Die Beschäftigung mit dem zeitlichen Umfeld beschäftigt uns Menschen grundsätzlich. Ständig haben wir den Impuls, den Augenblick und die Gegenwart mit einem Rückblick oder Ausblick zu kombinieren. Sehnsüchtig schauen wir zurück auf eine gute alte Zeit, sorgenvoll oder hoffnungsfroh schauen wir in die vor uns liegende Epoche. Dabei lassen sich diese Gedanken durchaus steuern, im modernen Jargon würde man von Gedankenmanagement sprechen.
Da betrachtet man die bisherige Entwicklung, nimmt zu den vergoldeten Erinnerungen auch die weniger guten Erfahrungen hinzu, um das Bild abzurunden. Oder umgekehrt setzt man die schlechten Ereignisse zu den positiven Aspekten ins Verhältnis. Wie im Zusammenhang mit anderen Steuerungen gibt es auch hier Grundhaltungen, bei grundsätzlich positiver Einstellung für die Erwartung der Entwicklung spricht man zum Beispiel von Optimisten, andernfalls von Pessimisten.
Und als Hilfe gibt es dann Weise, Philosophen und Glaubensführer. Die Belastung durch zu intensive Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit erhöht die Last von Erfahrungen, macht Vertrauen schwieriger und steht einem unvoreingenommenen Start in neue Beziehungen im Weg. Und die tiefe Berücksichtigung vermuteter Zukunftsaspekte macht auf Grund der Komplexität irgendwann handlungsunfähig. Weise gleich welcher Nationalität und Kultur empfehlen deshalb die Fokussierung auf den Augenblick, lenken das Augenmerk auf das Hier-und-jetzt. Mit dem Verständnis, dass man aus der Vergangenheit zwar lernen kann und soll, darauf aber keinen Einfluss mehr hat, weil unveränderbar zurückliegend. Und der weiteren Erkenntnis, dass der einzige wirklich zu beeinflussende Parameter die eigene Persönlichkeit ist und selbst diese Seite nur eingeschränkt und zögerlich auf Veränderungen reagiert.
Die Philosophen gehen da viel allgemeiner vor. Ihr Ansatz ist es, ein Lebenskonzept zu entwickeln, das zeitlos daherkommt. Ihre Theorien und Modelle setzen nicht auf Kulturkreisen auf, sondern fußen vielmehr auf der Grundstruktur von Menschen, psychologischen statt soziologischen Aspekten. Die in Menschen von Natur aus angelegten Eigenschaften werden analysiert, die positiven zu Tugenden erklärt. Grundsätzlich ein nachvollziehbarer Ansatz, doch Tugenden sind nicht von Dauer und haben stets ein kulturelles Umfeld. Vielleicht sind Tapferkeit und Mut weit verbreitet, aber Tugenden wie Rücksicht oder Verbindlichkeit können sehr selektiv bewertet werden.
Glaubensführer haben es einfacher. Sie propagieren irgendwelche Thesen, geben Behauptungen von sich, die sie auch gar nicht belegen müssen. Genau im Gegenteil lassen sie sich nicht festlegen, in schwammiger Darstellung wird von Fakten, nachvollziehbaren Wegen oder reproduzierbaren Abläufen auf Glaube und Gefühle verwiesen. Wer ein Statement nicht akzeptiert oder eine Behauptung in Frage stellt, dem wird fehlender Glaube vorgeworfen, was in diesem Kontext als Mangel und Fehler gesehen wird.
Kein erfolgreicher Manager steuert ein Unternehmen nach seinem Gefühl und einem Glauben, den ihm eine andere Person ins Ohr flüstert. Selbstmanagement sollte genauso wenig von Gefühlen geleitet werden, allgemein gültige Gesetze sind eine wichtige Basis und natürlich spielt der eigene Charakter eine zentrale Rolle.
An dieser Stelle befindet sich der Kreuzungspunkt von Individualität und Allgemeingültigkeit. Ein Blick nach vorne auf dem Zahlenstrahl offenbart bestimmte Faktoren, die sehr wahrscheinlich sind und nicht nur mich betreffen. Der Klimawandel ist ein Beispiel hierfür. Dann gibt es andere Dinge, die man zumindest allgemein betrachtet mit hoher Wahrscheinlichkeit aus der Vergangenheit ableiten kann. Während der Ära Donald Trump muss man mit kurzfristigen Überraschungen rechnen. Daneben gibt es meine Erfahrung mit mir. Mit der gewohnten Wirkung auf Techniker kann ich mir schnell Gehör verschaffen und in Teams zum Sprecher oder sogar zur Führungskraft werden. Die Fähigkeit zur Einarbeitung in neue Technologien nimmt mir die Zukunftsangst vor Positionswechseln.
Und der Rückblick? Auch der hat globale und individuelle Komponenten. „Sieg-Heil!“ hängt uns bis heute nach, aber auch das Wirtschaftswunder, die Erfahrung der Welt mit unserer Ingenieurskunst und das Vertrauen in Made-in-Germany. Als Einzelperson sieht man bei mir die Stationen im Lebenslauf, unsichtbar die persönlichen Beziehungen mit ihren Erlebnissen und Enttäuschungen.
Und diese vier Seiten, also Vergangenheit und Zukunft sowie Individuum und Gesellschaft, haben einen spezifischen und so eben nur in mir vorhandenen Kreuzungspunkt. Den ich mir im ersten Schritt bewusst machen muss, um ihn dann im zweiten Schritt gezielt auszuwerten. Zwar kann ich die Inhalte nicht verändern, aber ich kann beeinflussen, welche Schlüsse ich daraus ziehe und welche Entscheidungen ich daraus ableite.
„Mensch, es wird Zeit!“ ist also nicht der Aufruf, sich in Bewegung zu setzen, sondern im Sinne von bewusstem Voranschreiten die verschiedenen Seiten zu verstehen.
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