Bringen wir doch mal ein wenig Licht in die hitzig geführte Debatte um Benzinpreise. Stopft sich da jemand die Taschen voll? Wer zeigt da mit dem Finger auf wen und ist das eigentlich rechtens? Schauen wir auf einen fiktiven Benzinpreis von 2,30 Euro pro Liter und teilen ihn (beispielhaft) in seine Positionen auf.
Staatlicher Anteil
Energiesteuer: 65,45 ct/Liter, preisunabhängige Abgabe.
CO2-Abgabe: 15 ct/Liter
Mehrwertsteuer: 37 ct/Liter
Kosten und Gewinn
Einkaufspreis für Rohöl: 65 ct/Liter
Raffineriebetrieb: 10 ct/Liter
Raffineriemarge: 25 ct/Liter
Transport, Lagerung, Bevorratung, Vertrieb: 10 ct/Liter
Betrieb der Tankstellen: 2 ct/Liter
Wo stecken die Kostentreiber, wo sind unvermeidbare versus vermeidbare Preisbestandteile? Erst mal fällt auf, dass der Staat einen Anteil von über 50 % an den Gesamtkosten einzieht. Wenn also Politiker öffentlich nach Preisbremsen verlangen oder die geldgierigen Lieferanten anprangern, zeigen sie zumindest nicht auf den größten Posten. Ohne staatliche Abgaben würde der Liter E10 etwa 1,12 Euro kosten.
Auch die Tankstellen verdienen sich nicht die goldene Nase. Sie sind nur für die Endkunden der sichtbarste Teil der Lieferkette, obwohl sie sich mit maximal 2 ct/Liter eher mit hohem Durchlauf oder ihrem Snack-Shop über Wasser halten müssen.
Zoomen wir jetzt in die Position „Kosten und Gewinn“ hinein. Der Rohölpreis hängt von der Marktlage ab und unterliegt einer gewissen Schwankung. Er ist aber bei weitem nicht so volatil wie der Preis an der Tankstelle. Relevanter sind hier Raffineriebetrieb und Raffineriemarge.
Die Differenz zwischen dem Wert der raffinierten Produkte und den Rohölkosten nennt man vereinfacht Raffineriemarge bzw. Crack Spread. Dieser Crack-Spread ist in letzter Zeit deutlich angestiegen und belastet den Benzinpreis erheblich. Allerdings spielen hier auch Kosten wie Energie, Personal, Instandhaltung, Kapitalbindung, Abschreibungen und Umweltauflagen eine Rolle. Es handelt sich also nur zum Teil um einen Gewinn, der einem Unternehmen zu Gute kommt.
Ebenfalls relevant ist der Großhandel. An dieser Stelle haben wir es mit klassischer Marktwirtschaft, also der Aushandlung eines Preises auf der Basis von Angebot und Nachfrage, zu tun. Hier bildet sich auf der Basis zum Beispiel geopolitischer Randbedingungen ein Preis, der weder mit Rohöl- noch mit Raffineriekosten zu tun hat.
Betrachten wir den Endkunden-Preis, dann liegt der wirklich interessante und derzeit stark schwankende Teil also nicht an der Tankstelle, sondern in der Strecke zwischen Rohöl und dem Rohöl-Großhandelspreis. Konkret kann man einen deutlichen Anstieg des Marktpreises für ein Barrel Rohöl beobachten, wenn der Markt angespannt ist, weil Benzin knapp wird.
Und genau das passiert derzeit in Europa: Der Markt für raffinierte Produkte ist angespannt. Das Bundeskartellamt stellt fest, dass sich die Differenz zwischen Rohöl- und Großhandelspreisen seit Ende Juni 2026 wieder deutlich ausgeweitet hat. Ursache dürften die eingeschränkten globalen Raffineriekapazitäten und die angespannte Versorgungslage sein.
Interessante Reaktion des komplexen Gefüges der Preisbildung: Der ADAC beobachtet, dass seit Einführung der 12-Uhr-Regel nicht nur die Tageskurve stärker geworden ist, sondern auch das allgemeine Preisniveau gestiegen ist. Der ADAC vermutet, dass die Mineralölunternehmen wegen der eingeschränkten Möglichkeit, Preise nach oben anzupassen, einen Risikoaufschlag einkalkulieren.
Fazit: Der Preis für den Tankstellenkunden wird zum einen von staatlichen Abgaben bestimmt, daneben aber ganz wesentlich auch von Marktmechanik, Wettbewerb und der Preissetzungsstrategie der Tankstellen bzw. Mineralölunternehmen. Hier nur einen vermeintlichen Übeltäter zu nennen, wird der beobachteten Komplexität nicht gerecht und ist eher ein Mittel der Politik, um publikumswirksam vermeintlich Schuldige vorzuführen.
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