Montag, 6. Februar 2023

Ist es das Alter oder geht das allen so?

Es geht morgens damit los, dass ich die Zahnpasta suche. Habe ich sie nicht gestern Abend in den Becher gestellt, im Schrank ist auch keine Tube, vielleicht im Kulturbeutel? Problem umgangen, ich bediene mich bei meiner Frau. Allerdings geht es bei der Vorbereitung des Frühstücks gleich weiter, wohin habe ich nach dem letzten Einkauf das Knäckebrot geräumt? Ich kann mich noch dran erinnern, dass ich es aus dem Korb genommen habe und es nicht in den vollen Küchenschrank stopfen wollte. Aber welchen Platz habe ich dann gewählt? Dieses Durcheinander hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass ich beim Einkauf vergessen hatte, Milch einzukaufen, dann noch mal los musste und irgendwie hat mich das aus dem Takt gebracht.

Aber was wollte ich eigentlich erzählen? Naja, egal, das fällt mir gleich wieder ein. Bis dahin gehe ich meine Liste für den Tag durch, obwohl: Da war doch ein Punkt, den ich gestern Abend nicht mehr aufgeschrieben hatte und den ich unbedingt heute erledigen wollte. Ich mache mir dazu am besten einen allgemeinen Vermerk und frage unauffällig bei meinem Kollegen, ob noch irgendwas offen ist.

Ist es das Alter oder geht das allen so?
Ein wenig gruselig ist es schon, Dinge so schnell zu vergessen, den Faden zu verlieren, Gedanken nicht fertig zu verfolgen. Dass es mir in letzter Zeit immer deutlicher auffällt kann zum einen am zunehmenden Alter liegen, aber auch an der Überforderung, eine zu große Zahl an Themen im Auge zu behalten. Es sind ja nicht nur private Vorgänge, die bearbeitet werden müssen. Auch und gerade im beruflichen Umfeld hat in den letzten Jahren die Anzahl der gleichzeitigen Handlungsstränge zugenommen. Und damit nicht genug: Da auch die Kollegen um mich herum ihre Aufgaben kaum noch oder nur noch unzureichend erledigen, muss ich immer öfter Buch führen, nachfragen, erinnern und kann mich immer weniger auf die selbständige Bearbeitung verlassen.

So kommen hier also mehrere Faktoren zusammen, die insgesamt die Anforderung an mein Erinnerungsvermögen noch weiter erhöhen. Es sind bildlich gesprochen nicht nur mehr Bälle im Spiel, ich muss auch einen größeren Teil davon in der Luft halten und kann sie nicht ohne weiteres abspielen. Und für diese Jonglage ist leider das menschliche Gehirn nicht optimal.

Ich erinnere mich an die Computer vor einigen Jahren. Wenn der (flüchtige, aber schnelle) Arbeitsspeicher nicht reichte, musste das Gerät einen Teil seiner Daten auf die (dauerhafte, aber langsame) Festplatte auslagern, was seine Performance erheblich verringerte. Anstelle der eigentlichen Bearbeitung von Informationen war der Rechner damit beschäftigt, Bits zwischen den Speichermedien hin- und her zu schieben.

Analog muss ich heute vom (schnellen) Wegarbeiten zu Post-its wechseln, Todo-Listen schreiben, Erinnerungszettel an die Wand heften, über Vorgänge Buch führen und all dies dann auch wieder organisieren, priorisieren und abarbeiten. Was dann die Bearbeitung noch langsamer macht und neben dem Behalten der Inhalte auch ein Gedächtnis für den richtigen Merkzettel erfordert. In Folge geht das Gehirn in eine Art Fluchtmodus, Aufgaben werden nur nach Gefahrenpotential beurteilt, selbst alltägliche Entscheidungen führen zu Stress. Bevor die nächste Stufe – der Panikmodus – erreicht wird heißt es aufzupassen, Aufgaben notfalls mit Nachdruck abzugeben und sukzessive auch unserem Denkapparat wieder Freiraum einzuräumen. Vor diesem Hintergrund bekommt dann die Aussage „die Gedanken sind frei“ eine neue Bedeutung.

