Montag, 12. Oktober 2026

Was ist los mit den Benzinpreisen?

Bringen wir doch mal ein wenig Licht in die hitzig geführte Debatte um Benzinpreise. Stopft sich da jemand die Taschen voll? Wer zeigt da mit dem Finger auf wen und ist das eigentlich rechtens? Schauen wir auf einen fiktiven Benzinpreis von 2,30 Euro pro Liter und teilen ihn (beispielhaft) in seine Positionen auf.

Was ist los mit den Benzinpreisen
Staatlicher Anteil
Energiesteuer: 65,45 ct/Liter, preisunabhängige Abgabe.
CO2-Abgabe: 15 ct/Liter
Mehrwertsteuer: 37 ct/Liter

Kosten und Gewinn
Einkaufspreis für Rohöl: 65 ct/Liter
Raffineriebetrieb: 10 ct/Liter
Raffineriemarge: 25 ct/Liter
Transport, Lagerung, Bevorratung, Vertrieb: 10 ct/Liter
Betrieb der Tankstellen: 2 ct/Liter

Wo stecken die Kostentreiber, wo sind unvermeidbare versus vermeidbare Preisbestandteile? Erst mal fällt auf, dass der Staat einen Anteil von über 50 % an den Gesamtkosten einzieht. Wenn also Politiker öffentlich nach Preisbremsen verlangen oder die geldgierigen Lieferanten anprangern, zeigen sie zumindest nicht auf den größten Posten. Ohne staatliche Abgaben würde der Liter E10 etwa 1,12 Euro kosten.

Auch die Tankstellen verdienen sich nicht die goldene Nase. Sie sind nur für die Endkunden der sichtbarste Teil der Lieferkette, obwohl sie sich mit maximal 2 ct/Liter eher mit hohem Durchlauf oder ihrem Snack-Shop über Wasser halten müssen.

Zoomen wir jetzt in die Position „Kosten und Gewinn“ hinein. Der Rohölpreis hängt von der Marktlage ab und unterliegt einer gewissen Schwankung. Er ist aber bei weitem nicht so volatil wie der Preis an der Tankstelle. Relevanter sind hier Raffineriebetrieb und Raffineriemarge.

Die Differenz zwischen dem Wert der raffinierten Produkte und den Rohölkosten nennt man vereinfacht Raffineriemarge bzw. Crack Spread. Dieser Crack-Spread ist in letzter Zeit deutlich angestiegen und belastet den Benzinpreis erheblich. Allerdings spielen hier auch Kosten wie Energie, Personal, Instandhaltung, Kapitalbindung, Abschreibungen und Umweltauflagen eine Rolle. Es handelt sich also nur zum Teil um einen Gewinn, der einem Unternehmen zu Gute kommt.

Ebenfalls relevant ist der Großhandel. An dieser Stelle haben wir es mit klassischer Marktwirtschaft, also der Aushandlung eines Preises auf der Basis von Angebot und Nachfrage, zu tun. Hier bildet sich auf der Basis zum Beispiel geopolitischer Randbedingungen ein Preis, der weder mit Rohöl- noch mit Raffineriekosten zu tun hat.

Betrachten wir den Endkunden-Preis, dann liegt der wirklich interessante und derzeit stark schwankende Teil also nicht an der Tankstelle, sondern in der Strecke zwischen Rohöl und dem Rohöl-Großhandelspreis. Konkret kann man einen deutlichen Anstieg des Marktpreises für ein Barrel Rohöl beobachten, wenn der Markt angespannt ist, weil Benzin knapp wird.

Und genau das passiert derzeit in Europa: Der Markt für raffinierte Produkte ist angespannt. Das Bundeskartellamt stellt fest, dass sich die Differenz zwischen Rohöl- und Großhandelspreisen seit Ende Juni 2026 wieder deutlich ausgeweitet hat. Ursache dürften die eingeschränkten globalen Raffineriekapazitäten und die angespannte Versorgungslage sein.

Interessante Reaktion des komplexen Gefüges der Preisbildung: Der ADAC beobachtet, dass seit Einführung der 12-Uhr-Regel nicht nur die Tageskurve stärker geworden ist, sondern auch das allgemeine Preisniveau gestiegen ist. Der ADAC vermutet, dass die Mineralölunternehmen wegen der eingeschränkten Möglichkeit, Preise nach oben anzupassen, einen Risikoaufschlag einkalkulieren.

Fazit: Der Preis für den Tankstellenkunden wird zum einen von staatlichen Abgaben bestimmt, daneben aber ganz wesentlich auch von Marktmechanik, Wettbewerb und der Preissetzungsstrategie der Tankstellen bzw. Mineralölunternehmen. Hier nur einen vermeintlichen Übeltäter zu nennen, wird der beobachteten Komplexität nicht gerecht und ist eher ein Mittel der Politik, um publikumswirksam vermeintlich Schuldige vorzuführen.

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Montag, 5. Oktober 2026

Das Browser-Schlüsselloch

Kaum zu fassen, wie klein der relevante Teil für den Leser ist. Da steht ein riesiger Monitor vor mir, beachtliche Auflösung mit Millionen von Bildpunkten, und er wird dazu verwendet um Verweise, diverse Werbung, bunte Bildchen anzuzeigen, zusätzlich oft auch viel Freifläche. Lächerliche 4,9 Prozent der gesamten Fläche sind am Ende nur noch für mich als Leser verfügbar, der Rest ist entbehrliche und lästige Beigabe.

Browser-Schlüsselloch

Doch nein, die 95 Prozent sind ja nicht nur bunt lackiert, sie werden für die Generierung von Werbeeinnahmen genutzt, damit man den Artikel kostenfrei lesen kann. Und auf die heutigen Add-Blocker und Werbungsunterdrücker reagieren diese Seiten ziemlich verschnupft. Da wird das bisschen Inhalt auch noch ausgeblendet mit dem Hinweis, dass man doch bitte erst mal den Blocker ausschalten möge.

Natürlich, das wäre ja auch zu einfach gewesen. Und grundsätzlich klingt die Argumentation durchaus vernünftig. Da hat jemand etwas recherchiert, zusammengeschrieben, bebildert und einen messbaren Aufwand hineingesteckt und erwartet zu Recht eine Gegenleistung in Form einer adäquaten Bezahlung. Die in solchen Fällen gerne aus Werbeeinnahmen kommen kann. Doch das Verhältnis zwischen Nutzfläche und Zwangsrahmen ist dann doch erschreckend.

Ich stelle mir vor, das wäre auch im Fernsehen bei einem Spielfilm so. Dann würden pro Zeitstunde nur knapp 3 Minuten Film gezeigt, der Rest wäre irgendwelches Beiwerk in Form von Werbung, fremden Informationen oder sogar vorübergehendem Testbild. "Ja", wäre die Erklärung, "Sie können noch froh sein, dass wir das alles für Sie so fein organisieren. Ohne diese anderen Beiträge könnten Sie sich das Fernsehen gar nicht leisten, wären die Rundfunkbeiträge unbezahlbar und haben Sie mal darüber nachgedacht, was die Produktion von so einem Spielfilm kostet?"

Erschüttert stelle ich fest, dass ich ein Schnäppchen gemacht habe. Wohlmeinende Mitmenschen bieten mir hier zum Dumpingpreis eine ansonsten für mich unerschwingliche Leistung an und es ist ja wahr: Ich muss wachgerüttelt werden, weg von dieser Internet-ist-kostenlos-Mentalität. Und einer der Wege ist sicher das Erzwingen von Abos als Alternative zum 4,9-Prozent-Angebot.

Doch hupps, es gibt ja zu jeder technischen "Motivation" ein Gegenmittel. Ad-Blocker zum Beispiel. Viele von denen sind kostenlos und werden von den aufgerufenen Seiten erkannt. Einige kostenpflichtige sind wesentlich pfiffiger und machen ihren Job, ohne dass der Absender das merkt. Und wer geschickt ist, kann sich oft den gewünschten Inhalt auf eine separate Seite extrahieren lassen.

So oder so: Selbst seriöse Seiten ohne hinterliegende Abos oder andere absichtliche Lenkungsabsichten verschwenden den Bildschirmplatz. Immer größere Bildschirme, immer weniger real genutzte Fläche. Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie die Seite auf einem alten 14-Zoll-Röhrenmonitor aussähe. Warum wird so verschwenderisch Platz verpulvert, werden Leerflächen spendiert, alles mit Menüs vollgestopft oder entbehrliche Bildchen präsentiert.

Jedenfalls freue ich mich, wenn dieses Schlüsselloch-Design in Richtung Scheunentor (zurück-) entwickelt wird und damit wieder das im Mittelpunkt steht, wofür eine Webseite doch da sein sollte: Präsentation von Inhalt.

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Montag, 28. September 2026

Sommerfest

Wir unterhalten uns über das Sommerfest. "Ganz gut", sage ich, "hier und da war noch merklich Verbesserungspotential, ich würde sagen Schulnote 'befriedigend'" - "Nö", sagt mein Kollege, "das sehe ich anders. Es war doch alles ausreichend." Ich muss grinsen, natürlich will er meine Note nicht von drei auf vier korrigieren, sondern vielmehr in die andere Richtung, sieht also als Gesamtbild eher eine zwei oder noch besser. Nur war die Formulierung ziemlich missverständlich.

Sommerfest

Die Unterhaltung geht noch eine Weile weiter, selbst bei Vergleich der einzelnen Programmpunkte oder der Organisation kommen wir nicht zum selben Ergebnis. Während ich zwar eine gewisse Grundzufriedenheit einräume, ist er der Meinung, dass alles wohlgelungen und dem Anlass angemessen ausstaffiert wurde. So unterschiedlich, stellen wir fest, kann das Urteil zu derselben Sache sein. Entscheidend sind ganz offensichtlich der individuelle Anspruch, aber auch die Erwartung.

Ein Sommerfest ist für mich ein herausgehobenes Event, da wird man angemessen erwarten können, dass auch herausgehoben organisiert und bewirtet wird. Ein besonderes und einfallsreiches Rahmenprogramm gehört für mich ebenso dazu wie eine sorgfältig vorbereitete und mit aktuellen Inhalten gespickte Begrüßung. Auch der weitgehend gelungene Versuch, verschiedene Bedarfe wie Ruhebedürfnis und Partystimmung zu befriedigen gehören mit dazu.

Währenddessen kommt mein Kollege von einem ganz anderen Startpunkt. Dass es überhaupt ein Fest gibt, ausreichend Nahrung zur Verfügung steht, ist total passend. Und wenn das eine oder andere Essensangebot schnell vergriffen ist: Dann wird schon nichts weggeworfen; satt wurde ja jeder. Okay, die Begrüßung wirkte ein wenig improvisiert, aber eigentlich auch ganz sympathisch, weil nicht durchgestylt. Einfach mal locker sehen, es ist ja schließlich Sommer. Und genug Alkohol gab es - wenn auch die Cocktailbar um zehn Uhr geschlossen wurde.

Wo stehen wir bei der Beurteilung? Positive Grundhaltung, Skeptiker, nüchterner Richter? Egal, denn entscheidend ist ja nicht nur diese Grundhaltung, sondern der Maßstab, den wir anlegen. Und der ist nun mal individuell sehr verschieden.

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Montag, 21. September 2026

Saras Sicht: Wer hat Angst...

Saras Sicht: Wer hat Angst...
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Die Tür fliegt auf, Sara kommt hereingerauscht. Ein wenig verspätet, und das kann sie nicht so recht leiden. Ich strahle sie an, versuche ihr Ruhe zu vermitteln und zu signalisieren, dass ich mich über sie freue, und dass eine kleine Verspätung überhaupt keine Rolle spielt. "Setz dich erst mal, mach es dir bequem, hattest du einen angenehmen Tag? Soll ich dir vielleicht heute mal eine Cola bestellen?"

Sie schnauft, ich sehe, wie die Hektik schon ein wenig abnimmt, dann: "Ja, das ist eine gute Idee, ich nehme eine Cola", und weiter: "Eigentlich hat alles geklappt, nur ein wenig viel Programm heute, viel Lauferei. Erinnerst du dich an 'Wer hat Angst vorm schwarzen Mann'?" - Ich denke kurz nach, "Ja, das haben wir als Kinder gespielt. In der Grundschule auf dem Pausenhof." - "Und? Was hast du dabei gedacht?"

"Ich hatte einen ziemlich dicken Mitschüler, den Udo, und ich hatte immer Angst, mit ihm zusammenzustoßen. Für mich war er der schwarze Mann, weil ich sicher war, dass ich bei einer Rempelei alle Knochen brechen würde." - "Aber Udo war nicht schwarz?" - "Nein, natürlich nicht, der wohnte in der Siedlung, sprach breites Kölsch und hatte immer fett belegte Pausenbrote dabei."

"Also kein Ausländer, Afrikaner, Zugezogener mit dunkelhäutigen Wurzeln?" Ich stutzte, was war das für eine komische Frage? Dann fiel der Groschen. "Ach so, du fragst wegen 'schwarzer Mann' und das wäre dann ein Afrikaner oder so. Nein, Udo war Ur-Kölner. Und vor allen Dingen habe ich gar nicht daran gedacht, dass der 'schwarze Mann' aus dem Spiel irgendwas mit Hautfarbe zu tun haben könnte. Es war einfach irgendeine Spielfigur, vor der man weglaufen musste, es hätte genausogut ein grüner Mann oder sonstwas sein können. Oder der Typ mit der roten Mütze."

"Das wird ja heute gerne kritisiert. Das man nicht nachdenkt. Sich nicht fragt, wer oder was der 'schwarze Mann' im Spiel ist. Und damit mehr oder weniger unwillkürlich negative Assoziationen weckt. Schwarz gleich gefährlich gleich Weglaufen, auch wenn wir das als Erwachsene dann etwas gedämpft erleben und manche Menschen nur eine unklare Angst vor andersfarbigen Personen entwickeln."

"Finde ich schon ziemlich weit hergeholt. Grundsätzlich ja, aber wenn du mir das als Kind erzählt hättest, hätte ich dich mit großen Augen angeschaut und gefragt, warum ich dieses lustige Spiel nicht mehr spielen darf. Warum Erwachsene so kompliziert sind und man nicht einfach auf irgendeinen Ruf hin über den Schulhof läuft und versucht, irgendwelchen Mitschülern auszuweichen. Und heute: Warum muss man über alles nachdenken, was dann früher oder später in Wortklauberei oder absurden Wortkreationen endet?"

Die Cola kommt. Wir unterhalten uns über Getränke, ob nun Coca-Cola oder Pepsi-Cola die bessere Wahl sind und ob überhaupt Cola eine Alternative zum gewohnten Cappuccino ist. Dann kommen wir noch mal auf unseren schwarzen Mann zurück.

"Gerade von den Kritikern und selbsternannten Hütern der nichtverletzenden Formulierungen, von denen, die ihre sprachliche Sensibilität vor sich hertragen wie andere ein Werbeplakat, gerade die verlangen, dass man gar nicht vorsichtig genug sein kann." Saras Rückkehr zu unserem heutigen Thema zeigt, dass es sie immer noch beschäftigt. Ich lasse es noch mal an mir vorbeiziehen, dann: "Einerseits kann ich diesen Standpunkt verstehen, auch durch harmlos gemeinte Wortwahl kann man unerwünschte Stimmung machen, in den Ohren eine ganz andere Botschaft erzeugen. Da ist dann der schwarze Mann der unerwünschte Fremdling, der aus dem Land geworfen gehört. Wasser auf die Mühlen von politisch Rechten."

"Ja, und andererseits?" - "Andererseits empfinde ich es als Eingriff in die freie Wortwahl, vielleicht sogar die Meinungsfreiheit. Ist es nicht auch eine Art von Zensur, wenn ich das Wort 'Negerkuss' nicht mehr verwenden darf? Ganz unabhängig von der Begründung?" - "Genau darauf wollte ich hinaus. Du hast mir von der Schule erzählt, vom schwarzen Mann, der weiß ist und Udo heißt, eine Figur in einem Kinderspiel, das offensichtlich erst nach Jahrzehnten, nämlich heute, bei dir die Verbindung mit Dunkelhäutigen und so weiter schafft."

"Manchmal denke ich, wir arbeiten uns viel zu sehr an Symptomen ab. Da erlebe ich den Mut, harmlos gemeinte Wörter scharf zu kritisieren, bei echter Diskriminierung aber wegzuschauen oder nur sehr zögerlich zu reagieren. Da kommt dann plötzlich ins Spiel, dass manche Kritik gerade in Mode ist und man sich der Zustimmung der Mitmenschen sicher sein kann, andere Kritik ist eine Einzelmeinung und erfordert Rückgrat."

"Denkst du auch an dieser Stelle an Ausländer, oder korrekt formuliert ‚Menschen mit Migrationshintergrund?‘" - "Ich denke vor allem, dass du bestimmt auch schmunzeln musst, wenn du dieses Wortungetüm verwendest. Bietet es sich nicht an, jemand, der aus dem Ausland kommt als Ausländer zu bezeichnen? Ist es nicht sogar im Gegenteil abwertend, ihm einen Migrationshintergrund zu unterstellen, also anzunehmen, dass er migriert und dass dies sein Hintergrund ist?"

Wir müssen beide lachen, die Diskussion verläuft sich ein wenig ins Absurde.

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Montag, 14. September 2026

Saras Sicht: Die Pisa-Studie

Saras Sicht: Die Pisa-Studie
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Die Hitzetage sind vorbei, man hechtet nicht mehr zwischen den klimatisierten Räumen hin und her, wer ein Fleckchen Grün pflegt, hat auch wieder mehr Zeit für Hobbys jenseits von Gießen und Abdecken. Entsprechend entspannt räkeln wir uns in der Lounge-Ecke unseres Cafes und plaudern über Gott und die Welt. "Hast du dieser Tage die Berichte über die aktuelle Pisa-Studie mitbekommen?" will Sara wissen. "Klar", sage ich, "das war ja kaum zu ignorieren. Wieder mal die Grafiken, das Gejammer über das schlechte Abschneiden der deutschen Kinder, die Forderung einer Reform des Bildungssystems und so weiter. Ein bisschen möchte man sagen 'same procedure as last year'".

"Ja, schon. Aber ein bisschen anders war es eben doch. Wir hatten einen Knick im Verlauf der Ergebnisse. Nachdem es einige Jahre bergauf gegangen ist, waren die Werte nun wieder niedriger. Das sieht schon so aus, als ob irgendwelche Maßnahmen nicht mehr funktionieren oder deren Durchsetzung nachlässt." - "Stimmt, aber die Reaktion war trotzdem wie gewohnt. Hektische Geschäftigkeit, Pressemitteilungen, Talkshows, Suche nach Schuldigen. Wie immer halt."

"Wer sind denn die Schuldigen?" will Sara wissen. Ich kenne sie lange genug, es ist eine rhetorische Frage, die sie in wenigen Augenblicken selbst beantworten wird. Mal kurz abwarten und tatsächlich geht es weiter: "Sind es die Kultusminister? Fehlt das Geld? Haben die Schulämter flächendeckend ihre Hausaufgaben nicht gemacht? Müssen wir die Schulen in die Verantwortung ziehen oder die Lehrer aktivieren?"

"Das ist so etwa die Reihenfolge, die in der Presse dargestellt und von der Öffentlichkeit diskutiert wird. Bildung wird in Deutschland nicht ausreichend hoch bewertet, die Mittel gestrichen, die Schulen sind unterfinanziert, die Lehrer unterqualifiziert und es gelingt nicht, die Unterschiede der sogenannten Bildungsfernen Schichten anzugleichen."

Sara gerät in Fahrt, Schluss mit dem gemütlichen Herumlungern auf dem Sofa. "Wenn ich allein schon 'unterqualifizierte Lehrer' höre, kriege ich Puls. Sie sind in den letzten Jahrzehnten immer mehr in die Rolle des Kumpels und Entertainers gedrängt worden, Beibringen von Themen alleine reicht nicht. So unterhaltsam wie ein TV-Spot, witzig, nur nicht anstrengend. Schulstoff, vielleicht sogar einfaches Auswendiglernen passt da nicht ins Zielbild und wird durch Feedback und Ranking scharf geahndet."

"Es gab und gibt gute und schlechte Lehrer. Manche können den Stoff gut vermitteln, andere holen die Klasse einfach nicht ab", gebe ich zu Bedenken. - "Schon. Aber ob man das im kleinen Kreis anspricht oder durch das Internet und Plattformen in der ganzen Welt verstreut ist ja schon ein Unterschied und grenzt stellenweise an Hexenjagd. Wer gibt den Kids denn das Recht, sich so kritisch und respektlos über ihre Lehrer zu äußern und gleichzeitig alle Bewertungen wie Tests und Klassenarbeiten in Frage zu stellen?" Kurze Pause, dann: "Und vergleich‘ das mal mit asiatischen Ländern, in denen es zur Kultur gehört, dass sich die Schüler bei den Lehrern bedanken, weil sie ihnen etwas beigebracht haben."

"Willst du darauf hinaus, dass die Pisa-Studie weniger ein Abbild unseres Schulsystems als ein Spiegel unserer Kultur ist?" - "Ein wenig groß formuliert, aber warum nicht? Ja, wenn Lehrer meine Feinde sind, gegen die ich mich wehren muss und die weniger zu meinem Wissenszuwachs als zu meiner Unterhaltung da sind... dann stimmt etwas mit der Grundeinstellung nicht. Die wiederum ganz entscheidend von den Eltern geprägt wird. Und darin sehe ich den Kern des aktuellen Problems."

"Was meinst du damit: 'Kern des aktuellen Problems'" - Sara beugt sich vor, fast wirkt sie, als ob jetzt eine Verschwörungstheorie folgt, die man nur flüsternd weitergeben kann. Aber dann redet sie ganz normal weiter: "Kern ist das Elternhaus, das familiäre Umfeld, die Geschwister, die Freunde, das soziale Umfeld. Ich beobachte eine zunehmende Anzahl von Menschen unterschiedlichen Alters, die zwar in Deutschland leben, sich aber komplett abschotten. Sie sprechen überwiegend oder sogar ausschließlich ihre Sprache, leben ihre Kultur und Riten und bleiben vollständig unter sich. Wie soll ein Kind aus solch einer Familie die Anweisungen einer Lehrerin befolgen, wie soll es die deutsche Sprache lernen, warum soll es sich mit Mathematik beschäftigen?"

"Also lösen aus deiner Sicht Probleme in der Integration die beobachteten Probleme in den schulischen Kompetenzen aus?" - "Ja, und ich gehe noch einen Schritt weiter. Die in den Talkshows bemängelten Defizite beim Heranführen von Kindern aus 'bildungsfernen Schichten' an den Standard von Kindern aus reichen Häusern hat nur bedingt etwas mit dem Geld zu tun. Es ist gar nicht so sehr die Chancengleichheit, die hier auf den Prüfstand gehört, sondern die Begleitung der Kinder durch die Eltern in die Angebote der Schule. Stichwort Grundeinstellung, was ich vorhin ja schon angesprochen habe. Welche Perspektive kann ich dem Kind in Aussicht stellen, welches Ziel ist realistisch? Das können und müssen die Eltern leisten und in der Tat dürfte das in Akademikerfamilien erheblich ausgeprägter sein als bei Kindern aus Einwandererfamilien, oder mit Migrationshintergrund, wie das heute beschönigend heißt."

"Stimmt, stimmt nicht. Es ist schon motivierend, wenn der Papa ein schickes Auto fährt, man tolle Urlaube macht, irgendwelche Luxusgeschenke bekommt und bei jedem kleinsten Durchhänger ein Nachhilfelehrer zur Hand ist. Sport zur Auswahl, Musikinstrument auf Wunsch natürlich auch. So ein Leben ist dann Vorbild und motiviert eher, in der Schule Gas zu geben als wenn die Eltern von Sozialhilfe leben, die älteren Geschwister zwar nichts gelernt haben, sich aber ganz gut mit Autoverkauf oder Gelegenheitsarbeit durchschlagen."

"Vielleicht ist meine Darstellung etwas schwarz-weiß, aber am Ende belegt sie trotzdem die zentrale Funktion des Umfeldes. Und das kann keine Komponente des Schulsystems ersetzen. Doch die Eltern oder gar die Kinder zur Rechenschaft zu ziehen - davon höre ich nichts in den Diskussionen. Dabei würde es noch nicht mal viel Geld kosten, aber man müsste an verschiedenen Stellen in das System eingreifen. Und mit Sicherheit lohnt es sich, wenn man beim Blick über den Tellerrand zu den Gewinnern der Pisa-Studie nicht nur nach der Klassengröße, dem Geld für Bildung und so weiter schaut, sondern auch mal Themen wie Migration, Integration und Kultur betrachtet."

Wie so oft ist der Sturm vorbei, Sara ist wieder entspannt, freundlich lächelnd hat sie sich wieder in das Sofa gekuschelt und ist bereit, Gott und die Welt wieder in ihre Gedankenwelt zu lassen.

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Montag, 7. September 2026

Saras Sicht: Freunde und Berater

Saras Sicht: Freunde und Berater
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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„Ich habe jemand kennengelernt.“ Sara strahlt. Ich bin nicht eifersüchtig, oder sagen wir, doch, ich bin eifersüchtig. Vermutlich irgendein anderer Mann, der mir meine Sara streitig macht. Ich erwische mich bei der Reflexion meiner Gedanken, ‚streitig machen‘ ist ja schon eine Art Konflikt, kann man nur Zweierbeziehungen führen, jeder weitere Teilnehmer ist vertreibenswert? Und warum ist es ‚meine Sara‘, nur weil wir uns ein paarmal getroffen und diskutiert haben?

„Das ist ja schön“, höre ich mich sagen, etwas gequält. – „Ja, er ist Berater, sehr netter Mann, du wirst ihn mögen. Er kommt gleich vorbei.“ Na prima, gegen einen Nebenbuhler hätte ich ja nichts gesagt, im Grunde geht mich Saras Leben abseits unseres Cafes auch gar nichts an. Aber unsere schönen Gespräche und Diskussionen sind heilig, da gehört niemand mit an den Tisch.

Er ist dann aber doch sehr nett. Mit modernen Themen kennt er sich aus, berichtet von neuesten Trends am IT-Markt, von Verschiebungen in den Budgets der Unternehmen und deren Sparprogramme, die ihnen mittelfristig auf die Füße fallen.

Lebhaft geht es in den Themen weiter zu Künstlicher Intelligenz, wir tauschen unsere Einschätzung zur weiteren Entwicklung aus, kontrovers versuchen wir, Argumente für unsere Sicht der Zukunft in der Runde zu platzieren. Dann schwenkt die Diskussion zu anderen Beratungen.

„Wir sprechen die ganze Zeit über Technik und deren Auswirkungen. Sicher ein spannendes Thema, das auch in der Presse derzeit breiten Raum findet. Aber was ist mit anderen Zweigen, in Bereichen, die auch schon immer beratungsintensiv waren? Ich denke an Militär und Generäle, Minister, externe oder interne Militärberater.“

„Grundsätzlich sehe ich da keinen Unterschied. Ein guter Berater hat das Gesamtbild im Blick, kennt den Kontext und erarbeitet mit seinem Kunden eine möglichst gute Lösung…“ – „Ja“, sage ich, der springende Punkt liegt in der Definition eines guten Beraters. Ob in der IT oder in anderen Branchen oder eben dem Militär: Habe ich eigentlich nur ein Produkt, eine Lösung, die ich dem Kunden anbieten möchte oder soll, oder nähern wir uns in sorgfältiger Betrachtung und neutraler Evaluation der individuell optimalen Lösung?“

Unser neuer Freund ist ein wenig irritiert, kennt unsere zum Teil recht aggressiven Dispute nicht. „Natürlich bietet ein Berater immer die bestmögliche Lösung an, alles andere wäre schlampig oder parteiisch und das geht natürlich nicht.“

Tür auf für Sara: „Willkommen in der Realität. Viele sogenannte Berater haben Vorgaben, ihre Aufgabe besteht nur darin, die richtigen Argumente für den Verkauf zu nennen. Und sie haben einen persönlichen Charakter, der mehr oder weniger deutlich in ihre Beratung einfließt. So wie sich Kreditgeber in ihrem Risikoappetit unterscheiden.“

„Sicher“, sage ich, „es sind Spielfilme, die ich manchmal im Fernsehen sehe. Da wird dann eine Szene um Mr. President nachgespielt, ein Konflikt in der Runde erörtert. Und mit gewichtiger Stimme drängt der Verteidigungsminister zur Einleitung kämpferischer Handlungen. Es gibt dazu laut seiner Aussage keine Alternative.“

„Das ist nicht irgendein windiger Vorstadt-Consultant“, ergänzt Sara, „das ist ein ausgewiesener Fachmann und Teil eines hochrangigen Stabs, der einen Präsidenten berät. Und wir haben auch in der Realität oft genug erlebt, dass die Präsidenten diesen Empfehlungen folgen. Und dass die Europäer diese Empfehlungen zum Teil nicht so alternativlos sehen wie sie dargestellt werden.“

„Überspitzt formuliert und grundsätzlich zutreffend für viele Themenfelder gilt auch hier: Mit einem Hammer in der Hand sieht jeder Gegenstand aus wie ein Nagel. Oder anders gesagt wird das Problem der Lösung angepasst statt umgekehrt.“

Thomas wirkt jetzt doch beleidigt. Für mich ok, denn bei unseren Gesprächen geht es um intensive Diskussionen, um Beschäftigung und Erörterung auch ungewohnter oder geradezu unpopulären Sichtweisen, nicht um persönliches Einverständnis.

„Ich räume ein, dass es auch in unserer Branche gute und schlechte, objektive und interessensgesteuerte Vertreter gibt. Und vielleicht habt ihr Recht, dass es in manchen Themenfeldern gar nicht so einfach ist, einen klaren Blick zu bewahren. Zumal im Vorfeld oft gar nicht der objektive Berater ausgesucht wird, sondern derjenige, der die eigene Meinung oder die ohnehin vorgesehene Linie vertritt und notfalls als hochbezahltes Bauernopfer herhalten muss.“

Strahlen am Tisch. Wir schauen verdutzt in unsere leeren Cappuccino-Tassen und versichern uns, dass wir uns nach diesem Abbinder zuprosten würden, wenn wir noch etwas zu prosten hätten.

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Montag, 31. August 2026

Mensch, es wird Zeit!

Die Beschäftigung mit dem zeitlichen Umfeld beschäftigt uns Menschen grundsätzlich. Ständig haben wir den Impuls, den Augenblick und die Gegenwart mit einem Rückblick oder Ausblick zu kombinieren. Sehnsüchtig schauen wir zurück auf eine gute alte Zeit, sorgenvoll oder hoffnungsfroh schauen wir auf die vor uns liegende Epoche. Dabei lassen sich diese Gedanken durchaus steuern, im modernen Jargon würde man von Gedankenmanagement sprechen.

Da betrachtet man die bisherige Entwicklung, nimmt zu den vergoldeten Erinnerungen auch die weniger guten Erfahrungen hinzu, um das Bild abzurunden. Oder umgekehrt setzt man die schlechten Ereignisse zu den positiven Aspekten ins Verhältnis. Wie im Zusammenhang mit anderen Steuerungen gibt es auch hier Grundhaltungen, bei grundsätzlich positiver Einstellung für die Erwartung der Entwicklung spricht man zum Beispiel von Optimisten, andernfalls von Pessimisten.

Mensch es wird Zeit

Und als Hilfe gibt es dann Weise, Philosophen und Glaubensführer. Die Belastung durch zu intensive Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit erhöht die Last von Erfahrungen, macht Vertrauen schwieriger und steht einem unvoreingenommenen Start in neue Beziehungen im Weg. Und die tiefe Berücksichtigung vermuteter Zukunftsaspekte macht auf Grund der Komplexität irgendwann handlungsunfähig.

Weise gleich welcher Nationalität und Kultur empfehlen deshalb die Fokussierung auf den Augenblick, lenken das Augenmerk auf das Hier-und-jetzt. Mit dem Verständnis, dass man aus der Vergangenheit zwar lernen kann und soll, darauf aber keinen Einfluss mehr hat, weil unveränderbar zurückliegend. Und der weiteren Erkenntnis, dass der einzige wirklich zu beeinflussende Parameter die eigene Persönlichkeit ist und selbst diese Seite nur eingeschränkt und zögerlich auf Veränderungen reagiert.

Die Philosophen gehen da viel allgemeiner vor. Ihr Ansatz ist es, ein Lebenskonzept zu entwickeln, das zeitlos daherkommt. Ihre Theorien und Modelle setzen nicht auf Kulturkreisen auf, sondern fußen vielmehr auf der Grundstruktur von Menschen, psychologischen statt soziologischen Aspekten. Die in Menschen von Natur aus angelegten Eigenschaften werden analysiert, die positiven zu Tugenden erklärt. Grundsätzlich ein nachvollziehbarer Ansatz, doch Tugenden sind nicht von Dauer und haben stets ein kulturelles Umfeld. Vielleicht sind Tapferkeit und Mut weit verbreitet, aber Tugenden wie Rücksicht oder Verbindlichkeit können sehr selektiv bewertet werden.

Glaubensführer haben es einfacher. Sie propagieren irgendwelche Thesen, geben Behauptungen von sich, die sie auch gar nicht belegen müssen. Ganz im Gegenteil lassen sie sich nicht festlegen, in schwammiger Darstellung wird anstelle von Fakten, nachvollziehbaren Wegen oder reproduzierbaren Abläufen auf Glaube und Gefühle verwiesen. Wer ein Statement nicht akzeptiert oder eine Behauptung in Frage stellt, dem wird fehlender Glaube vorgeworfen, was in diesem Kontext als Mangel und Fehler gesehen wird.

Kein erfolgreicher Manager steuert ein Unternehmen nach seinem Gefühl und einem Glauben, den ihm eine andere Person ins Ohr flüstert. Selbstmanagement sollte genauso wenig von Gefühlen geleitet werden, allgemein gültige Gesetze sind eine wichtige Basis und natürlich spielt der eigene Charakter eine zentrale Rolle.

An dieser Stelle befindet sich der Kreuzungspunkt von Individualität und Allgemeingültigkeit. Ein Blick nach vorne auf dem Zahlenstrahl offenbart bestimmte Faktoren, die sehr wahrscheinlich sind und nicht nur mich betreffen. Der Klimawandel ist ein Beispiel hierfür. Dann gibt es andere Dinge, die man zumindest allgemein betrachtet mit hoher Wahrscheinlichkeit aus der Vergangenheit ableiten kann. Während der Ära Donald Trump muss man mit kurzfristigen Überraschungen rechnen.

Daneben gibt es meine Erfahrung mit mir. Mit der gewohnten Wirkung auf Techniker kann ich mir schnell Gehör verschaffen und in Teams zum Sprecher oder sogar zur Führungskraft werden. Die Fähigkeit zur Einarbeitung in neue Technologien nimmt mir die Zukunftsangst vor Positionswechseln.

Und der Rückblick? Auch der hat globale und individuelle Komponenten. „Sieg-Heil!“ hängt uns bis heute nach, aber auch das Wirtschaftswunder, die Erfahrung der Welt mit unserer Ingenieurskunst und das Vertrauen in "Made-in-Germany". Als Einzelperson sieht man bei mir die Stationen im Lebenslauf, unsichtbar hingegen die persönlichen Beziehungen mit ihren Erlebnissen und Enttäuschungen.

Und diese vier Seiten, also Vergangenheit und Zukunft sowie Individuum und Gesellschaft, haben einen spezifischen und so eben nur in mir vorhandenen Kreuzungspunkt. Den ich mir im ersten Schritt bewusst machen muss, um ihn dann im zweiten Schritt gezielt auszuwerten. Zwar kann ich die Inhalte nicht verändern, aber ich kann beeinflussen, welche Schlüsse ich daraus ziehe und welche Entscheidungen ich daraus ableite.

„Mensch, es wird Zeit!“ ist also nicht der Aufruf, sich in Bewegung zu setzen, sondern im Sinne von bewusstem Voranschreiten die verschiedenen Seiten zu verstehen.

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Montag, 24. August 2026

Das passt nicht zusammen

Ob wir es wollen oder nicht, laufen in unserer Wahrnehmung immer Einstufungen in Kategorien ab. In unserem Kopf werden Eindrücke zu einer Rubrik zusammengefasst, so eine Art Assoziation entwickelt. Manche Zusammenstellungen sind sinnvoll, nachvollziehbar, logisch und mehr oder weniger bewusst. Sehe ich eine gut gekleidete Person, erwarte ich auch eine strukturierte und sorgfältig ausgeführte Arbeit. Das ist dann eine Projektion von einer Beobachtung auf eine charakterliche Eigenschaft und weiter auf ein berufliches Verhalten.

Das passt nicht zusammen

Recht tief in uns verwurzelt ist der Rückschluss von Größe auf Wichtigkeit. Nicht alleine, dass wir große Menschen eher als Führungspersonen akzeptieren, wir halten breiter gebaute Personen auch potentiell für gefährlicher. Auch im Straßenverkehr kann man dieses Phänomen beobachten, ist doch ein LKW spontan furchteinflößender als ein Motorrad. Selbst die Schätzung der Geschwindigkeit wird von dieser Zuordnung beeinflusst, Zweiräder scheinen langsamer zu sein als PKW.

Etwas abenteuerlicher ist die weit verbreitete Verknüpfung von Aussehen und Intelligenz. Attraktive Menschen werden a priori für klüger eingeschätzt, wer hässlich ist, dem wird auch die fachliche Kompetenz abgesprochen. Bei diesem Beispiel geht die Verknüpfung nicht auf entsprechende Erfahrung zurück, selbst bei genauerer Betrachtung ist kein logischer Zusammenhang zwischen den beiden Aspekten zu finden.

Dann gibt es Vorurteile, die sich aus einer bunten Mischung von Impulsen ergeben, welche sich im Einzelnen nicht mehr rekonstruieren lassen. Ob die beobachtete Ablehnung von Ausländern an persönlichen Erfahrungen, an Berichten von Freunden, einer allgemeinen gesellschaftlichen Strömung oder tief verborgenen Ängsten liegt, ist weitgehend unklar.

Doch ob auf diesem Weg oder einem anderen: Ersteinschätzungen sind anthropologisch überlebenswichtig und schießen uns unwillkürlich in den Kopf. Wird einem diese erste Bewertung als revidierbarer Vorschlag bewusst, dann kann man ihn in Frage stellen, gegen den aktuellen Eindruck halten und anpassen. Im optimalen Fall kann man dann seine Meinung ändern, zum Beispiel auch einem weniger hübschen Menschen Expertenwissen zubilligen.

In seltenen Fällen erlebt man auch eine unbewusste Anpassung. Gerade betrete ich einen Raum, in dem eine junge Frau mit Hoodie sitzt. Spontan schätze ich sie als Öko ein, sortiere ihre selten gewaschenen Haare und ihr Makeup-freies Gesicht dieser Einordnung zu. Und schrecke auf, als mir der Duft eines hochwertigen Parfums entgegenweht. Das passt jetzt nicht. Bis zu diesem Geruch war meine Welt in Ordnung, die passende Schublade gefunden.

Jetzt bin ich irritiert. Wieso macht sie so etwas? Entweder ist man auf dem Öko-Trip und verweigert jegliche Form von Deo und Kosmetik, oder man ist Kunde in einer Parfümerie. Meine Gedanken kommen in Schwung. Dieser olfaktorische Widerspruch muss aufgelöst werden, vielleicht geht der Geruch gar nicht von der jungen Frau aus? Soll ich sie fragen, ob sie irgendwas vorhat und deshalb eingenebelt ist? Oder eine Duftprobe von einer Freundin geklaut hat?

Fast ist es wie beim Autofahren, wenn man gedankenverloren der Landstraße folgt und erst aufschreckt, wenn man eine Bewegung am Straßenrand wahrnimmt. Und dann blitzschnell überlegt, ob da wirklich etwas ist, ob es gefährlich ist und ob man etwas machen muss. So auch hier: In andere Überlegungen vertieft und nur nebenbei die andere Person registriert, dann aber plötzlich mit aller Aufmerksamkeit dabei.

Nach einigen wenigen Sekunden entscheide ich mich dann, meine Schublade für Ökos beizubehalten und den Widerspruch zu akzeptieren. Obendrein sinkt auch der Alarmpegel, eigentlich ist es mir egal, ob und wie die Frau riecht. Und gefährlich ist die Szene für mich ja auch nicht.

