"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.
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Es hat tatsächlich geklappt, dass wir uns wiedersehen. Einerseits war unser Gespräch über die Duz-Kultur ja recht lebhaft verlaufen, aber ich hatte mich im Nachgang gefragt, ob wir wirklich kontrovers diskutiert oder uns nur gegenseitig Recht gegeben hatten. Entsprechend gespannt wartete ich schon vor der verabredeten Zeit vor meinem Cappuccino auf den Austausch zum Sozialneid.
"Holla" höre ich meine Bekannte zur Tür reinkommen, diesmal sitzt sie schon, bevor sie den Mantel ausgezogen hat. Ein wenig außer Atem, aber gut gelaunt, mag sein, dass sie genauso gespannt auf mich ist wie ich auf sie. "Du bist ja schon da... für mich auch einen XXL und heute darf es auch ein Keks dazu sein. Meinst du, die haben hier sowas?" Bis die Bedienung kommt hat sie ihre Jacke abgestreift, die Handtasche deponiert und sich aus einer plötzlich auftauchenden Tube die Hände eingecremt.
Ich schaue sie an. "Du siehst aus, als ob du dich zum Kampf rüstest." Sie lacht, "Nein, das ist eher so ein unwillkürliches Programm, ich habe noch nicht mal gemerkt, dass ich mir die Hände eingecremt habe. Gehört irgendwie dazu." Sie reibt noch mal die Hände. "Kennst du das nicht, dass du irgendwas automatisch machst, immer 20 Meter vor der Haustür nach dem Schlüssel kramst, auch wenn sie aufsteht oder die Lesebrille suchst, obwohl die Speisekarte groß genug gedruckt ist?"
"Manchmal erschrecke ich mich beim Autofahren, dann frage ich mich, wie ich an diese Stelle gekommen bin und wie ich die Kurven auf den letzten Kilometern gelenkt habe, obwohl ich in Gedanken die Einkaufsliste durchgegangen bin." Wir diskutieren noch eine Weile über automatisierte Abläufe, ob es da Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt und ob es überhaupt Menschen gibt, die im üblichen Sinne Multitasking-fähig sind.
Dann kommen wir wieder auf unser letztes Treffen zurück, lassen das Gespräch noch mal an uns vorüberziehen und ergänzen hier und da irgendwelche Aspekte. "Ja", sage ich, "wahrscheinlich steckt in jedem Menschen eine mehr oder weniger große Neid-Ecke. Wir vergleichen uns und dann sind wir besser oder schlechter. Und wenn wir schlechter sind, dann ist der andere besser und das stört uns."
"Wir sind uns einig, dass Neid eine Folgerung ist, die in unserem Kopf entsteht. Mit dem Ergebnis vom Vergleich kann man so oder so umgehen. Man kann sich anstrengen um besser zu werden und vielleicht irgendwann den anderen zu übertreffen oder man versucht ihm ein Bein zu stellen, damit er schlechter wird oder man ärgert sich und verschiebt den Wettkampf in ganz andere Themen."
"Wie meinst du das?" - "Naja, da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Weitverbreitet kann man dem Gegenüber vorwerfen, dass er ein Angeber ist. So, wie er sein Auto putzt und präsentiert will er ja offensichtlich demonstrieren, dass er eine Luxuskarosse hat. Dieser arrogante Schnösel hat ja sonst auch nichts, nachdem seine Kinder aus dem Haus sind. Und so weiter. Den Charakter kritisieren, die Seriosität in Frage stellen, auf Mängel an anderer Stelle hinweisen. Der hat zwar das teurere Auto, aber er kann sich ja noch nicht mal einen vernünftigen Urlaub leisten."
"Manchmal ist das aber gar kein Neid, sondern ein gewisser Selbstschutz. Damit ich mich nicht zu blöd fühle, muss ich mir irgendwas ausdenken, was ich besser kann, mehr habe, oder auch dass es mir auf ein großes Auto doch gar nicht ankommt, dass es Wichtigeres im Leben gibt.“
„Das ist dann ein nach außen getragenes Ausweichmanöver. Aber im Grunde ist es eben doch Neid, ich möchte selbst mindestens genauso sein oder ich gönne der anderen Person etwas nicht. Und wenn ich es nicht erreiche, dann muss ich den Vorteil oder vermeintlichen Sieg eben madig machen. Wenn er schon besser ist, soll er sich nicht auch noch daran erfreuen können.“
„Bei Sozialneid denke ich an Aggression, die sich beim Zusammentreffen auslebt. Sei es ganz verdeckt als schlechtere Behandlung, zum Beispiel Verzögerung in der Bedienung, sei es in Form blöder Kommentare oder sogar Beschädigung zum Beispiel des Autos.“
„Ja, genau. Da laufen Mechanismen an, die im Grunde von sehr weit innen kommen. Ablehnung und der Versuch, diese Abweichler aus dem eigenen Dunstkreis irgendwie loszuwerden, ihnen durch negative Erlebnisse jeden Kontakt zu vermiesen. Ich denke, Sozialneid ist der Begriff für die Perspektive von unten nach oben, also wenn jemand neidisch ist, weil er weniger hat. Aber das Phänomen der Ablehnung hast du natürlich auch in der anderen Richtung. Distanz aufbauen zu jemand, der dir niedriger erscheint.“
Ich schlürfe an den Resten meines Cappuccino und lasse Saras Sicht auf mich wirken. „Okay“, sage ich dann, „Das ist dann kein Neid, aber die Auswirkung von unterschiedlichem Rang oder Gesellschaftsebene oder wie man es nennen will. Spannend jedenfalls, wie sich sofort Spannungen aufbauen, wenn es Unterschiede in der Ebene, der Stellung, der Position gibt. Allein schon, dass wir von ‚oben‘ und ‚unten‘ sprechen, zeigt ja, dass es ein besser oder schlechter gibt. Und allein diese mehr oder weniger bewusste Erkenntnis schürt Unzufriedenheit mit Tendenz zum Neid.“
„Vielleicht ist das so, vielleicht entsteht die Empfindlichkeit aber auch schon, sobald man mit diesem Maßband konfrontiert wird. Das größere Auto, die schickere Wohnung oder der attraktivere Job führen einem ja deutlich vor Augen, dass man selbst weniger hat, je nach Unterschied und Selbsteinschätzung sogar, dass man sich als Versager fühlt. Und das tut weh.“
Eine Weile geht das Gespräch noch weiter, erzählen wir uns von Beispielen aus dem Alltag, haben ein paar Situationen im Kopf, die wir im Zusammenhang mit Sozialneid sehen. Schließlich ist der Cappuccino aber ausgetrunken und der Nachmittag ist auch schon fortgeschritten. Wir zahlen, schnappen uns die Mäntel und verabreden uns für die nächste Woche.
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