Montag, 25. März 2024

Von draußen und drinnen

Ein besonderes Erlebnis ist die Erfahrung als Autofahrer, wenn man in erheblich unterschiedlichen Autos am Steuer sitzt. Solange ich in einer Limousine, besser noch in einem SUV sitze, dann werde ich von meinen Partnern im Straßenverkehr ernst genommen. Wechsele ich in ein deutlich kleineres Fahrzeug, dann schmilzt der Respekt dahin.

Der Zusammenhang zwischen Autogröße und dem Verhalten meines autofahrenden Umfelds ist mir am Anfang gar nicht so aufgefallen. Ich dachte zunächst, ich hätte situationsbedingt oder beeinflusst durch meine Laune einen unterschiedlichen Fahrstil, der zu den unterschiedlichen Reaktionen führte. Der Groschen fiel, als ich an einem Tag dieselbe Strecke innerhalb kurzer Zeit mit unterschiedlichen Autos fahren musste. Wurde ich im einen Fall auch mal höflich vorgelassen, konnte ich im anderen Fall sicher sein, dass auch meine offensichtliche Vorfahrt in Frage gestellt oder ich geschnitten wurde.

Ganz klassisch erinnere ich mich an die Ermahnung meiner Eltern. Wollte ich erfolgreich agieren, mich bewerben vielleicht, dann wurde ich in einen Anzug genötigt. „Wie Du kommst gegangen, so wirst du empfangen.“ Egal, ob jetzt Auto oder Anzug: In beiden Fällen schauen wir uns nicht von außen beim Autofahren zu oder schauen ständig an uns hinunter. Warum sollten wir das auch tun, wir sind ja die Menschen, die wir sonst auch sind. Ein anderes Auto bedingt (meist) keinen anderen Fahrstil, eine andere Kleidung ändert nicht den Charakter.
Von draußen und drinnen

Wir schauen also im Grund immer von drinnen nach draußen. Bei der Kleidung kann man vielleicht noch einen Spiegel bemühen, aber beim Autofahren filmen wir uns nicht vom Straßenrand aus. Im psychologischen Sinne kennen wir die Frage nach Selbstbild und Fremdbild, fragen Freunde oder Berater nach Feedback.

Aber schon im normalen Alltag reagieren unsere Mitmenschen, seien es die anderen Autofahrer oder mein Gegenüber beim Bewerbungsgespräch. Und im Sinne der Aussage „man kann nicht Nicht-kommunizieren“ löst man durch eine andere Hülle (Auto oder Kleidung) ein anderes Verhalten aus. Nur, dass man in manchen Fällen gar nicht darauf kommt, weil man sich selbst genauso fühlt wie sonst auch.

Manches kann man ändern, wenn es einem bewusst wird, zum Beispiel die Kleidung. Wenn man es denn will. Anderes kann man nicht ändern, zum Beispiel das Auto, auch wenn einem die entsprechende Reaktion bewusst ist und man gerne etwas ändern möchte. Dann muss man leider mit den eventuell in Kauf zu nehmenden Nachteilen leben, also sozusagen die Reaktion auf die Reaktion planen.

Montag, 18. März 2024

Nachhaltigkeit im Interview

Nachhaltigkeit im Interview

Guten Tag!
Guten Tag! Ja?

Wir sind vom Landesrundfunk und möchten uns mit Ihnen über Nachhaltigkeit unterhalten.
Das ist schön, aber ich habe keine Zeit. Naja, wenn es nicht zu lange dauert. Was möchten Sie denn wissen?

Was verstehen Sie unter Nachhaltigkeit?
Bei Nachhaltigkeit denke ich an meine Kindheit. Unsere Familie war schon immer nachhaltig, da wurden keine Lebensmittel weggeworfen, alles aufgegessen. Und wir haben Papier gesammelt und es zur Verwertung gebracht, als es noch keine Container gab. Als Kinder sind wir zu den Nachbarn gegangen und haben Kleidung für Afrika gesammelt. Die haben wir dann in Kisten getan und zugeschaut, wie sie in Laster verladen wurden.

Ist das bei Ihnen heute noch so?
Nein, heute natürlich nicht mehr. Obwohl das mit den Lebensmitteln steckt schon irgendwie in mir drin, da versuche ich immer noch, möglichst wenig in die Mülltonne zu werfen. Aber Papier oder ausgemusterte Kleidung – die bringe ich zu den Sammelstellen und mache mir keine Arbeit mehr damit.

Also viel Recycling. Können Sie sich noch andere Aspekte von Nachhaltigkeit vorstellen?
Im Fernsehen ist oft vom ökologischen Fußabdruck die Rede.

