Montag, 19. Oktober 2026

Saras Sicht: Monday for Future

Saras Sicht: Monday for Future
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Der Cappuccino ist kalt. Wir hatten schon eine Weile hier gesessen und auf das gewohnte Kaffeegetränk gewartet. Aus irgendeinem Grund hat die Bedienung zu lange gebraucht, um ihn von der Maschine bis zu unserem Tisch zu bringen und jetzt steht er vor uns, gibt mit seinem zusammengefallenen Milchschaum ein trauriges Bild ab und ist obendrein auch noch kalt.

"Hast du den Bericht von LBBW-Chef Rainer Neske gelesen?", will Sara wissen. "In einem Beitrag beim sozialen Netzwerk LinkedIn hat er die Frage gestellt, wie wir als Gesellschaft wieder mehr Leistungsbereitschaft mobilisieren. Das ist ja im Grunde nichts Neues und wird von hohen Führungskräften und Vorständen immer mal wieder angesprochen. Aber er steht mit der LBBW immerhin der sechstgrößten Bank Deutschlands vor. Und spricht an anderer Stelle von der Streichung eines Feiertages. Es scheint ihm schon Ernst zu sein."

"Ja", sage ich, "er meint es ernst. Und er ist nicht allein. Ich finde es in mancher Hinsicht ganz bemerkenswert, denn er begründet seinen Apell zunächst mit der Zukunftssicherung seines Hauses, also der Landesbank. Und dann behauptet er, dass er es auch in größerem Zusammenhang und mit der Gesellschaft sieht. Zumindest als Ausgangspunkt der eigenen Zahlen fordert er auf, die Leistungsbereitschaft zu steigern. Was auch immer er darunter versteht."

Sara überlegt nicht lange. "Das kann ich dir sagen: Wenn du mal in die Runde schaust, dann bist du an vielen Stellen umgeben von Menschen, die es sich selbst gut gehen lassen. Das ist im ersten Moment nichts Verkehrtes, aber die Priorisierung hierauf, die hat in den letzten Jahren schon zugenommen. Begriffe wie Work-Life-Balance stehen plötzlich im Zentrum, Forderung von immer kürzeren Arbeitszeiten, Ausbreitung von Teilzeit, Vorruhestand, dauernde Urlaube verschieben sich von Nebenbedingungen in den Mittelpunkt."

"Ehrlich gesagt glaube ich, dass du von einer eher kleinen Fraktion der Gesellschaft sprichst. Das geht einher mit den DINKS [Double Income No Kids], also Paaren, die jede Menge Geld nach Hause kriegen und es sich einfach schön machen wollen. Es ist doch klar, dass die verstärkt in Urlaub fahren, einen Wochentag weniger zur Arbeit gehen, weil sie es einfach nicht nötig haben oder ein Sabbatjahr einlegen."

"Ja und nein. Diese Konstellation gibt es. Und sicher angesichts der heutigen Partnerschaften mehr als früher. Also Punkt für dich. Aber ob ich mich deswegen weniger ins Zeug lege, meine Arbeitsleistung vermutlich als Angestellter verringere, ist eine andere Sache. Sie könnten unverändert weitermachen, das sozusagen überschüssige Geld aber für einen anderen Zweck verwenden, sei es damit ein eigenes Projekt zu verwirklichen, sozial tätig zu werden, eine Stiftung zu gründen oder was es sonst an Zielen außerhalb der aktuellen Tätigkeit gibt."

Sara ist noch nicht fertig. "Und zweitens bin ich der Meinung, dass es eben nicht nur einen recht kleinen Teil unserer Mitmenschen betrifft. Gerade in Behörden habe ich oft den Eindruck, dass die Sachbearbeiter nicht gerade voller Elan an die Arbeit gehen. Da mag es ja auch Leistungsbereitschaft geben, aber so richtig sichtbar ist sie in den seltensten Fällen. Eher ein lustloses Abarbeiten, von persönlichem Engagement ganz zu schweigen.“

„Ich fürchte, das sehen die Angestellten im öffentlichen Dienst anders. Wenn ich sie im Fernsehen oder auf Demos erlebe, verbreiten sie den Eindruck gute Arbeit zu leisten, aber unangemessen bezahlt zu werden. Und Leistungsbereitschaft: Wie willst du die feststellen oder gar messen? Sind das die Personen, die Tag und Nacht arbeiten, von sich aus weitere Arbeit annehmen und erst nach Hause gehen, wenn der Postkorb leer ist?“

„Um hier nicht nur rumzunörgeln müssen wir ein paar Begriffe definieren oder zumindest mal genauer betrachten.“ überlegt Sara, „Wir haben die Forderung nach Leistungsbereitschaft, haben andererseits die Gefahr der Ausbeutung und sozusagen über allem auch die Bequemlichkeit. Es ist naheliegend, dass ein Arbeitgeber möglichst viel Leistung fordert, also tendenziell seine Arbeitskräfte ausbeuten will. Und genauso liegt es auf der Hand, dass diese sich nicht ausbeuten lassen wollen und von Grund auf eine gewisse Bequemlichkeit an den Tag legen.“

Sie denkt kurz nach, genießt, dass zwischenzeitlich ein zweiter, diesmal heißer Cappuccino gekommen ist und setzt dann fort: „Diese Bequemlichkeit ist wohl der Schlüssel. Wer etwas leistet, macht es sich unbequem, muss vom Sofa aufstehen, irgendetwas aktiv anpacken. Ob das für die Firma ist, für einen Verein, für einen Mitmenschen oder die Gesellschaft spielt keine Rolle. Es macht Arbeit, ist vielleicht sogar mühsam und kostet Geld und Zeit.“

„…was aber erst mal niemand machen möchte, weil er sich fragt, warum. Was ihn motivieren sollte.“

„Monday for Future.“ sagt Sara, „verstehst du? So wie die jungen Leute die Initiative ‚Friday for Future‘ gegründet haben und die älteren Menschen jeden Freitag auffordern aktiv zu werden, damit wir als Planet eine Chance haben. So müssen die Berufstätigen am Montag aufstehen und etwas tun, damit wir als Gesellschaft eine Chance haben.“

„Krass!“, sage ich. „Ziemlich schräg und in der Praxis nicht umsetzbar. Aber der Gedanke gefällt mir. Er ist so ein tapferer Versuch, ein Gegengewicht zum Egoismus und dem Wegdämmern zu bilden. Das Mindset wieder vom Individuum auf die Gemeinschaft zu lenken.“

„Ja“, sagt Sara, nun ein wenig bedächtig, „Das ist aus meiner Sicht das eigentliche Ziel, nur der Weg dahin ist schwierig und wird auf großen Widerstand stoßen. Vielleicht geht es nicht mit dem Slogan ‚Monday for Future‘, aber ich glaube, dass wir wieder eine Bewegung aus der Mitte der Gesellschaft brauchen und nicht nur den Vorstand einer Bank, um möglichst viele zu bewegen. Eine Art Greta Thunberg für Engagement eben.“

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