Ich sitze am Schreibtisch, es ist früher Morgen und die Sonne geht langsam auf. In meinem Postfach sind ein paar E-Mails von den Nachteulen gestern und den Frühaufstehern heute. Alles recht überschaubar.
Mein Tag ist vorgeplant, Blick in den Kalender: Drei Telefonkonferenzen, Mittagessen, die verbleibenden rund drei Stunden kann ich zum Bearbeiten von Vorgängen nutzen.
Alles ist so friedlich, ich mache mich an die erste E-Mail, lese sie sorgfältig durch, schlage in verschiedenen Dokumenten nach und formuliere eine Antwort. Beim Absenden wird mein Postfach aktualisiert, im Tausch für den bearbeiteten Brief sind zwei neue eingetroffen. Während ich in Ruhe die nächsten drei Mails bearbeite, kommen fünf weitere hinzu. Trotz Erhöhung der Arbeitsgeschwindigkeit kommen mehr Nachrichten dazu als ich wegschaffen kann.
Das erste Meeting ruft, ich lasse meine Mailbox alleine und nehme mit mehreren Kollegen am Projektaustausch Teil. Nach der Sitzung noch schnell ein Kaffee, Zusammenfassung der Ergebnisse für mich und Auflistung der erhaltenen Aufträge.
Zurück zu meiner Mailbox. Ja, war ich denn einen Tag in Urlaub? In der guten Stunde sind über zwanzig neue Nachrichten eingegangen. Ich versuche, in den Betreffzeilen eine Struktur zu erkennen, und tatsächlich sind davon acht Nachrichten eine Kette zum selben Thema (Lesen der neuesten reicht). Und bei weiteren sechs Nachrichten bin ich nur in Kopie, für die ist jetzt keine Zeit, die räume ich einfach weg. Es bleiben also nur sieben zur genaueren Betrachtung. Uff, das geht ja noch.
Mittlerweile bin ich ganz gut unter Last, aber die Bearbeitung ist schon noch möglich. Notfalls verkürze ich meine Mittagspause.
Doch jetzt steigert sich die Schlagzahl zu einem furiosen Trommelwirbel. Alle paar Minuten eine neue E-Mail. Und da ist es: Dieses Gefühl, dass ich das nicht bewältigen kann, selbst wenn ich heute mal wieder länger mache. Bei Computersystemen spricht man von DOS-Attacken (Denial of Service = durch Überzahl gezielter Anfragen provozierte Überlastung), bekannt von Hackerangriffen. In meinem Fall einer DDOS-Attacke, also Anfragen von verteilten (Distributed) Absendern. Im technischen Umfeld bricht das so attakierte System irgendwann unter der Last zusammen und stellt seinen Dienst ein. Je nach Mechanismus erholt es sich – bestenfalls automatisch - mehr oder weniger schnell und ist nach Beendigung der Flut wieder arbeitsfähig.
Während ich noch über dieses Analogon nachdenke, klingelt das Telefon; Ein Kollege weißt mich auf die Dringlichkeit seines Anliegens hin, das er mir vorhin ja schon per E-Mail geschildert hat. Und dass ich den Fall unbedingt vorrangig auf meine Liste nehmen müsse. Noch während wir telefonieren öffnet sich ein Chat-Fenster, ein weiterer Antritt, mich zu kontaktieren. Und in einer halben Stunde das nächste Meeting, das ich noch ein wenig vorbereiten muss.
Ich werde also gerade ungewollt Opfer eines Angriffs oder zumindest eines Penetrationtests. Von allen Seiten kommen in unbremsbarer Geschwindigkeit Kollegen auf mich zu, möchten etwas von mir, erwarten eine Antwort oder Reaktion meinerseits. Das Ganze zu ständig wechselnden Themen, mir schwirrt der Kopf. Was beim Server das Einfrieren von Prozessen ist bei mir die Resignation und der damit verbundene Absturz. Und die traurige Erkenntnis, dass jeder Mensch überlastet werden kann, egal, wie effizient er arbeitet, egal, wie gut jede Einzelheit funktioniert. Alles eine Frage der Quantität.
Einzige Hoffnung: Irgendwann lässt die Flut nach, dann kann ich mich wieder ein wenig regenerieren. Jetzt unbedingt Ruhe bewahren. Jeden Tag aufs Neue… gute Nacht!