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Montag, 17. August 2026

Umzugskartons


An Sommertagen bietet es sich an, die Arbeit in den Keller zu verlagern, wenn man kann. Als Fluchtort vor der Hitze draußen und in den oberen Etagen des Hauses kann man sich ein wenig abkühlen und dabei je nach Möglichkeit etwas Sinnvolles machen. Aufräumen zum Beispiel. Was sich so über die letzten Monate angestapelt hat und wieder in die Regale der Vorratsräume soll. Oder was eigentlich weggeschmissen werden kann, weil es seit längerer Zeit nicht gebraucht wurde und ehrlicherweise auch in absehbarer Zukunft hier keine Verwendung mehr hat.

Bei der Gelegenheit räume ich auch die sperrigen Pappkartons von rechts nach links, die ich beim Umzug verwende. Verwendet habe. Denn ich bin ja schon viele Jahre nicht mehr umgezogen und so Gott will werde ich auch nicht mehr umziehen. Es könnte schon sinnvoll sein, noch einige wenige Kartons aufzubewahren, vielleicht will ich mal sperrigen Kram ausmisten oder die Umzugskartons jemandem aus der Nachbarschaft ausleihen. Aber der Rest kann weg, verkaufen, verschenken, Altpapier - egal.

Umzugskartons

Umzugskartons sind ja irgendwie ein Sonderfall. Selbst Menschen mit Freude an Erinnerungen heben diese Faltboxen nicht auf, weil sie darin die Socken ihrer Tochter transportiert haben. Oder die T-Shirts ihres ersten Ehemanns. Nein, diese Pappkameraden sind nützlich, aber kein bisschen emotional oder erinnerungsbeladen.

Und doch kommen mir im kühlen Keller ein paar Gedanken zu Umzug, Verlassen von gewohnten Orten und Anfang an neuen Orten. Wörtlich oder im übertragenen Sinne. Wechsel der Arbeitsstelle, des Sportvereins, der Clique. Und irgendwann ist man dann angekommen, wechselt nicht mehr, vielleicht, weil man zu alt wird, weil man den Aufwand oder die Unsicherheit scheut oder weil man einfach nur zufrieden mit dem Status quo ist.

Die Umzugskartons im Kopf können weggeräumt, entsorgt werden. Nein, mein Haus verlasse ich nicht mehr, meiner Arbeitsstelle gedenke ich treu zu bleiben, meiner Frau erst recht, auch in meinem Freundeskreis steht kein Wechsel an. Umzug ist nicht mehr geplant, höchstens ein wenig hin- und herräumen. Es ist weniger die Bequemlichkeit als vielmehr die Erkenntnis, was ich an meiner aktuellen Situation habe. Garniert mit allerlei Erfahrungen und Berichten von Mitmenschen, wie es schlechter sein könnte.

Die Phase des Suchens ist vorbei. Weder schaue ich in Immoscout nach einer anderen Immobilie, noch suche ich hektisch nach einem neuen Auto. Selbst Stellenangebote nehme ich gerne zur Kenntnis, aber wie für die vorgenannten Punkte achte ich sorgfältig darauf, dass ich mich nicht verschlechtere. Nein, aus der jugendlichen Phase, offen oder heimlich nach einem neuen Umfeld zu suchen bin ich heraus.

Das Schöne daran: Ich kann meine Energie nun in den Ausbau und die Pflege stecken. Eine zusätzliche Ablage im Badezimmer, ein Formschnitt bei den Gehölzen im Garten. Ich kann Geld für einen Teich sparen, ich habe Zeit, den Kontakt mit den Freunden zu intensivieren. Dafür brauche ich auch im Kopf keinen Umzugskarton, im Gegenteil stört er nur, wenn ich bei Gesprächen in persönliche Tiefen hinabsteigen möchte. Vielleicht ist das die Verbindung zur heutzutage so oft zitierten Nachhaltigkeit, wenn man bei seinen Handlungen nicht schon in Gedanken beim Aus- oder Umzug ist, sondern auch langfristig am Leben seines Umfeldes teilnimmt.

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Montag, 10. August 2026

Ist das ein nützliches Tierchen?

Als meine Tochter noch ein kleines Kind war, waren wir oft gemeinsam im Garten. Ein Pflänzchen hier, ein Blümchen da und abgesehen von Pflege und Schneiden auch ein wenig Freude an der Natur. Und was man da so alles zu sehen bekommt. Mal ist es eine Schnecke, die sich über die Geranien hermacht, mal ist es ein Regenwurm, der aus dem Pflanzloch herauskrabbelt.

Ist das ein nützliches Tierchen?

Zusätzlich kamen dann noch allerlei Insekten geflogen, Fliegen und Bienen, Mücken und Wespen. Und dann haben wir uns über die Tiere unterhalten, ich habe von ihren Eigenschaften erzählt so gut ich konnte und erläutert, welchen Platz sie in unserem Ökosystem einnehmen. Zentrale Botschaft war immer, dass auch diese kleinen Lebewesen eine wichtige Funktion haben und insgesamt unentbehrlich sind.

Auch die schleimigen Schnecken, die picksenden Mücken und die lästig um den Kopf herumschwirrenden Fliegen brauchen wir und sie sind nützliche Tierchen. Was meine Tochter im Laufe der Zeit dann so verinnerlicht hatte, dass sie bei neuen Entdeckungen fast automatisch von mir wissen wollte „Sind das nützliche Tierchen?“ und ich meistens eine positive Antwort geben konnte.

Dieses Grundverständnis konnte sie ihren jungen Freundinnen und Freunden überhaupt nicht vermitteln. Jede Spinne musste impulsartig totgeschlagen, jeder Regenwurm von den Eltern entsorgt und jede Wespe voller Entsetzen getötet werden. Einfach nur, weil diese Tiere im falschen Moment am falschen Platz waren. Dass man damit deutlich entspannter umgehen könnte, einen Regenwurm tatsächlich auch mit der Hand anfassen und ihn rettend an eine andere Stelle im Garten transportieren könnte, das schien undenkbar.

Ob man jetzt jedes Tier und jeden Mitmenschen auf seine Nützlichkeit hin untersucht und einordnet oder es bei einem gewissen Respekt und angemessener Selbststeuerung bewenden lässt, sei mal dahingestellt. Aber die Erkenntnis, dass man sich auch Apathie einreden lassen kann und manche Reaktionen jeglicher Grundlage entbehren, das ist ein Verständnis, das nicht nur für die kleinen Tiere in der Gartenerde, sondern auch für die Menschen um uns herum gelten sollte.

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Montag, 3. August 2026

Saras Sicht: Krieg, Frieden, Militär

Saras Sicht: Krieg, Frieden, Militär
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Normalerweise ist unser Cafe ruhig, der Fernseher an der Wand ist ausgeschaltet, vermutlich wurde er mal für eine Fußball-Meisterschaft aufgehängt. Aber heute ist er eingeschaltet, es läuft irgendein Nachrichtensender, der Bilder aus einem Krisengebiet zeigt. Staub überall, Autowracks, Ruinen oder zerschossene Fassaden.

Wie gebannt schauen wir auf die Bilder. Zwischen den kaputten Häusern und löchrigen Straßen stehen und patrouillieren vermummte Männer mit Waffen im Anschlag. Sie haben grimmige Gesichter, besonders intellektuell wirken sie nicht gerade. Man möchte nicht mit ihnen in Diskussion geraten, vermutlich ist man schneller tot als man denken kann.

„Schrecklich“ stößt Sara hervor, „einfach schrecklich, schrecklich, schrecklich.“ Die Kamera schwenkt weiter, wie gut, dass tausende Kilometer zwischen uns liegen, keine noch so fehlgeleitete Kugel kann uns in unserem Cafe erwischen. „Menschen, deren einziger Lebensinhalt durch Parolen bestimmt wird, deren Macht sie aus der Waffe in ihrer Hand ableiten, deren Rechtfertigung im Befolgen von Befehlen besteht.“

„Sie haben eine andere Grundeinstellung, ein Weltbild voller Feinde, die sie bekämpfen müssen.“ – „Woher“, will Sara wissen, „woher kommen denn die Feinde? Was macht einen Menschen zu einem Feind? Weil er mir Essen klaut, mir nach dem Leben trachtet, mich zumindest verletzen will oder mich vergewaltigt. Aber weil er etwas anderes glaubt, weil er an einem anderen Ort geboren wurde, weil er andere Befehle bekommen hat?“

„Für Menschen ohne Verständnis für Kriege ist das vielleicht schwierig zu verstehen. Im Kern geht es um Macht, um Übernahme von Führung von möglichst vielen Untertanen und über möglichst große Gebiete. Dafür wird eine Hierarchie aufgebaut und durch allerlei Maßnahmen stabilisiert.“

Sara grätscht in die Diskussion: „Was du Hierarchie nennst, ist für mich eine tierische Form der Rangreihenfolge, eine Hackordnung wie auf dem Hühnerhof. Ein Konzept was dort funktioniert, kann man auch auf Menschen anwenden, wie man immer wieder sehen kann. Da muss man gar nicht an den ausgefuchsten Apparat im Hitlerregime denken, selbst in gemäßigten Militärs ist das zu finden.

Und weißt du, was man auch noch häufig erkennen kann? Es scheint zutiefst menschlich zu sein, deshalb bilden sich oft auch radikale Splittergruppen. Milizen und ideologische Fanatiker, die ihrer Überzeugung folgend terrorisieren, foltern, töten.“

„Sara,“ sage ich beschwichtigend, „ist denn eine Welt voller Frieden überhaupt möglich oder auch nur denkbar? Wenn es wie du sagst in der menschlichen Natur liegt, wird dann in Friedenszeit dieser Trieb nur unterdrückt oder umgeleitet, bricht sich dann mit Kriegsbeginn seinen Weg?“

„Komme ich gleich drauf zurück. Zu Kriegen fällt mir nämlich ein, wie groß das Spannungsfeld zwischen Kampf und Frieden ist, wie geradezu schizophren argumentiert wird. Da wird ein Krieg geführt, um Frieden zu erhalten oder herbeizuführen. Oder die göttliche Liebe mit Gewalt missionarisch zu verbreiten. Wie war das noch bei den Kreuzzügen?“

„Zugegeben, kein Ruhmesblatt, und es zeigt, dass wir nicht nur zu anderen Kulturen und Religionen schauen müssen. Auch wir abendländischen Christen haben genug Dreck am Stecken.“ – „Was kein Wunder ist, denn es steckt wie gesagt mehr oder weniger in jedem von uns. Manifestiert sich aber von der Logik erst dann, wenn wir mindestens zu zweit sind. Allein auf einer einsamen Insel führen wir keinen Krieg, selbst in sehr kleinen Gruppen ist ein Krieg höchst unwahrscheinlich.“

„Woran liegt das deiner Meinung nach?“ – „Kleine Gruppen sind aufeinander angewiesen, Konflikte führen zu Schwächung, die man sich nicht leisten kann. Und es gibt genug Ausweichmöglichkeit, eventuell spaltet sich eine neue Gruppe ab. Gegen die man dann Krieg führen kann.“

„Und in Friedenszeiten? Wie können wir das, was wir Frieden nennen denn konservieren?“ – „Gute Frage, denn wir sehen ja gerade am Beispiel der USA, dass militärische Aktivitäten als Teil einer Friedenszeit verstanden werden. Koreakrieg, Vietnamkrieg, Golfkrieg, Afghanistan und so weiter.“

„Eben. Die Initiative zu Kampf und kriegerischen Handlungen wird immer wieder gestartet. Haben wir vor unserem geschichtlichen Hintergrund in Deutschland also einfach nur Glück, dass jeder Antritt im Keim erstickt wird?“

„Das mag eine Rolle spielen“ überlegt Sara, „ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Vielleicht ist es aber auch wichtig, dass die Menschen hier ein Ventil haben. Egal wie, sei es in teilweise ausartenden Demonstrationen, sei es bei Krawallen zu irgendwelchen plötzlich in den Mittelpunkt tretenden Themen oder auch Hooligans bei Fußballspielen. Abreagieren, weil ein Mensch mir gegenüber die falsche Fahne in der Hand hat.“

„Upps“, schlüpft mir heraus, „Hooligans als Ventil, als Militärersatz, als heimlich den Frieden stabilisierendes Element? Ziemlich steile These, aber vielleicht ist etwas dran. Grundsätzlich legal kann ich da sozusagen die Grundidee eines Krieges ausleben, was hier Fanclub heißt, ist dort das Vaterland, das es zu verteidigen gilt.“

Sara seufzt. „Manchmal würde ich mich freuen, wenn die Bilder sich nicht so ähnelten.“

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Montag, 27. Juli 2026

Saras Sicht: Kleidung


Saras Sicht: Kleidung
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Heute hat Sara einen Hut auf, daran wie Robin Hood eine Feder, die im Wind ihrer schnellen Bewegung weht. Der Rest sieht auch aus, als ob sie auf Jagd gehen wollte, mitten in der Stadt scheint sie ihre Leidenschaft für Natur entdeckt zu haben. Grüner Mantel und rotbraune Stiefel unterstreichen ihr Outfit passend zu einem Jagdausflug.

„Was hast du vor?“ will ich von ihr wissen, „hast du noch eine Verabredung mit der Jagdgenossenschaft?“ Sie schaut mich etwas verärgert an, runzelt die Stirn und „Nein, keine Jagdgenossenschaft. Ich stehe nicht so sehr auf die Altherrengesellschaften oder deren zivilisierte Drogenexzesse mit Zigarre und sündhaft teuren Alkoholika.“

„Okay, aber du bist schon recht extravagant angezogen. Oder ist das dein neuer Business-Look?“- „Du hast Recht, ich gehe nicht ins Büro. Aber ich will einen Gegenpol darstellen.“ Sie macht bewusst eine Pause, damit ich die erwartete Frage stellen kann, ich tue ihr den Gefallen: „Gegenpol wozu?“

„Zu Jogginghosen, Hoodies, Schlappen. Schlabberlook halt. Dieser ganze weitgehend unförmige Stoffkram, der auch gar nicht zum eigenen Körper mit seinen Formen oder zu den Gelegenheiten passen muss.“

„Du meinst Kleidung als Ausdruck, als Gestaltungselement?“ Ganz offensichtlich habe ich den Kern getroffen, Sara strahlt mich an: „Ja, genau. Vor dem Kleiderschrank stehen, über die Situation nachdenken, für die ich mich anziehe und dann dazu passend und in sich stimmig Oberteile und Hose, Schuhe und sogar die Unterwäsche auswähle.“

„Ziemlich mühsam, viele Menschen, vor allem Männer, haben ihre Lieblingsklamotten, in denen sie sich wohlfühlen. Ein weiches Sweatshirt, dazu eine bequeme Jeans und weiße Sneakers. Fertig. Warum Kleiderschrank, anstrengende Entscheidungsprozesse und am Ende kneift dann auch noch die Unterhose?“

„Ich gebe zu, dass ich manchmal abends auch froh bin, wenn ich die Schuhe ausziehe. Aber das ist dann eben zu Hause, vor der Tür hat gutes Aussehen Vorrang. Das ist für mich ein Teil von Kultur, gelegentliche Opfer gehörten leider mit dazu. Ich sehe mich selbst lieber in gepflegter Kleidung und ich stelle mir vor, dass zumindest ein Teil meiner Mitmenschen es auch registriert. Und sei es nur als unbewusste Wertschätzung meiner Beschäftigung mit meinem Außenbild. Ich demonstriere ja offensichtlich, dass es mir nicht egal ist.“

„So habe ich das bisher noch nicht gesehen. Klar, der eine hat Geschmack und sieht in seiner Kleidung gut aus, ein anderer ist modischer Legastheniker. Es gibt Menschen, denen kannst du so ziemlich alles umhängen und sie sind ein Blickfang, aber es gibt eben auch die Typen, bei denen der Anzug schon auf Maß gefertigt sein muss.“

„Yes, Kollege“, Sara beugt sich über den Tisch zu mir und ihre Stimme wird leiser, „das Elend und der Niedergang hat schon von Jahren begonnen, als Schlipse gelockert und Hemden aufgeknüpft wurden. Dann verschwand der Schlips und untenrum wurde die Jeans gesellschaftsfähig. Denim nicht nur als robuste Alltagskleidung, sondern rein in den Büroalltag, in die Etagen der Menschen, die bis dahin durch hochwertige Kleidung gepunktet hatten.

Und so ging es weiter, Anzug ganz weg, immerhin noch ein Hemd und jetzt: Hoodie. Auf einmal sehen IT-Vorstände so aus wie vor ein paar Jahre irgendwelche zwielichtigen Hacker.“ Kurze Pause, sie grinst mich an: „Vielleicht ist der Unterschied ja auch gar nicht so groß.“

Wir müssen beide lachen, weiter geht die Diskussion, was die Veränderung eingeleitet und im weiteren Verlauf befeuert hat, Corona als Katalysator, auch Homeoffice spielt aus unserer Sicht eine Rolle. Und die Erkenntnis, dass es auch bei Kleidung Gegenbewegungen gibt. Und seien es trotzige Erwachsene, die sich ohne konkreten Anlass in Jagdkleidung werfen.

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Montag, 20. Juli 2026

Saras Sicht: Political correctness

Saras Sicht: Political corretness
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Mitten im Jahr ist mal wieder ein Tag mit Aprilwetter. Man kann den Regenschirm auch mal als Sonnenschirm verwenden, Kleidung im Idealfall nach dem Zwiebelprinzip auswählen und überhaupt alles genießen, was die Natur gerade anbietet.

Mutig haben wir uns vor das Cafe unter eine Markise gesetzt, gerade kam ein kurzer Regenschauer, aber bis auf ein paar Spritzer sind wir trocken geblieben. Wie als Entschuldigung des Himmels kommt jetzt wieder die Sonne heraus.

„Sonne, mach mich Neger!“ flüstert Sara vor sich hin. – „Was hast du gerade gesagt? Du hast doch nicht etwa das N-Wort verwendet?“

Sara blinzelt mich an. „Ähm, was?“, und nach ein paar Sekunden: „Das mit der Sonne haben wir als Jugendliche gesagt, im Freibad auf der Liegewiese, wenn wir im Frühsommer als Bleichlinge auf den Handtüchern gelegen haben und eine möglichst schöne Bräune bekommen wollten. Hautfarbe wie die Neger halt.“

„Aber Neger darf man nicht mehr sagen. Das ist politisch nicht korrekt. Du müsstest den Spruch von damals ändern in ‚Sonne, bräun mich!‘ oder so. Jedenfalls ohne Verweis auf Menschen anderer Hautfarbe.“

„Ich weiß, dass du nur das zitierst, was in der Gesellschaft die Runde macht. Wir wissen beide, dass das Wort ursprünglich neutral war, von ‚negro‘ oder ‚niger‘ abgeleitet ist und damit eine reine Tatsachenbeschreibung darstellt. Dann wurde es aber belastet, weil es im Rahmen von Rassentheorien verwendet wurde. Was vielleicht auch noch nicht problematisch wäre, wenn hieraus keine Wertung abgeleitet worden wäre.“

„Eine komische, verquere, verformende Logikkette, die wir an diesem Beispiel sehen. Erst neutral, dann wissenschaftlich untersucht, dann mit einer Werteskala versehen, dann missbraucht und schließlich de facto verboten.“

Sara sieht mich entsetzt an. „Ein erschreckender Werdegang. Und dazu kann es nur kommen, weil an mehreren Stellen etwas schiefläuft. Der erste Fehler besteht darin, dass aus einer hoffentlich nüchternen wissenschaftlichen Darstellung eine Bewertung abgeleitet wird. Die ‚negride Rasse‘ ist minderwertig und darf auch so behandelt werden.

Und im weiteren Verlauf besteht der zweite Fehler darin, dass nicht nur diese Bewertung wieder in die Wissenschaft zurückgeführt und von Abwertung befreit wird. Sondern der Begriff nun samt seinem Umfeld komplett verboten und tabuisiert wird.“

„Sagen wir mal so“, ergänze ich, „eine unverkrampfte und die Vergangenheit konstruktiv aufarbeitende Debatte ist aus dieser Lage heraus ziemlich schwierig…“ - „… und wird statt dessen durch eine inoffizielle Hetzjagd ersetzt, in der jeder scharf angegangen wird, der ohne böse Absicht das ursprünglich neutrale Wort verwendet.“

Und wo Sara schon mal in Schwung ist geht es sofort weiter: „Da darf ich im Internet wahrscheinlich intimste Details meines Liebeslebens mit Sadomaso-Vorlieben ausrollen und jeder wird das als mehr oder weniger peinliche, aber zulässige Darstellung akzeptieren. Wenn ich aber zum Abschluss der Peitschenspiele einen Mohrenkopf in das Gesicht meines Partners drücke, dann ist der Teufel los. Schließlich ist es ja kein Mohrenkopf, sondern ein Schokoschaumgebäck.“

„Nun reg dich nicht auf, wenn man die Förderer der Kampagnen für politische Korrektheit anhört, dann geht es ihnen im ersten Schritt um eine Sensibilisierung…“ – „… die dann bis zu einer Zensur, vorauseilender Selbstzensur, fragwürdigen Anklagen und belastenden Abmahnungen führen kann.

Wusstest du, dass das Thema öffentlich so viel Fahrt aufgenommen hat, dass natürlich auch dafür schon wieder ein Markt im Internet entstanden ist? Da gibt es ein Glossar für diskriminierungssensible Sprache, ein Sprache-politisch-korrekt-Lexikon und diverse Institutionen von Behörden bis zu Übersetzungsbüros stellen ihre Sichtweise als Stein der Weisen dar.“

„Sieht man das Internet als Spiegel der Zeit, dann wundert mich das überhaupt nicht. Aber wir sollten uns nicht verschrecken lassen. Auch wenn nicht immer erwünscht, heißt es auch hier Augenmaß zu bewahren. Herabwürdigung und Beleidigung sind nicht ok, aber ich bezweifle, dass jeder Dunkelhäutige den Begriff Neger beim Feierabendbier mit dem befreundeten hellhäutigen Arbeitskollegen als Problem empfindet. Entkrampfung also an Stelle von Verboten.“

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Montag, 13. Juli 2026

Saras Sicht: Weltfrauentag

Saras Sicht: Weltfrauentag
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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„Stell dir vor“, lädt mich Sara zu ihren Eindrücken der letzten Tage ein, „da war doch neulich Weltfrauentag. Viele Diskussionen zu Frauen, Gleichberechtigung, Gleichbehandlung, möglichen Lebensentwürfen, aber auch Unterdrückung, Bildungsausschluss und sexueller Ausbeutung.“

„Ich glaube, es gibt verschiedene Ursachen, warum das Thema so unterschiedlich, zum Teil sogar ausweichend behandelt wird. Entscheider, traditionell Männer, die mit dem Status Quo sehr zufrieden sind, weil sie davon Vorteile haben.“

„Sind es denn wirklich Vorteile? Ist Unterdrückung ein Vorteil? Was habe ich davon, wenn ich einen anderen Menschen in seiner Entwicklung behindere? Das macht doch nur Sinn, wenn ich dadurch meine Macht ausbauen oder zumindest erhalten kann. Ist diese ganze Frauendiskussion am Ende eine Diskussion um Macht?“

Ich lasse Saras Gedanken auf mich wirken, geht es wirklich nur um Macht, ist das eine Triebfeder, die alle Menschen oder zumindest alle Männer antreibt: Streben nach Macht. Oder ist bei den Personen, bei denen dieses Ziel fehlt auch das Problem von Ignoranz und Ungleichbehandlung von Frauen automatisch mit erledigt?

„Deine Überlegungen sind plausibel, aber ich glaube, sie erfassen nur einen Teil der aktuellen Debatte. Wir haben abhängig von Kulturen und Herkünften sehr unterschiedliche Ansätze zum Zusammenspiel von Mann und Frau. Dabei ist aber eine Differenzierung nicht unbedingt eine Herabstufung. Stärken und Schwächen zu erkennen, auszugleichen und im Idealfall eine leistungsfähige Kombination hinzubekommen ist doch optimal.“

So einfach lässt Sara das nicht stehen: „Dein Idealbild in Ehren, aber sobald man verallgemeinert wird es problematisch. Wenn man aus Stärken in Empathie eine bessere Erzieherrolle ableitet und daraus folgert, dass ausschließlich Frauen für Kinder da zu sein haben, ist das im Einzelfall kompletter Blödsinn. Und wenn man diesen Blödsinn durch Gesetze stabilisiert und die Rolle damit verbindlich festlegt, kommen starre Gebilde heraus, die eben nicht optimal sind.“

„Klares ‚Ja‘ von meiner Seite. Nebenbei bemerkt werden Männer zum Teil auch ein wenig missbraucht, weil sie im klassischen Bild die geborenen Handwerker sind, auch wenn sie noch so ungeschickt sind und zwei linke Hände haben… Aber noch mal zurück: Abgesehen von der Arbeitsteilung oder einer wie auch immer gearteten starren Vorgabe haben wir es auch mit Dingen zu tun, die für mich nicht zur Diskussion stehen. Verweigerung von Bildung oder Reduzierung auf Reproduktionsobjekte gehen nicht – egal in welcher Kultur.“

„Stimmt, das müssen wir wieder unter das Stichwort des Machterhaltes fassen. Durch Gesetze, die Männer erlassen, wird ihre Machtposition erhalten oder sogar ausgebaut. Relativ leicht und gegenüber rund der Hälfte der Gesellschaft. Wenn das mein Ziel ist, dann liegen deine Ansätze der Diskriminierung nahe.

Aber nicht jede Differenzierung ist auch gleich eine Diskriminierung. Warum sollten Frauen nicht für gewissen Versicherungen mehr bezahlen als Männer, bei anderen weniger. Wenn die Statistik zeigt, dass die Schadensbilanz geschlechtsspezifisch ist, dann muss man das doch einpreisen dürfen. Hier endet für mich die Gleichmacherei.“

„Möglicherweise muss man das wie andere Gleichberechtigungsthemen sehen. Vielleicht etwas über das Ziel hinausgeschossen, aber notwendig, um das Gesamte voranzubringen.“

Sara beugt sich vor, ein Zeichen dafür, dass sie in Kampflaune gerät. „Meinst du wirklich, dass man Gleichberechtigung dadurch erreicht, dass man auf jegliche sinnvolle, in vielen Fällen sogar mit Zahlen belegbare Differenzierung verzichtet? Frauen sind nun mal anders als Männer, das können selbst eingefleischte Feministinnen nicht bezweifeln. Ich sperre mich gegen jede generelle Bewertung, aber ich sperre mich auch gegen generelles Ignorieren von Unterschieden.“

„Frauen sollten für die gleiche Arbeit das gleiche Geld bekommen, so wie auch Männer ohne Unterscheidung gleich bezahlt werden.“ – Sara stöhnt. „Jetzt kommt wieder diese vermeintlich logische Diskussion zur Bezahlung. Nein, nein, da bin ich anderer Meinung. Auch wenn es nicht populär ist, eigentlich muss jeder einzelne Mitarbeiter unterschiedlich bezahlt werden. Natürlich nicht primär orientiert am Geschlecht, aber es kann in die Entscheidung einfließen.“

„Wie meinst du das, soll jetzt jeder Arbeitnehmer sein Einkommen individuell verhandeln? Ist es nicht ein wünschenswerter Antritt, wenn es keinen ‚Nasenfaktor‘ gibt, sondern nach tatsächlicher Leistung bezahlt wird? Und warum sollte dabei das Geschlecht eine Rolle spielen?“

Sara ist in Fahrt geraten: „Das will ich dir sagen. Weil bei den wenigsten Tätigkeiten nur die Leistung eine Rolle spielt. Daneben ist auch das Potential von Interesse. Selbst wenn ich am Fließband arbeite ist die Frage, ob ich mal eben an einer anderen Position eingesetzt werden kann oder nur genau meinen definierten Handgriff ausführen kann. Ob ich zu den Abläufen Verbesserungen vorschlage oder auch nach jahrelanger Ausführung nicht über die reine Umsetzung herausgekommen bin.“

„Ich verstehe. Und das siehst du auch bei Frauen versus Männern, richtig?“ – „Ja, klar. Noch mal ein unpopuläres Statement: Eine gut aussehende Frau geschickt eingesetzt kann Verhandlungen beeinflussen, durch ihr Aussehen Argumente relativieren. Mangelnde Fachkompetenz wird ihr viel eher verziehen als dem protzenden Fachmann neben ihr.“

„Das klingt nach einem Vorteil, der durchaus in den meisten Fällen geschlechtsspezifisch ist. Obwohl es sicher auch attraktive Männer gibt, die vielleicht bei Auftritten vor Frauenteams gewissen Vorteile ausspielen können.“

Sara kommt wieder zur Ruhe. „Ja, schon. Aber wir kommen zu einem Kritikpunkt, oder sagen wir meinem Kritikpunkt, wenn ich Weltfrauentag höre. Da treten Frauen auf die Bühne und berichten von den Nachteilen, die sie wahrnehmen. Beschweren sich über die Ungleichbehandlung und fordern eine Angleichung an ihre männlichen Kollegen. Was sie übersehen oder vielleicht sogar bewusst auslassen sind die Vorteile, die sie haben. Denn so schwach ist mein Geschlecht gar nicht, es hat seine Muskeln nur an anderen Stellen.“

Ich muss grinsen, proste ihr mit der inzwischen leeren Cappuccino-Tasse zu und lasse sie augenzwinkernd wissen, dass ich ihr demnächst einen Rasierapparat für die Haare auf den Zähnen und eine kugelsichere Weste für kämpferisches Zusammentreffen mit Geschlechtsgenossinnen bestelle.

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Montag, 6. Juli 2026

Saras Sicht: Streiks und Demos

Saras Sicht: Streiks und Demos
"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Meine Sara scheint sich heute zu verspäten, ich sitze schon eine Weile im Cafe, schaue aus dem Fenster. Könnte mal wieder geputzt werden, aber das ist ja eigentlich egal, solange man einen anständigen Cappuccino bekommt und sich gepflegt unterhalten kann.

