Sonntag, 12. Januar 2020

Riedstadt-Goddelau (03/2013)

Auf meinem morgendlichen Weg durch den Bahnhof dringt durch den Wirrwarr von Geräuschen auch die Informationsansage an meine Ohren. Eine Stimme ohne erkennbare Herkunft nennt alle möglichen Anschlussmöglichkeiten, die mich nicht interessieren.

Doch halt! Zwischen all dem akustischen Ballast sticht doch ein Fahrziel heraus: Riedstadt-Goddelau. Der Ortsname klingt so lustig, dass ich an dieser Stelle der Ansage immer aufmerke. Dann komme ich ins Grübeln, wie es dort wohl aussieht. Bis ich in der Bank angekommen bin entsteht vor meinem geistigen Auge ein Kleinod des hessischen Ried. Hat mich dann die Arbeit wieder, ist der Traum schnell zu Ende.

Neulich im Auto war der Traum aber plötzlich wieder da. Ein Wegweiser nach Riedstadt. Und in meinem Kopf die Bahnhofstimme ("Sie haben Anschluss an eine S7 nach Riedstadt-Goddelau um 8:20 von Gleis 3").

Verdutzt registrierte meine Familie, dass ich die geplante Route verlies und Richtung Goddelau abbog. "Ja", sage ich, "ja, ich bin einfach neugierig und möchte mir den Ort mal selber anschauen.“
Irgendwie war es schön, ein wenig ernüchternd vielleicht, aber seitdem sind die Bilder in meinem Kopf den Eindrücken jenes Urlaubstages gewichen. Und nun sitze ich wieder im Büro und frage mich, ob es nicht auch an ganz vielen anderen Stellen diese Bilder im Kopf gibt, die man durch reales Kennenlernen und Erfahren ersetzen kann und sollte. Von wievielen Kolleginnen und Kollegen kenne ich nur die Telefonstimme und ihre E-Mails, habe sie aber nie kennengelernt. Wie interessant könnte da ein Treffen sein. Ob nun bei einem Kaffee, einem gemeinsamen Mittagessen oder durch Workshops ganzer Gruppen, die oft miteinander zu tun haben: Der persönliche Kontakt ist spannend und macht vieles leichter.

In gewissem Sinne ist Riedstadt-Goddelau halt überall. Einfach ausprobieren und unseren Slogan (Zusammen geht mehr) auf dem ersten Wort betonen.

Freitag, 10. Januar 2020

Immer wieder freitags (02/2008)

Entschuldigung, diesmal wird es erst mal ein wenig technisch.
Im Internet-Zeitalter werden Bilder, Texte, Musik und Filme in digitaler Form, also mit Nullen und Einsen, beschrieben. Zum Versand werden die Ansammlungen von Aus (0) und An (1) zu Zahlenkolonnen verdichtet und daraus Pakete zusammengestellt. Beim Empfänger werden diese Pakete in der richtigen Reihenfolge zusammengebaut und ergeben dann wieder die ursprünglichen Bilder oder was auch immer.

Das ist ein ganz schön kompliziertes System, funktioniert aber Dank geschickter Steuerung und Sicherheitssysteme ziemlich zuverlässig.
Bei der Arbeit in unserem Unternehmen ist das ähnlich: jeder Vorgang setzt sich aus vielen Dokumenten zusammen. Excel-Berechnung, Powerpoint-Folien und Text. Das Ganze wird in diversen E-Mails an Kollegen verschickt. Diese bauen die Pakete gedanklich wieder zusammen, bearbeiten sie und schicken das Ergebnis zurück oder an andere weiter.

Auch das ist ein ganz schön kompliziertes System und funktioniert mangels geschickter Steuerung dummerweise nicht immer besonders zuverlässig.
Da bleibt hier mal ein Paket liegen, dort geht eines verloren, die Zustellung zum richtigen Adressaten schlägt fehl. Plötzlich ist der ursprüngliche Absender gefordert. Er schickt Erinnerungen und fragt nach, wo sein Paket zuletzt gesehen wurde. Oder er ändert die Empfänger und fragt sich, wie er vielleicht ohne diese Antwort weiterarbeiten kann.