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Montag, 30. Januar 2023

Fernsehen und Nahsehen

Fernsehen und Nahsehen
Kaum auf der Welt können wir schon sehen und die Welt um uns mit den Augen wahrnehmen. Allerdings hapert es am Anfang noch ein wenig mit dem Schärfebereich und es dauert rund acht Monate, bis Säuglinge ähnlich schauen können wie ein Erwachsener.
Apropos Erwachsener: Der Bereich, in dem wir scharf sehen, also von Leseentfernung bis Fernsicht, nimmt im Laufe des Alters ab. Meistens leidet insbesondere die gute Sicht bei geringer Entfernung und muss durch eine Lesebrille ausgeglichen werden.

Aber nicht nur das eigentliche Sehen ist altersabhängig. Überhaupt nehmen wir unser Umfeld im Laufe des fortschreitenden Lebens unterschiedlich deutlich wahr. Was in der Nähe ist, gute Freunde, Partner und Familie, Arbeitskollegen, Wohnung und Umgebung, das ist irgendwann einfach nur noch da, wir achten kaum noch darauf, man könnte fast sagen, die Wahrnehmung in der Nähe wird zunehmend unscharf. 

Die Sehn-sucht allerdings bleibt. Dann meint man nur in einer tolleren Wohnung glücklich werden zu können, erkundet Landschaften in fremden Ländern, belustigt sich mit allerlei Drogen oder geht Affären ein. Wobei man menschlich bedingt die Qualitäten des Nahfeldes gar nicht zu schätzen weiß. Wer kennt schon die spannenden Winkel oder Sehenswürdigkeiten der umliegenden Städte, genießt die kulturelle Vielfalt der Nachbarn oder betrachtet seinen Partner als begehrenswertes Objekt für einen One-Night-Stand?

Augen auf also, der Blick schweift oft in die Ferne, obwohl es auch in der Nähe sehr betrachtenswerte Dinge gibt. Gemäß dem Sprichwort „wozu in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?“ lohnt es sich, den Fernseher mal durch den Nahseher zu ersetzen.

Montag, 23. Januar 2023

Vorne und hinten sind noch ein paar Plätze frei

Irgendwer oder –was hat mich geritten, jedenfalls sitze ich in einem leidlich komfortablen Reisebus und lasse mich zu einem kleinen Hotel in der Nähe von Nürnberg kutschieren. Das Angebot eines lokalen Busunternehmens war einfach verlockend, eine spontane Auszeit willkommen.

Mein Blick schweift durch den Innenraum, vor mir ein paar ältere Fahrgäste, vorwiegend Paare. Und direkt hinter mir unüberhörbar angeheitert ein paar Freundinnen mit Ziel Wellness-Wochenende im Grünen. Ich drehe mich um und sehe am hinteren Busende auf der Rücksitzbank ein paar Männer mittleren Alters, Baseballkappe, gut gelaunt. Ganz vorne links der Busfahrer, daneben der Reiseleiter (vom Typ her ein wenig steif).

Vorne und hinten sind noch ein paar Plätze frei
Wo möchte ich sitzen, also ich meine, wenn ich freie Wahl hätte? Den Kurs festlegen und halten kann nur einer, nämlich die Person am Lenkrad. Das ist schon verlockend, ich habe bezüglich der Route die Gewalt über den gesamten Bus und seine Insassen. Oder doch lieber der beifahrende Berater, sehr ruhig, aber die graue Eminenz hinsichtlich guter Routenplanung.
Vordere Mitte: Da bekommt man die Überlegungen von Fahrer und Reiseleiter mit, kann vielleicht auch hier und da seine Sicht der Dinge und Kenntnis der Strecke mit einbringen. Dahinter dann der  Genuss des Einfach-nur-mitreisens. Lesezone, Gedanken sind nicht bei der Fahrt, sondern möglicherweise bei ganz anderen Themen. Um den Kurs kümmert sich ja der vordere Teil des Busses, hier ist Raum für das Abtauchen in Gedankenwelten – da stimmt die Tour-Think-Balance.
Ein paar Sitzreihen hinter mir beginnt sozusagen die Partyzone. Life is for living, hier interessiert nicht der Ausflug, auch nicht das Buch in der Hand, sondern nur das Sektchen im Glas und das prickelnde Gefühl im Bauch. Irgendwohin wird der Bus schon fahren und ebendort wird es auch irgendwie lustig sein, notfalls trinken wir uns das schön.
Und Stammplatz ganz hinten? Ein Leben lang auf der „Affenschaukel“, die anderen Menschen von hinten sehen, mitbewegt werden ohne echte Verantwortung. Begleitet von einer gewissen Unzufriedenheit, einem passiven Ertragen der Reise, kein motivierendes Ziel, kein Interesse irgendetwas die bloße Mitreise hinweg zu bewerkstelligen.

Tatsache ist natürlich, dass viele Plätze schon besetzt sind. Ich kann nicht einfach den Busfahrer ablösen, auch der Platz des Copiloten ist im Moment nicht frei. Andererseits kann ich mich mal umschauen, ein Platz weiter vorne oder etwas weiter hinten ist vielleicht noch zu haben – ich justiere mein Leben und mein Umfeld nach meinen Neigungen. Oder schaue vorher, wer beim Wechsel neben mir sitzt. Eine weniger attraktive Position kann durch eine nette Nachbarin merklich aufgewertet werden und die Nähe zur Boardküche könnte ja durchaus auch eine Rolle spielen.
Nur ganz hinten, nein, da möchte ich durchaus nicht landen. Obwohl dort zu meiner Überraschung nicht nur gescheiterte Existenzen sitzen, sondern auch abgehalfterte Führungskräfte und desillusionierte Mitfünfziger. „Freunde“, möchte ich diesen Passagieren zurufen, „wir fahren noch, sitzen alle im selben Bus und am Zielort gibt es die Möglichkeit durchzustarten – wenn ihr wollt.“

Sonntag, 15. Januar 2023

Früher war alles besser - oder auch nicht (Teil 3)

Von Zeit zu Zeit steigert man sich in nostalgische Rückblicke. Da erscheint die Jugend als goldene Ära, das Studium als lockeres Studentenleben und die ersten Jahre im Beruf als spannend.

Früher war alles besser oder auch nicht Teil 3
Es gab nicht so einen Schnickschnack wie Mindestlohn. Wer ordentlich arbeitete, konnte sich schon immer von der Pike aus hochdienen, Lehrjahre waren keine Herrenjahre. Und wenn es bei Unterbezahlung blieb, dann hatte man persönlich etwas falsch gemacht.

Dieses schnarrende Geräusch, wenn der Nadeldrucker sein Werk vollbrachte. Diese sorgfältige Planung der Druckarbeit, denn in Ruhezeiten war es natürlich tabu, das Gerät zu betreiben. Das strukturierte den Tag in die Erarbeitung der Texte und in die Phasen, in denen man sie zu Papier bringen konnte – nicht einfach so drauflos wie heute.

Postschalter mit Rollladen. Briefmarken kaufen, Pakete abholen – endlich aus dem Haus kommen. Und diese herrlichen Warteschlangen, in denen man mit wildfremden Menschen ins Gespräch kam. Und mit etwas Glück konnte man sein Paket auch noch vor dem Beginn der Mittagspause des muffligen Postbeamten abgeben.

Früher gab es noch ordentliche Schutzlacke, nicht diesen geruchsarmen Kram mit Umweltplakette und Verträglichkeitssiegel. Das bisschen Ausschlag ging doch immer schnell wieder weg und ich kenne niemand, der davon wirklich Schäden abbekommen hätte.

Fast hätte ich das Einkaufserlebnis im Herrenoberbekleidungsfachgeschäft vergessen. Da saß jede Hose und wenn nicht musste man eben hineinwachsen. Anpassungen an die eigene misslungene Körperform wurden höchst widerwillig vorgenommen, man tat gut daran, den Laden nur in Konfektionsgröße zu betreten. Das war Motivation für die Arbeit am eigenen Körper.

Vorarbeit am Körper war aber auch sehr empfehlenswert, wenn man in einem Hotel nächtigen wollte. Schließlich waren die Matratzen schon von vielen Vorgängerinnen und Vorgängern genutzt worden und hatten entsprechend eine eigene Form bekommen. Der Sprungfederrahmen ächzte unüberhörbar, vielleicht wurde man so auch Fan der Kopulationsgeräusche aus dem Nebenzimmer.

Vom Hotel aus ging es auf Wanderung, bei Regen gerne im Poncho aus einer wasserdichten Folie. Ohne alberne Klimamembranen hatte man die Wahl, ob man lieber von innen oder von außen nass werden wollte. Und konnte sich auf das lauwarme Wasser unter der Etagendusche freuen.

War das nicht alles wundervoll, ach, ich bekomme ganz glänzende Augen bei diesen Gedanken. Ein paar goldene Erinnerungen, schön war sie, die Zeit damals.


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Montag, 9. Januar 2023

Früher war alles besser - oder auch nicht (Teil 2)

Von Zeit zu Zeit steigert man sich in nostalgische Rückblicke. Da erscheint die Jugend als goldene Ära, das Studium ein lockeres Studentenleben und die ersten Jahre im Beruf noch spannend.

Früher war alles besser oder auch nicht Teil 2
Produkte aus dem Ausland waren eine Seltenheit, vielleicht hatte ein Händler einen Lieferanten in Italien, zu dem er gelegentlich fuhr, um Einzelstücke im Kofferraum nach Deutschland zu importieren. Da hieß es den Kaufmann zu bestechen, mit ihm auf guten Fuß zu stehen, sonst bekam der Nachbar das begehrte Unikat. Einkaufen als Erlebnis, nicht diese einfallslosen Amazons dieser Welt, Mausklick und fertig ist die Bestellung in China oder Polen, in wenigen Tagen ins Haus geliefert.

Dagegen verblassen natürlich die erotischen Erlebnisse auf der durchgesessenen Rücksitzbank eines Ford Capri. Zweifellos war das ausgesprochen gemütlich und hatte den Charme einer Übernachtung auf dem Zeltplatz, wenn man mit Kopfschmerzen aufwacht und alle Frühaufsteher schon gute Laune verbreiten.

Übrigens hatte der Ford eine ganz eigene Straßenlage, je nach Wetterbedingungen musste man schon recht fahrtüchtig sein, um ihn zu bändigen. Diese lästigen Helferlein wie ABS und Co gab es nicht und mangels Airbag endeten nicht wenige Unfälle mit schwersten Verletzungen oder Tod. Diese natürliche Auslese fehlt uns heute, auch fahrtechnische Legastheniker können alt werden.

Romantische Erinnerungen verbinde ich auch mit Zügen. Zugegeben war der Schienenverkehr nicht ganz so aufregend wie heute, es gab weniger Züge und die waren weitgehend pünktlich. Für die Fahrt musste man zum Bahnhof an den Schalter (werktags geöffnet) und eine Fahrkarte lösen. War es weiter als in die Stadt musste der Beamte sein dickes Kursbuch herausholen und die Verbindung mit viel Aufwand ausknobeln. In vielen Fällen stellte er sogar eine gute Route zusammen, rechnete die Streckenkilometer zusammen und verkaufte dann ein Billet. Wir hätten das Angebot, die Fahrt jederzeit von zu Hause aus zu planen und zu bezahlen gar nicht gewollt.

Von kostenlosem Streaming, Audio in CD-Qualität und Konservierung auf klitzekleinen Speichersticks bin ich total überfordert. Das waren noch Zeiten, als man Musik recht teuer kaufen und die erworbene Vinylscheibe wie ein rohes Ei behandeln musste. Die Geheimwaffe war der Kassettenrekorder, eine ganze LP pro Seite mit Dolby-Rauschunterdrückung inklusive Bandsalat. Oder aus dem Radio mehr oder weniger verrauscht aufgenommen und immer unter Anspannung, ob der Moderator in die Musik hineinredet.

Im Fernsehen ging das so weiterging, neben dem Ersten und Zweiten gab es noch ein drittes Programm, ganz Glückliche mit großer Antenne auf dem Dach schauten noch ein paar weitere Sender. Alles je nach Wetter auch schon mal mit Schneeflocken im Bild auf dem kleinen Röhrenbildschirm. Kurz nach Mitternacht war Sendeschluss, entweder ging man ins Bett oder las ein Buch, aber die Glotze war tot.

Überweisungen förderten Kaligraphen. Jeder Buchstabe und jede Zahl hatte ihr eigenes Kästchen, und bitte so ausfüllen, dass der Bankangestellte (später der Automat) die Angaben auch lesen konnte. Und wer mehrere Überweisungen ausfüllen musste, der übte die Schönschrift auch gleich sorgfältig ein.

War das nicht alles wundervoll, ach, ich bekomme ganz glänzende Augen bei diesen Gedanken. Ein paar goldene Erinnerungen, schön war sie, die Zeit damals.

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Montag, 19. Dezember 2022

Früher war alles besser - oder auch nicht (Teil 1)

Von Zeit zu Zeit steigert man sich in nostalgische Rückblicke. Da erscheint die Jugend als goldene Ära, das Studium ein lockeres Studentenleben und die ersten Jahre im Beruf noch spannend.

Früher war alles besser oder auch nicht Teil 1
Besonders das Telefonieren habe geliebt. Der Apparat stand im Flur der WG, man musste aufpassen, wann er frei war um es dann am viel zu kurzen Kabel bis gerade hinter die Zimmertür zu schleppen. Anschließend in der kleinen Kladde die Einheiten notieren, nein, vorher noch kontrollieren, ob der Vorgänger sein Gespräch eingetragen hatte. Wie lieblos sind dagegen die heutigen Einzelverbindungsnachweise, die Buchführung mit Excel oder gar Flatrates.

Ansonsten war es immer so schön, wenn man bei Nieselregen auf dem Fahrrad durch die Straßen fuhr auf der Suche nach einer unbesetzten Telefonzelle. In der allerdings mindestens einer der Groschen (20 Pfg für ein Ortsgspräch) permanent durchfiel. Oder sie war von einem Dauertelefonierer besetzt, der im Trockenen der Zelle vor sich hin plapperte. Nein, ich möchte das wirklich nicht missen, die 24/7-Erreichbarkeit und mein Handy – Verzeihung: Smartphone – ist völlig entbehrlich.

Die Brotauswahl war viel einfacher. Da gab es dunkles Brot, helles Brot und Brötchen, bei unserem Bäcker auch noch Weckchen. Das war das komplette Angebot, man hatte nicht die Qual der Wahl. Am Marktstand gab es kein Obst, bei dem man erst mal recherchieren musste, wie es zu essen ist. Exotisches Gemüse braucht kein Mensch, deutscher Kohl tut es schließlich auch.

Und den möchte ich bei jemand kaufen, der mich kennt. Der über den Dorfklatsch Bescheid weiß, in dem ich natürlich (unfreiwillig) auch eine Rolle spiele. Information gegen Information, ungefragte Beratung in allen Lebenslagen inbegriffen. Und die Wahrheit muss ja nun wirklich nicht immer eine entscheidende Rolle spielen, wichtiger ist das bunte Ausmalen oder auch Streuen von Gerüchten, vornehmlich zu intimen Details.

Was das Kochen angeht, so brauche ich von Gerichten keine Fotos. Die Vorstellungskraft wird gefördert, wenn man zerfledderte Kochbücher ohne Bilder durchliest. Nur Simpel brauchen Chefkoch.de, wo sich aus allen Ritzen der Republik Hobbyköche verbünden und Tipps austauschen. Nein, ich konnte mich immer auf die Empfehlungen meiner Gemüsefrau oder des Metzgers verlassen. Deren kochtechnische Erfahrung war umfassend, ließ sich nicht weiter steigern und duldete keinen Widerspruch.

Doch, doch, das Leben war leicht, insbesondere wenn man an einen bis dato unbekannten Ort fahren wollte. Dafür war Kartenlesen angesagt, Wegbeschreibung austauschen und dann doch verfahren. So konnte man die Gegend kennenlernen oder bei Dunkelheit in verlassenen Orten eine lebende Seele suchen, die einem einen Tipp für die Orientierung geben konnte. Wer braucht ein Navi, wenn man in der Dorfkneipe angetrunkene Bekanntschaften knüpfen kann, die einem vom Weiterfahren abraten: „Da wolln se hin? Da wohnenen nur Iddioden.“

Echtes Highlight waren die Besuche in der Volksbank. Ein strenger älterer Herr schaute mich mit durchdringendem Blick an, wenn ich ein wenig Geld von meinem Sparbuch abheben wollte. „Junge, wofür brauchst du denn das Geld?“ Und: „Wissen deine Eltern davon?“. Ich war mittlerweile erwachsen, aber die fürsorgliche Betreuung des Kundenberaters weiß ich bis heute zu schätzen. Kein schnöder Geldausgabeautomat, der mir ohne zu zucken hunderte Euro ausgibt ohne nach dem Ziel meiner Abhebung zu fragen.

War das nicht alles wundervoll, ach, ich bekomme ganz glänzende Augen bei diesen Gedanken. Ein paar goldene Erinnerungen, schön war sie, die Zeit damals.

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Sonntag, 4. Dezember 2022

Wer bewegt sich eigentlich?

Gemütlich sitze ich im ICE, schaue den Gang entlang auf die Anzeige. Ich merke überhaupt nicht, dass sich der Zug mit fast 200 Stundenkilometern bewegt. Ein Blick aus dem Fenster: Die Landschaft zieht ruhig an mir vorüber, lediglich das hektische Passieren der Strommasten lässt mich erahnen, wie zügig wir unterwegs sind.

Wer bewegt
Andererseits ist der Sitz vor mir ganz ruhig, er bewegt sich (relativ zu mir) gar nicht. In dem dahinrasenden Zug kann ich auch zum Speisewagen gehen ohne einen Spurt einlegen zu müssen. Und ich habe den Eindruck, dass die Häuser entlang der Strecke in Bewegung sind, obwohl sie doch fest gemauert sind und der Zug an ihnen vorbeifährt. Die Bewegung ist eben relativ, das ist für mich ganz selbstverständlich.

Doch die Selbstverständlichkeit endet, wenn es um den eigenen Lebensweg geht. Da sitze ich bildlich auch im Zug, Mitmenschen, Szenen, Arbeitsstellen und Beziehungen ziehen an mir vorbei. Und wie bei der Eisenbahn ist auch hier die Bewegung relativ. Nicht mein Umfeld zieht an mir vorbei, nein, ich bin es, der voranschreitet. Meine Freundschaften kommen und gehen. Orte und Lebensphasen wie die Schulzeit verändern sich nicht (oder nur wenig), nur dass ich nicht mehr Teil davon bin. Die hohen Bäume im Wald haben schon so manchen Wanderer gesehen und recken möglicherweise ihre Zweige auch noch lang nach meinem Tod in die Gegend.

Die Vergänglichkeit des Augenblicks und des gesamten Lebens ist aber nur ein Teil. Daneben steht das vorübergehende Tangieren anderer Leben, anderer Umstände. Wer mehrmals an denselben Urlaubsort fährt erlebt das sehr anschaulich. Sei es, dass dort „die Zeit stehengeblieben“ ist, sei es, dass man sich gar nicht mehr zurechtfindet. Im ersten Fall passiere ich mit meinem ICE wieder den Regionalzug, im zweiten Fall ist es umgekehrt.