Können Sie das etwas näher erläutern?
Das stelle ich mir vor wie einen riesigen Fuß, der im Matsch seine Form hinterlässt. Man macht einen Schritt und hinter einem sieht man den eingedrückten Boden.

Sehen Sie die Umwelt als matschigen Boden?
Nein, natürlich nicht [lacht]. Das ist nur so ein Bild, das mir durch den Kopf geht, wenn ich von ökologischem Fußabdruck höre. Ich glaube, damit ist gemeint, was wir den folgenden Generationen als Delle im Ökosystem hinterlassen. Ist ja auch vieles, was wir im Laufe der Jahre verändern und verbrauchen.

Vielleicht erst zu den Veränderungen: Können Sie ein paar konkrete Beispiele nennen?
Also zu meiner Kindheit gab es im Winter keine Erdbeeren, der Wein, den mein Vater getrunken hat kam von einem Winzer aus der Pfalz und wurde einmal jährlich auf der Urlaubsfahrt dort geholt. Inzwischen gibt es alle Lebensmittel praktisch jeden Tag im Jahr und alle möglichen Zutaten und Getränke werden um den halben Erdball geflogen.

Könnten Sie sich den vorstellen, hier wieder zurückzugehen, auf diesen Komfort zu verzichten?
Wahrscheinlich fällt das vielen Menschen sehr schwer, die haben sich daran gewöhnt, dass es keinerlei Einschränkungen gibt. Fleisch beispielsweise zu Schleuderpreisen ist nur möglich, weil es Massentierhaltung gibt.

Sehen Sie da einen Widerspruch zu Nachhaltigkeit?
Auf jeden Fall! Nachhaltigkeit hat etwas damit zu tun, dass man seiner Umwelt nicht mehr abverlangt als sie von Natur aus bereitstellen kann. Und wenn man die Tiere so zusammenpfercht, dass sie gerade noch stehen können, dann ist das ganz sicher nicht das Maß, das die Natur uns liefert. Ich denke dann immer an freilaufende Herden oder Almen, auf denen Vieh den Sommer über sein kann.

Damit kommen Sie ja auch auf das Thema Verbrauch.
Unbedingt! Alles was wir nicht verbrauchen ist auch nach uns noch da. Was wir aufbrauchen fehlt unseren Kindern und Kindeskindern. Und jeder Kilometer, den ich zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurücklege verbraucht kein Benzin und keinen Strom. Das gilt aber nicht nur für die Fortbewegung.

Wie meinen Sie das?
Beispielsweise können wir energiesparend leben, gut gedämmte Häuser brauchen weniger Heizung. Wir müssen in diesem Punkt viel engagierter vorgehen und es muss mehr geforscht werden, wie wir mit möglichst wenig Energie möglichst viel erreichen können.

Wir hatten vorhin schon das Thema Recycling. Würden Sie das auch hierunter einordnen?
Sie haben Recht. Recycling heißt ja, dass man etwas weiter- oder wiederverwendet. Das spart schon mal Produktionsaufwände und die dafür notwendige Energie. Und auch die Verlängerung von Gebrauchszeiten oder von Lebenszyklen kann deutliche Vorteile bringen. Wer repariert statt wegwirft oder ein Produkt länger als normal verwendet handelt auch im Sinne von Nachhaltigkeit. Es ist oft nicht nötig, ein neues Handy zu kaufen, nur weil es irgendwelche Technik mitbringt, die ich sowieso nicht brauche. Neben viel mehr Forschung ist die Entschleunigung der Lebenszyklen ein Schlüssel für mehr Nachhaltigkeit.

Ein Wort noch zum Gesamtbild. Können Sie sich vorstellen, dass es außer der ökologischen auch noch andere Seiten von Nachhaltigkeit gibt?
Ich habe mal gelesen, dass es drei Seiten gibt. Eine davon ist die ökologische Seite. Wir sprechen über die Umwelt, die Schonung von Ressourcen, die Beachtung von Regenerationszyklen und überhaupt der Orientierung an der Natur. Als zweite Seite wird die ökonomische Seite genannt, da geht es darum langfristiges Wirtschaften unter Berücksichtigung ökologischer und sozialer Aspekte zu erreichen. Und eben diese sozialen Aspekte bilden dann die dritte Seite mit Arbeitsbedingungen und Mitarbeiterrechten.

Wenn Sie Nachhaltigkeit in nur einem Satz beschreiben sollten: Was würden Sie sagen?
Am ehesten trifft vielleicht für alle drei Seiten die Aussage zu: „Heute schon an morgen denken.“ Wenn ich mir Gedanken über die Auswirkungen auf die Zukunft mache, sei es in Sachen Umwelt, sei es bei der langfristigen Wirtschaftlichkeit oder eben dem zukunftsorientierten Umgang mit Mitarbeitern, dann ist der Grundgedanke der Nachhaltigkeit berücksichtigt.

Montag, 11. März 2024

Mein Tag ist wie ein Bandwurmsatz

Mein Tag ist wie ein Bandwurmsatz
Es ist noch recht früh, der Radiowecker hat sich gerade erst eingeschaltet und nun höre ich, wie sich der Nachrichtensprecher räuspert und fertig macht, die Nachrichten der vergangenen Nacht zu verlesen und seinen Text mit dem Wetterbericht und den Verkehrsnachrichten abzuschließen, bevor der Musikredakteur wieder seine Lieblingsplatten auflegt, die er gemäß der aktuellen Ergebnisse aus den Charts zusammengestellt hat, welche sich an den Hörgewohnheiten der morgendlichen Hörer orientieren, so wie auch ich, mittlerweile im Bad angekommen, an dieser Stelle lieber etwas flottere Musik vorgelegt bekommen möchte, die mich beim Zähneputzen begleitet und den Weg unter die Dusche erleichtert, die im ersten Moment aufgrund ihrer Kälte einerseits belebend, andererseits aber auch abschreckend auf mich wirkt, was aber durchaus gewünscht ist, denn vor dem Frühstück mit Kaffee möchte ich schon soweit wach sein, dass ich meinen PC starte, einen ersten Blick in die Mailbox werfen kann und gleichzeitig nicht verpasse, dass das Toastbrot den gewünschten Bräunungsgrad erreicht hat und marmeladebeschmiert den Weg auf das Tablett in mein Büro findet, in dem schon das Telefon klingelt noch während ich mir schnell ein Stück Brot in den Mund schiebe und kauend den Hörer abnehme, meinem Kollegen einen guten Morgen wünsche und wir uns über den Status der Server austauschen, die offensichtlich gut durch die Nacht gekommen sind bis auf eine Störungsmeldung vermutlich wegen eines ausgelaufenen Zertifikates, das mein Kollege bei der Abteilung für das Netzwerkmanagement reklamieren will, so dass ich damit keine Arbeit mehr habe und mich auf die Bearbeitung des Architekturdokumentes konzentrieren kann, welches am Ende der Woche abgegeben werden muss, was den Empfängern zwar eigentlich einerlei ist, weil sie es selbst in den nächsten Wochen gar nicht gelesen bekommen, aber auf Fristeinhaltung bestehen, um nicht selbst kritisiert zu werden, was ich bei einem Mittagessen erfuhr, zu dem ich mich mit der zuständigen Mitarbeiterin der Revision in einem nahegelegenen Restaurant verabredet hatte, in dem es hervorragende Nudeln in einer hausgemachten Soße gibt, die der italienische Chef in der landestypischen Art wie eine Kostbarkeit zu zelebrieren weiß und dabei seine Augen kaum von der Kollegin lassen konnte, die allerdings eher an der Tiramisu und dem Espresso interessiert war, während sie mir von ihrer Leidenschaft für Kampfsport und den Rippenbrüchen ihrer Partnerin beim Training erzählte, was mich allerdings anders als vielleicht von ihr vorgesehen nicht gerade für sie als Mensch begeistern konnte, auch wenn ihre Figur zweifellos nichts zu wünschen übrig ließ, was sie geschickt durch ein raffiniert geschnittenes Oberteil zu betonen wusste, das beim Aufstehen ein wenig zu weit auseinanderfiel und mich damit kurzzeitig etwas aus der Fassung brachte, bevor wir den Rückweg zum Büro und der Fortsetzung der vormittäglichen Arbeit einleiteten, nicht ohne uns für einen späteren Zeitpunkt wieder zum Lunch zu verabreden, der dann aber in einem anderen Restaurant stattfinden sollte, das ich noch im Laufe des Nachmittags heraussuchen und ihr als Vorschlag schicken wollte, was mir aber nicht gelang, weil doch noch weitere Bilder für das Architekturdokument erstellt werden mussten und ich damit so beschäftigt war, dass ich fast die Bahn verpasst hätte, die mich wieder in Richtung Heimat transportieren sollte, allerdings wie gewohnt so viel Verspätung hatte, dass ich sie am Ende doch ohne Laufschritt erreichen und mir einen schönen Platz suchen konnte, auf dem ich in Ruhe die Nachrichten lesen und mich mental auf den Feierabend vorbereiten konnte, den mir meine Frau mit einem phantastischen Abendessen verschönte, das wir vor dem Fernseher mit einem spannenden Tatort-Krimi zu uns nahmen, der wohl in Köln spielte, was in mir Heimatgefühle auslöste und die Unterhaltung nach dem Film bis zum Aufsuchen des Bettes bestimmte, in das wir nach gegenseitiger Massage und dem Ausschalten des Lichtes hineinsanken und uns gutgelaunt in die Welt der Träume verabschiedeten.

Montag, 4. März 2024

Revier markieren unter Männern

Mehr zufällig stehe ich auf einer Party mit einem mir bislang unbekannten Zeitgenossen zusammen. Wir hatten uns an der Theke getroffen, wo er einen komplizierten Cocktail anfertigen lassen wollte, was den Hobby-Barkeeper deutlich überforderte. Ausführlich und in großer Selbstverständlichkeit hatte mein neuer Bekannter das Rezept repetiert, dem Barmann allerlei wichtige Tipps und Tricks verraten und ihm unmissverständlich seine Qualitäten als Cocktailmixer demonstriert.

Jetzt ist er mir an einen der Stehtische gefolgt, fragt mich nach meinem Beruf und berichtet dann ausführlich von seiner eigenen erfolgreichen Karriere. Zweifellos beeindruckend, dass er in direktem Austausch mit diversen Vorständen steht, branchenübergreifend ist er ein gefragter Mann, der sich kaum vor Anfragen retten kann. Als Ausgleich fliegt er zu seiner Segelyacht in Südfrankreich, wohin er sich mehrmals im Jahr mit seiner Frau mal zur Entspannung mal für Partys zurückzieht.

Sicher, lässt er mich wissen, sicher fällt ihm das nicht immer leicht, denn sein Haus hier ist im Grunde eine Traumvilla, da will man ja gar nicht weg. Schon gar nicht wegen des Parks, der sein Haus umgibt. Und seine Frau, ein ehemaliges Modell, die hat er ja hier wie dort, also im Grunde gar kein Bedarf, ins Ausland zu fliegen. Dann setzt er noch nach und raunt mir zu, dass seine Partnerin eine Granate im Bett ist, aber beim Segeln kommt dann noch das Schaukeln des Bootes dazu und wenn sie dann noch den Champagner öffnen – sen-sat-ionell.

Aufmerksam höre ich ihm zu, folge der Aufzählung seiner außerordentlichen Fähigkeiten, seinem erlesenen Bekanntenkreis und den anregenden Andeutungen seines Liebeslebens. Ein wenig komme ich mir vor wie ein Baum, an dem ein Hund seine Markierung hinterlässt. Vorsichtig schaue ich an mir herunter, betrachte mein Hosenbein und stelle fest, dass es noch trocken ist.

Inzwischen ist meine Zufallsbekanntschaft bei Kunst angekommen, ich höre eine Aufzählung bekannter Künstler, deren Werke seine Wohnlandschaft zieren. Aber trotz der üppigen Räume und der Vielzahl der Wände ist er gezwungen, einen Teil seiner Errungenschaften im Fundus zu lagern. Ein Jammer, dass man nicht mehr daraus machen kann. Vielleicht wäre es eine Idee, eine Bilderausstellung mit der Präsentation aller Handtaschen seiner Frau zu kombinieren. Was ich davon hielte will er wissen, während er mir lachend und mit jovialer Geste auf die Schulter schlägt.

Ich gratuliere ihm zu seiner Brillanz, zweifellos würden seine Freunde vor Begeisterung platzen. Es wäre bestimmt ein großartiger Ansatz, den er unbedingt mit seinem Lieblingsgaleristen besprechen sollte. Und den Steuerberater, den sollte er auch noch mit einbinden, man könne ja nie wissen. Apropos Steuerberater müsste ich ihn mal kurz alleine lassen, er würde aber bestimmt noch weitere Bekannte treffen, mit denen er seine Überlegungen teilen könnte.

Flugs verlasse ich den Stehtisch, im letzten Moment greife ich mir noch meinen Drink und laufe mit zügigem Schritt quer durch den Raum zu einem Freund, den ich gerade entdeckt habe. „Und“, will dieser augenzwinkernd von mir wissen, „hat er dir auch von seinem Segelboot und seiner Frau erzählt, der Bett-Granate?“ – Etwas überrascht schaue ich ihn an und muss grinsen. Das sieht mein Freund, deutet es richtigerweise als Zustimmung und fährt fort: „Ich komme mir immer vor wie ein Baum, an dem ein Hund…“ „… sein Revier markiert“, ergänze ich. „Ich bin ja schon froh, dass er nicht noch seine Hose heruntergelassen hat, um mir die Größe seines Geschlechtsteils zu zeigen.“

Wir schütteln uns vor Lachen, prosten uns zu und versichern uns, dass unsere Hosenbeine nach wie vor trocken sind.