Wir leben in Deutschland ja in einer Demokratie. Eine Form, bei der sich Meinungen auf der Grundlage von Mehrheiten bilden und dann entwickelt oder umgesetzt werden. Das hat bei nicht wenigen Gelegenheiten auch negative Auswirkungen, aber im Grunde kennen wir derzeit kein anderes System, das aus menschlicher Sicht besser zu sein scheint.
Wie funktioniert das? Jedes Individuum bildet sich seine Meinung, die Meinungen einer gewissen Fraktion werden gesammelt und über einen geeigneten Mechanismus in eine Entscheidung überführt. Dieser Mechanismus ist dabei aber kein neutraler Sammler oder eine reine Statistik, sondern ist selbst ein lebendiger Apparat.
Insofern hat dieser Vorgang auch dynamische Komponenten und besitzt weitere Beeinflussungsfaktoren. Sei es, dass ein Politiker auch seine eigene Sicht einbringt, dass eine Partei den Willen der Wähler im Sinne eines Programmes interpretiert oder schlichtweg aus taktischen Gründen priorisiert. Und auch die Einflussnahme auf die Wähler spielt eine Rolle, Wahlkampf, Werbung, Darstellung und rhetorisches Geschick verzerren von Natur aus das neutrale Bild, das sich die Bürger im Vorfeld gemacht haben.
Schließlich noch Kollektiveffekte, aktuelle Diskussionen und Modethemen. Über die Zeit kann man den Aufstieg mancher Parteien erleben, begleitet vom Niedergang anderer Parteien. In vielen Fällen hat das etwas mit dem Zeitgeist zu tun, mit Haltungen, die sich in der Gesellschaft aktuell niederschlagen. Mit dem Erstarken der Friedensbewegung und dem Trend zu mehr Natur war beispielsweise der Boden für die Grünen geebnet.
Und spätestens an dieser Stelle kommt die Komplexität einer Gesellschaft ins Spiel. Die Beobachtung von Mitmenschen, die Gespräche mit Freunden, der Kontakt mit Nachbarn und nicht zuletzt die Schwerpunkte von Medienberichten. All das hängt miteinander zusammen, verstärkt nur angedeutete Veränderungen bis zu einer Massenbewegung - denken wir nur an „Fridays for future“.
Der Grundgedanke, dass eine Lösung nach Mehrheitsentscheid optimal ist, muss sich hier gegen Beeinflussung und Mitnahmeeffekte wehren. Wie stark ist ein Thema emotional untermauert und erreicht so eine große Anhängerschaft, die vermeintlich unabhängig voneinander, eigentlich aber mehr im Sinne einer einzigen lauten Stimme agiert.
Es ist aus meiner Sicht keine Option, auf die Beteiligung aller Betroffenen zu verzichten. Das ist weder im sozialen noch im menschlichen Sinne sinnvoll. Allerdings wäre es ein interessanter Ansatz, die Wahlergebnisse intelligent aufzubereiten. Mit hierzu trainierten (KI-) Modellen könnte man die Mitnahme herausrechnen, durch geschickte Fragen das Nachplappern eliminieren und Gewohnheiten unberücksichtigt lassen.
Überhaupt stellt sich die Frage, ob unsere traditionelle Wahl von Parteien der richtige Weg ist. Wenn ich vor dem Gang zur Urne den Wahl-o-mat befrage und dann die Vertretung mit der höchstmöglichen Überdeckung ankreuze: Warum lassen wir nicht auf der Basis des Wahl-o-mat ein Programm für die nächste Legislaturperiode erstellen und setzen sie dann mit geeigneten Menschen um?
Das kann man dann technisch noch weitertreiben, Indikatoren für die Zielerreichung definieren und kontrollieren, durch Hinzunahme von Randbedingungen aber auch Zielanpassungen vornehmen. Hier denke ich an Agilität, ein Verfahren, das sich in der Handhabung volatiler und komplexer Systeme bewährt hat. Lösungen ableiten, ausprobieren und nach kurzen Zeitspannen bedarfsweise anpassen ist die Grundidee, die im technischen Umfeld schon seit geraumer Zeit langlaufende Großprojekte (analog Programmen für eine mehrjährige Legislaturperiode) abgelöst hat.
Dieser Ansatz ist viel reaktionsschneller, weniger von Entscheidungen einzelner Politiker abhängig und kann mit den modernen Möglichkeiten wie Apps einerseits und KI andererseits problemlos implementiert werden. Denn zweifellos dreht sich unsere moderne Industriewelt immer schneller, dem müssen wir Rechnung tragen und etablierte Abläufe und unser Demokratieverständnis weiterentwickeln.
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