Montag, 30. September 2024

Konkurrierende Gewohnheiten

Gewohnheiten sind etwas Feines. Man braucht nicht über sie nachzudenken oder sie bewusst befolgen. Alles läuft automatisch ab. Bis zu dem Moment, in dem eine Gewohnheit nicht in der üblichen Form ablaufen kann, insbesondere, wenn sie mit einer andere Gewohnheit in Konflikt gerät.

Konkurrierende Gewohnheiten
Auf dem morgendlichen Weg durch das Bürogebäude biege ich bei der Cafeteria ab, hole mir einen Kaffee und setze meinen Marsch in Richtung Arbeitsplatz fort. Ein Teil dieses Weges führt mich auch eine Treppe hinunter, wobei ich meine Hand auf dem Handlauf entlanggleiten lasse. Das ist eigentlich kein Problem, aber in der Hand habe ich schon die Kaffeetasse. Und da ich der hierzulande üblichen Orientierung folge bleibe ich auf der rechten Seite der Treppe.

Hier konkurrieren also gleich drei Gewohnheiten miteinander. Da ist die Kaffeetasse, die normalerweise in der rechten Hand gehalten wird. Dann das ungeschriebene Gesetz, dass man als Fußgänger auf der rechten Seite der Treppe unterwegs zu sein hat. Drittens die Vorgabe, dass man eine Hand am Handlauf platziert.

Was aufgeben? Die Tasse in die linke Hand? Das fühlt sich merkwürdig wackelig an, mit erhöhter Wahrscheinlichkeit schlabbert der Kaffee auf den Boden. Oder auf der linken Seite die Treppe hinunter, überraschte oder gar böse Blicke der Kollegen eingeschlossen. Oder auf die Sicherheit des Handlaufes verzichten und ohne Option zum kurzfristigen Festhalten den Stufen folgen.

Nun, zum einen könnte man auswählen, welche der Varianten man für geeignet hält, vielleicht sogar je nach Tag und Uhrzeit. Oder einen anderen Weg nehmen, auf dem es keine Treppe gibt. Oder den Kaffee in einer anderen Cafeteria – näher am Arbeitsplatz – holen. Oder den Kaffee von jemand anders holen lassen, oder ihn in ein verschließbares Gefäß umfüllen, das dann in die Arbeitstasche kommt.

Die kleine Geschichte rund um das koffeinhaltige Heißgetränk soll Verschiedenes vor Augen führen. Manchmal muss man eine Gewohnheit über Bord werfen, alles andere ist dogmatisch. Aber vielleicht gibt es auch eine ganz andere Lösung, bei der die Gewohnheiten gar nicht in Konkurrenz geraten. Ob diese Alternative ein gangbarer Weg ist, kann man ja im Einzelfall noch mal betrachten, aber wichtig ist, dass man überlegt, ob es solch eine Alternative gibt.

Montag, 23. September 2024

Die Flüchtigkeit der Archivierung

Seit einigen Jahren macht sich ein Tool breit, das die "eierlegende Woll-Milch-Sau" sein soll. Wirklich alles rund um den Austausch wird an dieser zentralen Stelle gesammelt, verteilt, bereitgestellt, abgelegt und archiviert. Ein Traum, möchte man meinen, denn endlich ist Schluss mit der Vielzahl der Ablagestrukturen, haben alle Teilnehmer denselben Informationsstand. Alle? Natürlich nicht, denn auch hier gibt es Zugriffsrechte. Und ein leidiges Thema ist in der Praxis das Wiederfinden eines Eintrags. War es im persönlichen Chat, im Chat einer Besprechung, eines Kanals, einer Teamsitzung? Oder im Notizbuch? Vielleicht als Beitrag in einem Kanal (nur: welchem?) oder gehörte es zu einem Anruf?

Sicherheit schafft die zehnjährige Archivierung aller Einträge. Egal in welchem Tonfall, egal wie unpassend oder gar peinlich irgendeine Verlautbarung in schriftlicher, bildlicher oder auch bewegter Form: Alles wird aufgehoben. Unerbittlich speichert die Datenkrake alles was ihr zum Fraß vorgeworfen sind, kein Speicher ist zu klein, um jedwede Äußerung für ein Jahrzehnt zu bevorraten.

Das ist natürlich gleichzeitig auch die große Chance. Als Anwender kann man nichts vergessen, nichts versehentlich in den Papierkorb werfen oder irgendwelche Filter definieren, die definierte Beiträge gezielt verschieben. Im Strom der nachrückenden Chatnachrichten sind auch alte Beiträge noch vorhanden, auch nach Jahren lässt sich noch rekonstruieren, wer bis wann an welchem Meeting teilgenommen hat.

Die Flüchtigkeit der Archivierung
Doch oh weh. Zwar sind die Datenberge vorhanden, lassen sich auch ohne weiteres nachverfolgen, aber der unermüdliche Datenstrom reißt jede Information mit sich und spült sie aus dem Sichtfenster des Anwenders. Als würde ich eine Flaschenpost in den Rhein werfen und ihr eine Weile nachschauen bis sie hinter der nächsten Biegung oder Brücke verschwunden ist. Sie ist dann nicht weg, ich kann sie nur nicht mehr sehen. Und eigentlich muss man das Bild noch ergänzen, denn es ist ja nicht nur ein Fluss, in dem meine Flaschenpost dahinschwimmt, es sind mehrere, die ich nahezu zeitgleich bedienen kann.

Das Bild der Flaschenpost trifft zu, wird die Nachricht doch mal hier- mal dorthin befördert, manchmal mit Kommentar versehen und wieder in diesen oder jenen Fluss geworfen. Wo man sie dann vielleicht wiederfindet oder die Flasche durch die Strömung an Land gespült wird.

So ist die Archivierung in der Praxis also eher flüchtig, auch wenn sie technisch noch so gut funktioniert. Was im Bildschirm nach oben wegscrollt ist nicht verloren, aber für meine Arbeit aus dem Fokus. Oder wie man früher gesagt hat: "Aus den Augen, aus dem Sinn."

[Weitere Blogs:  Interdisziplinäre Gedanken, Feingeistiges]

Montag, 16. September 2024

Das hast du aber fein gemacht

Es gibt diese Momente im Leben, da freut man sich. Mal über eine Sache, die einem selbst passiert ist, mal als Schadenfreude, mal als Mitfreuen. So kam ich vor ein paar Tagen auf dem Bahnhofsparkplatz an einem Fahrzeug vorbei, das von seinem Fahrer ein wenig raumgreifend abgestellt worden war.

Sagen wir besser: Es war sorgfältig genau in der Mitte zweier Parkplätze positioniert. Und das ganz offensichtlich ohne Not, denn der halbe Parkplatz rechter Hand grenzte an ein Pflanzbeet und auf der linken Seite ein ordnungsgemäß stehendes Fahrzeug.

Das hast du aber fein gemacht
Es liegt mir recht fern, den Fahrzeugführer oder die Fahrzeugführerin im Sinne des Miteinanders als asozial zu bezeichnen, aber eine gewisse Rücksichtslosigkeit gegenüber den Mitmenschen würde ich ihm oder ihr schon zusprechen. Da frage ich mich unwillkürlich, was in dem Kopf dieser Person vorgeht. Ist es eine Gedankenlosigkeit? Tief versunken in Überlegungen zu einem anderen Thema halbautomatisch in die freie Lücke geschlüpft und losgelaufen.

Oder vielleicht extreme Eile, die ein Korrigieren der Parkposition nicht mehr zulässt. Mit rauchendem Auspuff über den Parkplatz geheizt und mit quietschenden Reifen eingeparkt. Da ist dann natürlich keine Zeit mehr übrig.

Oder ist es die Berücksichtigung der eigenen Bequemlichkeit, die Sicherheit, auch mit aufgerissener Tür kein anderes Fahrzeug beschädigen zu können. Und ohne Limbo das eigene Auto verlassen zu können. Eingeparkt werden ist a priori ausgeschlossen.

Unabhängig vom auslösenden Faktor kommt jedenfalls dabei heraus, dass ein ansonsten daneben abzustellendes Fahrzeug auf einen anderen Platz muss, dass der Parkplatzbetreiber diesen verschwendeten Parkraum nicht mehr vermieten kann und letztlich, dass mindestens ein Zeitgenosse weiterkurven muss.

Was hier so offensichtlich ist und durch das amtliche Kennzeichen auch keine Anonymität zulässt erleben wir tagtäglich. Meist können sich die Menschen, die in dieser Form ohne Berücksichtigung ihrer Umwelt und anderer Personen unterwegs sind, verdeckt halten. Wer Müll in den Wald wirft, den Einkaufswagen irgendwo vor dem Supermarkt stehen lässt, die gebrauchte Tasse auf den nächstbesten Tisch platziert und so weiter: Man wird schon nicht erwischt. Und selbst wenn.

Ein Plädoyer für respektvollen und rücksichtsvollen Umgang miteinander. Da kann jeder mal in den Spiegel schauen, aber selbst wer ohne Schuld ist, darf deswegen leider nicht mit Steinen auf die falschparkenden Autos werfen.

Montag, 9. September 2024

Die wohlige Wärme der Herde

Was ist es doch herrlich, wenn man seine Meinung in der gesicherten Mehrheit äußern kann. Sich lautstark über Dinge echauffiert, zu denen aktuell auch Statements von Meinungsbildnern, Influencern und Prominenten vertreten werden. Gefahrlos wichtig sein. Da sehe ich Menschen, die in bunte Ponchos gekleidet und mit Trillerpfeifen ausgestattet viel Lärm machen. Für Außenstehende ist kaum erkennbar für oder gegen was hier gerade demonstriert wird. Die Sprechchöre sind unverständlich, die Plakate nichtssagend.

Zur Ergänzung dieser lautstarken Truppe gibt es Menschen, die gezielt von Demonstration zu Demonstration reisen, einfach Spaß daran haben, in der Menge zu baden und sich für irgendein beliebiges Thema ins Getümmel zu stürzen. Nicht die Sache liegt diesen Zeitgenossen am Herzen, vielmehr ist es die Aktion, das Dabeisein, das Dagegensein.

Zwischen diesen Demo-Profis gibt es die Überzeugten, die eine Angelegenheit mit Haut und Haaren vertreten, dafür auch mal eine kleine Ordnungswidrigkeit hier und eine kleine Rangelei mit Gegnern dort in Kauf nehmen. Im weiten Feld zwischen Engagement, Überzeugung und Fanatismus sind sie sich sicher, dass jeder anders denkende einen Fehler macht und selbst eine neutrale Haltung oder Hinnehmen eine kritikwürdige Grundeinstellung sind.

In diese Sicht der Dinge kann man sich auch gut hineinsteigern, ohne Aufwand findet man in Presse oder Internet zahlreiche Aussagen, die die eigene Meinung bestätigen. Aufrührende Reportagen, plakative Behauptungen und eindrucksvolle Zahlen scheinen den eigenen Standpunkt zu unterstützen. Die kämpferischen Kumpane vertreten natürlich ebenfalls diese Ansicht, es entwickelt sich eine Gruppendynamik, die insbesondere zum Gefühl der Meinungsmehrheit führt.

Man kann geradezu Modewellen beobachten, die mit viel Getöse ein gerade aktuelles Thema nach außen tragen. Mal ist eine Startbahn der große Aufreger, mal sind es Entscheidungen zur Renten- oder Gesundheitspolitik. Und selbst gegen Demonstranten kann man demonstrieren oder sich zumindest aufregen, besonders, wenn man selbst betroffen sind. Schneeballartig vergrößert sich die Anzahl der Menschen, die aggressiv gegen Personen vorgehen, die sich auf die Straße kleben.

Dabei ist es ein schmaler Grat, der zwischen Verständnis für das Lahmlegen des Personennahverkehrs durch die Lokführer und dem Blockieren einer Bundesstraße durch organisierte Klimaaktivisten liegt. Für den an der Fortbewegung gehinderten Bürger macht es zwar keinen Unterschied, aber schnell bildet sich eine elementar wichtige Solidarität oder eben auch nicht. Während die frierenden Bahnreisenden zähneklappernd ein gewisses Verständnis für die Gewerkschaft äußert, muss man bei den Straßen-Klebern mit stockbewaffneten Gegnern rechnen, die ihrer körperlichen Überlegenheit freien Lauf lassen.

Die wohlige Wärme der Herde
Immerhin schleicht meist im einen wie im anderen Fall eine Abordnung der Polizei wie ein Hütehund um die demonstrierende Herde. Und da ist sie, die wohlige Wärme der anderen Demonstranten, dieser Gleichklang der Gesinnung, diese selbstverstärkende Meinungskonsonanz. Fast scheint es, als ob es gar keine andere Meinung geben könnte, jedenfalls keine sinnvolle Alternative. Und umhüllt von ähnlich Gesinnten, geschützt durch einen Kokon der Ordnungshüter, kann man das zum Ausdruck bringen, wovon man aktuell überzeugt ist.

Vereinzelt und vor einem aggressiven Gericht würde nahezu jeder Teilnehmer dieser Versammlung einknicken, Rückgrat ist nicht gerade eine Voraussetzung für das Mitgrölen von Parolen. Und so kann man heute dies, morgen das behaupten oder mit Massengewalt und Lautstärke aus der Anonymität heraus forcieren. Hierbei ist durchaus wichtig zu erkennen, dass diese Gruppen im Sinne der Demokratie und Meinungsbildung unterwegs sind und die eher ruhigen Betroffenen zwar vielleicht die Mehrheit bilden, aber nicht so sichtbar sind.

Montag, 2. September 2024

Zwischenstation in der B-Ebene

Zwischenstation Konstablerwache
So richtig gestrandet bin ich nicht. Vielmehr sitze ich zum Umstieg von der U5 in die S2 in der B-Ebene der Konstablerwache in Frankfurt. Für die Fahrgäste, die partout sitzen möchten, sind hier ein paar Stahlrohrsitze aufgestellt, wenn man seine Jacke darauf legt zieht es nicht so von unten und der Sitz wird ein wenig gepolstert.