Deshalb habe ich jeden Freitag meinen Fundbüro-Tag. Ich gehe die versendeten E-Mails der letzten Woche durch und schaue, welche ohne Reaktion geblieben sind. Eine ungeliebte und eigentlich auch vermeidbare Arbeit. Nur ist sie leider notwendig, weil manche Mitstreiter ohne Wiederholung nicht reagieren. Dann denke ich immer, dass es nicht nur höflich, sondern arbeitstechnisch notwendig ist, auf E-Mails oder Anrufe zu antworten.

Willkommen im digitalen Zeitalter: Paketverluste sollten der Vergangenheit angehören!

Sparen (01/2009)

Vor einiger Zeit habe ich Veränderung in meine langweilig-altmodische Ehe gebracht. Schluss mit dem planlosen Vorgehen, statt dessen gibt es ein Haushaltsbudget mit Budgetverantwortlichem (meiner Frau). Und die Arbeiten und Dienstleistungen in Haus, Bett und Garten sind jetzt als Services definiert. Natürlich mit SLA.

Das ging alles ganz prima. Im Zuge der allgemeinen Sparmaßnahmen habe ich dann vor zwei Jahren das Budget um 10 Prozent gekürzt. Abgesehen von einigen spitzen Bemerkungen ging es weiter wie gewohnt. Bei Einkäufen wurden jetzt Sonderangebote genutzt, anstelle der Putzkraft übernahm meine Frau die Reinigung. Ein bisschen weniger Freizeit, aber nicht für mich, gut gemacht!

Letztes Jahr habe ich das einfach wiederholt, insgesamt 20 Prozent Kürzung, das lohnt sich dann schon. Meine Frau durchdachte daraufhin unsere Verabredungen und passte ihre Leistungen ein wenig an. Broteabende ersetzten die warmen Abendessen, die Tischdekoration bestand fortan aus Kunstblumen und ein Hausputz pro Woche musste reichen. Alles in allem war ich trotzdem anständig versorgt und konnte das Geld sparen, gut gemacht!

Dieses Jahr habe ich mich nicht getraut, weitere 10 Prozent zu kürzen, aber was zweimal geht, geht auch nochmal, deshalb insgesamt ein Viertel. Die Gegenwehr fiel sehr verhalten aus, jedenfalls merkte ich praktisch keine Veränderung. Hatte ich etwa zu wenig gekürzt? Sicher, die Einkaufslisten für die „schweren Sachen“ wurden immer länger und die Leidenschaft meiner Frau, zum Essen mit mir auszugehen nahm sprunghaft zu. Auch führten wir jetzt regelmäßig Diskussionen, was eigentlich zum Haushaltsbudget gehört. Doch die Einsparung war das schon wert, gut gemacht!

Gestern habe ich mal Bilanz über die Jahre über die Jahre gezogen und dabei neben dem Haushaltsbudget auch mein Einkaufsbudget, das Freizeitbudget und mein Taschengeld einbezogen. Schockierende Erkenntnis: In Summe ist es über die Jahre nicht billiger geworden. Was ich links spare, gebe ich rechts mehr aus. Und die Qualität ist auch noch schlechter, wirklich gut gemacht?

Fragen über Fragen (03/2009)



Wer weiß, wohin Kaffeetassen wollen (siehe Bild)?
Wer hängt komische Zettel mit Smileys in die Kaffeeküche?
Wie geht es unserem Unternehmen heute?
Steht für IT ein Outsourcing an?
Woran ist die Fusion tatsächlich gescheitert?
Schlägt das Genossenherz in Düsseldorf?
Reicht die längste Theke der Welt von Düsseldorf bis Frankfurt?
Gibt es Menschen, die sowohl Pils als auch Ebbelwoi trinken?
Are we family?
Verstehen wir unsere Produkte?
Kennen wir unsere Kunden?
Ist es wie bei Harry und Sally: IT und Fachbereich können einfach nicht nur Freunde sein?
Was unterscheidet uns von Lehmann Brs?
Ist die Krise schon weitgehend überwunden?
Haben wir noch Leichen im Verbundkeller?
Wissen das unsere Volksbanken?
Habe ich das Geld, das ich bekomme heute schon verdient?
Wo lässt sich noch etwas sparen?
Welche Prozesse können wir noch verschlanken?
Wer traut sich, die Tabuthemen zu Sparpotentialen anzusprechen?
Gibt es ein Endlager für gebrauchte Verbesserungsvorschläge?
Wer kennt die Zahl der Arbeitskreise und Taskforces in seinem Bereich?
War ich heute schon tatkräftig?
Haben wir Propheten im eigenen Land, auf die wir nicht hören?
Wieviele Kollegen können einen fehlerfreien Satz in einer E-Mail eintippen?
Haben wir das Vertrauen, von dem wir behaupten, dass wir es haben sollten?
Wo verläuft die Grenze zwischen Vertrauen und Naivität?
Verstehen wir alle dasselbe unter Integrität?
Wie umständlich muss Kommunikation laufen, damit sie politisch korrekt ist?
Wieviel Politik braucht eine Entscheidung?
Sind Zielvereinbarungen ein Geldverteilungs¬Mechanismus oder ein Führungsinstrument?
Stehen meine Führungskräfte hinter mir?
Die Erde ist freundlich, warum wir eigentlich nicht?
Was kostet ein Lächeln?
Wer braucht schon Lob?
Sind Meckerzettel am Kopierer eine Lösung?
Gibt es gute Laune nur bei Sonnenschein?
Was gibt es heute in der Kantine?
Ist das Schreiben einer Glosse die Kernkompetenz eines IT-Angestellten?
Brauchen wir jemand, der nur Fragen stellt?
Wollen wir überhaupt darüber nachdenken?

Navigation (01/2010)

Am vergangenen Wochenende saß ich in meinem Auto und lauschte den Worten von Josephine (das ist mein Navigationsgerät). Nach ausführlichen Recherchen und dem Lesen unzähliger Testberichte habe ich sie vor einigen Jahren gekauft und fahre seither entspannt wie nie zuvor. Gerade im Dschungel der Städte weiß sie stets wo wir sind und wie wir auf kurzem Weg ans Ziel kommen. Auf dem Land kennt sie sich auch aus und mal abgesehen vom Klassiker (Empfehlung, die Route durch den Wald zu nehmen, was ins Unterholz geführt hätte) hilft sie mir bestens durch die Welt.
Dabei ist sie von Natur aus nur ein Stück Hardware und braucht aktuelles Kartenmaterial, um sich orientieren zu können. Und wenn ich sie dann einschalte kann sie mich auch nur lotsen, wenn ich ihr mein Ziel verrate.

Warum erzähle ich das alles?
Ein wenig geht es uns im Unternehmen wie mir mit meiner geliebten Beifahrerin. Führung ohne vorher klare und eindeutige Zieleingabe ist nicht möglich. Hier sind alle Führungspersonen gefordert, in der Linie wie in Vorhaben.
Zudem muss das Kartenmaterial stimmen. Wie soll man Entscheidungen treffen, wenn man überhaupt nicht weiß, wo man ist, welche möglichen Alternativen es gibt und welche davon die optimale Wahl ist. Dies ist die Aufgabe der Spezialisten, die sich in der Vielzahl der Anwendungen, Produkte und Prozesse auskennen.
Und der Geführte? Er folgt der Navigation, auch wenn er vielleicht nur einen Teil des Weges überschaut und nur das Ziel vor Augen hat. Aber Mitdenken ist notwendig, sonst landet er sozusagen im Wald.

Zum Schluss noch das Beste. Josephine ist auch dann geduldig, wenn ich mal eine Abfahrt verpasse oder eine Straße gesperrt ist. Nie ist sie beleidigt, wenn ich zuerst meine Frau nach der Wegbeschreibung gefragt habe und das aus ihrer Sicht politisch unkorrekt war.
Es gibt noch viele weitere bedenkenswerte Parallelen, und ich finde, in jedem von uns sollte ein klein bisschen Josephine stecken.

Hol- oder Bringschuld (03/2010)

Sagt meine Frau neulich zu mir: „Wenn Du in den Keller gehst, BRINGST Du dann bitte die Kartoffeln fürs Abendessen mit hoch?“. Ein klarer Fall von Bringschuld, denn nach dem Einkauf habe ja schließlich ich die Kartoffeln in den Keller getragen. Da ist es nichts mehr als Recht, wenn ich sie jetzt wieder hochschleppe.
Kurz vor dem Abendessen dann: „HOLST Du den Wein aus dem Kühlschrank?“. Das ist Holschuld, schließlich wollen wir beide gekühlten Wein genießen.

Heißt für das Leben abseits von Essen und Trinken: Ob ich mir die Strategie abhole oder sie mir gebracht wird ist letztlich egal, Hauptsache es gibt sie, sie ist verständlich und ich kann sie bei meiner Tätigkeit berücksichtigen.
Schließlich: Für die Übersetzung in die tägliche Arbeit brauche ich möglicherweise Unterstützung, wobei hier wiederum egal ist, wer diese leistet.

Donnerstag, 2. Januar 2020

Fahrstuhlfahren für Wieder-Einsteiger (1/2012)

Fahren Sie auch so gerne Aufzug? Am liebsten nehme ich den Expressaufzug im Westendturm, direkt vom 38. OG hinunter in die Tiefe des Erdgeschosses. Allein dieses Kribbeln und der Druck auf den Ohren, wenn es immer schneller runter geht. Und am Ende dann ein sanftes Abbremsen, versüßt durch die liebevolle Stockwerksansage. Das ist Bunjee-Jumping für Anfänger. Überhaupt wundert es mich, dass es hierzu noch keine Betriebssportgruppe gibt: Fahrstuhlfahren für Wieder-Einsteiger.

Beim Alleinefahren kann man das Schwebegefühl so richtig genießen. Oder raten, wie die Person aussah, die dieses aufdringliche Parfum aufgelegt hatte. Dann gibt es endlich auch die Informationen und Gespräche, die es schlichtweg nur in der Enge einer Aufzugskabine geben kann. Ein schneller Blick auf die Unterlagen einer Mitreisenden; ein Ohr am neusten Klatsch.

Wenn es richtig gut läuft, bleibt der Fahrstuhl irgendwo stecken. Dann sind es nur Augenblicke, bis persönliche Gespräche einsetzen und intimste Gedanken ausgetauscht werden.

Morgens trifft man die ferngesteuerten Kaffee-Junkies. Wie von einer fremden Macht gelenkt laufen sie hinter ihrer dampfenden Kaffeetasse her. Ich hoffe immer, dass die Tasse den Weg zum Arbeitsplatz kennt.
Mittags dann: Eine fröhlich schnatternde Schar, die nur ein Ziel vor Augen hat, nämlich vor den anderen in der Kantine zu sein. Nachmittag: angespannte Stimmung, ordnerbeladen, entscheidungsschwanger.
Schließlich – tata! – die Heimfahrt. Alle schauen gebannt auf den Boden, wie damals beim Klassenlehrer („Wer zeigt mir das mal an der Tafel?“), nur keine Aufmerksamkeit erregen, damit der Fahrstuhl nicht merkt, dass ich ohne Zwischenhalt runter will. Wenn das Erdgeschoss in greifbarer Nähe ist: ausatmen, wieder hoch schauen (den anderen geht es genauso – das ist eine typische Auswirkung der Schwarmintelligenz).

Angekommen – morgen geht es weiter!