Mittwoch, 23. Dezember 2020

Mut

"Also, dass Du Dich das traust.“ Meine Frau war irritiert, ging es doch aus Ihrer Sicht nur um eine Einkaufsfahrt ins nahegelegene Wiesbaden. Aber für Ihre Nachbarin – knapp 80 Jahre alt – eine nicht zu unterschätzende Angelegenheit.

Mutig also einerseits eine Sache der Einschätzung irgendeiner realen oder denkbaren Gefahr. Wie anspruchsvoll ist es im erwähnten Beispiel, mit dem Auto in eine Stadt zu fahren? Die Bewertung hängt nicht nur von der Stadt ab, sondern auch von der eigenen Routine bezüglich Stadtfahrt.

Andererseits hat es etwas mit dem persönlichen Fahrvermögen zu tun, mit der Fähigkeit, mit mehr oder weniger ungewohnten (Verkehrs-)Situationen umzugehen. Wer selbstsicher ist, hat hier klare Vorteile.

Mut ist also eine mehrschichtige Angelegenheit. Was der eine vielleicht sogar an jemand anders als mutig bewundert, ist für diesen eine Standardsituation oder eine Geschichte, die für ihn keinerlei Herausforderung bedeutet oder eine Überwindung erfordert.

Im Idealfall erkennt man eine Gefahr als solche, beschäftigt sich aber mit der Reduzierung des Risikos und kann mit dieser Haltung ins Rennen gehen. Sieht man die Gefahr gar nicht, ist zwar kein Mut erforderlich, aber da die (innere) Beschäftigung mit dem potentiellen Unglück fehlt, könnte es am Ende schiefgehen. Und als dritte Möglichkeit gibt es noch das Erkennen und ignorieren, das ist dann natürlich kein Mut, sondern Dummheit.

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Montag, 21. Dezember 2020

TAV des Teufels (Staffel 3, Folge 3)

TAV des Teufels (Staffel 3 Folge 3)
Wer mit Technik zu tun hat, Computerprogramme nicht mit der Muttermilch aufgesogen hat, sondern einfach nur bedienen muss, der braucht einen 
TAV (Technischen Anwendungsverantwortlichen). Dieser ist hoffentlich nett und hilfsbereit und gut erreichbar.
Aber vielleicht hat er auch ein alter ego, eine dunkle Seite, in der er sein Wissen und seine Möglichkeiten missbraucht und seinen Mitmenschen das Leben schwer macht. Dann erwacht der 
TAV des Teufels…

(3-3: Weihnachts-Special) Ich will es nicht mehr hören, nicht mehr lesen, nicht mehr wissen. Dieses nervtötende Vorweihnachtsgebrabbel. Alles war toll im letzten Jahr, alle haben ja so überragende Arbeit gemacht und gut, dass wir euch Mitarbeiter haben. Scheiß drauf. Die sollen mir einfach mehr Geld geben, ihre Zeit mit der Sekretärin in der Besenkammer verbringen und mich ansonsten in Frieden lassen. Bei den E-Mails habe ich einen Filter eingestellt, der alles mit „Weihnacht* OR Advent* OR Jahresrück*“ ungelesen in den Papierkorb schiebt. Damit ist jetzt einigermaßen Entspannung. Auch in Logfiles, Themenräumen und auf meinen Netzlaufwerken sorge ich für weihnachtliche Löschung und Ruhe. Letztere wollen doch alle.

Und wir haben uns alle lieb, deshalb auch eine zuckersüß formulierte Mail (würg), die ich bei irgendeiner Beratungsfirma geklaut habe und die jetzt als Standardantwort an alle Bastarde geht, die es nicht lassen können, mir in dieser christlichen Zeit noch Aufträge zu schicken.

Hallo! Versteht ihr denn nicht? Adventszeit. Weihnachtszeit. Zwischen-den-Jahren-Zeit. Neues Jahr. Was soll ich da mit Aufträgen? Meldet euch nächstes Jahr. Oder besser: danach das Jahr. Oder noch besser: Gar nicht mehr.

Ich bin dann mal weg. Bis 2021. Und wenn ihr es gar nicht lassen könnt, dann ist es von mir aus ok, wenn ihr nächstes Jahr wieder meine wöchentlichen Beiträge lest.

[Fortsetzung "TAV des Teufels"]

Mittwoch, 16. Dezember 2020

Partnerschaftlichkeit

Sprechen wir doch mal über den Paartanz. Bewegen sich also zwei Personen, typischerweise unterschiedlichen Geschlechts, voran, typischerweise auf Parkett, zu von außen vorgegebenen Regeln, meist als Tanzfiguren bezeichnet und zu standardisierten Vorgaben in Form einer tanztypischen Musik. Ach ja, und dann wird noch definiert, wer welche Rolle hat, typischerweise führt der Mann; er gibt auch die Abfolge der Figuren vor. Die Frau muss die Blicke auf sich lenken, mitmachen, das heißt sich führen lassen und natürlich posieren; Sie ist das Bild, für das der Herr den Rahmen bietet.

Wer ist wichtiger in diesem Team?
Wann würde man von einem harmonischen Zusammenspiel sprechen?
Was macht den Tanz für das Paar schön?
Was macht es für einen Außenstehenden (Zuschauer) schön?

Und warum stelle ich diese Fragen an Nichttänzer, die in irgendeinem Unternehmen arbeiten und dabei mit dem Begriff der Partnerschaftlichkeit konfrontiert werden?

Montag, 14. Dezember 2020

TAV des Teufels (Staffel 3, Folge 2)

TAV des Teufels (Staffel 3 Folge 2)
Wer mit Technik zu tun hat, Computerprogramme nicht mit der Muttermilch aufgesogen hat, sondern einfach nur bedienen muss, der braucht einen 
TAV (Technischen Anwendungsverantwortlichen). Dieser ist hoffentlich nett und hilfsbereit und gut erreichbar.
Aber vielleicht hat er auch ein alter ego, eine dunkle Seite, in der er sein Wissen und seine Möglichkeiten missbraucht und seinen Mitmenschen das Leben schwer macht. Dann erwacht der 
TAV des Teufels…

(3-2) Wie bitte? Ich soll in irgendwelchen Tabellen mit unendlich vielen Spalten und unverständlichen Beschriftungen Werte von den betreuten Systemen eintragen? Ist eigentlich klar, dass ich mich dafür erst mal damit beschäftigen muss? Dann rumsuchen und Leute anrufen? Das geht ja gar nicht.


Aber je komplexer, desto einfacher wird für mich der Umgang mit dem ungeliebten Auftrag.
Erst mal die Anfrage abhängen lassen. Oft erledigt sie sich von alleine, ist nicht mehr relevant oder wird von anderen Zeitgenossen beantwortet. Kommt es doch zur Mahnung, dann fix darauf verweisen, dass ich den offensichtlichen Compliance-Verstoß erst mal geklärt sehen will. Hier werden ja Grundbedingungen von Datenschutz ausgehebelt und das Need-to-know-Prinzip auf den Kopf gestellt. Wer hat denn eigentlich die Datenhoheit und warum gibt es keine Schnittstelle zum liefernden System?

Bitte wenden Sie sich bei weiteren Fragen an den Informationstreuhänder.

[Fortsetzung "TAV des Teufels"]

Mittwoch, 9. Dezember 2020

Sicherheit

Als jeder noch machen konnte was er wollte. Da war eine Kreissäge ein rundes Ding mit Zähnen dran. Hat man es an eine Welle angeschlossen, konnte man damit Holz sägen. Aufpassen war angesagt, wenn man alle Finger behalten wollte. Zu der Zeit gab es Automobile ohne Knautschzone. Ohne Sicherheitsgurt, Airbag, ABS, ESP, EDS, ASR, Bremsassistent, Gurtstraffer, ALC. Ungeschicklichkeiten hatten schlimme Folgen. Im Laufe der Zeit wurde klar, dass „Aufpassen“ keine Maßnahme gegen Unfälle ist. Dass eben auch in geordnetem Umfeld kleine Fehler zu Katastrophen werden können. Die Geburtsstunde von vorausschauenden Maßnahmen. Konstruktionen, die eine Fehlbedienung ausschließen. Prozesse, die Fehler verzeihen.

Und heute, Jahrzehnte später. Wir haben Unfälle erlebt. Rettungshubschrauber, die Sterbende abtransportierten. Zunehmend aber auch Rennfahrer, die irritiert, aber lebendig aus ihren schrottreifen Autos klettern.

IT-Sicherheit ist auch so ein Thema. Es gibt sie, die Airbags, Sicherheitsgurte, ESPs und all die anderen kleinen Helferlein. Aber sind sie auch eingebaut? Benutzen wir sie oder haben wir den Knopf gedrückt, um sie zu deaktivieren? Vielleicht reicht Aufpassen ja wirklich aus. Und was beim Autofahren der Führerschein, ist in der Bank vielleicht der Arbeitsvertrag mit Verschwiegenheitserklärung. Gewiss gab es auch früher unfallfreie Fahrer. Oder Fahrer, die Unfälle überlebt haben. Aber die Statistik weist uns beim Auto ganz klar den Weg Richtung Ausbau der passiven Sicherheit. Ist es da noch eine Frage, ob wir Datenschutz und Zugriffsberechtigungen und Notfallkonzepte brauchen?


Montag, 7. Dezember 2020

TAV des Teufels (Staffel 3, Folge 1)

TAV des Teufels (Staffel 3 Folge 1)
Wer mit Technik zu tun hat, Computerprogramme nicht mit der Muttermilch aufgesogen hat, sondern einfach nur bedienen muss, der braucht einen 
TAV (Technischen Anwendungsverantwortlichen). Dieser ist hoffentlich nett und hilfsbereit und gut erreichbar.
Aber vielleicht hat er auch ein alter ego, eine dunkle Seite, in der er sein Wissen und seine Möglichkeiten missbraucht und seinen Mitmenschen das Leben schwer macht. Dann erwacht der 
TAV des Teufels…

(3-1) Es ist ein Glück, dass ich mein Wissen auch außerhalb des Unternehmens einsetzen kann. Wie blöd muss man sein, die Überwachungskameras mit Standardpasswort zu schützen. Das kann ich so nicht durchgehen lassen. Erst mal fand ich den Blick durch die Kameras meines Nachbarn noch ganz witzig, aber auf die Dauer ist es dann doch ziemlich langweilig. Lustiger ist aber der Gedanke, was er wohl seiner Frau erzählt, wenn ich auf seine Bildschirme und Backup-Bänder die neuesten Pornos aus dem Internet einspiele. Das muss wohldosiert passieren, ein Blick aus dem Fenster, damit ich abpasse, wenn sie nicht da ist und ich schon mal alles vorbereiten kann. Und dann wieder auf Kamerabild schalte, wenn sie auftaucht. Sobald er kurz danach das Haus verlässt zurück zu den Nacktbildern, versehen mit einem fetten Label „aus Rücksicherung vom…“.

Er hätte sich vorher überlegen sollen, was er macht, bevor er mich blöd bei der Motorwäsche mit Geplapper über Umweltschutz und Grundwasserverschmutzung anmacht.

[Fortsetzung "TAV des Teufels"]

Freitag, 4. Dezember 2020

Innovation

Der zweite Weltkrieg war durch, die Folgen allgegenwärtig. Aufräumen und Wiederaufbau waren angesagt. Wer vorankommen wollte, musste erst mal den (materiellen oder nicht materiellen) Schutt bei Seite schaffen.

Aufschwung, the german wirtschaftswunder. Es gingen Sachen, die vorher undenkbar waren, neue Produkte kamen auf den Markt, moderne Arzneimittel, wirksame Dünger und phantastische Kunststoffe änderten Lebensgewohnheiten.

Nichts zu weit, wir fliegen auf den Mond, bei der Forschung fielen Artikel wie Klebeband, Laser, Rechenautomaten ab. Alle Grenzen der menschlichen Möglichkeiten schienen zu verschwinden. Auch die Kultur erfuhr einen Entwicklungsschub, elektrische Instrumente dominierten die neue Musik, darstellende Kunst lotete die absurdesten Performances aus.

Die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung erfuhr eine Wendung, mehr Beschäftigung mit sich selbst – „Trimm Dich!“ – und viel eigene Gestaltung. Jedem sein Hobbykeller mit selbstgebauter Bar. Männer schienen die geborenen Heimwerker, Frauen die Kreativgestalter.

Und so geht es weiter bis heute. Nur dass wir heute auch noch ein Wort dafür haben: Innovation. Alles ist jetzt eine Innovation, jeder interessante Gedanke wird prozessual begleitet, in Medien verbreitet und gefeiert. Man kann nicht einfach nur eine gute Idee haben, nein, sie muss in Thinktanks beratschlagt, von Design Teams bearbeitet und in Hackathons verprobt werden.

Also, das nenne ich wirklich innovativ.
[Dazu passt auch: Ferdinand, oh, Ferdinand]

Montag, 30. November 2020

TAV des Teufels (Staffel 2, Folge 4)

TAV des Teufels (Staffel 2 Folge 4)
Liebenswürdig, zuvorkommend, interessiert auch an fachlichen Weiterentwicklungen, stets geduldig und verständnisvoll für die Sorgen und Nöte der Anwender – so stellt man sich den idealen TAV (Technischer Anwendungsverantwortlicher) vor. Aber es gibt auch diese fiese, selbstbegeisterte und arbeitsvermeidende Sorte, die vielleicht verborgen in uns schlummert.
In der zweiten Staffel gibt es wieder neue Erlebnisse und Erkenntnisse dieser Schattenseite, und wenn Sie hier und da mal schmunzeln, dann steckt vielleicht auch ein klein bisschen davon tief in der Seele des TAV des Teufels…

(2-4) Ich kenne ein paar Mitmenschen, die haben vor Kurzem erlebt, dass unser RSA Archer Amok läuft. Naja, war ja auch kein Zufall, mit diesem Dreckstool will doch wirklich keiner arbeiten, es ist mein göttlicher Auftrag, hier mal für Unordnung zu sorgen.

Frisch ans Werk, denke ich mir, lege ein neues Asset an, das mit mindestens 10 anderen Services verknüpft ist. Es hat die höchste Schutzklasse, ist wegen Datenschutzvorgaben innerhalb kürzester Zeit in Produktion und verwaltet – geheimnisvoll – auf Vorstandswunsch die gezielte Archivierung und Löschung von Unterlagen. Treuhänder und Datenhoheit verteile ich gleichmäßig über die Bereiche, den Fragebogen zur SBF schicke vorab schon mal zur kurzfristigen Beantwortung an diverse Führungskräfte. Verteiltes Arbeiten, das hat sich bei Computern doch auch bewährt.

Und jetzt das Beste. Der Workflow vom Tool läuft los, greift aber ins Leere, weil die verbundenen Kennungen nur auf gerade ausgeschiedene Externe lauten. Wer mag die jetzt ersetzen?

Mittwoch, 25. November 2020

Weltoffenheit - Teil 2 - TV-Tipp

 Weltoffenheit ist eine Herkulesaufgabe, das hatte ich ja schon geschrieben.

Man kann sich natürlich schon für weltoffen halten, weil man mal ins Chinarestaurant geht, mit ein paar Italienern Fußball spielt oder nach Australien in Urlaub fliegt. Aber das ist zu kurz gesprungen.

Weltoffenheit verlangt die Beschäftigung mit anderen Welten, das Eingehen auf das Fremde und - jetzt kommt es - den Einbau in das eigene Weltgefüge. Und an dieser Stelle wird es so richtig schwierig. Wir erleben an vielen Stellen (auch in Deutschland) ein Nebeneinander von mehreren Kulturen, die sich mal stärker, mal schwächer ineinander mischen.

Ausgesprochen sehenswert ist in diesem Zusammenhang der Film "Nur eine Frau", der heute Abend um 20:15 Uhr im RBB läuft. Die (unwichtige) Handlung erzählt von einer jungen Frau, die aus einer streng gläubigen Familie ausschert und am Ende durch Ehrenmord zu Tode kommt. Ergänzend wird die Geschichte eines anderen Mädchens berichtet, die zwar auch aus einem muslimischen Umfeld kommt, aber nur vorübergehend in die strenggläubige Welt gerät.

Ob es nun um Glauben geht, um fremde Landsleute oder ganz andere Menschen - das ist im Grunde egal. Wir erleben hier etwas, was nicht in unserer eigenen Welt vorhanden ist. Was Reflexe hervorruft, die eben auch aus unserer Welt stammen. Wir stellen (aus unserer Sicht und mit unserem Maßstab) Fragen nach richtig und falsch, erwarten von (deutschen) Gerichten, dass sie den in uns tobenden Widerspruch entscheiden.

Wer sich also für weltoffen hält oder sich diesem Thema ernsthaft nähern möchte, dem lege ich das bewusste Anschauen des oben genannten Films ans Herz. Empfehlung hierbei, weniger den Film als sich selbst zu betrachten und die innere Bewegung, die Reaktionen und den eigenen (fiktiven) Umgang mit der dargestellten Situation.

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Weltoffenheit

Es klopft. Ich stehe auf, öffne die Tür und schaue auf den Gang: Niemand zu sehen. Aber ich höre ein Flüstern. „Öffne Dich“. Was war das? Da wieder: „öffne Dich!“. Ich drehe mich einmal um die eigene Achse, aber es ist niemand da. Vielleicht die Sprechanlage?
Tür zu, weiterarbeiten. Aber es lässt mich nicht los. So gehe ich zum Fenster, schaue hinaus. In die Welt. Die Welt vor meinem Büro. Meine Welt. Und auf einmal wird mir klar: das Ganze war eine Botschaft. Sie will mir sagen, dass ich mich der Welt öffnen soll. Was für ein übermenschlicher Auftrag. In meiner kleinen Welt bin ich zu Hause, vielleicht gefangen, aber irgendwie auch sicher. Sie auch nur ein wenig zu vergrößern ist äußerst schwierig, die Welt eines anderen Menschen zu akzeptieren eine Herkulesarbeit und sie gar zu integrieren schier unmöglich.

Wer die Hautfarbe seiner Mitmenschen nicht ignoriert, kommt unverzüglich in den Verdacht des Rassisten. Wie leicht kann man die mangelnde Offenheit hier erkennen. Aber wie gehen wir mit Menschen um, die in weniger offensichtlichen Themen genauso engstirnig oder gar fanatisch ihre Meinungen und Ansichten vertreten. Gibt es ein Pendant zu Radikalismus?
Ein großes Wort also, diese Weltoffenheit. Wer hat die Größe, es mit Leben zu füllen?

Montag, 23. November 2020

TAV des Teufels (Staffel 2, Folge 3)

TAV des Teufels (Staffel 2 Folge 3)
Liebenswürdig, zuvorkommend, interessiert auch an fachlichen Weiterentwicklungen, stets geduldig und verständnisvoll für die Sorgen und Nöte der Anwender – so stellt man sich den idealen TAV (Technischer Anwendungsverantwortlicher) vor. Aber es gibt auch diese fiese, selbstbegeisterte und arbeitsvermeidende Sorte, die vielleicht verborgen in uns schlummert.
In der zweiten Staffel gibt es wieder neue Erlebnisse und Erkenntnisse dieser Schattenseite, und wenn Sie hier und da mal schmunzeln, dann steckt vielleicht auch ein klein bisschen davon tief in der Seele des TAV des Teufels…

(2-3: Corona-Special) Es gibt doch keine Seuche, die mehr Segen für mich ist als diese. Den ganzen Tag Homeoffice, immer wieder. Oh, wie ich leide! Endlich konnte ich mal mein Smarthome vorantreiben, die privaten Server aktualisieren und in Ruhe neue Fiesheiten ausdenken.

An normalen Tagen nehme ich mir zwischendurch einfach mal eine Auszeit. Telefonkonferenzen fange ich an, dann schalte ich das Mikrofon auf Stumm, und wenn ich was gefragt werde schreibe ich mit Zeitversatz in den Chat, dass ich leider nur noch hören, aber nicht sprechen kann. Oder umgekehrt. Ich rede los, obwohl noch jemand spricht und behaupte später, dass ich nichts mehr gehört habe.

Für längere Pausen schalte ich meinen Router aus. Ruhe an der gesamten Front. Keine Anrufe, keine Meetings, keine Mails. Ein paar Nachrichten formuliere ich, lege sie in den Postausgang und starte dann nachts mit der Zeitschaltuhr die Fritzbox, so dass die Mails kurz nach Mitternacht verschickt werden. Ja, ich bin ja so engagiert.

Schließlich wird der Kalender noch mit Phantomterminen bestückt, mal privat markiert, mal nebulös mit Projektaufträgen vollgestopft. Versuch‘ gar nicht erst, mit mir eine Besprechung zu planen.
Wie heißt es so schön: In jeder Krise steckt auch eine Chance – die gilt es zu nutzen.

Montag, 16. November 2020

TAV des Teufels (Staffel 2, Folge 2)

TAV des Teufels (Staffel 2 Folge 2)
Liebenswürdig, zuvorkommend, interessiert auch an fachlichen Weiterentwicklungen, stets geduldig und verständnisvoll für die Sorgen und Nöte der Anwender – so stellt man sich den idealen TAV (Technischer Anwendungsverantwortlicher) vor. Aber es gibt auch diese fiese, selbstbegeisterte und arbeitsvermeidende Sorte, die vielleicht verborgen in uns schlummert.
In der zweiten Staffel gibt es wieder neue Erlebnisse und Erkenntnisse dieser Schattenseite, und wenn Sie hier und da mal schmunzeln, dann steckt vielleicht auch ein klein bisschen davon tief in der Seele des TAV des Teufels…

(2-2) Lieben Sie auch diese Anrufumleitungen über das Telefonportal? Zunächst die Auswahl meines heutigen Opfers. Mal genau überlegen, wer mich mit Aufträgen nervt oder – noch schlimmer – meine Arbeit kritisiert. Inzwischen bin ich routiniert, andere Telefonanschlüsse auf diese armselige Kreatur umzuleiten. Und sicherheitshalber noch die Rückrufmöglichkeit auszublenden. Wer es zu arg mit mir getrieben hat, der wird härter rangenommen. Diese göttliche Ruhe, wenn alle Telefonleitungen einer Abteilung auf eine Person umgeleitet sind.


Da bin ich ganz sozial, die anderen sollen ja auch was davon haben. Endlich mal arbeiten und nicht dauernd gestört werden. Es kann nur sein, dass sie gar nicht arbeiten, sondern stattdessen einen Kaffee trinken gehen. Aber das werde ich dann im Einzelfall auch noch behandeln.

Montag, 9. November 2020

TAV des Teufels (Staffel 2, Folge 1)

TAV des Teufels (Staffel 2 Folge 1)
Liebenswürdig, zuvorkommend, interessiert auch an fachlichen Weiterentwicklungen, stets geduldig und verständnisvoll für die Sorgen und Nöte der Anwender – so stellt man sich den idealen TAV (Technischer Anwendungsverantwortlicher) vor. Aber es gibt auch diese fiese, selbstbegeisterte und arbeitsvermeidende Sorte, die vielleicht verborgen in uns schlummert.
In der zweiten Staffel gibt es wieder neue Erlebnisse und Erkenntnisse dieser Schattenseite, und wenn Sie hier und da mal schmunzeln, dann steckt vielleicht auch ein klein bisschen davon tief in der Seele des TAV des Teufels…

(2-1) Cooles Thema ist die Raumplanung. Das komplexe Gespinst der Themen schreit danach, gestört zu werden. Ich will nicht dauernd das Büro wechseln und schalte um von der Opferrolle zum Wolf im Schafspelz. Gut gelaunt verdrehe ich mit meinen Adminrechten erst mal die Termine und die Reihenfolge, zuerst mal wird die neue Etage geräumt, ich tausche mit dem Abteilungsleiter und bei der Sekretärin im Vorzimmer suche ich mir die süße Blonde mit den langen Beinen aus. Wenn ich schon umziehen muss, dann nicht alleine.

Die daraus aufkommende Diskussion und Rettungsversuche in der Datenbank torpediere ich durch Impfung des Betriebsrates mit Gerüchten um neue Corona-Vorgaben. Im entstehenden Chaos frage ich dann ganz offiziell bei der Umzugsfirma nach den Optionen zum Umzug der von mir betreuten virtuellen Server an.

Uff, die geben erst mal Ruhe. Und für die zweite Runde lasse ich mir was Neues einfallen.

Montag, 2. November 2020

TAV des Teufels (Staffel 1, Folge 4)

TAV des Teufels (Staffel 1 Folge 4)
Im wirklichen Leben bin ich ein freundlicher TAV (Technischer Anwendungsverantwortlicher). Zuvorkommend, hilfsbereit, immer ein offenes Ohr für meinen Fachbereich, kooperativ und kollegial. Aber wenn in den dunklen Stunde Dr. Jekyll durch Mr. Hyde verdrängt wird, kommt eine andere – auch mir selbst seltsam fremde - Seite hervor: egoistisch, Kleinmacht-besessen, rücksichtslos und arbeitsscheu, dann bin ich der TAV des Teufels…

(1-4) Mein neuestes Gadget geht seit der Umstellung auf Microsoft Outlook besonders leicht. Da zaubert ein Agent die schönsten E-Mails aus dem Archivordner.

Das geht so: Wenn mir so richtig langweilig ist, sortiere ich meine E-Mails nach Datum und suche ein paar Kandidaten raus, die mir mal vor Jahre in die Quere gekommen sind. Jetzt ist der Zeitpunkt der Vergeltung. Uralte Vorgänge befreie ich vom Datum und schicke sie anonym an Compliance mit der Bitte um Überprüfung. Da ist doch was nicht mit rechten Dingen zugegangen, auch wenn das seinerzeit gut verschleiert wurde. Eher unspezifisch erläutere ich mit Bitte um absolute Vertraulichkeit Unregelmäßigkeiten und verdächtiges Verhalten. Überprüfung unabdingbar, wenn man Wirecard 2.0 verhindern will.

Höhö, das gibt sowohl beim Compliance-Office als auch bei dem Opfer einen schönen Zeitvertreib. Dabei weiß ich nicht, was mir besser gefällt.

[Fortsetzung "TAV des Teufels"]

Montag, 26. Oktober 2020

TAV des Teufels (Staffel 1, Folge 3)

TAV des Teufels (Staffel 1 Folge 3)
Im wirklichen Leben bin ich ein freundlicher TAV (Technischer Anwendungsverantwortlicher). Zuvorkommend, hilfsbereit, immer ein offenes Ohr für meinen Fachbereich, kooperativ und kollegial. Aber wenn in den dunklen Stunde Dr. Jekyll durch Mr. Hyde verdrängt wird, kommt eine andere – auch mir selbst seltsam fremde - Seite hervor: egoistisch, Kleinmacht-besessen, rücksichtslos und arbeitsscheu, dann bin ich der TAV des Teufels…

(1-3) Unfassbar, es gibt Zeitgenossen, die versuchen, mich über Skype zu irgendwelchen bescheuerten Meetings einzuladen. Ich brauche die einfach nicht. Mein Computer ist mir genug, da brauche ich keine Nervensägen und Dorftrottel, die stundenlang über Pillepalle diskutieren. Mit morgendlichem Start durchwandert mein Skype-Status deshalb alle möglichen Optionen, von „Beschäftigt“ über „Nicht stören“ bis „Am Telefon“. Das ist dann doch wohl eindeutig.

Die Renitenten versuchen es trotzdem. Sowas kann ich natürlich nicht durchgehen lassen. Zur Vorbereitung ist mein Kalender bis auf halbstündige Scheiben randvoll. Und ein kleines Skript erledigt für mich die automatische Ablehnung von Einladungen, mal unter Vorbehalt verschoben auf exotische Zeiten, mal mit der Rückfrage nach einer Agenda und genauer Begründung, warum ich dabei sein muss.

Leider dauert es bei einigen Leuten Wochen, bis sie begreifen, dass sie ihre Kaffeekränzchen ohne mich machen müssen. Gott sei Dank ist mein Skript geduldig und lehnt auch die x-te Einladung stoisch wieder ab.

Montag, 19. Oktober 2020

TAV des Teufels (Staffel 1, Folge 2)

TAV des Teufels (Staffel 1 Folge 2)
Im wirklichen Leben bin ich ein freundlicher TAV (Technischer Anwendungsverantwortlicher). Zuvorkommend, hilfsbereit, immer ein offenes Ohr für meinen Fachbereich, kooperativ und kollegial. Aber wenn in den dunklen Stunde Dr. Jekyll durch Mr. Hyde verdrängt wird, kommt eine andere – auch mir selbst seltsam fremde - Seite hervor: egoistisch, Kleinmacht-besessen, rücksichtslos und arbeitsscheu, dann bin ich der TAV des Teufels…

(1-2) Ruft mich doch tatsächlich ein Anwender an. Ich verstehe das nicht. Wann kapieren die Menschen endlich, dass man alles mit mir machen kann, so lange man mich in Ruhe lässt. Anrufen geht jedenfalls gar nicht. Mit wenigen Mausklicks bin ich im Active Directory, ganz scheinheilig frage ich nach der Benutzerkennung. Während er mir die Ohren vollheult, habe ich ihn in im Zugriffsbaum gefunden und wähle genüsslich eine Berechtigung aus, die er in wenigen Minuten nicht mehr haben wird.

Nachdem das erledigt ist, lege ich einfach auf. Soll bloß nicht auf die Idee kommen, wieder anzurufen. Meine Telefonleitung ist für den Rest seines Lebens für ihn gesperrt.

[Fortsetzung "TAV des Teufels"]

Freitag, 16. Oktober 2020

Du bist hier und jetzt – sonst ist der Finger ab

Diese kleine Geschichte geht zurück auf meine Lehrzeit. Wie mir die Gesellen erzählten, hatte ein früherer Lehrling die Aufgabe, zur Übung ein paar Holzstücke mit dem Handhobel in Form zu bringen. Nun ist das gar nicht so einfach und für Anfänger eine recht mühsame Arbeit. Also nahm der Lehrling sich das Holz, startete die Kappkreissäge und wollte das Werkstück in die vorgegebene Form bringen. Es war ihm klar, dass die elektrische Kreissäge für ihn noch tabu war. Auch war die Aufgabe ja eindeutig auf manuelle Arbeit ausgerichtet

Entsprechend wartete er einen unbeobachteten Moment ab, schaute zur Tür vom Büro (wo der Meister saß) und senkte mit der rechten Hand die Säge, während die linke das Holzteil hielt. Zu seinem Unglück hatte er falsch geschätzt und teilte mit Schwung nicht nur das Holz, sondern auch einen Finger.
Das geht in einer Tischlerei rasend schnell. Jede Unaufmerksamkeit, jede Ablenkung führt sehr leicht zu einem Unfall. Eine wichtige Grundregel lautet daher, dass man immer dahin schaut, wo man arbeitet.

Im Büroalltag ist natürlich kein Finger ab. Aber die Konzentration und Aufmerksamkeit auf die Arbeit, die wir gerade erledigen, ist auch hier wichtig. Wenn wir im Wesentlichen darauf achten, nicht erwischt zu werden, dann sind wir nicht ausreichend fokussiert auf die eigentliche Aufgabe. 
Und auch die vermeintlich geschickte Erledigung lästiger Arbeit durch Maschinen (z. B. RPA = Robot Process Automation) sollte nur jemand machen, der – noch mal als Tischler formuliert – einen Maschinenschein hat.

Montag, 12. Oktober 2020

TAV des Teufels (Staffel 1, Folge 1)

TAV des Teufels (Staffel 1 Folge 1)
Im wirklichen Leben bin ich ein freundlicher TAV (Technischer Anwendungsverantwortlicher). Zuvorkommend, hilfsbereit, immer ein offenes Ohr für meinen Fachbereich, kooperativ und kollegial. Aber wenn in den dunklen Stunde Dr. Jekyll durch Mr. Hyde verdrängt wird, kommt eine andere – auch mir selbst seltsam fremde - Seite hervor: egoistisch, Kleinmacht-besessen, rücksichtslos und arbeitsscheu, dann bin ich der TAV des Teufels…

(1-1) Ich bin ganz verliebt in diese kleinen Automaten. RPA macht das Leben leichter, auf meinem LOA-Client kann ich damit unter dem Namen beliebiger User alles steuern, durchklicken und ausfüllen lassen. Und dabei ist der kleine Freund so universell, tagsüber kann er mir beim Testen helfen, nachts kümmert er sich um die Erledigung der Compliance-Evaluierung. Wer auch immer mir dafür Admin-Rechte gegeben hat, muss verrückt gewesen sein.

Heute lasse ich ihn einen Change anlegen als kleines Geschenk für einen Projektleiters, der mir widersprochen hat. Es macht einfach Spaß, meinem Roboter bei der Arbeit zuzuschauen, wie er Felder ausfüllt, Zuständigkeiten auswählt und den Workflow vor sich her treibt. Als nebulöse Begründung lasse ich BaFin-Vorgabe Bereich Compliance eintragen. Dadran muss ich leider noch mal arbeiten, er soll die Notwendigkeiten, Test- und Changeaufgaben nicht nur aus alten Changes übertragen, sondern auch mit KI aus einer Datenbank zusammenstellen. Knifflige Aufgabe, aber der werde ich mich stellen.

Bis dahin muss ich hier und da mal manuell eingreifen – jedenfalls wird es bestimmt Wochen dauern, bis die Idioten gemerkt haben, dass es ein Fehlalarm ist und sie nichts machen müssen. Recht so.

[Fortsetzung "TAV des Teufels"]

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Freitag, 9. Oktober 2020

Durch die Augen meiner Mitmenschen

Auf dem Weg durch den Bahnhof habe ich die Lektüre der Nachrichten während der Zugfahrt hinter mir, auch die Durchsicht der anstehenden Termine ist erledigt. Zeit jetzt für ein kleines Spielchen. Ich laufe also durch den Bahnhof und schaue mir die anderen Leute an.

Gerade kommt mir ein Herr in meinem Alter entgegen, er starrt auf sein Handy. Schwupps, versetze ich mich in ihn, schaue durch seine Augen und sehe in Gedanken sein Smartphone vor mir. Gerade ist da eine Nachricht von seiner Frau auf dem Display. Ich schaue kurz hoch, damit ich nicht mit anderen Personen zusammenstoße, sehe mich mit Rucksack auf ihn zueilen und weiche aus, während ich weiter die Nachricht auf dem Smartphone lese. Schwupp, vorbei.

Eine junge Frau links neben mir bahnt sich diagonal einen Weg durch den Menschenstrom in Richtung Nebenausgang. Schwupps, drin. Hektisch sehe ich durch ihre Augen um mich, halber Laufschritt und immer auf der Suche nach einer Lücke, durch die ich mich möglichst schnell zum Ausgang bewegen kann. Schräg rechts neben ihr ein dahintrottender Mann mit Rucksack (das bin ich), vor dem sie noch schnell vorbeischlüpft und in wenigen Schritten, plötzlich noch schneller, den angepeilten Durchgang zur Westseite erreicht. Schwupp.

Und da der Kaffeeverkäufer hinter seinem Stand. Gelangweilt schaue ich durch seine Brille der morgendlichen Menschenflut zu. Oh, da kommt tatsächlich ein Kunde auf seinen Stand zu, ich schaue ihn an, mustere ihn und überlege, was er nach der Begutachtung des Angebots wohl nehmen wird. Ich tippe mal auf Milchkaffee. Richtig geraten! Ich drehe mich um, vor mir jetzt die Maschine, Becher unterstellen und Knopf drücken während ich die Kasse öffne.

Bahnhof zu Ende, ich trete ins Freie. Aber das Kammerspiel geht noch weiter. Jetzt entwickle ich im Kopf das Ende dieser drei Szenen.

Der Herr hat seinen Bahnsteig mittlerweile erreicht, festgestellt, dass der Zug verspätet ist und er noch einen Cappuccino holen kann. Er ist auf dem Weg zum Kaffeestand, wo der Verkäufer gerade abkassiert und den Becher aushändigt, noch auf die Selbstbedienung bei den Löffeln und Deckeln hinweist.

In genau dem Moment, in dem der Herr den Nebenausgang passiert, kommt die junge Frau herausgestürmt, sie war beim "Backwerk" und versucht nun in höchster Eile noch ihren Zug zu bekommen. In ihrer Hektik stößt sie mit dem Herrn zusammen, der überrascht ins Torkeln kommt und gegen den Kaffeekunden stößt, der gerade einen Deckel auf seinen Milchkaffee drücken will. Leider ist der Deckel noch nicht drauf und der Becher fliegt durch die Gegend.

Großes Geschrei. Der Kaffeeverkäufer kommt mit einem Lappen gelaufen, die Sauerei vor seinem Laden ist schlecht fürs Geschäft. Nochmal lautstarke Vorwürfe und Motzereien, die junge Frau tut unbeteiligt und rast wieder los Richtung Zug. Auch die anderen ziehen weiter, der Herr – jetzt mit Cappuccino – zu seinem ICE, der Kaffeekunde mit einem neuen Becher Milchkaffee zu seinem Büro und der Verkäufer kann sich weiteren Kunden zuwenden.

Alles geht seinen Gang.
Nächste Szene morgen.

Montag, 28. September 2020

Kleiner organisatorischer Hinweis...

Der volle Funktionsumfang - insbesondere Profil, weiterführende Informationen und Abonnement meines Blogs - ist leider nur in der Desktop-Version (also nicht in der Darstellung auf mobilen Endgeräten) vorhanden.

Ich lade herzlich ein, dort zu lesen (ist aus meiner Sicht auch schöner) und mir und meinen Texten auf diesem Wege auch zu folgen.

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Die tägliche Arbeitsflut oder DDOS-Attacke auf mich

Ich sitze am Schreibtisch, es ist früher Morgen und die Sonne geht langsam auf. In meinem Postfach sind ein paar E-Mails von den Nachteulen gestern und den Frühaufstehern heute. Alles recht überschaubar.
Mein Tag ist vorgeplant, Blick in den Kalender: Drei Telefonkonferenzen, Mittagessen, die verbleibenden rund drei Stunden kann ich zum Bearbeiten von Vorgängen nutzen.
Alles ist so friedlich, ich mache mich an die erste E-Mail, lese sie sorgfältig durch, schlage in verschiedenen Dokumenten nach und formuliere eine Antwort. Beim Absenden wird mein Postfach aktualisiert, im Tausch für den bearbeiteten Brief sind zwei neue eingetroffen. Während ich in Ruhe die nächsten drei  Mails bearbeite, kommen fünf weitere hinzu. Trotz Erhöhung der Arbeitsgeschwindigkeit kommen mehr Nachrichten dazu als ich wegschaffen kann.
Das erste Meeting ruft, ich lasse meine Mailbox alleine und nehme mit mehreren Kollegen am Projektaustausch Teil. Nach der Sitzung noch schnell ein Kaffee, Zusammenfassung der Ergebnisse für mich und Auflistung der erhaltenen Aufträge.

Zurück zu meiner Mailbox. Ja, war ich denn einen Tag in Urlaub? In der guten Stunde sind über zwanzig neue Nachrichten eingegangen. Ich versuche, in den Betreffzeilen eine Struktur zu erkennen, und tatsächlich sind davon acht Nachrichten eine Kette zum selben Thema (Lesen der neuesten reicht). Und bei weiteren sechs Nachrichten bin ich nur in Kopie, für die ist jetzt keine Zeit, die räume ich einfach weg. Es bleiben also nur sieben zur genaueren Betrachtung. Uff, das geht ja noch.
Mittlerweile bin ich ganz gut unter Last, aber die Bearbeitung ist schon noch möglich. Notfalls verkürze ich meine Mittagspause.

Doch jetzt steigert sich die Schlagzahl zu einem furiosen Trommelwirbel. Alle paar Minuten eine neue E-Mail. Und da ist es: Dieses Gefühl, dass ich das nicht bewältigen kann, selbst wenn ich heute mal wieder länger mache. Bei Computersystemen spricht man von DOS-Attacken (Denial of Service = durch Überzahl gezielter Anfragen provozierte Überlastung), bekannt von Hackerangriffen. In meinem Fall einer DDOS-Attacke, also Anfragen von verteilten (Distributed) Absendern. Im technischen Umfeld bricht das so attakierte System irgendwann unter der Last zusammen und stellt seinen Dienst ein. Je nach Mechanismus erholt es sich – bestenfalls automatisch - mehr oder weniger schnell und ist nach Beendigung der Flut wieder arbeitsfähig.

Während ich noch über dieses Analogon nachdenke, klingelt das Telefon; Ein Kollege weißt mich auf die Dringlichkeit seines Anliegens hin, das er mir vorhin ja schon per E-Mail geschildert hat. Und dass ich den Fall unbedingt vorrangig auf meine Liste nehmen müsse. Noch während wir telefonieren öffnet sich ein Chat-Fenster, ein weiterer Antritt, mich zu kontaktieren. Und in einer halben Stunde das nächste Meeting, das ich noch ein wenig vorbereiten muss.

Ich werde also gerade ungewollt Opfer eines Angriffs oder zumindest eines Penetrationtests. Von allen Seiten kommen in unbremsbarer Geschwindigkeit Kollegen auf mich zu, möchten etwas von mir, erwarten eine Antwort oder Reaktion meinerseits. Das Ganze zu ständig wechselnden Themen, mir schwirrt der Kopf. Was beim Server das Einfrieren von Prozessen ist bei mir die Resignation und der damit verbundene Absturz. Und die traurige Erkenntnis, dass jeder Mensch überlastet werden kann, egal, wie effizient er arbeitet, egal, wie gut jede Einzelheit funktioniert. Alles eine Frage der Quantität.

Einzige Hoffnung: Irgendwann lässt die Flut nach, dann kann ich mich wieder ein wenig regenerieren. Jetzt unbedingt Ruhe bewahren. Jeden Tag aufs Neue… gute Nacht!

Sonntag, 27. September 2020

Lieber Stefan

Ich erinnere mich immer mal wieder an die Szene, als Du vor mir saßt, ein Schreibtisch zwischen uns. Du hast mich scharf kritisiert - an der Kante zu angebrüllt - nachdem es ein Gespräch mit einer Beratungsfirma gab.
Diese Beratungsfirma sollte ein Gutachten schreiben, das bestimmte Handlungen unseres Arbeitgebers einwerten musste. Auch nach konkreter Nachfrage konnten mir die Berater zwar nicht belegen, dass sie sich mit der Sache schon mal beschäftigt, geschweige denn die von mir bereitgestellten Unterlagen studiert hatten. Allerdings waren sie in der Lage, einen genauen Betrag für die erforderliche Arbeit der Analyse und Begutachtung zu nennen.
Aus meiner Sicht hochgradig unseriös.

Du, lieber Stefan, warst mit meinen Nachfragen nicht einverstanden, da für Dich die Beauftragung - offensichtlich gleich zu welchem Preis - schon gesetzt war.
So musste ich dann nicht allein die Verschwendung auf Kosten unseres Unternehmens, sondern auch Vorwürfe ("Wenn ich als Abteilungsleiter eine Entscheidung treffe, erwarte ich keine weiteren Fragen") gefallen lassen.

Ich habe damals nicht verstanden, warum mir diese (faktische) Ungerechtigkeit widerfuhr. So war ich getroffen, aber eben auch aus meinem Unverständnis heraus beleidigt.
Gleichzeitig hast Du vermutlich nicht verstanden, welche Beweggründe mich angetrieben haben. Sah der Eine seine Machtposition ("ich entscheide") gefährdet, sah der Andere die Sache (übertriebene Kosten) missachtet. Es gelang weder der einen noch der anderen Partei, die Gegenseite zu verstehen.

Mir ging es nicht um die Macht, die ist mir von meinem Grundtyp her völlig egal, sondern um die Faktenlage. Diese in den Mittelpunkt stellend konnte man das aus meiner Perspektive freche Angebot nicht unverhandelt annehmen. Dir ging es weniger um das Angebot, vielleicht war die Auswahl ja schon getroffen, sondern um die Erhaltung Deiner Schulterklappen - insbesondere in der Öffentlichkeit im Sinne des Meetings mit der Beratungsfirma.

Hätten wir nicht besser beide an einem Strang gezogen? Du hättest Deine (unbegründete) Sorge um Deine "Machtposition" zur Seite geschoben. Ich hätte meine Verhandlung im Idealfall vorher abgesprochen und beispielsweise als good-cop-bad-cop geführt.
Nur setzt das voraus, dass man die Größe hat, sich als Führungskraft auf seinen Mitarbeiter zu verlassen. Und auf seine eigenen Führungsqualitäten vertraut. 

Freitag, 18. September 2020

Selbstmanagement – endlich mal Ordnung in meinem Leben

 Als ich mich vor Jahren in einem Kurs für Selbstmanagement wiederfand, war ich angetan von den Ideen, die der Trainer uns vermittelte. Da war von Ordnung die Rede, auch Priorisierung spielte eine Rolle und wie ich damit umgehen konnte, meinen Tag und mein Leben optimal zu planen.

Mittlerweile sind mir viele der seinerzeit angebotenen Inhalte in Fleisch und Blut übergegangen. Nur frage ich mich, ob das ganz grundsätzlich der richtige Weg für mich ist. Wenn ich ein für mich zu leistendes Arbeitspensum habe, dann ist Priorisierung eher nachgelagert. Auch das Verschieben der Erledigung in die Zukunft und das Aufsetzen von Todo-Listen wird erst dann unumgänglich, wenn ich überlastet bin.

Und viele Kollegen berichten mir, dass sie ihre Arbeitstage als schön empfinden, wenn sie ihre Arbeit voll erledigt haben (also nichts vertagen müssen) und dabei einen gewissen Gestaltungsspielraum haben. Sonst fühlen sie sich wie die Kugeln im Flipper. Gerade also das Abweichen vom durchgestylten Perfektionismus, der auf den ersten Blick die letzten Prozentpunkte unserer Leistungsfähigkeit herauskitzeln soll.

Und so liegt für mich das Optimum meines Lebens zwar in einem perfekten Selbstmanagement, aber eben nicht im Optimum der Ausbeute.

Dienstag, 15. September 2020

Wollen und Müssen

Das Gras steht hoch.
1. Ich muss Rasen mähen.
2. Ich will Rasen mähen.
3. Ich habe mich entschlossen, Rasen zu mähen.
4. Ich möchte Rasen mähen.
5. Ich darf Rasen mähen / ich habe Lust darauf, Rasen zu mähen.

Später am Tag ist der Rasenmäher nach getaner Arbeit wieder im Gartenhaus.
Faktisch ist also das Gras jetzt gekürzt, der Betrachter sieht in jedem Fall einen pelzigen Grünteppich.

Aber in mir sind – je nach oben skizzierter Einstellung - ganz unterschiedliche Dinge und Gefühle am Werke. Beim Zwang (1) habe ich keine Wahl, es ist eine mehr oder weniger lästige Pflicht. Allein die gefühlte Alternativlosigkeit macht mir schlechte Laune. Das ändert sich schon mit der Entfaltung meines Willens (2), denn die durchzuführende Arbeit ist von mir gewollt. Noch etwas freier beim Entschluss (3), in diesem Fall kommt noch eine Wahlmöglichkeit ins Spiel. Alternativ hätte ich einen wie auch immer gearteten anderen Weg gehen können.
Ab Option (4) wird es komfortabel, es ist die Bevorzugung oder Präferenz in der Planung. Und bei Nummer (5) brauche ich nichts weiter zu schreiben: Da kommt Freude auf.

Nicht weiter überraschend, nicht wahr. Und zum Beispiel als Variante des Refraimings aus der Neurolinguistischen Programmierung (NLP) bekannt. Aber in der Praxis enorm hilfreich. Faktisch ist ja – siehe oben – kein Unterschied zu erkennen, aber zwischen mürrischem, eher widerwilligem Antritt und erfüllendem Spaß liegt fast nichts. Nur eine Änderung der Grundeinstellung.

Und das gilt natürlich nicht nur für das Rasenmähen. Es gilt für so ziemlich alles, was ich tagaus, tagein mache. Wobei ich ganz besonderes Augenmerk auf den Perspektivwechsel von (1) auf (2) lenken möchte.
Und es gilt auch nicht nur bei mir selber, sondern auch im Umgang mit meinen Mitmenschen, Partnern, Freunden, Arbeitskollegen. Wer sich nur gedrängt und gezwungen fühlt (!), der wird geradezu zwangsläufig Lust-los arbeiten. Wie schön ist es da, wenn man miterleben kann, dass aus der lästigen Pflicht ein Lust-auf-mehr wird.

Es ist mir klar, dass das nicht immer geht. Das wäre naiv. Ich fülle auch nicht gerade begeistert Formulare aus. Und es gibt bestimmt Tätigkeiten, bei denen mir die leuchtenden Augen so gar nicht entstehen wollen. Aber einen Versuch ist es allemal wert.

Montag, 31. August 2020

Ich liebe meine Bohrmaschine

Seit mehreren Stunden sitze ich im Büro an der Beantwortung von Fragen für unseren Bereich Compliance. Obwohl mein Schreibtisch dank papierlosem Büro weitgehend leer ist, kann ich das von meinem Arbeitstag nicht behaupten. Da zieht sich die Bearbeitung dieser für mich lästigen Fragen wie eine endlose Strafarbeit dahin. Damit nicht genug, seit dem letzten Durchgang hat sich der Fragenkatalog geändert und – was schlimmer ist – auch die Bedienung des Eingabesystems ist jetzt anders.

Ich schwanke zwischen Resignation und Verzweiflung. „Was macht ihr da mit mir, wofür vergeudet ihr meine Lebenszeit und euer Geld“, möchte ich rufen. Aber es würde natürlich niemand hören. Und deshalb nehme ich meine Frustration still in mich auf.

Endlich Feierabend. Ich lasse den Rest für morgen liegen, stehe auf und mache eine Pause. Eine gute Gelegenheit, nach neuen Nachrichten meiner Freunde zu schauen. Doch was ist das? Meine App verweigert den Dienst, verlangt zwingend nach einer Aktualisierung. Zähneknirschend sorge ich für die Bereitstellung der neuen Version und lasse sie installieren. Und – das war ja zu erwarten: Die Bedienung hat sich geändert. Natürlich alles (aus der Perspektive der Entwickler) viel besser, aber ich finde nichts mehr.

Wieder meldet sich meine innere Stimme: „Warum macht ihr das? Könnt ihr nicht beim ersten Wurf so weit denken, dass nicht regelmäßig Änderungen notwendig sind, die mir die Nutzung vergällen?“ Doch ich bleibe stumm, denn was bringt es schon, meine Meinung in die Unendlichkeit des Internet hinauszurufen.

Am Ende des anstrengenden Arbeitstages und einer frustrierenden Pause laufe ich die Treppe hinunter in die Werkstatt. Das letzte bearbeitete Holzstück liegt noch auf der Hobelbank, meine Bohrmaschine daneben. Den Stecker in die Steckdose, Schalter betätigt und – sie läuft. Einfach so. Ohne Compliance-Fragen. Ohne Update, und das seit Jahrzehnten.

„Schöne alte Welt“, flüstert mir irgendetwas ins Ohr. Und Recht hat diese Stimme. Außer mir hört sie zwar niemand, aber jetzt habt ihr es ja gelesen.

Freitag, 21. August 2020

Mein Kleiderschrank ist voll

Dieser Tage habe ich einen Blick in meinen Kleiderschrank geworfen. Er ist voll.
Die Organisationseinheit ist ausgelastet.

Naja, was heißt voll, man muss halt ein wenig drücken, dann gehen noch ein paar Hemden rein.
Arbeitsleistung mit den verfügbaren Mitteln erhöhen.

Bei genauerer Betrachtung kann ich noch ein bisschen mehr unterbringen, wenn ich die Kleiderbügel durch schmalere Modelle ersetze.
Optimierungsmaßnahmen einleiten, um die Arbeitskraft der Mitarbeiter besser ausnutzen zu können.

Nach einigen Einkäufen geht aber auch mit den dünnen Kleiderbügeln nichts mehr in den Schrank. Ich muss mal ein wenig ausmisten.
Prozesse überprüfen, Produktportfolio straffen.

Einkehr im Outlet sorgt für erneute Enge.
Neue Produkte, Arbeitsabläufe, Aufträge und so weiter steigern die Belastung wieder auf Volllast.

Ich frage einen Freund, ob er einen guten Rat hat. Er empfiehlt Mehrfach-Kleiderbügel, jetzt kommen die Hosen untereinander.
Unternehmensberater werden hinzugezogen. Prozesse parallelisiert.

Der gewonnene Raum wird durch Zukäufe wieder gefüllt, ein neuer Anzug passt nicht mehr hinein, er muss neben dem Schrank hängen.
Outsourcing als zusätzliche Option.

Aber irgendwann ist auch dieser Platz voll. Nichts geht mehr.
Die Organisationseinheit ist überlastet, Outsourcing an seiner Grenze angekommen.

Ich kaufe einen zweiten Kleiderschrank.
Die Personaldecke wird aufgestockt.

Freitag, 7. August 2020

Homeoffice – oder: wann regnet es endlich mal wieder?

 Als Rudi Carrell 1975 uns singend fragte, wann es endlich mal wieder Sommer wird. Da waren Sommer auch mal verregnet, wechselhaft und unwirtlich. Urlaub im sonnenverwöhnten Süden war der Traum vieler Familien. Wer es sich leisten konnte, der fuhr mit Sack und Pack zwei Wochen nach Spanien, legte sich an den Strand und tankte Sonne. Endlich dieses entspannende Klima, und das Ganze auch noch in der typischen Urlaubsatmosphäre. Aber nach 14 Tagen war es dann auch genug. Immer nur heiß, eigentlich auch ein bisschen langweilig und zur Abwechslung könnte ja auch mal ein kleiner Regenguss kommen.

So habe ich Anfang 2020 vor mich hingeträumt, dass ich mal nicht werktäglich nach Frankfurt muss. Nicht in den Menschenmassen der S-Bahn, nicht in den vollen Fahrstuhl, nicht in die mittäglich überfüllte Kantine. Arbeiten von zu Hause war für mich und vermutlich viele andere ein Traum. Wer sich diesen Luxus leisten konnte oder vom Arbeitgeber ermöglicht bekam, war beneidenswert. Fahrzeit sparen, die Arbeitszeit über den Tag verteilen, bedarfsweise mal zum Arzt oder zur Autowerkstatt ohne große Organisationsumstände.

Und dann kam Corona. Das Homeoffice war da. Nicht vorübergehend, sondern über Nacht als Normalzustand. Nach einigen Wochen war der anfängliche Charme verflogen, die romantische Vorstellung vom angenehmeren Arbeitsleben der Realität gewichen. Fehlende persönliche Kontakte, Probleme in der Abtrennung von Arbeitszeit zur Freizeit und tatsächlich kaum noch Pausen zwischen den zahlreichen Telefonkonferenzen. Jetzt wäre ein kleiner Regenguss – sprich ein klassischer Arbeitstag wie früher - mal wieder eine willkommene und durchaus erholsame Abwechslung.


Donnerstag, 30. Juli 2020

Das Märchen vom Anwendungsmanager

Es war einmal ein armer Anwendungsmanager. Der zog von Abteilung zu Abteilung und bat um Beschäftigung. Mal blieb er ein Jahr in einer Gruppe, mal durfte er sich auch länger mit einem Computersystem beschäftigen.

Im Laufe der Jahre nun kannte er sich mit den Tricks und Kniffen immer besser aus. Auch wuchs sein Wissen um die typischen Schwachstellen und durch die lange Wandertägigkeit hatte er sich neben einem umfangreichen Erfahrungsschatz auch ein beachtliches Netzwerk aufgebaut.

Ohne sich dessen allzu bewusst zu werden, hatte er bei seinen Kollegen wie auch bei seinen wechselnden Führungskräften einen guten Ruf. Und so wurde er immer mal wieder mit zusätzlichen Aufgaben betraut, die andere nicht in seiner Qualität erledigt hatten. Das machte ihn sehr stolz und er freute sich, dass er neben seinem eigentlichen Aufgabengebiet mehr und mehr fremde Tätigkeiten übertragen bekam.

Damit nahm er natürlich seinen Kollegen viel Arbeit ab. Das nahmen sie ihm aber gar nicht krumm, sondern lobten ihn für seinen Fleiß, während sie es sich bequem machten. Und auch die Führungskräfte schätzten ihn als zuverlässigen Mitarbeiter, der jede ihm übertragene Sache in bester Qualität bearbeitete.

In seiner Zufriedenheit und motiviert vom Lob merkte er nicht, dass seine Arbeitslast immer größer wurde. Hatte er früher seine vertraglichen Stunden abgeleistet, nahm inzwischen die Zahl der Überstunden immer weiter zu. Ja, es kam sogar häufig vor, dass er die Arbeitszeit mit schlechtem Gewissen gar nicht mehr angab, um eine Überschreitung der gesetzlich vorgeschriebenen Maximalstunden zu vertuschen.

Denn unser armer Anwendungsmanager konnte sich einfach nicht entscheiden, welche der vielen und für das Unternehmen ja offensichtlich auch unentbehrlichen Arbeiten er abgeben könnte. Und die  Führungskräfte bekamen in ihren Management-Dashboards auch nur Status grün gemeldet und beglückwünschten sich für die gute Besetzung der Stelle. 

Und so hört die Geschichte mit dem Ende auf, denn der Geist war zwar willig, aber das Herz war schwach.

Sonntag, 26. Juli 2020

... und habe sie deshalb gelöscht

Diese Geschichte geht zurück auf eine Anekdote, die mir ein Kollege vor einigen Jahren erzählte. Er hatte seinerzeit eine E-Mail verfasst, in der er einem Juristen einen Fall darlegte und allerlei Hintergrundinformationen mitteilte.
Nun wartete er auf eine Reaktion, eine Rechtsberatung durch den Angeschriebenen. Nichts passierte. Nach einigen Tagen schrieb er also erneut eine E-Mail und fragte nach. Lapidare Antwort des Juristen: "Ich konnte Ihrer E-Mail keinen Aufforderungscharakter entnehmen und habe sie deshalb gelöscht."

Tja, so kann es gehen. Zwei Schlüsse habe ich daraus gezogen.

(1) Ich lese an mich gerichtete E-Mails auch unter dem Gesichtspunkt, ob ich zu irgendeiner Handlung aufgefordert werde. Nicht selten erwische ich mich dabei, dass ich spontan auf den "Antworten"-Knopf drücke und auf eine rein informative Nachricht reagiere. Schlimmstenfalls sogar an einen ganzen Verteiler.
Das interessiert niemand und wird ja auch gar nicht von mir erwartet. Entsprechend kann ich mir das also sparen.

(2) Ich schreibe E-Mails klar und deutlich. Wenn der Empfänger etwas machen soll, dann steht das im Betreff und in der ersten Zeile des E-Mail-Textes. "Lieber Herr Soundso, können Sie bitte xy für mich machen." Je nach Couleur empfiehlt es sich, gleich auch noch ein Zieldatum (Juristen reagieren oft nur auf Fristsetzungen) hinzuzufügen.
Das macht mir (beim Strukturieren meiner Gedanken / was will ich eigentlich von der Gegenseite) und auch dem Angeschriebenen (für seine Planung / Abarbeitung) das Leben leichter.

Wenn Sie also demnächst eine E-Mail mit einer schönen Erzählung zum Beispiel über die Vorgeschichte eines Sachverhaltes bekommen oder nur in CC drauf stehen: einfach mal löschen.
Sie wissen ja jetzt, was Sie bei Nachfrage antworten können.

Montag, 13. Juli 2020

War Goethe bei uns?

Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! Durchaus studiert, mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug, als wie zuvor;
Bekannt? Ein Ausschnitt aus Goethes Faust. Und doch: Aktuell wie seinerzeit, man möchte fast meinen, er wäre bei uns gewesen.

Gerade heute war wieder so ein Tag, an dem ich mich mit Berechtigungsmanagement herumgequält habe. Egal, was man alles studiert hat, man steht da wie ein armer Tor. Lauter unbekannte Abkürzungen, ungewohnte Abläufe, verwobene Strukturen. Undurchdringlicher Dschungel für Außenstehende, oder sollte ich gar „Kunden“ sagen?

Gutmeinend erhalte ich ein umfassendes Informationsangebot, Dokumente en masse, den ernstgemeinten Hinweis, dass mir das Einführungsprojekt hilft. Aber es ist mehr als das. Es ist ein zusätzlicher Baustein meiner Arbeit, eine weitere Erhöhung meiner Arbeitslast. Ohne Ausgleich, Erleichterung oder Wegfall anderer Tätigkeiten. Einfach nur mehr, noch mehr.

Was sagt Goethe dazu?
Zwar bin ich gescheiter als alle die Laffen, Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen; Mich plagen keine Skrupel noch Zweifel, fürchte mich weder vor Hölle noch Teufel – Dafür ist mir auch alle Freud entrissen…

Wie entsetzlich. Der Weg ist geebnet für die Freudlosigkeit, ein Umfeld, in dem Unternehmenskultur, Werte und Haltungen kaum Boden finden können. Oder haben Sie – um im Bild zu bleiben – schon mal versucht, auf trockenem Grund zu säen?
Es ist dringend geboten, hier gegenzusteuern.

Das wird nächstens schon besser gehen, wenn Ihr lernt alles reduzieren und gehörig klassifizieren.
Also, ist die Botschaft von Goethe, zur Handhabung dieser erdrückenden Situation ist die Reduktion ein Kernelement. Was im Gesamtwerk sich in Klassen aufteilen, verteilen, und damit in alltagstaugliche Portionen lässt. So einfach ist zwar noch keine endgültige Lösung geschaffen, die erfordert eine gesamtheitliche Betrachtung und Behandlung; aber das Verständnis, dass ein immer Mehr an Wissen oder Bildung früher oder später bei jedem an eine Grenze stößt ist elementar. Diese Erkenntnis bildet unsere Abgrenzung zu Träumen von der extrapolierten Fortsetzung einer Verdichtung oder Qualifizierung der Mitarbeiter.

Samstag, 27. Juni 2020

Herr, schau nicht auf unsere Sünden

Ich glaube, das kennt jeder: Man hat mit einem Mitmenschen, sagen wir mal, einem Kollegen zu tun, der einem gehörig auf die Nerven geht. Eigentlich ist er nicht nur fachlich inkompetent, auch seine arrogante Art und überhaupt: wenn der schon reinkommt.

Doch halt, so einfach dürfen wir es uns nicht machen. Schauen wir doch mal genauer hin.

Er mag ja nun objektiv in der betroffenen Aufgabe nicht richtig eingesetzt sein. Von mir aus dürfen wir ihn also – ausdrücklich bezüglich dieses Jobs – als fachliche Fehlbesetzung einwerten. Schließt sich direkt die Frage an, ob er in anderen Fachaufgaben vielleicht sehr gute Arbeit leistet. Und noch einen Schritt weiter, ob im aktuellen Umfeld nicht gerade diese Kompetenz von Nutzen sein kann.

Dann zweitens die Arroganz. Es gibt Menschen, die scheinen von Natur aus diese Eigenschaft zu demonstrieren, auszuleben, zu verströmen geradezu. Sind sie arrogant oder wirken sie (nur) so? Insbesondere im ersten Fall bohre ich sofort wieder nach: Warum sind sie hochnäsig, was haben sie davon, welches (tiefere) Bedürfnis steckt auf ihrer Seite dahinter?

Und drittens dann noch die Sache mit der geradezu aggressiven Reaktion beim Eintritt in meine Sphäre. Hier ist der Mann ganz offensichtlich zwar der Auslöser, aber die Wirkung passiert in mir. Entsprechend bin ich Herr der Lage und kann in mir den Wirkmechanismus erforschen, das „Weil“ erkunden und in sachlicher Betrachtung auch meine Reaktion beeinflussen.

Im aufgeführten Beispiel entwickelt sich aus einer (nach außen sichtbaren und faktisch belegbaren) Abwertung ein Abfärben auf andere Eigenschaften, die zum Teil weniger messbar sind, jedenfalls aber in der verallgemeinerten Kritik untergehen.

Und damit sind wir am Kern meiner Anregung für heute: Wir sind ja schließlich keine Hunde, die sich in der Wade verbeißen, sondern sind grundsätzlich in der Lage, verschiedene Eigenschaften zu differenzieren. Im Idealfall nehmen wir zwar (auch) die schlechten Merkmale wahr, nutzen und schätzen aber insbesondere auch die (in der allgemeinen Unzufriedenheit wahrscheinlich unerkannt gebliebenen) guten Punkte.

Wie heißt es in der Kirche: „Herr, schau nicht auf unsere Sünden (also die schlechten Dinge), sondern auf den Glauben Deiner Kirche (die positiven Aspekte)“.

Mittwoch, 10. Juni 2020

Eigentlich

Eigentlich wollte ich das gar nicht schreiben.
Eigentlich habe ich mir nur gedacht, was ich in der Sitzung sagen wollte
Eigentlich wollte ich dem Fachmann schon lange mal widersprechen
Eigentlich fehlt mir jedes Mal der Mut, das Problem offen anzusprechen
Eigentlich plane ich seit langem, mal auf den Tisch zu schlagen
Eigentlich schlafe ich unruhig, weil ich meine Wut in mich hineinfresse

Eigentlich sollte ich das gar nicht schreiben, sondern den Leuten ins Gesicht sagen.

Samstag, 6. Juni 2020

Stand up Meeting



Und eins und zwei und drei und vier. Ich stehe vor dem Spiegel und mache beim Zähneputzen meine morgendlichen Kniebeugen. Nach und nach erwachen meine Muskeln, der Kreislauf kommt in Schwung. Jetzt ein Blick auf die Analysewaage, mal schauen, was das Gewicht macht, der Fettanteil und die Muskelmasse. Wenn ich gleich noch den Blutdruck gemessen habe, ist der Blick ins Logfile meines Körpers beendet.

Mittags dann ein paar Curls und Sit-ups. Die Gymnastikmatte liegt bereit, um während der Mittagspause ein paar Übungen über sich ergehen zu lassen. Dehnungen, nicht zu wild, aber bis zu den Endpunkten, ein wenig Kräftigung, Atemübungen. Eine kleine Runde um die Häuser, um mal an die Luft zu kommen, mit Elan den Hügel hinauf und wieder hinunter.

Nach der Arbeit heißt es dann Laufschuhe an und los. Oder ins Schwimmbad und Bahnen ziehen. Wenn ich abschließend in der Sauna sitze, kann der Tag noch mal an mir vorbeiziehen und kommt zu einem wohlgefühlten Abschluss.

Ersetzt man in dieser kleinen Geschichte die verschiedenen körperlichen Ertüchtigungen durch Kommunikation, Gespräche, Austausch kommt man zu einem ganz ähnlichen Ergebnis. Morgens Eintreffen im Büro: Alle fit? Wie geht es euch, kann der (Arbeits-)Tag beginnen? Die Intensivierung – mehr Austausch und Gespräche - im Laufe des Tages und die weitere Steigerung zum (Feier-)Abend hin. Ob ich dann zufrieden auf den Tag zurückschaue, hängt bei mir auch davon ab, wie ausgewogen die Mischung zwischen (möglichst wertschöpfender) Tätigkeit und Kommunikation war.

Und wenn es mal nicht geht, weil uns Dauer-Homeoffice die freie Planung verhagelt? Nun, ein wenig wie schlechtes Wetter, bei dem man nicht Joggen kann. Entweder lässt man mal einen Tag aus und liest ein Buch, oder man sattelt den Heimtrainer. Analogie: Dann müssen Videokonferenzen herhalten und die persönlichen Gespräche durch Telefonate ersetzt werden.








Freitag, 29. Mai 2020

Seid ihr alle da?


Die Frage steht plötzlich im Raum. Still steht sie neben mir, denn ich sitze ja im Homeoffice. Meist bin ich hier ungestört und das ist ja auch gut so. Und dann arbeite ich und arbeite ich und arbeite ich. Huch, fällt mir auf einmal auf: Die Sonne steht ja schon hoch am Himmel. Das ist bei euch auch so, sie scheint heute für jeden von uns. Aber ist es dabei auch so angenehm warm im Zimmer?

Mit irgendjemand möchte ich jetzt mal ein wenig plaudern. Nach einem Blick auf meinen Zettel fällt mir auch ein guter Grund ein, warum ich meinen Kollegen anrufen kann. Ein wenig dienstlicher Austausch, und dann – hupps – scheint bei Dir auch so schön die Sonne ins Zimmer? sind wir ein bisschen im gemeinsamen Urlaub auf einer fernen Insel.

Bei diesen kleinen Unterbrechungen gilt aber ein ähnlicher Grundsatz wie beim Lüften eines Zimmers: Frische Luft bekommt man durch kurzzeitiges Aufreißen aller Fenster, Dauerlüften mit Fensterspalt ist Energieverschwendung. Transfer verstanden? Wenn man konzentriert an einer Sache arbeitet, das Laptop mal einige Minuten zuklappt und vorübergehend etwas ganz Anderes tut und denkt, hat man alles richtig gemacht. Fortwährend mit halber Aufmerksamkeit zu agieren hingegen führt zu Verringerung der Leistung.

(Anmerkung: Nach dem Tod meiner Mutter habe ich eine kleine Pause in den Blog-Veröffentlichungen eingelegt... die ist aber jetzt zu Ende.)