"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.
*
Ein wenig aufgeregt bin ich schon. Vielleicht war meine neue Bekanntschaft Sara nur ein Phantom, stelle ich mir unter unserem Austausch mehr vor, als sie gemeint hat oder am Ende ist uns das Wiedersehen peinlich, weil es einen Dating-Charakter hat. Aber nichts davon tritt ein. Die Tür schwingt auf, mit zügigem Schritt steht sie an meinem Tisch, strahlt mich an und hat schon Jacke und Handtasche deponiert. Ich bin aufgesprungen um sie zu begrüßen, aber sie ignoriert meine Hand, nimmt mich kurz in den Arm, als ob wir uns schon aus der Schulzeit kennen.
"Wieder einen Cappuccino XXL?" will die herbeieilende Bedienung wissen, die sich bestimmt auch ihren Teil denkt. "Ja, wunderbar, dass Sie sich das gemerkt haben." Während die Angestellte in Richtung Theke zieht, wärmen wir uns verbal ein wenig auf, tauschen Erfahrungen des Tages und des Wetters. Im Redestrom gehen wir dann plötzlich ins Du über, ohne daraus eine große Zeremonie zu machen. Und das ist auch gleich Gesprächsstoff.
"Glaubst du, dass die Entwicklung zum Du in der Gesellschaft Veränderungen auslöst oder ist es eher andersherum, dass die Gesellschaft sich verändert und deshalb zum Du übergeht?" - "Keine Ahnung, ob Du oder Sie ist weniger eine Frage der Anrede als der Distanz, die man damit signalisiert. Hat man ein persönliches Verhältnis oder steht man sich eher formal gegenüber. Ich finde es total seltsam, wenn man sich in der Familie mit Sie anredet, wie ich das manchmal in älteren amerikanischen Filmen mitbekomme. Andererseits sind die Leute in Amerika eigentlich sofort per Du, selbst der Vorstand stellt sich mit Vornamen vor und erwartet, dass du ihm genauso begegnest. Aber das ist dann keine Frage von freundschaftlichem Kontakt, sondern ein Standard, an den sich alle halten. Einige Stunden später kann dich dieselbe Person beschimpfen ohne durch diesen vermeintlichen Schwenk in Gewissensnöte zu kommen."
"Da geht doch einiges durcheinander. Anrede, Verknüpfung mit Gefühlen, Distanz und Respekt. Als Deutsche waren wir der Meinung, dass das Du etwas mit Respekt und Hierarchie zu tun hat. Ich möchte mich nicht von einer Angestellten Duzen lassen oder von einem Schuhverkäufer so angesprochen werden. Der kann ja durchaus nett sein, vielleicht treffe ich ihn abends im Sportverein und dann unterhalten wir uns vertraut über Sportprogramme und Trainingsschuhe. Aber in seiner Rolle als Verkäufer im Geschäft erwarte ich erstmal eine gewisse Distanz, und die zeigt sich eben auch in der Anrede."
"Das finde ich ein wenig steif, auch unbekannte Personen mit Du anzusprechen ist inzwischen üblich. Aber andererseits hast du Recht, und mein Eindruck ist, dass das auch mit den einzelnen Geschäften zusammenhängt. Gehe ich zu einem Schuhdiscounter, dann kommt mir wahrscheinlich eine junge Frau entgegen, die mich mit Du anspricht. In einem exklusiven Geschäft werde ich eher gesiezt. Eine Demonstration der Höflichkeit, vielleicht sogar ein wenig der hierarchischen Unterordnung. Der Kunde als König, der Verkäufer als Untertan."
"Und woher kommt die Verschiebung zum Du? Liegt das daran, dass alle cooler werden wollen, einen lässigen Umgang anstreben, sich diese lockere Art von unseren Vorbildern aus Amerika abschauen? Oder ist es nicht vielmehr der Versuch, alle Hierarchie zur Seite zu räumen, nicht nur als Phrase, sondern auch innerlich mit dem Vorstand auf Augenhöhe sprechen zu wollen? Ich denke ja nicht, dass eine hohe Hierarchie automatisch zu Arroganz führen muss, aber in der anderen Richtung ist es doch auch irgendwie dreist, wenn ich den Unterschied schlicht ignoriere."
