Ob wir es wollen oder nicht, laufen in unserer Wahrnehmung immer Einstufungen in Kategorien ab. In unserem Kopf werden Eindrücke zu einer Rubrik zusammengefasst, so eine Art Assoziation entwickelt. Manche Zusammenstellungen sind sinnvoll, nachvollziehbar, logisch und mehr oder weniger bewusst. Sehe ich eine gut gekleidete Person, erwarte ich auch eine strukturierte und sorgfältig ausgeführte Arbeit. Das ist dann eine Projektion von einer Beobachtung auf eine charakterliche Eigenschaft und weiter auf ein berufliches Verhalten.
Recht tief in uns verwurzelt ist der Rückschluss von Größe auf Wichtigkeit. Nicht alleine, dass wir große Menschen eher als Führungspersonen akzeptieren, wir halten breiter gebaute Personen auch potentiell für gefährlicher. Auch im Straßenverkehr kann man dieses Phänomen beobachten, ist doch ein LKW spontan furchteinflößender als ein Motorrad. Selbst die Schätzung der Geschwindigkeit wird von dieser Zuordnung beeinflusst, Zweiräder scheinen langsamer zu sein als PKW.
Etwas abenteuerlicher ist die weit verbreitete Verknüpfung von Aussehen und Intelligenz. Attraktive Menschen werden a priori für klüger eingeschätzt, wer hässlich ist, dem wird auch die fachliche Kompetenz abgesprochen. Bei diesem Beispiel geht die Verknüpfung nicht auf entsprechende Erfahrung zurück, selbst bei genauerer Betrachtung ist kein logischer Zusammenhang zwischen den beiden Aspekten zu finden.
Dann gibt es Vorurteile, die sich aus einer bunten Mischung von Impulsen ergeben, welche sich im Einzelnen nicht mehr rekonstruieren lassen. Ob die beobachtete Ablehnung von Ausländern an persönlichen Erfahrungen, an Berichten von Freunden, einer allgemeinen gesellschaftlichen Strömung oder tief verborgenen Ängsten liegt, ist weitgehend unklar.
Doch ob auf diesem Weg oder einem anderen: Ersteinschätzungen sind anthropologisch überlebenswichtig und schießen uns unwillkürlich in den Kopf. Wird einem diese erste Bewertung als revidierbarer Vorschlag bewusst, dann kann man ihn in Frage stellen, gegen den aktuellen Eindruck halten und anpassen. Im optimalen Fall kann man dann seine Meinung ändern, zum Beispiel auch einem weniger hübschen Menschen Expertenwissen zubilligen.
In seltenen Fällen erlebt man auch eine unbewusste Anpassung. Gerade betrete ich einen Raum, in dem eine junge Frau mit Hoodie sitzt. Spontan schätze ich sie als Öko ein, sortiere ihre selten gewaschenen Haare und ihr Makeup-freies Gesicht dieser Einordnung zu. Und schrecke auf, als mir der Duft eines hochwertigen Parfums entgegenweht. Das passt jetzt nicht. Bis zu diesem Geruch war meine Welt in Ordnung, die passende Schublade gefunden.
Jetzt bin ich irritiert. Wieso macht sie so etwas? Entweder ist man auf dem Öko-Trip und verweigert jegliche Form von Deo und Kosmetik, oder man ist Kunde in einer Parfümerie. Meine Gedanken kommen in Schwung. Dieser olfaktorische Widerspruch muss aufgelöst werden, vielleicht geht der Geruch gar nicht von der jungen Frau aus? Soll ich sie fragen, ob sie irgendwas vorhat und deshalb eingenebelt ist? Oder eine Duftprobe von einer Freundin geklaut hat?
Fast ist es wie beim Autofahren, wenn man gedankenverloren der Landstraße folgt und erst aufschreckt, wenn man eine Bewegung am Straßenrand wahrnimmt. Und dann blitzschnell überlegt, ob da wirklich etwas ist, ob es gefährlich ist und ob man etwas machen muss. So auch hier: In andere Überlegungen vertieft und nur nebenbei die andere Person registriert, dann aber plötzlich mit aller Aufmerksamkeit dabei.
Nach einigen wenigen Sekunden entscheide ich mich dann, meine Schublade für Ökos beizubehalten und den Widerspruch zu akzeptieren. Obendrein sinkt auch der Alarmpegel, eigentlich ist es mir egal, ob und wie die Frau riecht. Und gefährlich ist die Szene für mich ja auch nicht.
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