Montag, 1. Juni 2026

Saras Sicht: Intro

Saras Sicht: Intro
Eine neue Serie: "Saras Sicht" - Ich lerne eine Frau kennen, mit der ich mich kontrovers über wechselnde Themen unterhalte. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Das Cafe ist weitgehend leer, am Tresen poliert eine junge Frau Gläser, die Kaffeemaschine hinter ihrem Rücken dampft aus der Wasserdüse. Leise Musik aus dem Radio ist im Raum, ruhige Gespräche der wenigen Gäste vermischen sich zu einem gleichmäßigen Gemurmel. Eine Frau in meinem Alter kommt herein, zieht sich die Jacke aus und spricht kurz mit der Angestellten. Ich nehme nicht weiter Notiz von ihr und lese weiter in meinem Buch, während ich von Zeit zu Zeit einen Schluck Kaffee aus der übergroßen Cappuccinotasse nehme.

"Guten Tag" höre ich eine Stimme und erwidere den Gruß ohne aufzuschauen. "Guten Tag, darf ich mich zu Ihnen setzen?" Jetzt schaue ich doch auf. Die Frau ist ziemlich schlank, hat eine mittelbraune Kurzhaarfrisur, ein schmales Gesicht mit lebhaften braunen Augen. Die weiße Bluse über der Bluejeans lässt alle Optionen zwischen Business und Freizeit offen. "Eigentlich wollte ich, nein... ja, selbstverständlich, setzen Sie sich."

Schon hat sie ihre Jacke auf den Stuhl neben sich gelegt, ihre Handtasche abgestellt und sitzt mir gegenüber. Ich schaue sie noch einen Moment an, dann widme ich mich wieder meinem Buch. Eine Weile herrscht Ruhe, dann kommt die Bedienung und "Ich hätte gerne einen großen Kaffee. Was hat der Herr mir gegenüber?" - "Das ist unser Cappuccino XXL." - "Sehr gut, den können Sie mir bitte bringen."

Ich tue so, als ob ich weiterlese, aber meine Ruhe ist gestört, die Gedanken beschäftigen sich mit der Frau mir gegenüber. Das ganze Cafe ist leer, warum belagert sie ausgerechnet mich, sucht sie allgemein Kontakt oder will sie etwas von mir? Wie alt ist sie denn nun, was macht sie in der Freizeit, bei der Arbeit, in der Familie, gerade jetzt und hier? Jedenfalls sieht sie recht hübsch und intelligent aus, vermutlich eingebildet und ziemlich anstrengend in der Partnerschaft.

Sie kramt in ihrer Handtasche, bestimmt holt sie ein Handy heraus, aber es ist doch nur ein Taschentuch, mit dem sie um die Augen herumtupft. Sie hat ein sehr dezentes Makeup aufgetragen, kaum sichtbarer Shadow, Mascara, alles sehr gepflegt und unaufdringlich. Ihr Cappuccino kommt, sie nutzt die Gelegenheit, um die Tasse in meine Richtung zu halten und mir zuzuprosten. Mein Lesenachmittag ist nun ohnehin beschädigt, also mache ich das Beste daraus und entschließe mich, meine neue Bekanntschaft zu akzeptieren.

"Und", sage ich während ich auf ihre Tasse schaue, "ist die Bestellung nach Ihren Vorstellungen?" - "Oh ja, schmeckt gut und ist so schön dekoriert. Die Frau ist eine richtige Barista." Kurze Pause, dann: "Darf ich mich vorstellen, ich bin Sara." Unwillkürlich muss ich grinsen, sage aber nur: "Soso, Sara. Sehr erfreut." - "Warum lachen Sie? Stimmt was nicht mit meinem Namen?" - "Ach nein, der Name ist schon ok. Aber ich sitze hier in meinem Stammcafe, lese still mein Buch und plötzlich setzt sich eine fremde Frau zu mir und ist dann Sara. Das klingt wie eine ziemlich simple Kontaktanzeige a la Süße-Sara-22 sucht."

Einen Moment sieht sie mich entgeistert an, vielleicht sogar ein wenig beleidigt, aber sofort fängt sie sich. "Interessante Assoziation. Und ziemlich direkt. Sind Sie immer so rund heraus?" - "Ich sage nur, was ich denke. Glauben Sie mir, andere Menschen haben die wildesten Gedanken, ohne sie jemals auszusprechen. Und schon gar nicht gegenüber einem Menschen, den sie noch nie gesehen haben. Nennen wir es mal Offenheit."

"Das gefällt mir. Und ehrlich gesagt, so hatte ich Sie auch eingeschätzt, sonst hätte ich mich nicht zu Ihnen gesetzt." - "Ach. Und was haben Sie sonst noch geschätzt, bevor Sie Platz genommen haben?" - "Belesen, das sieht man ja an dem Buch, ruhig, weil Sie zwar offensichtlich Stammkunde sind, aber alleine hier sitzen und in Gedanken vertieft, ins Buch eingetaucht. Und da habe ich gedacht, mit dem möchte ich mich gerne unterhalten."

Ich mache "hm", schaue sie noch einmal an. Ist das eine etwas plumpe Art, Bekanntschaft mit Männern zu machen oder hat es nichts mit dem Geschlecht zu tun? Harry und Sally fällt mir ein und die These, dass Männer und Frauen nicht einfach nur Freunde sein können, weil ihnen früher oder später der Sex dazwischenkommt. Ich sage dann: "Etwas ungeplant, das gebe ich zu und tatsächlich wollte ich heute weiter in meinem Buch über Gesellschaft und Kultur lesen. Aber ich möchte nicht stoffelig sein: Über was möchten Sie sich denn mit mir unterhalten?"

"Gesellschaft und Kultur", sagt Sara, "das hört sich gut an. Was steht denn im Buch, irgendwelche interessanten Impulse?" - "In den ersten Kapiteln wird die deutsche Geschichte dargestellt, die Zeit zurück bis zur ersten Industriellen Revolution und die Wechsel der sozialen Strukturen." - "Spannend, ich habe kein Thema im Geschichtsunterricht so oft gehört wie die Zeit vor und um den zweiten Weltkrieg. Seltsamerweise war das so betont, dass kaum noch Raum war für die Zeit davor und danach. Dabei muss man glaube ich ein paar Sachen verstanden haben, um den Gesamtverlauf zu verstehen."

Wir schlürfen an unserem Kaffee, ich betrachte meine Gesprächspartnerin jetzt ziemlich aufmerksam. Am liebsten würde ich sie jetzt ein bisschen ausfragen, etwas über ihren Beruf, ihre Ausbildung und ihr Privatleben erfahren, aber ich möchte vermeiden, dass es wie die Antwort auf ihre unsichtbare Kontaktanzeige wirkt. Aber neugierig macht sie mich schon, und so halten wir noch ein wenig Smalltalk, bevor wir uns verabschieden und für den übernächsten Tag hier im Cafe verabreden.

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