"Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir" – Erkenntnis und von Pädagogen gerne zitierte Phrase des römischen Philosophen Seneca. Ob sie nun für die etwas lieblose Motivation zur Aneignung ungeliebten Lernstoffs herhalten muss, oder demonstrieren soll, dass es dem Empfänger dieser Botschaft an Weitblick fehlt: Eine weitere Diskussion danach ist obsolet.
Und gerade beim Weitblick wird auch das Spannungsfeld zwischen Schule und Leben klar. Schule ist das eine, Leben ist das andere. Gegensätze, die sich ergänzen, aber mehr oder weniger komplementär zueinander stehen. Also so ähnlich wie die aktuelle Debatte zu Arbeit und (Privat-) Leben, kurz als Work-Life-Balance bezeichnet.
Kritiker bemängeln, dass sich Arbeit und Leben nicht ausschließen, im Idealfall ja geradezu ergänzen sollten. Wer bei seiner beruflichen Tätigkeit leuchtende Augen hat, der sieht sie als Teil seines Lebens, es gibt nichts auszubalancieren. Die Grenze zwischen Arbeit und Leben verschwimmt, abgetrennte Bereiche des Lebens wie Freizeit oder Wochenende werden von der Arbeit einverleibt.
Befürworter wiederum meinen, dass Arbeit nur ein Teil des Daseins ist, egal wie erfüllend sie ist. Dass der Körper auch Ruhephasen braucht und überhaupt weitere Aspekte wie soziale Kontakte oder körperliche Bedürfnisse leicht zu kurz kommen können.
Neutral betrachtet ist Balance immer gut. Schlecht ist es, wenn sie als Vorwand für die Orientierung in der einen oder der anderen Richtung missbraucht wird. Über Work-Life-Balance zu sprechen und eigentlich eine Reduzierung der Arbeit zu meinen ist nicht der Sinn der Sache. Balance ist wie bei einer Waage das Austarieren, nicht das Füllen der einen Waagschale zu eigenen Gunsten.
Womit wir auf das Thema Lernen für Schule und Leben zurückkommen. Auch hier ist die Schule nicht das Gegenteil von Leben, sollten leuchtende Augen der Wissbegierde den Idealzustand darstellen. Dann verschwimmt die Grenze zwischen Schulstoff, aktueller Nützlichkeit und potentieller späterer Notwendigkeit. So betrachtet ist das Leben, für das wir lernen kein abstrakter Himmel, in den wir kommen können, sondern eine konkrete Gegenwart und Zukunft, die wir mit Wissen anreichern.
In der heutigen schnelllebigen Zeit ist lebenslanges Lernen eine immer lauter werdende Forderung. Wurde diese in den letzten Jahrzehnten eher allgemein geäußert und nicht von jedem arbeitenden Menschen ernst genommen, mutiert sie nach und nach zu einer zentralen Anforderung. Selbst, wenn die Formulierung „nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir“ altmodisch ist, ihr Kern ist aktueller als je zuvor.
*
[Weitere Blogs: Interdisziplinäre Gedanken, Feingeistiges]

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen