichen Umfeld spricht man von Quereinsteigern, kennt man die Chance, die Praktikanten oft eingeräumt werden oder Einsätzen in Nachbarabteilungen, bei denen man sich profilieren kann. Im privaten Umfeld kann es die Kontaktaufnahme über einen Freund sein oder die Verfolgung eines gemeinsamen Hobbys.

Der Wind ist dein Freund

Am Ende gilt jedenfalls die alte Segler-Weisheit "Der Wind ist dein Freund", er kann dich befördern, er kann dich auch umwerfen. Nimm ihn als guten Partner, es ist sinnlos, sich ihm entgegenzustellen.

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