*
Heute wird es lustig, das sehe ich Sara an. Entgegen ihrem sonst oft eher kritischen Gesichtsausdruck trägt sie die gute Laune sozusagen vor sich her.
„Hallo, meine Liebe“, begrüße ich sie, „du strahlst so, was gibt es Neues?“ – „Och, nichts Neues, aber ich amüsiere mich gerade über einen wundervoll sperrigen Ausdruck aus dem Beamtendeutsch, den ich gerade gelesen habe. Weißt du, was ‚Spontanvegetation‘ ist?“
Ich denke kurz nach, Vegetation ist klar, da geht es irgendwie um Pflanzen, aber was kann daran spontan sein? „Nein, weiß ich nicht. Hat es was mit Pilzen zu tun, die kurzfristig aus dem Boden kommen?“ – „Nicht schlecht, immerhin nah dran. Aber tatsächlich verbirgt sich dahinter das Zeug, was du nicht haben willst und deshalb als Unkraut bezeichnest. Es ist Vegetation, die spontan kommt.“
„Okay, was gelernt. Weißt du, was eine ‚Personenvereinzelungsanlage‘ ist?“ – „Hört sich nicht gerade nett an, vielleicht irgendwas Gefährliches oder der Zugang zu einem Gefängnis?“ – „Zugang ist die richtige Richtung, tatsächlich ist damit ein Drehkreuz gemeint. Es sorgt dafür, dass immer einer nach dem anderen – also vereinzelt – irgendwohin kommt.“
„Mir fällt noch einer ein: Was ist eine Querungshilfe?“ – „Den Begriff kenne ich sogar. Er ist so herrlich umständlich, dass ich ihn mir gemerkt habe: Das ist das, was wir normalerweise Verkehrsinsel nennen. Und man kann sagen, dass ‚Verkehrsinsel‘ wörtlich genommen ein recht hübsches Bild abgibt. Aber Querungshilfe ist wohl in gewisser Weise zutreffender. Das gilt übrigens auch für den ‚Holzgliedermaßstab‘, besser bekannt als Zollstock. Weder Zoll noch Stock. Aber ob dieses Teil immer aus Holz ist…“
„Auch so ein Beispiel, das tatsächlich besser, aber noch recht ungebräuchlich ist, ist das ‚Leuchtmittel‘, früher standardmäßig als Glühbirne bezeichnet. In Zeiten mit LED glüht da nichts, Birnenform ist auch eher historisch. Ähnlich bei der ‚Abgasanlage‘, die früher schlicht ‚Auspuff‘ hieß.“
„Mir gefallen vor allem die euphemistischen Bezeichnungen. Das fängt ja schon mit der ‚Kurzzeitigen Arbeitsunterbrechung zur Regeneration‘ statt Kaffeepause an, geht weiter mit ‚Seniorenresidenz‘ und endet dann schließlich mit ‚Lebensendzeitnahe Betreuung‘ statt Sterbehilfe.“ Und ich lege nach: „Oder das hier: ‚Schriftgutbehälter mit mechanischer Heftvorrichtung‘ – was mag das sein?“
Sara grübelt, dann strahlt sie: „Die Heftvorrichtung hat es verraten. Es ist ein Aktenordner, stimmt's?“ – „Super“, sage ich, „absolut richtig. Mit solcher Logik kommst du dann auch darauf, dass ein ‚Schienengebundenes Personennahverkehrsmittel‘ eine Straßenbahn ist. Übrigens würden wir unseren Cappuccino außerhalb des Cafes in einem ‚einwegigen Trinkgefäß aus zellulosebasiertem Verbundmaterial‘ oder kurz Pappbecher zu uns nehmen.“
„Das ist aber mal wirklich übergenau, vergleichbar mit dem ‚thermisch behandelten Obsterzeugnis‘, das du besser als Marmelade oder Kompott kennst. Und ganz sauber darf man einen ehemaligen Negerkuss auch gar nicht mehr als ‚Schaumkuss‘ bezeichnen, sondern muss ‚Zuckerware mit Schaumzuckerstruktur‘ dazu sagen. Ich bin gespannt, wer dich versteht, wenn du auf dem Jahrmarkt danach fragst.“
Wir müssen beide lachen. „Einen noch“, sage ich, „Mir gefällt noch das ‚raumbegrenzende Element‘ oder wie manche Leute sagen: Wand.“ – „Oh, cool, den kannte ich noch nicht. Mein letzter Sperrbegriff ist ‚Fahrtrichtungsanzeiger‘ statt Blinker – wie findest du den?“
Tief durchatmen, die korrekte Sprache genießen und den Cappuccino austrinken.
*
Abonniere den Kanal "Eckhards Blog By Dr.-G." auf WhatsApp
[Weitere Blogs: Interdisziplinäre Gedanken, Feingeistiges]

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen