Montag: "Wochen-Abreisskalender" mit Glossen - Alltagserlebnisse, philosophische Gedanken.
Montag, 12. September 2022
Tradition ist ein unpassendes Argument
Montag, 5. September 2022
Schwupps wird aus Holschuld Bringschuld
Ganz harmlos liegt da eine nette E-Mail in meinem Postfach. Privatpost lese ich immer gerne, da erfahre ich von guten Freunden wie es ihnen geht, was sie gerade machen oder planen. Oder sie fragen nach Rat, geben mir Tipps, verraten kleine Geheimnisse.
So auch in diesem Fall ein nettes Lebenszeichen, freundliche Worte über zig Zeilen hinweg. Fast lasse ich mich einlullen, doch dann am Ende des Briefes der Pferdefuß: „Halt mich bitte auf dem Laufenden“. Was zunächst unscheinbar klingt ist ein Auftrag, mehr noch, hier wird aus einer Holschuld („Ich rufe dich nächste Woche mal an und frage, wie es weitergegangen ist“) eine Bringschuld. Die man in diesem Fall noch nicht mal abweisen kann, kommt sie doch in der Verkleidung des wohlmeinenden Interesses daher.
Doch wie auch immer man es verpackt, plötzlich habe ich eine Aufgabe mehr, muss vielleicht sogar explizit einen Merker setzen, um mir den Vorwurf des Vergessens zu ersparen. Und so kommt zum Meistern der eigentlichen Situation noch ein weiteres Todo dazu.Im beruflichen Umfeld sind wir es ja gewohnt, die Vorgesetzten wollen über Entwicklungen informiert gehalten werden, gelegentlich ist es Teil der Führung, je nach Gegebenheit auch in Form von formalen Statusmeldungen oder Reports. Eigentlich sollte man im Privatleben ohne solche Instrumente miteinander umgehen, aber heimlich wird einem hier wie da eine Aufgabe untergeschoben.
Montag, 29. August 2022
Jugend ist ein nachwachsender Rohstoff
An manchen Tagen habe ich den Eindruck, die Welt steht still, dann wieder scheint sie sich wie wild zu drehen und alles fliegt nur so dahin. Tatsächlich ist die Zeit im physikalischen Sinn eine Dimension, allerdings ganz anders als die Raumdimensionen. Sie hat im menschlichen Sinn eine strenge Vorzugsrichtung, vergeht unaufhaltsam und wir pflegen sie in die Bereiche Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu strukturieren.
Unser Leben ist ein kurzer Abschnitt auf dieser Achse, jeder Mensch erlebt die Zeit zwischen Geburt und Tod als persönliche Erfahrung. Jeder Gedanke an bereits Erlebtes orientiert sich an der Vergangenheit, jeder Versuch die nächste Lebensphase zu planen ist mit Zukunftsüberlegungen gekoppelt.
Alternativ kann man die Zeit aber auch anders wahrnehmen. Man wählt einen gewissen Ort und beobachtet von dort die Veränderung. Ich stelle ich mir vor, ich befände mich in meinem alten Klassenzimmer; vor und auch nach mir haben viele Kinder und Jugendliche dort auf den Stühlen gesessen. Wenn der Raum erzählen könnte, wüsste er so manche Geschichte zu berichten. Die Schülerinnen und Schüler strömen über die Jahre an ihm vorbei. Jugend, so würde er sich vielleicht ausdrücken, ist ein nachwachsender Rohstoff.
Mir gefällt dieser Gedanke, stellt er doch beruhigend heraus, dass die Jugend von heute die Mid-Ager von morgen sind. Und dass ich akzeptieren muss, dass ich diese Lebensphase längst hinter mir gelassen habe. Ein Festhalten an (damaligen) Ritualen, das jugendliche Lebensumfeld und die seinerzeitigen Vorlieben ist irgendwann nicht mehr adäquat. Mit der Zeit verändern sich die Ansprüche, verschieben sich die Werteskalen.
Daneben führt einem das unerbittliche Weiterschreiten auch die Vergänglichkeit vor Augen. Schönheit lässt sich nicht wirklich konservieren, bestenfalls kann man den äußeren Alterungsprozess ein wenig verlangsamen. Und auch hier erzwingt der Zeitverlauf, dass wir uns mit den unumgänglichen Veränderungen arrangieren, zeitlose Qualitäten spielen eine zunehmend wichtigere Rolle. Während unser Körper altert, können Eigenschaften wie Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit bis ins hohe Alter erhalten bleiben.
Neben dem Körper sind aber auch die Psyche und der Geist von der Alterung betroffen. Ich denke nicht nur an Alterskrankheiten, auch die nicht-pathologischen Veränderungen müssen wir als gegeben erkennen und akzeptieren. Vergleichbar unserer Hülle lässt sich vielleicht der Altersstarrsinn ein wenig aufhalten und die Weltoffenheit und Neugierde im Gegenzug konservieren. Aber an die jugendliche Wendigkeit und Lernfähigkeit können wir irgendwann nicht mehr anknüpfen.
Kein Grund zur Sorge. Während Liebreiz in Charisma übergehen kann, ist die Weiterentwicklung von Schulwissen zu Erfahrungsschätzen eine durchaus reizvolle Perspektive.
[Andere Blogs: Interdisziplinäre Gedanken, Feingeistiges]
Montag, 22. August 2022
Ein Hoch auf Corona
Aber nicht nur Märkte änderten sich. Auch die Erbringung von Arbeitsleistung und deren Einbettung in das Leben erhielten eine neue Facette. Homeoffice wurde gesellschaftsfähig, mobile Arbeit an vielen Stellen integraler Bestandteil der Arbeitsverhältnisse. Was sich sowohl auf die Ausstattung, die Wohnungen als auch auf das Controlling der Mitarbeiter und deren Leistung auswirkte. Zumindest in den Industriestaaten war nichts mehr wie es vorher war.
Bemerkenswert aber nicht nur die Sprunghaftigkeit der Änderungen, sondern auch die Beschleunigung von Trends und Tendenzen, die vorher eigentlich schon absehbar waren. Geschäfte, die ihre Präsenz im Internet nur zögerlich entwickelt hatten, mussten nun die für die nächsten Jahre geplante Umstellung in wenigen Monaten vorantreiben. Die Veränderung von Lieferketten und die immer wieder ausfallenden Zulieferungen erzwangen die Neubewertung von just-in-time und Risikomanagement im Bereich Lagerhaltung.
Überhaupt bekamen wir einen neuen Blick auf das Thema Globalisierung. Was bislang als große Chance eingestuft wurde, war nun auf einmal eine Bedrohung. Die Renaissance der Selbstversorgung war ebenso Pandemie-getrieben wie die Wertschätzung bis dahin als selbstverständlich wahrgenommener Güter und Dienstleistungen.
Es gibt – so möchte man verallgemeinernd festhalten – auch bei der an und für sich eher negativen Epidemie eine recht ausgeprägte (gute) Seite der Medaille.
Montag, 15. August 2022
Tschüss Horst
Vor ein paar Tagen ist ein Arbeitskollege in den Ruhestand
gegangen. Er hat die Altersgrenze erreicht und wird nun nicht mehr für das
Unternehmen tätig. Horst war und ist ein Sympathieträger, obendrein fachkundig
und ausgesprochen fleißig. Ein hervorragender Mitarbeiter also, der nun nicht
mehr zur Verfügung steht.
Bei der Verabschiedung konnte ich mich überzeugen, dass er
nicht nur geistig, sondern auch körperlich noch in einem tollen Zustand ist –
kurz gesagt: eigentlich zu jung für die Rente. Und das ist nicht nur mein
Eindruck, er selbst erzählt begeistert von der Zukunft, von den Aktivitäten,
denen er jetzt endlich die Zeit widmen kann, die ihm dafür bisher gefehlt hat.
Nein, lässt er mich wissen, er wolle sich nicht zur Ruhe setzen, er peile den
Aufbau eines eigenen Betreuungsangebotes für Kinder an, was durch Corona
komplett zum Erliegen gekommen war.
So geht er also in eine neue Lebensphase über. Er ist dann wieder tätig, weiß aber jetzt nach Jahrzehnten Erfahrung, was er gut kann und die Organisation seines Tages ist deutlich weniger fremdbestimmt. Diese Veränderung erlebe ich bei vielen Menschen, die ihre reguläre Arbeit beenden, dann aber zügig zu einer anderen Form der Beschäftigung übergehen. Mal ist es ein beachtliches gemeinnütziges Engagement, mal die aktive Besetzung einer politischen Funktion.
Was diese Menschen verbindet ist der nach wie vor vorhandene Tatendrang. Vielleicht sogar noch ausgeprägter als in den letzten Jahren, in denen sie in ihrer Berufstätigkeit nicht mehr die ursprüngliche Erfüllung gefunden haben. Und sie sind weder körperlich verbraucht noch seelisch abgehalftert.Ist denn, so frage ich mich, unser klassisches Rentenmodell heute überhaupt noch zeitgemäß? Sollte man nicht gerade für rüstige ältere Mitmenschen die ganz normale Arbeit fortsetzen, nur unter anderen Rahmenbedingungen? Zweifellos erbringen sie mit ihrer zum Teil ehrenamtlichen Leistung einen messbaren Teil des Bruttoinlandsproduktes, sind dank ihrer Erfahrung ein wichtiger Faktor in der Begleitung von Betrieb und Fortschritt. Wobei gerade im Fortschritt großes Potential liegt, wenn man ihre Erfahrung direkt mit Nachwuchskräften zusammenbringt, die mit den neuesten Techniken groß geworden sind und eine moderne Ausbildung hinter sich haben.
Ein merklicher Teil der Deutschen hat beim Ausscheiden aus dem Berufsleben keine Lust mehr, viele Jahre ähnlicher Tätigkeit und Schwierigkeiten bei der Gestaltung der eigenen Aufgaben haben das Engagement auf ein Minimum reduziert. Ein wenig Abstand, ein paar Monate der Erholung und dann kommt die Frage: War’s das? Und die Antwort: Nein, da geht noch was.
Hier müssen wir ansetzen, die neu aufkeimende Motivation 2.0 erkennen, fördern, gezielt nutzen. Man könnte sich vorstellen, dass nach einem Jahr ein Schreiben ins Haus flattert mit dem Angebot, in Teilzeit wieder einzusteigen. Denkbar auch Kooperationen zwischen Unternehmen, bei denen eine Jobrotation nach Renteneintritt systematisch organisiert, ein Werben um diese wertvollen Ressourcen und ein altersgerechtes Onboarding angeboten werden.
Sehr deutlich konzentrieren sich Personalabteilungen auf die Rekrutierung von Nachwuchskräften, auf dem Markt auch Rentner als Zielgruppe zu verstehen hat sich noch nicht herumgesprochen. Und dabei sollte nicht abschrecken, dass dieser Antritt leider auch durch Politik und die übliche Finanzsteuerung konterkariert wird.
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