Merklich genervt kommt Sara hereingestürmt. Ihre sonst kaum erschütterliche Ruhe geht ihr heute völlig ab. „Stell dir vor, jetzt streiken die auch noch“ schreit sie mich fast an. – „Ja, sage ich, bei Bussen und Straßenbahnen muss man heute Geduld mitbringen.“

„Geduld?“ faucht sie mich an, „Geduld ist das eine. Aber es ist das Grundverständnis. Ich habe keine Lust an einer zugigen Haltestelle zu warten, weil jemand anders sich streiten will. Weil sich ein Trupp von Menschen von ihrer Arbeit distanziert, um mehr Geld zu erpressen.“

„Aber Streiks sind ein zugelassenes, anerkanntes und in der Demokratie übliches Mittel, um gewissen Forderungen Nachdruck zu verleihen.“ – „Für mich ist das Erpressung, ich verstehe nicht, warum es an der Stelle zulässig ist, aber wenn ich dir den Finger verdrehe bis es weh tut, damit du meinen Cappuccino bezahlst ist es plötzlich nicht in Ordnung.“

„Es ist ja keine Handlung eines einzelnen, es geht um die Neuverhandlung von Verträgen, die dann für alle gelten. Von Gewerkschaften geschützte Lohnverhandlungen oder Aushandlung von Urlaubstagen und Wochenarbeitsstunden. Immer für eine ganze Gruppe von Betroffenen.“

„Trotzdem Erpressung. Und obendrein auf dem Rücken von nicht Betroffenen. Wenn sie fertig gestreikt und verhandelt und mit ihren Trillerpfeifen Radau gemacht haben, dann werde ich als Kunde wieder normal transportiert. Ob sie ihre Lohnerhöhung, mehr Urlaubstage oder weniger Stunden erstritten haben merke ich überhaupt nicht. Nur, dass ich zwischenzeitlich in der Kälte stehe.“

„Sollten sie besser demonstrieren statt zu streiken?“ – „Ja, nein, im Grunde verstehe ich das genauso wenig. Da wird kompliziert ein System aufgebaut, in dem Stimmen aggregiert, Mehrheiten gebildet und über Vertreter dann deren Meinungen umgesetzt werden sollen. Und in diesen Prozess schaltet sich jetzt sozusagen von der Seite eine Minderheit ein, die einfach nur lauter und auffälliger ist.“

„Wenn Demos friedlich verlaufen, dann machen sie schadensfrei auf eine andere Meinung aufmerksam, sensibilisieren für alternative Ansätze und sorgen so für Vielfalt und eine Ergänzung zu vorhandenen Wegen.“

„Du willst mir nicht erzählen, dass Demonstrationen nur der Meinungsdarstellung dienen. Sie stellen Forderungen, stellen sich getroffenen Entscheidungen in den Weg oder versuchen in Entscheidungsprozesse einzugreifen. Lautstärke und Parolen statt Beschreitung strukturierter Wege und Befolgung gemeinschaftlich beschlossener Prozesse.

Und es liegt in ihrer Natur, dass sie von Minderheiten initiiert werden. Wären es Mehrheiten, bräuchten sie keine Demonstrationen, weil sie ihre Vorstellungen ja über Mehrheitswege umsetzen könnten. Also auch hier eine Form von Erpressen von Forderungen an anderen vorbei mit dem Fokus auf eigene Interessen.“

„Du übersiehst, dass wir diese Instrumente brauchen, um die grundsätzlich in unserer Grundordnung verankerten Abläufe austarieren zu können. Wie schnell können sich Mehrheiten ändern, ist aber auch das Anstoßen von Veränderungen zunächst aus einer Nische heraus unentbehrlich. Denk mal an den Umweltschutz, der vor einigen Jahrzehnten noch gar kein Thema war und erst durch Druck von einer grünen Randgruppe in die Mitte der Gesellschaft gekommen ist.“

Wir sitzen voreinander, der Cappuccino ist ausgetrunken, Saras anfängliche Wut über die lästigen Streiks ist von einer globalen Diskussion über Mehrheiten und Minderheiten abgelöst worden. Ich finde es interessant, aus einer gewissen Distanz nicht nur den einzelnen Lohnempfänger, nicht nur eine Beschäftigungsgruppe, sondern eher die für eine funktionierende Demokratie unentbehrliche Funktion zu betrachten.

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Montag, 29. Juni 2026

Saras Sicht: Das AGG

Saras Sicht: Das AGG

"Saras Sicht" - Ich unterhalte mich kontrovers über wechselnde Themen mit einer Frau, die ich im Cafe kennengelernt habe. Manchmal werden provokante Thesen aufgestellt, mal unpopuläre Dinge aufgegriffen. Mal ganz meine Meinung, mal eine Herausforderung meiner Toleranz, jedenfalls aber lesenswerte Denkanstöße.

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Etwas atemlos komme ich im Cafe an, Sara sitzt schon an unserem Stammtisch, ruhig schlürft sie an ihrem Cappuccino. "Was ist denn los", will sie von mir wissen, "du bist ja ganz außer Atem." - "Ja", sage ich, "ich habe gerade noch schnell eine Pflichtschulung erledigt. Es ging um das AGG." - "Sagt mir nichts, was verbirgt sich hinter der Abkürzung?"

"AGG steht für Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz, von manchen Menschen auch als Antidiskriminierungsgesetz bezeichnet. Es geht darum, Menschen vor Nachteilen zu schützen, für die Gleichbehandlung zu sorgen und allerlei Alltagssituationen zu regulieren." - "Das klingt ziemlich allgemein", wendet Sara ein, "und scheint aus meiner Sicht ziemlich plausibel und für ein respektvolles Miteinander absolut wichtig. Muss man das in ein Gesetz gießen?"

"Grundsätzlich ja. Und der Gedanke ist wie du sagst absolut plausibel. Man muss nicht weiter darüber diskutieren, dass die Würde jeder Person unantastbar ist. Auf der Grundlage kann ich auch die Forderung nach Respekt verstehen und alle Ableitungen davon. Aber ab dann wird die auf den ersten Blick scheinbare Plausibilität auf eine harte Probe gestellt." - "Ich glaube, ich weiß, was du meinst. Ich bin ja selbst eine Frau, aber bestimmte körperliche Arbeiten möchte ich lieber einem Mann überlassen. Ist das dann schon Diskriminierung?"

"Wenn du das so in eine Stellenanzeige schreibst, könnte es schon eng werden. Aber ich würde sagen, dass es ja nicht um das Geschlecht geht, sondern um die Statur und die Kraft. Das darf man vermutlich so formulieren. Man muss aber ein Auge darauf halten, dass man nicht allgemein wahrscheinliche Korrelationen zur Regel erhebt. Ich meine damit, dass zwar Frauen im Durchschnitt weniger muskulös sind als Männer, aber eben nur im Durchschnitt. Es gibt mit Sicherheit kräftige Frauen, die zierlichen Männern körperlich überlegen sind. Da wäre es rein logisch nicht sinnvoll, die Bedingung für eine Stellenbesetzung an das Geschlecht statt an die Körperkraft zu koppeln."

"Dann ist das AGG doch ein gutes Gesetz, weil es dafür sorgt, dass solche Anforderungen richtig formuliert und gelebt werden. So wie man an anderer Stelle ja auch nach dem job-to-be-done fragt. Aber ich fürchte, dass das in manchen Situationen gar nicht so einfach abzugrenzen ist. Es geht ja um ganz individuelle Aktionen, vielleicht lege ich einem Mitmenschen beschwichtigend oder tröstend die Hand auf die Schulter. Ist es eine Frau, dann ist das im ersten Moment für mich als Frau unkritisch, beim ungefragten Kontakt von einem Mann aber nicht. Es sei denn, er ist schwul. Schon kann, und ich sage bewusst kann, die Auslegung anders sein."

"Leider wahr. Was mich erschüttert ist der Spielraum, der zwar gut gemeint ist, dabei aber geradezu absurden Auslegungen Tür und Tor öffnet. In der Schulung wurde als Beispiel genannt, dass ich einer Muslimin nicht empfehlen darf auch während des Ramadan genügend Flüssigkeit über den Tag zu konsumieren. Es ist ja ein Rat, den ich der Frau aufgrund ihrer Glaubensausrichtung gebe, einer Christin nicht geben würde und damit eine Unterscheidung treffe, den Gleichheitsgrundsatz verletze."

Mittlerweile ist auch mein Cappuccino gekommen, ich schaue das Kakaoherz an, dass die Bedienung auf den Milchschaum gestreut hat. Beschwert sich so ein Herz mit seinen beiden Kammern eigentlich auch über die ungleiche Aufteilung? Da muss die rechte Seite immer zur Lunge pumpen, während die linke Seite den ganzen Körper versorgen muss.

Sara schaut sich im Cafe um. An ihrem Blick sehe ich, dass sie sich noch mit dem Thema beschäftigt. Und tatsächlich: "Ich bin noch mal bei den Stellenausschreibungen. Und eigentlich hast du ja Recht, dass man typische Eigenschaften nicht einfach zu Bedingungen machen darf. Aber andererseits ist es doch nun mal Fakt, dass Frauen im Gegensatz zu Männern schwanger werden können und dann vorübergehend nicht arbeiten können, vielleicht auch nach der Entbindung häufiger ausfallen. Oder dass zu uns eingereiste Menschen aus dem Ausland sich sowohl in ihrer Sprache als auch in ihrer Arbeitskultur von Einheimischen unterscheiden."

"Schwierig, schwierig", sage ich. "Auch hier gilt natürlich das, ich nenne es mal ‚Verallgemeinerungs-Verbot‘. Nicht alle Frauen werden während ihrer Berufstätigkeit beziehungsweise auf einer bestimmten Stelle schwanger. Und ob die Sprache eine Barriere ist, hängt natürlich auch vom Einzelfall und der Aufgabe ab. Dazu kommt, dass eine andere Kultur, wie du es nennst, eventuell eine Bereicherung darstellen kann. Also wirklich wichtig, genau hinzuschauen und wie vorhin diskutiert zu schärfen, um was es wirklich geht.

„Lass mich unser heutiges Gespräch mal so zusammenfassen“, während sie ihre leere Cappuccino-Tasse anschaut, „Gleichbehandlung als Haltung und Grundidee ist gut und wichtig, aber wir müssen sie eher im Sinne eines Verallgemeinerungs-Verbotes als einer Grundlage für die Hetzjagd auf jegliche Form der Differenzierung sehen.“

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