Montag, 7. September 2026

Saras Sicht: Freunde und Berater

Saras Sicht: Freunde und Berater
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

*

„Ich habe jemand kennengelernt.“ Sara strahlt. Ich bin nicht eifersüchtig, oder sagen wir, doch, ich bin eifersüchtig. Vermutlich irgendein anderer Mann, der mir meine Sara streitig macht. Ich erwische mich bei der Reflexion meiner Gedanken, ‚streitig machen‘ ist ja schon eine Art Konflikt, kann man nur Zweierbeziehungen führen, jeder weitere Teilnehmer ist vertreibenswert? Und warum ist es ‚meine Sara‘, nur weil wir uns ein paarmal getroffen und diskutiert haben?

„Das ist ja schön“, höre ich mich sagen, etwas gequält. – „Ja, er ist Berater, sehr netter Mann, du wirst ihn mögen. Er kommt gleich vorbei.“ Na prima, gegen einen Nebenbuhler hätte ich ja nichts gesagt, im Grunde geht mich Saras Leben abseits unseres Cafes auch gar nichts an. Aber unsere schönen Gespräche und Diskussionen sind heilig, da gehört niemand mit an den Tisch.

Er ist dann aber doch sehr nett. Mit modernen Themen kennt er sich aus, berichtet von neuesten Trends am IT-Markt, von Verschiebungen in den Budgets der Unternehmen und deren Sparprogramme, die ihnen mittelfristig auf die Füße fallen.

Lebhaft geht es in den Themen weiter zu Künstlicher Intelligenz, wir tauschen unsere Einschätzung zur weiteren Entwicklung aus, kontrovers versuchen wir, Argumente für unsere Sicht der Zukunft in der Runde zu platzieren. Dann schwenkt die Diskussion zu anderen Beratungen.

„Wir sprechen die ganze Zeit über Technik und deren Auswirkungen. Sicher ein spannendes Thema, das auch in der Presse derzeit breiten Raum findet. Aber was ist mit anderen Zweigen, in Bereichen, die auch schon immer beratungsintensiv waren? Ich denke an Militär und Generäle, Minister, externe oder interne Militärberater.“

„Grundsätzlich sehe ich da keinen Unterschied. Ein guter Berater hat das Gesamtbild im Blick, kennt den Kontext und erarbeitet mit seinem Kunden eine möglichst gute Lösung…“ – „Ja“, sage ich, der springende Punkt liegt in der Definition eines guten Beraters. Ob in der IT oder in anderen Branchen oder eben dem Militär: Habe ich eigentlich nur ein Produkt, eine Lösung, die ich dem Kunden anbieten möchte oder soll, oder nähern wir uns in sorgfältiger Betrachtung und neutraler Evaluation der individuell optimalen Lösung?“

Unser neuer Freund ist ein wenig irritiert, kennt unsere zum Teil recht aggressiven Dispute nicht. „Natürlich bietet ein Berater immer die bestmögliche Lösung an, alles andere wäre schlampig oder parteiisch und das geht natürlich nicht.“

Tür auf für Sara: „Willkommen in der Realität. Viele sogenannte Berater haben Vorgaben, ihre Aufgabe besteht nur darin, die richtigen Argumente für den Verkauf zu nennen. Und sie haben einen persönlichen Charakter, der mehr oder weniger deutlich in ihre Beratung einfließt. So wie sich Kreditgeber in ihrem Risikoappetit unterscheiden.“

„Sicher“, sage ich, „es sind Spielfilme, die ich manchmal im Fernsehen sehe. Da wird dann eine Szene um Mr. President nachgespielt, ein Konflikt in der Runde erörtert. Und mit gewichtiger Stimme drängt der Verteidigungsminister zur Einleitung kämpferischer Handlungen. Es gibt dazu laut seiner Aussage keine Alternative.“

„Das ist nicht irgendein windiger Vorstadt-Consultant“, ergänzt Sara, „das ist ein ausgewiesener Fachmann und Teil eines hochrangigen Stabs, der einen Präsidenten berät. Und wir haben auch in der Realität oft genug erlebt, dass die Präsidenten diesen Empfehlungen folgen. Und dass die Europäer diese Empfehlungen zum Teil nicht so alternativlos sehen wie sie dargestellt werden.“

„Überspitzt formuliert und grundsätzlich zutreffend für viele Themenfelder gilt auch hier: Mit einem Hammer in der Hand sieht jeder Gegenstand aus wie ein Nagel. Oder anders gesagt wird das Problem der Lösung angepasst statt umgekehrt.“

Thomas wirkt jetzt doch beleidigt. Für mich ok, denn bei unseren Gesprächen geht es um intensive Diskussionen, um Beschäftigung und Erörterung auch ungewohnter oder geradezu unpopulären Sichtweisen, nicht um persönliches Einverständnis.

„Ich räume ein, dass es auch in unserer Branche gute und schlechte, objektive und interessensgesteuerte Vertreter gibt. Und vielleicht habt ihr Recht, dass es in manchen Themenfeldern gar nicht so einfach ist, einen klaren Blick zu bewahren. Zumal im Vorfeld oft gar nicht der objektive Berater ausgesucht wird, sondern derjenige, der die eigene Meinung oder die ohnehin vorgesehene Linie vertritt und notfalls als hochbezahltes Bauernopfer herhalten muss.“

Strahlen am Tisch. Wir schauen verdutzt in unsere leeren Cappuccino-Tassen und versichern uns, dass wir uns nach diesem Abbinder zuprosten würden, wenn wir noch etwas zu prosten hätten.

*

Abonniere den Kanal "Eckhards Blog By Dr.-G." auf WhatsApp

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen