Sonntag, 29. Dezember 2019

Business-Diät

Manchmal lausche ich heimlich. So hörte ich gerade ein Gespräch von zwei Kolleginnen, in dem es um Ernährung und Diät ging. Vom Grundgedanken erinnerte es mich an eine Trennkost-Diät, aber in Details war es dann doch irgendwie anders.

Und beim Versuch, die Ansätze mit mir bekannten Ernährungskonzepten in Einklang zu bringen fiel mir die Business-Diät ein. Kennen Sie nicht? Ich auch nicht, aber ich frage mich, wie sie aussehen könnte. Auf jeden Fall wäre sie kompliziert, man müsste jede Menge Leute einbinden und ohne ausführliche Konzeption ginge gar nichts. Wesentlicher Aspekt auch die Einbindung vorhandener Infrastruktur, also der Kantine.

Projektinitiative nennen wir das. Schön ist, dass es nach Aufbruch klingt, weniger schön, dass es eigentlich nur die Absichtserklärung für einen Aufbruch darstellt. Das Ziel ist indes klar, denn eine Diät dient allerorten zur Verschlankung, beispielsweise der Figur, vielleicht aber auch der Prozesse. So definieren wir uns ein Zielbild und malen Folien und schreiben E-Mails und telefonieren und stimmen uns rundum ab. Beteiligt sind natürlich nicht nur die Abnehmwilligen und deren Führungskräfte, sondern auch die Ernährungsberater, Gutachter, Entscheider, Geldgeber, Mitgeldgeber, Kommunikationsexperten, Betriebsrat, Personalbereich und externe Ratingagenturen nebst Aufsichtsbehörde mit Jahresabschlussprüfern.

Jetzt aber los! Ein großer, geradezu feierlicher Moment: Kick-off. Ab heute wird umgebaut, ähm, nein, die Diät wird konzipiert. Mehr Fleisch auf den Knochen, weniger Speck auf den Rippen heißt die Devise, kurz auf 40 Powerpoint-Folien zusammengefasst. Allgemeines Nicken zur Projektwilligkeit, die eine oder andere Frage zu den Projektkosten. Lässt sich die Mehrausgabe für Vollwertprodukte durch die Einsparung an Gewürzen kompensieren? Und ist die Differenzierung zwischen Currybaum und Pfefferland für unser Unternehmen adäquat?

Und siehe da: Nach wenigen Wochen steht die Konzeptstudie. Erwartungsgemäß ist das Ziel geschärft, die Kosten sind dargestellt und die Entscheidungsvorlage ist bereit. Rein formal das Ganze. Jetzt aber ran! Ein großer, geradezu beeindruckender Moment: Beginn der Umsetzungsphase. Ab heute wird nicht einfach nur weniger gegessen, ähm, nein, die Ernährung wird komplett umgestellt. Und komplett heißt hier wirklich komplett, unter Berücksichtigung der vorhandenen Infrastruk… na, Sie wissen schon.

Der erste Pilotbetrieb rollt an. Tatsächlich: Schlanker! Zumindest stellenweise, will sagen die Beine erscheinen etwas dünner, der Hüftumfang ist unverändert und der Bauch – nun, man kann nicht alle Ziele im ersten Wurf erreichen. Inwieweit die eingesetzte Waage zur Messung der Zielerreichung geeignet ist wird kontrovers diskutiert. Solange hierfür kein Konsens geschaffen werden kann werden die Messwerte vertraulich behandelt. Es läuft auf einen Changerequest hinaus, der das Projektziel anpasst, die Laufzeit erhöht und die Erarbeitung einer Betriebsvereinbarung vorsieht.

Weiter geht’s! Das Projektteam wird um externe Testmanager erweitert und die Management-Attention erhöht. Jeder weiß jetzt, wer abnehmen will – Weight Watchers lassen grüßen – und ob er mit den komplizierten Punktetabellen, Essensregeln und Zeiteinschränkungen zu Recht kommt. Apropos Zeiteinschränkungen: Die Anbindung an die Zeiterfassung wurde leider bei der Planung nicht berücksichtigt, so dass ein zweiter Changerequest ins Haus steht. Angesichts des schleppenden Fortschritts werden in diesem Zusammenhang auch noch der Betriebsarzt, die Sozialberaterin und ein externer Ernährungsspezialist ins Team geholt.

Jetzt läuft es bestens! Während sich alle Un-Beteiligten mit sich selbst beschäftigen und an der Überarbeitung der Konzepte arbeiten, kann der externe Ernährungsspezialist mit dem Betroffenen die Lösung besprechen, vorbereiten und umsetzen. Und so klassisch wie das Problem, so klassisch ist auch die Lösung: Friss-die-Hälfte.

Zwei Hände nur

Führung: Eine kleine Hand greift zu. Fasst meine Hand. Darin liegt eine Frage. Aber auch eine Verantwortung. Führe mich, ich folge Dir. Auch mit Deinen Fehlern und Umwegen. Wieviele Jahre ist das jetzt her? Heute sucht sich meine Tochter ihren eigenen Weg. In einigen Jahrzehnten muss sie vielleicht mich an die Hand nehmen.

Hilferuf: Gitterstäbe, ein junges Gesicht dahinter. Und Hände einer Frau, die sich nach mir strecken. Alles grau. Staubig. Trostlos. Schuldig? Was kann man hier machen, um eingesperrt werden zu müssen? Vielleicht reicht schon der falsche Name. Die falschen Freunde zu haben. Schwanger zu werden.

Miteinander: 1985, Konzert von Queen, Radio Gaga. Tausende Handpaare, die im Rhythmus mitklatschen. Unwirklich, geradezu gespenstisch. Eine hypnotisierte Menschenmenge, wie am Computer animiert. Und ganz vorne einer: Alle mir nach, ich kenne den Weg. Ich gebe den Takt vor.

Unser Unternehmen: Im 25. OG hängt ein Bild. Zwei Hände drauf und unser Bürogebäude. Wir reichen dem Verbund die Hand. Zwei Hände. Alle unsere Hände. Mit allen Facetten: Führung, Hilfeangebot, Miteinander.

Arche (2014)

Neulich beim Arzt sitze ich im Wartezimmer und stöbere im Zeitschriftenstapel. Siehe da: Eine Mitarbeiterzeitung unseres Hauses, Ausgabe Juni 2014. Ich schlage sie auf und lese die Geschichte über die Entenfamilie, die von einem Teich in den anderen wechselt. Sind wir nicht alle eine große Familie? Die 125-Jahr-Feier fällt mir ein: „We are family“. Eine Gemeinschaft von ganz besonderen Tieren, wie man in manchen Meetings beobachten kann.

Am Besprechungstisch sitzt neben mir ein Fuchs, der mit seinem schlauen Geist die richtigen Fragen stellt und intelligente Lösungen vorschlägt. Mir gegenüber eine Giraffe mit gutem Überblick über alle Sachverhalte. Daneben lümmelt sich ein Bär, der zwischen seinen Schlafphasen zu allem eine brummige Bemerkung abgibt. Im Gegensatz dazu die Eulen. Sie hocken unbeteiligt in der Sitzung, werden im Nachgang aber (Nacht-)aktiv. Nicht zu übersehen auch ein Rudel Wölfe, das um den Sitzungstisch herumschleicht, es mit den Fakten nicht so genau nimmt und rücksichtslos auf seine Zielerreichung lauert. Schließlich hier und da Eichhörnchen, die sammeln und ihre (Informations-) Beute vergraben, diese aber nachher selbst nicht mehr wiederfinden.

Und noch viele weitere Tiere, die alle in unserer Arche untergekommen sind. Diese Vielfalt brauchen wir und wollen sie über die große Sintflut der Bankenkriese retten. Derweil steuert unser Vorstand die Arche wie Noah durch die Fluten, bis am Horizont eine Aufsichtstaube sichtbar wird, die einen grünen Umschlag mit Basel 4 im Schnabel hält. Sie signalisiert uns, dass die Sintflut zwar vorbei ist, der Zuwachs an Auflagen damit jedoch leider noch lange nicht abgeschlossen ist.

Aber wir haben es geschafft, eine ganz besondere Tierwelt ist erhalten geblieben und vielleicht gibt es das eine oder andere Exemplar demnächst in einer Art Banken-Zoo zu besichtigen.

Grundlagenwissen


Wir haben eine Strategie.
Die Bausparkasse Schwäbisch-Hall wird 80 Jahre alt und der Fuchs bloggt. 
Die IT trennt Change und Run.
Verantwortung übernehmen hat etwas mit Haftung zu tun.
Haftendes Eigenkapital hat aber nichts mit Corega Tabs zu tun.
Risiken kann man managen, sei es in japanischen Atomkraftwerken oder in Wertpapierbeständen.
Wir sind ein arbeitnehmerfreundlicher Arbeitgeber.
Der Betriebsrat kämpft für einen Haustarifvertrag.
Im Casino gibt es jeden Donnerstag einen großen Salatteller.
Zertifikate gehen weg wie die warmen Semmeln.
Die Bankenkrise ist noch nicht überwunden.
Düsseldorf liegt irgendwo in der Nähe von Köln.
Wir sind alle für konstruktive Kritik offen.
Was ich als konstruktiv empfinde bestimme ich selbst.
Scharfsinn ist keine Krankheit. Dummheit allerdings auch nicht.
Früher gab es nach der Mitarbeiterbefragung einen Resonanzboden (Soundingboard).
We are family. Auch Lemminge machen etwas zusammen.
Für Flurfunk ist keine Funkerlizenz notwendig. Er ist aber auch nicht abhörsicher.

Die Welt verändert sich. Veränderung muss strategisch geplant werden.
Tatkraft, Integrität und Vertrauen sind nur drei Worte. Die Erläuterung braucht schon 66 Worte.

Ich sollte keine politisch bedenklichen Glossen schreiben.


Wir sind alle Flüchtlinge (2015)

Beim ersten Ton des Weckers springe ich aus dem Bett. So eine Art vorsenile Bettflucht. Dann laufe ich rüber ins Bad, versuche dem kalten Brausestrahl zu entgehen und umrunde mit der Zahnbürste die empfindlichen Zahnhälse. Auf dem Weg zum Bahnhof weiche ich dem Gegenverkehr aus, überquere nach der Bahnfahrt die große Kreuzung vor dem Bürogebäude und meistere mit elegantem Schwung das Drehkreuz am Empfang.

Bevor ich den Aufzug erreiche fliehe ich vor dem morgendlichen Geschwätz einer Kollegin in einen anderen Lift. Aussteigend entgehe ich mit knapper Not den neugierigen Fragen eines Bekannten und rette mich schließlich an meinen Schreibtisch. Zum Mittagessen beantrage ich Asyl bei den bereits verabredeten Kameraden, gemeinsam schließen wir uns dem Menschenstrom zur Kantine an.
Der Nachmittag zieht sich endlos dahin, aber mit Hilfe meines Abteilungsleiters gelingt es mir, Bedenken gegen neue Prozesse im Team zu zerstreuen.

Nach bangem Warten auf einen unangenehmen Anruf verlasse ich zum Dienstende meinen Arbeitsplatz, stürze voller Sorge vor heranziehendem Regen zur S-Bahn, um mich schließlich zu Hause auf das Sofa fallen zu lassen, Ziel erreicht.

Sind wir nicht alle Flüchtlinge? Ja. Nein.
Wie klein sind unsere Fluchten im Alltag, wie unwichtig ist die Sorge um den trockenen Anzug gemessen an tausenden von Kilometern durch unbekanntes Land aus Todesangst vor den Schergen im Bürgerkrieg.

Wir haben da eine besondere Verantwortung. Erstens reklamieren wir für uns als Genossen eine ausgeprägte soziale Kompetenz. Und zweitens legen wir Wert auf Nachhaltigkeit, seit über 130 Jahren. Einmal mehr können wir beweisen, dass wir über den aktuellen Tag hinausdenken. Und das nicht nur bei Finanzen, sondern auch bezüglich der Flüchtlinge und deren Zukunft.

Kleines Glossar für Nicht-Banker


ABS, im Alltag mit Anti-Blockier-System übersetzt, kennt der Bankfachmann auch als Arbeitsbedingungen und Sozialleistungen, ferner als Asset-Backed Security (selbst manche Fachleute wissen nicht so genau, was sich dahinter verbirgt)
Bilanzanalyse bezeichnet die Untersuchung des Jahresabschlusses zur Prüfung der Kreditwürdigkeit. Das ist also etwa so wie der monatliche Blick in den Sparstrumpf, um die Entscheidung über den Kauf eines neuen Porsche oder Mercedes treffen zu können.
Crash, meist anzutreffen im Zusammenhang mit Börsen. Dort bezeichnet er eine globale Umverteilung, das unterliegende Kapital verschwindet nicht… es gehört aber  nachher jemand anderem.
Dauerauftrag wird in zwei Bedeutungen verwendet. Entweder als Lebensinhalt, den EDV-Bereich mit Arbeit zu versorgen. Oder als wiederkehrende Tätigkeit, weil der EDV-Bereich seine (Automatisierungs-) Arbeit nicht gemacht hat.
Effizienz steht für eine Kombination aus Parallelisierung, Automatisierung, Lean Process Management und Business Process Optimization. Am Ende sind praktisch alle Arbeiten praktisch in Nullzeit erledigt.
Finanzhaie sind eine seltene Spezies des homo oeconomicus, oft in enger Gesellschaft mit anderen nicht ausrottbaren Tieren wie schwarzen Schafen.
Geldgeschäft ist ein großes Geschäft, das auf dem stillen Örtchen vorbereitet, dann aber im lauten Handelsraum abgeschlossen wird.
Hausbanken sind das Gegenstück zur Schiffsbank. Hoffentlich ereilt sie nicht das gleiche Schicksal (seit Mai 2012 untergegangen).
Investmentbanker steht laut Fachjournal BILD als Begriff methaphorisch für raffgierige Zocker, die dafür sorgen, dass eine Bank überhaupt funktionieren kann.
Juniorberater müssen weder jung sein, noch müssen sie beraten können. Es sind eher die unterbezahlten Umsetzer der großartigen Ideen ihrer Senioren.
Kunde steht für eine unvorhersehbar agierende Spezies, der man sich aus rein karitativen Gründen widmet.
Kredite bilden den Vorwand für die legitime Verführung der Kunden mit zum Teil ähnlichen Auswirkungen wie damals im Paradies.
Liquidität bezeichnet im Bankensinne die Fähigkeit, finanziell flüssig zu sein. Etwas weiter gefasst ist jeder von uns ein bisschen flüssig (Männer zu 60 %, Frauen etwa 55 %).
Muttergesellschaft hört sich gut an, hat aber eben nicht nur was mit Bekocht-werden zu tun, sondern auch mit Zimmer-aufräumen.
Notenbank ist eine Spezialbank für Musiker.
Onlinebanking kommt aus der Zeit, als Bankgeschäfte noch drahtgebunden abgewickelt wurden. Heute ist man per Smartphone connected und lässt kaufen – verkaufen – kaufen – verkaufen.
Passivgeschäft ist der Oberbegriff für die aktive Beschaffung von Fremdkapital.
Quellensteuer ist die Steuer für die Quelle.
Rentenfonds nennen wortgewannte Banker jene Anlagen, die erst im Rentenalter wieder ihren Nennwert erreichen könnten.
Service ist die Umschreibung für einen in Stein gemeißelten Ablauf, dem der Kunde zu folgen hat.
Tagesgeld unterliegt ähnlich wie ausländische Währung einem Wechselkurs, in diesem Fall zum Nachtgeld.
Unternehmensberater sind bildlich gesprochen die Räuber in der Nahrungskette der Finanzhaie.
Vieraugenprinzip ist der Versuch, vom einäugigen Seeräuber über den zweiäugigen Bankmitarbeiter zum vieräugigen Aufseher zu kommen.
Wertpapiere kauft man nicht im Papierhandel, sondern an der Börse oder im Internet.
Xetra ist ein Kunstwort. Eine abstruse Konstruktion zum automatisierten Abgleich automatisiert erstellter Produkte mit virtuellen Kunden auf elektronischem Wege.
Youngster sind Nachwuchskräfte sind Auszubildende sind Lehrlinge.
Zahlungsverkehr ist etwas Unanständiges, zumindest aus der Sicht mancher Kapitalismusgegner. Ansonsten hat es eher etwas mit dem Hin- und Her von Geld zu tun.

Vertagt


Einen Monat vorher. In meinem Lotus Notes erscheint eine Einladung zu einem Termin. Das Thema ist nur grob umrissen, immerhin kenne ich den Absender. „Weitere Informationen folgen“, schreibt er. Mangels Ausrede nehme ich den Kalendereintrag an. Zwei Stunden. Lebenszeit. Meine Lebenszeit.

Noch 10 Tage bis zur Besprechung. Bei Durchsicht meines Kalenders für die kommende Woche fällt mir der Eintrag auf. Grob umrissenes Thema, keine Raumangabe. Immerhin einen Uhrzeit und „weitere Informationen folgen“. Ich suche mir die Telefonnummer raus und rufe an. Leider ist der Kollege nicht erreichbar. Ich schreibe eine E-Mail. Wie es ihm geht und ob er vielleicht die weiteren Informationen…?

Die Zeit verfliegt, diese Woche wollen wir uns zusammensetzen. Um was es wohl genau geht? Wegen seiner hohen Arbeitslast ist der Kollege leider noch nicht zu einer Antwort gekommen. Ich schaue mal auf den Verteiler, vielleicht wird es dadurch klarer. Leider nein. Ich rufe einen der anderen Eingeladenen an. Der weiß auch nichts, rät mir, abzuwarten, schließlich: „weitere Informationen folgen“.

Sitzungstag. Richtig geraten, noch nichts Konkretes. Also gehe ich unvorbereitet hin, meine Mappe unter dem Arm. Gute Laune, es gibt Kaffee (wenn auch keine Kekse). Eine Runde von immerhin sechs Leuten, alle erwartungsfroh. Es geht los. Powerpoint mit Folien zur Vorgeschichte. 

Themeneinordnung. Jetzt kommt der entscheidende Punkt zur Abstimmung. Alle schauen sich an. Achso, wir brauchen die Zahlen von den letzten zwei Quartalen. Ja, wenn ich das gewusst hätte. Wir sitzen da und spekulieren über die möglichen Szenarien.

Zwei Stunden sind rum. Wir gehen auseinander. Zwar ohne konkretes Ergebnis, aber „weitere Informationen folgen“.

Beim großen Geschäft


Ein Zettel von innen an der Tür: „Verlassen Sie diesen Raum so, wie Sie ihn vorzufinden wünschen“. Und ich frage mich, was in dem Schreiber dieses Zettels vorging. Vielleicht wollte er Ordnung. Oder Sauberkeit. Es muss ihm sehr am Herzen gelegen haben, sonst würde er es kaum schreiben.

Aber an wen hat er dabei gedacht? An den Vergesslichen, der nur nicht an die Reinigung denkt. Den Gutmütigen, der auch für die anderen sauber macht. An den Rücksichtsvollen, der nur einen kleinen Anstoß braucht. Ganz sicher aber nicht an den Lethargischen, dem alles egal ist. Auch nicht an den großen Macker, der für alles eine Hilfskraft hat. Genausowenig an den Rücksichtslosen, dem die Sicht der Anderen schlicht einerlei ist.

Nur: Wen erreiche ich? Der ohnehin schon vollkorrekte wird sich den Zettel kaum zu eigen machen. Vergleichbar dürfte es auch dem Pingel gehen, der zwar auf Kleinigkeiten achtet, gleichzeitig aber auch auf sich bedacht ist.

Es landet also wieder mal bei den Sensiblen, bei Menschen, die zwar unschuldig, gleichzeitig aber auch (zu) großherzig sind.

Der alte Standard


Solange ich einen Führerschein habe - und das ist schon eine ganze Weile - gibt es in Autos einen Datenaustausch zwischen den elektronischen Komponenten. Fachleute sprechen vom CAN-Bus, der für die Kommunikation sorgt. Seit 26 Jahren ein mehr oder weniger unveränderter Standard, der Vieles ermöglicht. Zulieferer können sich auf eine einheitliche Schnittstelle verlassen, Entwicklungspartnerschaften können durchgeführt werden, Fusionen der Automobilhersteller und Plattformstrategien grundsätzlich ermöglicht. Vom Autoradio über die Klimaanlage bis zur Motorsteuerung läuft alles über den CAN-Bus.

Stellen wir uns vor, jeder Hersteller hätte seinen eigenen "Standard".  Schon das Auslesen des Fehlerspeichers durch den ADAC wäre undenkbar. Vom Engagement freier Werkstätten ganz zu schweigen. Und für jedes Auto müsste ein ganz spezieller CD-Spieler gebaut werden.
Und trotz eines (aus technischer Sicht) steinalten Standards entstehen immer neue Fahrzeuge, immer ausgefuchstere Fahrassistenz- und Sicherheitssysteme.

Ein guter Ansatz auch für die IT, für die Bereitstellung von Lösungen für die Fachbereiche. Wir brauchen eine Basis, die über längere Zeit unverändert bleibt. Das bezieht sich auf den gesamten organisatorischen und technischen Rahmen, also Basissystem, Monitoring-Schnittstellen, Betreuungs-Vorgehen, Dokumentationsstandards und prozessuale Regelungen.
Sie werden schnell erkennen, was den Teilelieferanten, Konstrukteuren, Reparatur- und Wartungsfirmen, den Fehlerspeichern und dem optionalen Zubehör beim Auto im fachlich-technischen Umfeld einer Bank entspricht.

Die Automobilbranche ist für uns in vieler Hinsicht zu Recht ein Vorbild, aber wir müssen genau hinschauen, um zu erkennen, dass es dort nicht nur schnelllebige Innovation, sondern auch bodenständige Tradition gibt.

Und genau hier können wir im Bankenumfeld durch Kernkompetenz punkten und sollten unsere Qualität weiter ausbauen.

Ich tanze mit Dir

Ballsaison: Endlich kann ich mal wieder ausgiebig das Tanzbein schwingen. Egal, ob Salsa oder Samba, Disko oder Walzer – Tanzen macht einfach Spaß. Ich schwebe mit meiner Partnerin übers Parkett, die Musik umhüllt uns und die Zeit ist für uns nur im Rhythmus gegenwärtig. Naja, soweit die Theorie.

Tatsächlich ist Tanzen oft nüchterner: Ich führe meine Partnerin über die Fläche, bestimme die zu tanzenden Figuren und gebe die Richtung vor. Selbstverständlich sind dabei die regelkonforme Ausführung der (erlaubten) Tanzschritte, das Heben und Senken, die korrekte Körperhaltung und der richtige Schwung zu beachten.

Mein Job: Ich muss die Musik im Ohr haben und die Tanzfläche mit den anderen Tanzpaaren im Auge. Und das so unauffällig, dass die Wertungsrichter es für Absicht halten, wenn ich aus der Situation heraus die Richtung ändern muss.

Die Aufgabe meiner Partnerin: Vor allem ist sie der bezaubernde Blickfang, soll dem Zuschauer die Lust am Tanzen vermitteln. Gleichzeitig muss sie auch die Umgebung registrieren. Und natürlich auf meine Führung unverzüglich reagieren – es gibt keine Zeit für Diskussionen der Schrittfolge.
Unsere Rollenverteilung: Der Herr führt. Eine gute Tänzerin wird aber von mir nicht durch die Gegend geschoben. Nein, sie erhält nur über bestimmte Signale Informationen, welche Figur sie als nächstes in welche Richtung tanzen soll. Und ich bin darauf angewiesen ist, dass die Dame selbständig agiert und mir beispielsweise bei Hindernissen Rückmeldungen gibt.

Tata: Die Parallele zur täglichen Arbeit! Führung ist eine Herausforderung, geführt zu werden aber auch. Wir brauchen akzeptierte Regeln, und als Grundlage benötigen wir einen verbindenden Rhythmus. Dem tänzerischen „Es geht nur gemeinsam“ steht unser „Zusammen geht mehr“ gegenüber.

Ich bin ein Risiko auf Skiern


"Wir treffen uns dann unten am Lift", waren die letzten Worte meiner Skilehrerin bevor sie davonfuhr. Ich stand zunächst etwas verdattert da, unter mir die wackligen Bretter, um mich herum glatter Boden und vor mir ein in diesem Moment ganz schön steiler Abhang.

Die anderen Schüler schauten sich an, lachten und johlten, klopften sich auf die Schulter und begannen dann mehr oder weniger vorsichtig mit der Abfahrt. Die Aussicht auf Hüttengaudi und Jagertee trieb die muntere Schar talwärts.

Nicht dass ich Angst gehabt hätte hinzufallen. Das ist schon ok, danach stehe ich wieder auf. Auch nicht, dass ich von der Piste abkommen könnte. Aber wie ich halbwegs kontrolliert ins Tal kommen sollte und vor allen Dingen wie ich unten angekommen vor der Menschenschlange am Lift bremsen sollte: Das machte mir schon Sorgen.

Irgendwie konnte ich der Gruppe dann doch folgen und traf an der Talstation meine fröhlichen Kameraden. Gut gelaunt erzählten sie von ihren Stürzen, wie knapp sie gerade einem Unfall entgangen waren und überhaupt wie toll dieses Gefühl auf den Skiern war. Morgen, soviel stand fest, wollte man die Strecke in der halben Zeit fahren und auch abseits der Piste ein wenig Vergnügen im Schnee suchen. Risiko? Ach was, ein Wort für Spassbremsen.

Manchmal frage ich mich, ob diese Zeitgenossen auch bei der Arbeit so daherkommen. Einfach mal loslegen ohne sich Gedanken über Risiken zu machen, ohne zu wissen, wo die Gefahren lauern. Irgendeinen persönlichen Vorteil vor Augen, der alle Bedenken bei Seite schiebt.

Dabei sollte gerade Risikomanagement eine unserer Kernkompetenzen sein. Es geht nicht darum, jedes Risiko zu umgehen, sondern sich bewusst damit zu beschäftigen. Und so bin ich auch heute noch froh, wenn ich vor der Abfahrt weiß, wo die Bremse ist.

583

Gerade zurück aus dem Sommerurlaub und eine Mailbox wie ein Osterkörbchen: In jeder der 583 E-Mails könnte eine kleine Überraschung stecken.

Nun sind 583 E-Mails in drei Wochen vielleicht nicht einmal besonders viel. Aber das Abarbeiten ist ein mühsames Geschäft. Warum schicken mir so viele Menschen so viele E-Mails? Und warum muss ich jetzt alles durchlesen?

Dieses Jahr mache ich es mal ganz anders. Ich bearbeite die Memos nach und nach, jeden Werktag drei Stück. Dann bin ich pünktlich zu meinem nächsten Sommerurlaub durch. "Haben Sie meine E-Mail schon gelesen?“ – „Nein, aber nach meiner Hochrechnung werde ich sie voraussichtlich am 15.02.2015 bearbeiten." Unglaublich, wie viel sich von alleine erledigt, vielleicht doch nicht so wichtig war oder durch geänderte Entscheidungen ganz anders betrachtet werden muss.

Daimler geht mit „Mail on Holiday“ noch einen Schritt weiter. Jeder Mitarbeiter kann während seiner Abwesenheit eingehende E-Mails schlicht löschen lassen. Der Absender erhält nur eine automatische Antwort mit einer Liste der Vertreter und der Bitte, sich bei Bedarf nach dem Urlaub noch einmal zu melden.

Aber das sind ja nur Wege, um die Flut ankommender E-Mails einzudämmen. Dabei liegt die Lösung des Problems eigentlich beim Versender: Bevor ich etwas verschicke stelle ich mir vor, der Adressat sei ein sehr wichtiger Mensch, den ich wertschätze und der wenig Zeit hat. Dann formuliere ich meine E-Mail knappestmöglich und orientiere den Inhalt am Empfänger. Vor allen Dingen zögere ich, ob ich die Mail überhaupt schreiben muss. Und mit welchem Verteiler.

Wenn wir so bedacht mit der knappen Ressource "Zeit meiner Kollegen" umgehen ist auch wieder mehr Platz für einen Anruf oder ein Gespräch beim Kaffee zum Vernetzen der Bereiche. Und das wollen wir doch alle, oder?

Unterwegs

Auf dem Gang zu einer Sitzung
Stolpere ich in der Sackgasse der Eitelkeiten
Über auf dem Boden verstreute Worthülsen.
Im Weitereilen verfülle ich Lücken in Anforderungsdefinitionen
Und sorge für verlängerte Öffnungszeiten von Projektdefinitionen.
Auf Wunsch versehe ich die Spiegel in den Umkleiden der Testzeit-Räume
Mit doppelseitig reflektierender Vorhabenport-Folie,
Um die auftretenden Eng-Pässe mit Gipfelstürmern zu besetzen.
Der verkaufsoffene Sonntag für Fachanforderungen
Führt zu einem erhöhten Umsatz der IT-Ressourcen,
Was bei den Geschäftsführern der Servicecenter
Prozesskonformes Freudentaumeln auslöst.
Wer wird da schon die Aus-Führer der Minenhunde beachten,
Die nach dem kleinen Geschäft ihrer großen Lieblinge
Auf die Problemzonen eines alternden Bebauungsplanes hinweisen?
Lieber tauche ich ab in die Untiefen der Ist-Analyse,
Weil das Sicherheit für die Erbringung der Dienstleistung schafft
Und die Festlegung der Nahtstellen für die Umsetzung
Zu einem künstlerischen Prozess werden lässt.
Das ist der Kanon der Werte, die das Über-Nehmen beschreiben,
Wenn es jemand an Lust für das Unter-Nehmen fehlt.
Im Mittelpunkt stattdessen die Eigendynamik des Anspruchs,
Ummantelt von der Deckkraft der Erträge.
Am Ende verplombe ich noch die Pipeline für Ent-Führungskräfte
Damit deren Ent-Schlüsse im Laufe der Zeit nicht undicht werden.

Das Recht am eigenen Wort

Jeder hat ja per Gesetz sein Recht am eigenen Bild. Zum Teil recht hysterisch als Persönlichkeitsrecht verteidigt und deutlich über den gesetzlichen Schutz hinaus wird von manchen ängstlichen Zeitgenossen ein nahezu vollständiges Fotografierverbot gefordert.

Doch wie steht es mit einer anderen Ausdrucksform: Dem geschriebenen Wort? Was ich formuliere, über was ich mir Gedanken mache und was ich über das Nachdenken hinaus auch noch veröffentliche unterliegt zwar der Meinungsfreiheit. Aber ist die Meinung - zu Begin der dritten Dekade des 21. Jahrhunderts in Deutschland - wirklich so frei? Kann beispielsweise ein AfD-Politiker seine Meinung tatsächlich frei äußern? Darf ich öffentlich die Elektromobilität verurteilen?

Man erlebt hier ein krasses Missverhältnis zwischen Verhalten und Sanktionierung. Mir fällt auf, wie empfindlich zum Beispiel Beamtenbeleidigung bestraft wird, während Politiker - gemäß Gerichtsbeschluss - selbst wüste Verunglimpfungen und peinliche Beschimpfungen ertragen müssen.

Äußere ich mich in einem Blog offen oder gar kritisch über meinen Arbeitgeber, dann ist das juristisch geradezu mutig, denn dann treten einem Denker und Hobby-Schriftsteller professionelle Rechtskenner entgegen. In dieser Arena sind die Kräfteverhältnisse schon sehr deutlich festgelegt.