"Dann siehst du das Du als Signal von Dreistigkeit?" - "Naja, nicht grundsätzlich und in jedem Fall. Vielleicht passt der Begriff Überheblichkeit besser. Wenn ich als Angestellter gute Arbeit leiste, dann ist das toll und anerkennenswert. Aber auf eine höhergestellte Person zu schauen und sich so zu verhalten, als ob man gleiche Intelligenz oder Wissen oder Verantwortung hätte, ist zumindest erst mal eine Selbstüberschätzung."
"Das leitest du alles aus der Anrede ab?" - "Die Anrede ist nur ein Symptom, da kommen wir auf die Ausgangsfrage, wie das mit der gesellschaftlichen Veränderung zusammenhängt. Wir erleben doch an allen Ecken und Enden Verschiebungen, ich sag mal nach oben. Wenn du schaust, wer heute alles ein modernes Auto fährt, komfortabel wohnt oder Kreuzfahrten bucht, dann sind das viel mehr Menschen als noch vor wenigen Jahren. Das ganze Gefüge hat sich geändert, die Löhne sind dramatisch viel höher, der gemittelte Wohlstand hat zugenommen, aber die Preise haben auch angezogen. Da schließt sich dann der Kreis, wenn man zum Beispiel die Eintrittspreise für Konzerte anschaut. Die sind ja schwindelerregend, werden aber trotzdem von ganz normalen Bürgern bezahlt."
"Ich glaube nicht, dass das so global stimmt. Eher geht die Schere weiter auseinander, es gibt zunehmend Menschen, die Schwierigkeiten haben, ihr Leben zu finanzieren, die mit ihrem Einkommen kaum über die Runden kommen. Vielleicht vermitteln sie an der einen oder anderen Stelle den Eindruck, dass es reicht, gehen aber nach Feierabend noch einem weiteren Job nach, damit die Kinder ein neues Handy bekommen können oder ein Urlaub möglich wird. Und in Kombination mit unausweichlicher Teuerung wie bei Benzin oder Lebensmitteln wird die Luft dann ganz schön dünn. Das Problem ist, dass auch wir beide immer nur einen Ausschnitt um uns herum sehen, aber das ist eben nur eine kleine Fraktion der Gesellschaft."
"Da ist was dran, aber der Standard hat sich schon deutlich weiterentwickelt. Selbst bei Aldi und Co bekommst du heute gute Lebensmittel, die kann man nicht mit dem Ramsch vergleichen, der vor einigen Jahrzehnten auf den Paletten war. Und natürlich kosten die Sachen dann mehr. Aber die Erwartung steigt mit den Angeboten, die Konsumenten tun sich schwer damit, dass sie wieder schlechtere Produkte kaufen oder mehr bezahlen müssen. Was früher nur für Besserverdiener galt, also dass sie sich einfach alles leisten konnten, daran haben sich viele Normalverdiener inzwischen gewöhnt. Einerseits wundern sie sich, dass dieses Grundprinzip für sie nicht mehr gilt, andererseits erfahren sie, dass es Sachen gibt, die man nicht kaufen kann. Und bekommen so vor Augen geführt, dass sie eben nicht zu den Gutverdienern gehören. Das schürt Neid und mündet im Versuch, sich doch irgendwie auf deren Stufe zu stellen."
"Ich muss gleich los, lass mich mal kurz zusammenfassen, wo wir in unserem wilden Ritt durch die Themen hingekommen sind. Wir haben uns über das Du unterhalten, darüber diskutiert, ob es ein Signal für Respekt und Hierarchie ist und ob Hierarchie oder auch nur Anerkennung einer höheren Stellung gesellschaftlich sozusagen von unten kommend zunehmend in Frage gestellt oder sogar torpediert wird. Und dann ging es noch darum, dass man diese Annäherungsversuche auch da sehen kann, wo es darum geht, sich etwas leisten zu können."
"War ein spannendes Gespräch, hast du nächste Woche wieder Zeit? Dann könnten wir uns weiter über den Sozialneid unterhalten. Ich bin ziemlich neugierig, wie du den siehst und im Alltag erlebst."
*
Abonniere den Kanal "Eckhards Blog By Dr.-G." auf WhatsApp
[Weitere Blogs: Interdisziplinäre Gedanken, Feingeistiges]

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen