Vor ein paar Tagen wäre meine Mutter 101 Jahre alt geworden. Bis zu ihrem 95. Geburtstag hat sie sogar noch am Leben teilgenommen, wenngleich sie die letzten Jahre im Altersheim verbracht hat. Und gerade heute denke ich daran zurück, wie ihr Leben denn so abgelaufen ist.
Über viele Jahrzehnte war sie Hausfrau und Mutter, hatte keinen Beruf erlernt, aber dennoch sieben Tage die Woche gearbeitet. Ich glaube, mit dem Begriff der Work-Life-Balance hätte sie nichts anfangen können, zum einen nicht, weil sie nicht im klassischen Sinne Arbeiten gegangen ist (Work), zum anderen, weil sie ihren normalen Alltag als Leben bezeichnet hätte.
Morgens einzukaufen, danach den Mittagstisch vorzubereiten, das Haus sauberzumachen, den Garten auf Vordermann zu bringen, das Abendessen zu kochen und begleitend uns Kinder zu betreuen. Das war eine Fülle von Aufgaben, die ich selbst nicht so ohne weiteres hinbekäme. Und das jeden Tag, auch am Wochenende, ohne Klagen, ganz selbstverständlich. Aber auch ohne Druck und Stress. Einfach gemacht.
Wie groß ist der Kontrast zu vielen jungen Leuten um mich herum, die eine berufliche Tätigkeit haben, dabei ständig unter Strom stehen, die Wochentage durchkeulen und am Wochenende erschöpft ein wenig Erholung suchen. Der Akku wird dann mit aufwändigen Wellnessangeboten, Massagen, Entspannungen und Aktivprogrammen aufgeladen. Hinzu kommen jährlich mehrfache Reisen, um etwas anderes zu sehen, um „mal runterzukommen“.
In gewisser Hinsicht ein Leben, das dauerhaft am Limit verläuft, da gibt es bestenfalls Ruhephasen, aber die durchschnittliche Geschwindigkeit ist permanent zu hoch. Burn-out, Depressionen, Zusammenbrüche und diverse körperliche Probleme von Schwierigkeiten mit inneren Organen bis zu ernsten Herzschäden lassen grüßen.
Die moderne Medizin macht es möglich, allerlei Erkenntnisse und Arzneimittel werden nicht nur zur Therapie, sondern schon zur Lebensbegleitung eingesetzt. Mit gewisser Verwandtschaft zu Drogen werden Antidepressiva genommen, statt die Ursache zu beheben, werden zeitoptimierte Sportprogramme ausgeführt, statt sich mit offenen Augen durch den Wald treiben zu lassen.
Unter den heutigen Randbedingungen wäre meine Mutter sicher nicht 95 Jahre alt geworden. Und ob sie in der entsprechend kürzeren Lebenszeit mit aufregenden Ausgleichsmaßnahmen, Entertainment und äußeren Belustigungen glücklicher gewesen wäre wage ich zu bezweifeln.
Da bewundern wir oft andere Menschen – gerne auch im Ausland – die ihr Leben viel ruhiger gestalten. Die keine Fehlernährung kennen, denen der Begriff Stress nichts sagt und die dauerhaft mit der ihnen möglichen Geschwindigkeit zwischen Geburt und Tod unterwegs sind. Was hält uns eigentlich davon ab, ein wenig dieser Ruhe auch in unseren Alltag zu überführen, nicht nur ein paar Kleinigkeiten zu ändern, sondern wirklich komplett umzudenken. Und damit dann auch die 95 zu erreichen.
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