Eigentlich schade, wie ich finde. Aber besser legt man die eigene Naivität zur Seite, wird man sich entweder vorher juristischen Rat oder gar Beistand suchen oder so behutsam agieren, wie man es als vernünftiger Mensch nur tun kann.

Samstag, 28. Dezember 2019

Lieber Stefan

Ich erinnere mich immer mal wieder an die Szene, als Du vor mir saßt, ein Schreibtisch zwischen uns. Du hast mich scharf kritisiert - an der Kante zu angebrüllt - nachdem es ein Gespräch mit einer Beratungsfirma gab.
Diese Beratungsfirma sollte ein Gutachten schreiben, das bestimmte Handlungen unseres Arbeitgebers einwerten musste. Auch nach konkreter Nachfrage konnten mir die Berater zwar nicht belegen, dass sie sich mit der Sache schon mal beschäftigt, geschweige denn die von mir bereitgestellten Unterlagen studiert hatten. Allerdings waren sie in der Lage, einen genauen Betrag für die erforderliche Arbeit der Analyse und Begutachtung zu nennen.
Aus meiner Sicht hochgradig unseriös.

Du, lieber Stefan, warst mit meinen Nachfragen nicht einverstanden, da für Dich die Beauftragung - offensichtlich gleich zu welchem Preis - schon gesetzt war.
So musste ich dann nicht allein die Verschwendung auf Kosten unseres Unternehmens, sondern auch Vorwürfe ("Wenn ich als Abteilungsleiter eine Entscheidung treffe, erwarte ich keine weiteren Fragen") gefallen lassen.

Ich habe damals nicht verstanden, warum mir diese (faktische) Ungerechtigkeit widerfuhr. So war ich getroffen, aber eben auch aus meinem Unverständnis heraus beleidigt.
Gleichzeitig hast Du vermutlich nicht verstanden, welche Beweggründe mich angetrieben haben. Sah der Eine seine Machtposition ("ich entscheide") gefährdet, sah der Andere die Sache (übertriebene Kosten) missachtet. Es gelang weder der einen noch der anderen Partei, die Gegenseite zu verstehen.

Mir ging es nicht um die Macht, die ist mir vom Typ her völlig egal, sondern um die Faktenlage. Diese in den Mittelpunkt stellend konnte man das aus meiner Perspektive freche Angebot nicht unverhandelt annehmen. Dir ging es weniger um das Angebot, vielleicht war die Auswahl ja schon getroffen, sondern um die Erhaltung Deiner Schulterklappen - insbesondere in der Öffentlichkeit im Sinne des Meetings mit der Beratungsfirma.

Hätten wir nicht besser beide an einem Strang gezogen? Du hättest Deine (unbegründete) Sorge um Deine "Machtposition" zur Seite geschoben. Ich hätte meine Verhandlung im Idealfall vorher abgesprochen und beispielsweise als good-cop-bad-cop geführt.
Nur setzt das voraus, dass man die Größe hat, sich als Führungskraft auf seinen Mitarbeiter zu verlassen. Und auf seine eigenen Führungsqualitäten vertraut.

Mittwoch, 20. November 2019

Internes Marketing

ER ist da.
Der Arbeitsplatz der Zukunft. Oder sind es nur seine Vorboten?
In der heutigen Hausmitteilung lese ich:

"Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, die Arbeitsgruppe Arbeitsplatz der Zukunft, die sich nun Virtuelles Competence Center Digital Workplace nennt, meldet sich mit einer weiteren Neuerung zurück: dem konzernweiten mobilen Netzzugang."

Im ersten Moment strauchle ich über die Deutsch-englische Wortmischung. Nachdem ein verständlicher (deutscher) Name gewählt wurde, ist es nun ein deutscher Beginn, der (ohne Not) englisch fortgesetzt wird. Warum nur?

Dann bleibe ich daran hängen, dass ein mehr oder weniger etablierter Name en passant geändert wird. Sicher muss man nicht für jede Aufgabe eine Zentralstelle einrichten, aber internes Marketing ist ein wichtiger Punkt, und Fachleute würden doch sicher bei der Erstellung, aber auch bei einem geplanten Wechsel des Markennamens beraten.

Unübersehbar haben wir also die kritische Größe einer Organisationseinheit überschritten. Dadurch ist die Zentralisierung von Diensten nur noch bedingt möglich. Gleichzeitig ist das Unternehmen so groß, dass man nicht jeden Ansprechpartner kennt.
Resultierend machen sich auch Mitarbeiter ans Werk, die (vielleicht ohne es zu merken) nur bedingt fachkundig sind. Und so ist dann leider auch das Ergebnis.

Lösungsvorschlag ist die organisatorische Zerlegung in Einheiten, die sich dann wieder komplett in Eigenverwaltung steuern.