Ich sitze also hier, beobachte die Tafel mit der elektronischen Zugauskunft und verfolge die einfahrenden S-Bahnen zu den verschiedenen Zielbahnhöfen. Um mich herum eine bunte Mischung an Menschen. Da sind zwei arabisch aussehende Pärchen knapp älter als jugendlich, verstreut stehen ein paar Schulmädchen mit coolen Taschen, vertieft in ihre Handys. Eine ältere Frau mit Einkaufstüten, eine noch ältere Frau mit Rollator und allerlei Habseligkeiten in einem Einkaufsrolli.

Gerade kommt auch noch ein Junge vorbei, riesige Sonnenbrille, Rucksack, Schildmütze. Und dann natürlich ein Mann ohne festen Wohnsitz, früher hätte man Penner gesagt, denke ich, und warte darauf, dass er bettelnd auf mich zukommt. Einen Augenblick später schleppt er sich zu dem arabischen Paar rechts von mir; um eine Spende zu bitten soll in diesem Kulturkreis ja bei Bedürftigkeit üblich sein, er kann mit einem Geldstück in den hingehaltenen Kaffeebecher rechnen. Aber das Paar ist miteinander beschäftigt oder tut zumindest so, jedenfalls ignorieren sie den Bettler, der nach kurzer Wartezeit abdreht und Kurs zu mir nimmt.

Einen Moment steht er vor mir, hält mir seinen Becher hin, murmelt irgendetwas und versucht sein Recht auf Mitleid auch pekuniär einzuklagen. Im Hintergrund sehe ich schon seinen Kameraden warten, er hat das Araberpaar direkt übersprungen und liegt nun auf der Lauer, ob ich ein geeignetes Opfer bin. Wenige Sekunden später sind beide verschwunden, vielleicht liegt es daran, dass ein paar Sicherheitskräfte auftauchen. Sie schauen auf die Rollator-Frau, inspizieren den Mülleimer und vertiefen sich dann wieder in eine Diskussion über Fußball.

Aus der einfahrenden S-Bahn quillt wieder ein neuer Schwung Leute heraus. Eine Frau mit üppigem Busen dazwischen, sie steuert ohne Umweg den Sitzplatz neben mir an und lässt sich darauf fallen dass die Bank wackelt. Ein aufdringliches Parfüm dringt mir in die Nase und auch die jetzt ein wenig weggezogene Oberbekleidung mit Blick auf ihre enorme Oberweite kann mich nicht mit der verlorenen Platzfreiheit versöhnen. Hoffentlich spricht sie mich nicht auch noch an, aber so weit kommt es nicht, denn wider Erwarten taucht einer ihrer Bekannten auf, wirft sich genauso krachend wie sie auf den Sitz und begrüßt sie in einer mir nicht bekannten kehligen Sprache.

Noch etwa fünf Minuten sind zu überbrücken, ich werfe noch mal einen Blick auf die Zugauskunft, nehme noch wahr, dass die Schulmädchen mittlerweile verschwunden sind und auch die Frau mit den Einkaufstüten nicht mehr zu sehen ist. Vier Jungs kommen die Treppe herunter, pubertär laut und erst mal die Lage checkend. Offensichtlich sind sie auf Fun aus, der süßliche Geruch um sie herum lässt den Konsum von Joints vermuten. Enttäuscht stellen sie fest, dass hier nichts los ist, ohne Tussis macht es keinen Sinn sich zu produzieren.

Aber jetzt kommt doch Bewegung in die Szene. Von links kommt eine weitere Gruppe von Jungs, sie haben uniform schwarze Shirts an und sehen nicht besonders freundlich aus. Ich habe den Eindruck, dass ich zwischen den Fronten zweier Gangs bin, räume meinen Rucksack zusammen und mache mich auf den Weg zum Bahnsteig. Hinter mir höre ich lauter werdende Geräusche, verbales Säbelrasseln und Geschrei.

Weiter hinten am Bahnsteig doch noch die Frau mit den Einkaufstüten, nur die Sicherheitstypen sind nirgends zu sehen. Wahrscheinlich könnten sie gegen diese Horde auch gar nichts ausrichten. Zu meinem Glück höre ich jetzt das Quietschen einer herannahenden S-Bahn. Es ist zwar noch nicht meine Linie, aber ich kann eine Station mitfahren und dort dann auf meine Bahn warten. Nur weg hier.

Es scheint noch anderen Fahrgästen so zu gehen, denn ein ganzer Strom an Menschen stürmt auf die Bahn los, oder wollen die alle nach Bad Homburg? Der Zug ist voll, durch die schließenden Türen sehe ich, wie die Jugendlichen aufeinander losgehen, auch wenn sie nicht bewaffnet scheinen bin ich froh, dass ich flüchten konnte. So kann der Feierabend doch noch ohne Blessuren starten.