Montag, 29. Januar 2024

Der amerikanische Sport-Traum

Der amerikanische Traum: „Vom Tellerwäscher zum Millionär“. Das ist einerseits eine Wunschvorstellung, andererseits aber auch ein Auftrag oder besser noch: eine Aufforderung. Es steckt gleich auch noch die Botschaft drin, dass man es schaffen kann. Nicht nur als grundsätzlich mögliche und denkbare Option, sondern als Potential, das in jedem steckt und das verwirklicht werden kann.

Das ist vom Grundsatz her falsch. Nicht in jedem von uns steckt ein verborgener Millionär. Und die Verwirklichung dieser Vorstellung scheitert auch nicht nur am Willen und der Durchsetzungsbereitschaft. Neben den Randbedingungen, einem günstigen Timing, ein wenig Glück sind auch diverse Charaktereigenschaften unabdingbare Grundlagen. Und am Ende kann man auch die Frage stellen, ob ein Millionär a priori glücklicher ist als ein Tellerwäscher.

Der amerikanische Sport-Traum
Werfen wir aber gleich auch noch einen Blick auf die Sport-Variante des amerikanischen Traums. Die könnte vielleicht „Vom Spargeltarzan zum Olympiasieger“ lauten. Jeder Couchhocker kann durch Training, Coaching und die richtige Ernährung bis an die Spitze der Sportler aufsteigen. Oder zumindest an vorderer Front mitmischen.

Leider ist auch das vom Grundsatz her falsch. Nicht in jedem von uns steckt ein verborgener Sportler. Und die Verwirklichung der Körperbildung scheitert auch nicht nur am Willen und dem Engagement. Einerseits gibt es eine körperliche Grundausstattung, die man in die Wiege gelegt bekommen hat. Wir wissen, dass es verschiedene Körpertypen gibt, die auch verschieden auf Training reagieren. Die Natur stattet die Menschen schlaksig, athletisch oder behäbig aus und jeder Typ hat seine Daseinsberechtigung; nur ist ein Wechsel dazwischen nicht möglich.

Und andererseits hat unser Körper eine Art Gedächtnis. Wer als Kind schon auf dem Fahrrad bergauf und bergab zum Einkaufen geschickt wurde, der hat selbst nach jahrzehntelanger Pause die notwendige Beinmuskulatur innerhalb kurzer Zeit wieder zur Verfügung. Umgekehrt ist aber bei diesem grundsätzlich sportlichen Menschen vielleicht der Aufbau des Gleichgewichtssinnes und der Gelenkigkeit auch mit intensivem Training nicht zu erreichen. Das ist dann einem Menschen vorbehalten, der schon als Jugendlicher im Turnverein war.

Das Verfolgen von Zielen ist für viele Menschen elementar wichtig, sei es in finanzieller, sei es in sportlicher Hinsicht. Aber in beiden Fällen darf man nicht aus den Augen verlieren, dass eben dieses Ziel individuell und realistisch sein muss. Sonst ist die Enttäuschung vorprogrammiert, führt zur Unzufriedenheit mit der eigenen vielleicht gar nicht so schlechten Leistung und am Ende zu ernst zu nehmenden Ausprägungen von Depressionen.

Montag, 22. Januar 2024

Mein Keller voller Geduldsfässer

Mal schnell, mal langsam, mal bergauf, mal bergab. Dazu links oder rechts. Der Lebensweg ist selten eben, führt auch nur vorübergehend geradeaus und wird von uns in häufig wechselnder Geschwindigkeit abgelaufen.

Unschön, wenn auch leider nicht vermeidbar, sind dabei die Phasen, in denen es nicht so gut läuft, in denen man eine Situation eher erträgt als freiwillig durchlebt. Dieses Ertragen oder auch erdulden geht eine Weile, aber dann geht es irgendwann nicht mehr. Die Geduld ist zu Ende, der Gedulds-Faden reißt. Eine Schwelle ist überschritten, das Fass läuft über. Mehr oder weniger unvermittelt bricht etwas hervor, angestaute Energie bahnt sich ihren Weg.

Mein Keller voller Geduldsfässer
Ich schaue mich um. Stehen da in meinem Keller irgendwelche Fässer, in denen sich schon Verärgerung, Wut oder Unmut anzusammeln beginnen? Ist eines davon vielleicht sogar schon deutlich gefüllt oder gar randvoll? Dann ist schnelles Handeln gefragt. Erst mal auf das Etikett schauen, wer oder was ist denn der Initiator dieses Fasses, was ist drin, wann muss ich mit weiterer Befüllung rechnen? Gibt es unten am Fass ein Hähnchen, damit ich den Inhalt ablassen kann?

Nach erster Durchsicht des Regiments an kleinen und großen Fässern entschließe ich mich, erst mal Inventur zu machen. Und siehe da, einige Behälter stehen seit Jahren herum, lauern darauf, wieder ein paar Tropfen abzubekommen. Da verdunstet nichts, kein Ablauf, ein Flüssigkeitsstand, der nur größer werden kann. Ich stemme mich dagegen, mit der Zeit sind diese Fässer geradezu festgewachsen. Endlich gelingt es mir, sie in die dunkle Ecke des Vergessens zu bugsieren, da können sie bleiben, bis sie verrottet sind.

Jetzt ist schon ein wenig Platz geschaffen, das Rangieren in meinem Leben wird ein klein wenig leichter. Als nächstes ein Blick auf die beunruhigend hoch gefüllten Fässer, die möglicherweise demnächst überlaufen könnten. Ganz behutsam laufe ich zwischen ihnen herum, werfe einen Blick auf die Beschriftung. Gott sei Dank, es sind ein paar Behälter mit Ablaufhahn dabei, ich schaue voller Begeisterung zu, wie der Inhalt nach dem Aufdrehen langsam abnimmt. Ich komme nachher noch mal vorbei und prüfe, ob ich sie nicht ganz entsorgen kann.

Diese Fässer gehören zu Ärgernissen, die eigentlich gar keine sind. Ein anderer Blickwinkel, eine humoristische Note oder eine geschickte Änderung der Organisation machen aus dem aufreibenden Erdulden ein nüchternes Zur-Kenntnis-nehmen, im Idealfall sogar ein heimliches Schmunzeln.

Dann gibt es Dinge, die mir im Laufe der Zeit immer mehr auf die Nerven gehen. Am Anfang, vielleicht bei Antritt einer neuen Stelle oder beim Kennenlernen einer Person, merkt man es gar nicht. Aber dieser sinnfreie Prozess auf der Arbeit oder diese lästige Angewohnheit meines Kollegen, die ertrage ich auf Dauer nicht. Dafür habe ich ja meine Fässer, in die jeden Arbeitstag und bei jeder Zusammenkunft wieder ein kleines Portiönchen eingefüllt wird. Warum eigentlich, frage ich mich, greife die Fässer oben am Rand, und siehe da: Sie lassen sich recht leicht kippen. Ich ziehe, drücke, schaukle die Behältnisse, endlich kippen sie um und entleeren ihren Inhalt auf den Boden, wo er im Abfluss verschwindet. Eine neue Strategie bei den zu erledigenden Arbeiten hat die weitere Befüllung gestoppt, eine geänderte Arbeitsteilung die Reiberei mit meinem Kollegen beendet.

Und so wird es tatsächlich sukzessive leerer in meinem Keller. Der Hauptraum ist weitgehend frei, in der Vergessensecke stehen noch ein paar Fässer, vermutlich sind da nur noch Reste drin, das will ich gar nicht so genau wissen. Sorgfältig abwägend entsorge ich möglichst viele Altlasten, versuche alle Impulse für nachtragendes Verhalten abzuwehren. Dabei ist Vorsicht geboten, denn andererseits dürfen der Aufbau von Erfahrung und das Lernen aus Erlebnissen nicht beschädigt werden.

Ein letzter Blick zurück, während ich wieder die Treppe ins Erdgeschoß hinaufsteige. Wie leicht mir das jetzt fällt, allein beim Gedanken an die erfolgreiche Entsorgung behindernder Aufzählungen, Rabattmarken und Goldenen Bücher wird mir ganz warm ums Herz. Doch, ich habe ein wenig Energie mobilisieren können, die ich jetzt für andere, bessere Aktionen verwenden kann. Und die paar verbleibenden Fässer werde ich bei der nächsten Begehung meines Kellers noch mal kritisch unter die Lupe nehmen.



Montag, 15. Januar 2024

Der Berg ruft

Raus aus der Hütte, Wanderschuhe schon an, die ersten Schritte noch ein wenig unbeholfen, aber: Der Berg ruft. Ich schaue hinauf, ganz schön hoch liegt er da in weiter Ferne, kaum kann ich seinen Gipfel erkennen. Ein recht breiter Weg führt von der Hütte an einer Wiese entlang und in weitem Bogen gemächlich bergauf.

Eine Weile später schaue ich zurück, sehe den Weg hinter mir, ganz dort hinten ist noch ein kleines Zipfelchen der Hütte zu erkennen, weit weg jetzt. Der Berg ist nicht so recht näher gekommen, die Höhen scheinen sich eher vor mir her zu bewegen. Ich betrachte meine Schuhe, sehe den allmählich geröllig werdenden Weg und setze meine Wanderung fort.

Nach der Mittagspause habe ich mich schon deutlich fortbewegt. Langsam beginne ich meine Beine zu spüren, der geringe aber stetige Anstieg hinterlässt auch in meiner Muskulatur gewisse Spuren. Aber tapfer geht es weiter, gegen Nachmittag ist mein Ziel schon in erreichbare Nähe gerückt. Ich freue mich, drehe mich noch einmal um und sehe dort unten, tief unter mir die Hütte liegen.

Der Berg ruft

Mit strammem Schritt nehme ich den Kampf gegen die absehbar hereinbrechende Dunkelheit auf und erreiche tatsächlich, wenn auch recht erschöpft, die Berghütte. Pünktlich zum Untergehen der Sonne lasse ich meinen Blick stolz über die Täler um mich herum schweifen. Voller Freude über das erreichte Ziel lasse ich mich auf die Pritsche fallen, ziehe Mahlzeit und Wasser aus dem Rucksack und lege die Beine hoch.

Es war eine anstrengende Etappe, aber das Ergebnis war die Strapaze wert.

Am nächsten Morgen wird es unruhig. Um die Hütte herum höre ich Leute laufen, dick eingemummelt in ihre Jacken trampeln sie auf der Aussichtsplattform herum, erläutern sich mit rechthaberischen Worten die Namen der umliegenden Berge und saugen an ihren Flaschen mit Energydrinks. Wofür sie die brauchen, nachdem sie nur etwa 100 Meter von der Gondel bis zur Hütte gelaufen sind bleibt mir unklar.

Es ist ein Kommen und Gehen, kaum sind ein paar Personen gegangen, kommen wieder neue, die Bergbahn schüttet unermüdlich wie ein Förderband immer wieder neue Menschen in meine Idylle. Sie sind an der Stelle, an der ich auch bin, können identisch diesen Ausblick genießen, aber sie haben keine Anstrengung im Vorfeld gehabt. Und so bleibt ihnen das Glücksgefühl vorenthalten, sich etwas erarbeitet, ja, verdient zu haben.

Spontan grüble ich, ob sie es nicht richtig machen. Ist es doch so viel leichter, wenn es ausschließlich auf das Ergebnis ankommt. Wieso sich herumquälen, wenn man es auch komfortabel haben kann? Dennoch bleibt das Gefühl, dass ich nicht nur den Geldbeutel geschont, etwas für meinen Körper getan, sondern auch eine innere Zufriedenheit mit meiner persönlich erreichten Leistung erreicht habe.

Ach ja, und dieses verdiente Gefühl, selbst etwas geschafft zu haben, das rette ich mir nach dem Abstieg ins Tal auch in den Alltag. Irgendeinen schlauen Algorithmus meine Texte schreiben zu lassen, einen Automatismus zu nutzen, der mir meine Arbeit vom Schreibtisch nimmt und wie die berühmten Heinzelmännchen alles ohne mein Zutun erledigt – das ist ein Traum… aber noch nicht einmal ein besonders schöner.

Montag, 8. Januar 2024

Zur Ruhe gekommen

Ich bin ein wenig früh dran, wir haben uns erst in einer halben Stunde hier im Cafe verabredet. Ich sitze am kleinen Tischchen, habe mir einen Kaffee bestellt und schaue aus dem Fenster. Regenwetter heute, mit den Augen verfolge ich einen Regentropfen, der sich langsam seinen Weg an der Scheibe nach unten bahnt. Mal hält er auf seinem Weg an, nimmt einen zweiten Tropfen auf, dann wieder beschleunigt er seinen Weg und verliert bei der Gelegenheit wieder ein bisschen Volumen.

Zu hören, wie der Regen draußen herunterkommt und dabei im Trockenen zu sitzen lässt mich zur Ruhe kommen. Das ist ein schöner Begriff, geht er doch darauf ein, dass ich mich verändere. Nicht die Ruhe ist zu mir gekommen, sondern ich zu ihr. Und jetzt breitet sie sich in mir aus.

Zur Ruhe gekommen
Meine Verabredung kommt herein, legt ihre Hand freundschaftlich auf meine Schulter und begrüßt mich mit den Worten „Du bist ja schon da. Wartest Du schon lange?“ Ich weiß es nicht, zwar erinnere ich mich an die Uhrzeit meiner Ankunft, aber weder kann ich einschätzen, wie spät es jetzt ist, noch wie lange ich aus dem Fenster geschaut habe. Die Ruhe hat die Zeit mitgenommen. Und da ist sie jetzt noch.

„Nein, nein, ich habe zufällig einen Parkplatz ganz in der Nähe bekommen und bin schon mal reingegangen“ sage ich und helfe der Dame aus dem Mantel. Lebhaft erzählt sie mir von ihrem Tag, den Erlebnissen und zahlreichen Situationen, die ihr heute untergekommen sind. Ich höre zu, folge ihr in Gedanken durch die Szenen und frage mich, ob auch sie zur Ruhe kommen kann. Oder das überhaupt will.

Oft wird Ruhe mit Stille verwechselt, dabei darf man diese beiden Zustände nicht durcheinanderbringen. Eine Unterhaltung kann mit Ruhe geführt werden, dabei aber auch Zeit lassen für Nachdenklichkeit, Pausen und Raum für ergänzende Betrachtungen. Das ist kein Anschweigen, sondern Zulassen von Phasen der Vertiefung, der Entstehung innerer Bilder oder der Suche nach logischen Brücken oder Brüchen.

Und selbst Stille kann in jedem Mensch anders aussehen. Auch nur wenige Sekunden an wirklich gar nichts zu denken ist ausgesprochen schwierig. Sobald man keine Gedanken vorgibt wird vom Gehirn sofort ein neues Thema vorgeschlagen. Wirkliche innere Stille ist nahezu utopisch. Also begnügen wir uns erst mal mit der Ruhe. Und die können wir wirklich einkehren lassen. (Dieses Sprachbild der Einkehr nimmt den Aspekt der Gastfreundschaft mit auf.)

Es war eine schöne Verabredung, freundschaftlich drücken wir uns zum Abschied; Ich glaube, es ist uns gelungen, den Stress ein wenig hinter uns zu lassen. Die eine hat den Alltag sozusagen herausgelassen, darüber gesprochen, so dass sich vielleicht ein innerer Stau auflöst. Und der andere hat seinen Gedankenstrom abgebremst und damit die geistigen Strudel und Stromschnellen verringert.

Mittwoch, 3. Januar 2024

Neujahrs-Impuls 2024

Zum Jahreswechsel fand ich einen Text, den ich vor einem Jahr [2023] geschrieben habe. Nun ist erstens das Thema Vertrauen zeitlos, und zweitens geht der eigentliche Impuls, sich damit zu beschäftigen auf ein Buch aus dem Jahr 1987 zurück. Ich danke meinem Freund Jürgen Hampe, dass er mich zu den folgenden Gedanken inspiriert hat.

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Niklas Luhmann, Soziale Systeme (1987) S. 181.:

Vertrauen kann weder verlangt noch vorgeschrieben werden.
Es hat den sozialen Wert von Vertrauen nur, wenn es die Möglichkeit des Misstrauens sieht - und abweist;
Ferner ist gerade hier wichtig: Man fängt mit kleinen Risiken an und baut auf Bewährungen auf;
und es erleichtert die Vertrauensgewähr, wenn sie auf beiden Seiten erforderlich wird, so dass das Vertrauen des einen am Vertrauen des anderen Halt finden kann.
(…) und daraus wieder die Kraft zu verstärkender, riskanterer Reproduktion finden kann.
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Neujahrs-Impuls 2024
Vertrauen hängt ja vom Begriff her mit trauen zusammen, das kennen wir einerseits im Sinne von Friedfertigkeitsvermutung, andererseits von Verbindungen (z. B. Trauung / Ehe). Wem wir trauen, bei dem gehen wir von Rechtschaffenheit bzw. Erwartungserfüllung als Gegenteil von Hinterhältigkeit bzw. (Erwartungs-)Enttäuschung aus.

Vertrauen ist andererseits aber auch die Berücksichtigung von (positiven) Erfahrungen. Je öfter etwas funktioniert hat, eine Kommunikation oder ein Verhalten in meinem Sinne problemlos verlaufen ist, desto stärker wächst meine Erwartung, dass dies auch in Zukunft so weitergeht. Folglich kann man Vertrauen weder erzwingen noch einfordern, es muss per constructionem wachsen.

In manchen Modellen wird Glaubwürdigkeit als Grundlage für Vertrauen genannt, das reicht allerdings aus meiner Sicht nicht. Neben Charakter und Kompetenz spielt die persönliche Erfahrung eine entscheidende Rolle.

Dann noch die Frage, ob Kontrolle das Gegenteil von Vertrauen ist. Das würde stimmen, wenn Kontrolle (neutraler Begriff) mit Misstrauen (negativ besetzt) gleichgesetzt wird. Sieht man Kontrolle als Teilung der Verantwortung, dann ist sie durchaus mit Vertrauen kompatibel.

Schließlich kann man es mit dem Vertrauen auch übertreiben: Dann kippt sie in Naivität (hier kommt wieder der zeitliche bzw. Erfahrungsanteil ins Spiel) oder Einfältigkeit (im Sinne mangelndes Verständnis oder gar Dummheit). Vielmehr ist auch Vertrauen (vom Vertrauenden) regelmäßig in Frage zu stellen, andererseits vom Vertrauten auch immer wieder zu beweisen.

Aus technischer Sicht ist der Begriff des Vertrauens nicht besetzt. Computer vertrauen keiner Gegenseite (auch wenn das manchmal so formuliert wird), sie kennen keine Erwartungshaltung und kein Wachstum an Vertraulichkeit.

In genau dieses Spannungsfeld geraten wir durch die zunehmende Technisierung von Alltag und Berufsleben. Haben wir in uns immanent menschliche Elemente wie Vertrauen, sind wir andererseits in der New Work von vollständig vertrauensfreien Komponenten umgeben.

Montag, 1. Januar 2024

Metamorphose ins Jahr 2024

Da war ja vorhin ganz schön was los. Eine neue Minute war angebrochen, die erste einer neuen Stunde, die zu einem neuen Tag gehörte. Obendrein eine neue Woche in einem neuen Monat des neuen Jahres. Alles neu.

Raketen steigen auf, Böller knallen, der Sekt fließt in Strömen. Wildfremde Personen liegen sich in den Armen, wünschen sich Gesundheit und Frieden und feiern den Jahreswechsel. Ich stehe mittendrin, lasse die Partylaune auf mich wirken und freue mich mit den gutgelaunten Menschen.

Ein wenig abseits des ekstatischen Treibens entdecke ich ein paar Leute, die eher verhalten um nicht zu sagen zurückgezogen im Kreis hocken. Bei näherer Betrachtung scheinen sie zu meditieren, alles wirkt hier absurd langsam abzulaufen, jede Bewegung sehr bedacht und ruhig ausgeführt. Dabei unterhalten sie sich leise miteinander, kaum zu verstehen durch den Lärm der tanzenden und böllernden Menschenmenge.

Ich werfe noch mal einen Blick an den Himmel, wie schön die Silvesterraketen hochschießen, funkeln und dann wie nicht dagewesen unsichtbar werden. Diese Schönheit, diese Vergänglichkeit faszinieren und irritieren mich zugleich. Schlendernd nähere ich mich der kleinen Meditationsgruppe, die mich zunächst überhaupt nicht wahrnimmt, mich dann aber in ihren Kreis bittet.

Metamorphose ins Jahr 2024
Den Jahreswechsel nicht als große Party, sondern als Metamorphose, vielleicht als Wandlung einer Raupe zum Schmetterling zu verstehen sei ihr Antritt. Das vergangene Jahr, eigentlich die gesamten Jahre bislang als Vergangenheit anzunehmen und als Lebenserfahrung abzulegen. Dies gebe ihnen die Kraft und die Freiheit, sich ganz auf die Gegenwart zu konzentrieren und die Zukunft zu planen.

Ein schönes Bild, erkläre ich der Runde, für mich ist der Jahreswechsel das Betreten eines neuen Raumes, der noch recht schummrig beleuchtet ist. Hinter mir liegt ein Zimmer mit geschmückten Elementen, sehenswerten Bildern an den Wänden, aber auch Flecken auf dem Boden und zerbrochenen Gegenständen in den Vitrinen. Im neuen Raum angekommen schaue ich mich ein letztes Mal um, nehme alte Zimmer mit allen Sinnen in mich auf und schließe dann leise die Tür hinter mir.

Ja, höre ich eine Stimme unter der Kapuze einer dickgefütterten Jacke, wir akzeptieren, dass wir Raupen waren, aber wir schauen sie uns nicht mehr an. Vielmehr erfreuen wir uns an dem Entfalten der Flügel eines wunderschönen Schmetterlings. Mit einem Mal wird der Aktionsradius viel größer, wir erleben das Jahr im Flug und können die Welt von ihren zahlreichen Seiten sehen.

Wie von weiter Ferne höre ich die Party, das dumpfe Knallen von Böllern und das Zischen der startenden Raketen. Ich frage mich, ob da lauter Raupen ihr Feuerwerk zünden, ob sie die Schmetterlinge nicht verscheuchen und ob sich überhaupt alle Raupen zu Schmetterlingen verwandeln.

Gerade will ich mich mit meinen neu gewonnenen Gesprächspartnern über diese Fragen unterhalten, als ich feststelle, dass sie weg sind. Oder gar nicht da waren, ich weiß es nicht.